Der Wanderer L

Der Lärm rinnt von den Wänden, tropft von der Decke herunter, klebt in den Zeitungen, die überall hier herumliegen oder herumlagen, muß man sagen, denn: wo, bitte, liegen denn heute noch Zeitungen herum, außer beim Friseur und beim Zahnarzt, und auch dort werden es immer weniger. Echte Zeitungen aus Papier! Dröhnend, bohrend, jedenfalls, das laute, jetzt schon sehr laute Geräusch in der Nacht, als es plötzlich taghell wird, inmitten dieses kreiselartigen Brummens und Bohrens irgendwoher, schmierig und blutleer zugleich, reicht es in die lustvolle Helligkeit hinein, ruft noch einmal in die Nacht hinein: Er sei auch noch da. Oder weg. Oder hinunter. Ja, hinunter. In einer fremden Sprache, daher schwer zu verstehen, kaum zu hören, sowieso, aber auch schwer zu verstehen, weil eine fremde Sprache sprechend. Ich komme kaum mit. Sie rinnt mir in die Ohren, verklebt alles mit ihrem sonderbaren Anderssein, das aber auch mein Interesse weckt. Ich höre zu, soweit das in dem ganzen Lärm überhaupt möglich ist. Die Stimme schwankt nach rechts und nach links, nach links, jetzt nach vorn, und ich versuche, diesen Tanz nachzuahmen und ihm zu folgen, aber ich stürze über die Blumenkübel mit den Araukarien, die im Treppenhaus stehen, wo es aufwärts geht, immer nur aufwärts, bis man an eine Wendeltreppe kommt, die noch steiler nach oben führt, immer im Kreis herum, links im Kreis herum. Dazu der Lärm, immer noch, der Lärm, durch den die Stimme kaum hindurchdringen kann, die Stimme in der fremden Sprache, die ich nun wieder deutlicher höre, sie dringt von unten zu mir, und sie verschwindet immer weiter dort unten, je weiter ich die Wendeltreppe aufwärts steige. Vor der Tür im siebten Stock links steht eine Teekanne, die mit heiß dampfender Gemüsebrühe gefüllt ist, vorhin erst gekocht, wunderbar duftend. Dabei ohrenbetäubender Lärm, irgendwoher, zwischendurch immer wieder die Stimme in der fremden Sprache, die sich nun entfernt und immer noch leiser wird. Draußen klingelt ein Telephon, und der Lärm rinnt immer noch von den Wänden, hier auch, hier auch. Warum auch nicht, fragt sie mich plötzlich. Ja, warum auch nicht?

Abschied von den Eltern IV

Die Anzeige und die Danksagung hängen nicht mehr an der Pinwand, als ich in das Haus hereinkomme. Wieder scheint die Sonne warm in die Wohnung herein. Zum letzten Mal höre ich die Klingel und öffne. Durch Flur und Zimmer gehen, zum Fenster mit dem schönen weiten Blick nach Süden auf die Stadt. „Gebrauchsspuren“ bleiben zurück, heißt es im Protokoll. Und Putzmittel und ein Besen. Das sind alle Schlüssel, die ich habe. Die ich hatte. Zahlen. Notizen. Unterschriften auf der Fensterbank. Das weitere Procedere. Die Tür fällt ins Schloß. Sie wird nicht abgeschlossen, als wir gehen. Merkwürdig. Die Fußmatte bleibt liegen. Eine letzte Fahrt im Aufzug nach unten. Einmal noch die Treppe. Der Briefkasten, ohne Schild zurückgelassen. Verwische die Spuren. Die Tür am Eingang fährt automatisch auf und zu. Eine große und unerwartete Erleichterung, bevor ich mich endlich der wirklich letzten Wohnung zuwenden kann. Auch Letztes geht zuende. Ist zuende gegangen. Und doch nicht ganz. Und doch nicht.

Schafft die Artikelauszeichnungen in Wikipedia ab!

Die Löschung des falschen Artikels über den sogenannten „Bicholim Conflict“ in der englischen Wikipedia stimmt nachdenklich. Der Artikel, der weiterhin bei Archive.org nachgelesen werden kann, beschreibt einen fiktiven, also frei erfundenen Krieg, der sich angeblich von 1640–1641 in Goa abgespielt haben soll. Der Plot ist schön ausgeführt und reich bequellt dargestellt worden. Er gefiel den englischsprachigen Wikipedianern so gut, daß sie ihn als „lesenswert“ ausgezeichnet hatten. Fünf Jahre später stellte sich nun heraus, daß alles gelogen war. Erst jetzt kam jemand auf die Idee, die ISBN-Nummer eines der in dem Artikel zitierten Werke nachzuschlagen. Dabei stellte sich heraus, daß es das Buch gar nicht gab.

Ich wäre dafür, die Auszeichnungen „lesenswert“ und „exzellent“ nun abzuschaffen, weil sie dem Wikipedia-Leser vorgaukeln, die damit versehenen Artikel wären „geprüft“ und damit fachlich korrekt, man könne sich also auf sie verlassen. Das ist aber nicht der Fall. Wenn es nur darum geht, Anreize für Autoren zu schaffen, um deren Bemühungen beim Artikelschreiben durch die Community zu würdigen, genügt es vollkommen, interne Wettbewerbe durchzuführen und die Autoren selbst für ihre Arbeit auszuzeichnen. Einer Außenwirkung bedarf es dazu nicht. Die derzeitige Praxis ist für den Leser irreführend. Außerdem kann sie das Versprechen, das damit verbunden ist, nicht einhalten. Wenn es etwa heißt, ein exzellenter Artikel behandele sein Thema vollständig ohne gravierende Auslassungen, so setzt diese Feststellung eine ausreichende Sachkunde bei den Juroren voraus. Diese ist aber aufgrund des Wikiprinzips nicht gewährleistet, denn auf WP:KALP darf jeder mitdiskutieren – wie überall sonst auch.

Man schreibe grundsätzlich nur über Themen, von denen man keine Ahnung habe, sagte einmal ein Wikipedianer-Kollege – im Scherz, natürlich. Aber im Scherz steckt Wahrheit.

Ein schönes Fake-Museum führt übrigens der Benutzer:Gestumblindi in seinem Benutzernamensraum. Dort kann man die schönsten Fakes und Hoaxes noch einmal nachlesen, die ihm bis 2008 untergekommen waren. – Nachtrag am 7. Januar 2013: Auch in der englischen Wikipedia gibt es eine entsprechende List of hoaxes on Wikipedia.

„Ich habe keinen Fehler entdeckt“

Beim Stöbern auf SoundCloud stoße ich auf ein Interview, das von SWRinfo mit Wolfgang Clement vor vier Monaten geführt worden war. In seinen Worten kommt die ganze Kälte der Hartz-IV-SPD mit wünschenswerter Deutlichkeit zum Ausdruck. Auch wenn Clement die SPD mittlerweile verlassen hat: Er verkörpert weiterhin eine Seite dieser Partei, die sich auch in dem nunmehrigen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück wieder zeigt, dem ebenfalls das Verständnis für soziale Belange vollkommen fehlt. Neun Monate vor der nächsten Bundestagswahl lohnt es sich, ein Interview wie dieses zu hören. Es ist ganz sicherlich meinungsbildend, deshalb gebe ich es weiter.

Diesem Interview möchte ich die neueste Folge des Podcasts von Torsten Larbig auf Audioboo gegenüberstellen. Er kommt aufgrund von alltäglichen Beobachtungen zum Strukturwandel von der industriellen Gesellschaft hin zur digitalen Gesellschaft zu dem Ergebnis: „Im Augenblick wird eine neue Gesellschaft geschaffen, in der vieles neu verhandelt werden muß.“ Die Überlegungen, die er dabei anstellt, sind so differenziert ausgefallen, daß die Plattheit, die technokratische Kälte und der ganze Unverstand des obigen Politikersprechs offen hervortreten. Der Kontrast könnte nicht deutlicher sein. Ich leide unter diesem Kontrast, denn ich empfinde das Niveau solcher politischen Diskurse wie des clementschen als eine wahre Zumutung, die ich mir als Bürger verbitten möchte.