Suhrkamp-Kultur und Blogosphäre

Die Suhrkamp-Kultur ist mir alles andere als fremd geworden. Sie ist aber ein zeitlich begrenztes Phänomen geblieben und hat sich nicht bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt, soviel ist richtig.

Wenn beispielsweise Mercedes Bunz ihre Thesen, die wir schon aus ihrem Blog, aus ihren früheren Texten für den Guardian und aus ihren TED-Talks kennen, nun auch in der edition unseld verbreitet, so handelt es sich dabei um ein Buch, das sich einerseits vorrangig an die eher netzaversen Leser richten dürfte, die das alles nicht all die Jahre schon verfolgt haben, und das andererseits eben im Netz vorbereitet worden ist und jetzt nur noch in einem anderen Format vorgelegt wird. Das ist zwar bei Suhrkamp erschienen und – ich lese es gerade – hat ganz sicherlich einen dementsprechenden Anspruch und Gehalt, es ist aber nicht mehr ein Teil der so genannten Suhrkamp-Kultur, die längst eine abgeschlossene Phase unseres gesellschaftlichen Diskurses geworden ist. Was aber nichts daran ändert, daß ihre Werke weiterhin bis in die Gegenwart hinein wirken.

Wenn die Blogosphäre das kaum wahrnimmt, so kann daraus m. E. nicht geschlossen werden, das Thema wäre nicht mehr so bedeutsam wie früher. Es spricht einfach gegen die Blogosphäre, die es auch hier den Feuilletons überläßt, über Abläufe zu berichten und zu reflektieren, weil sie dazu offenbar nichts zu sagen hat. Weil sie nicht recherchiert, keinen Zugang zu den Akteuren sucht und sich in der Form von „Kunstblogs“ in den meisten Fällen von der PR-Maschine im Kulturbetrieb zu bloßen unkritischen Claqueuren für Kunstausstellungen machen läßt. Weil sie ihre Chance, einen vollwertigen Ersatz oder ein Korrektiv für die Konzernpresse zu entwickeln, nicht wahrnimmt. Davon wäre zu reden.

Kommentar bei Carta, 2. Januar 2013.

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Autoritäre Netzwerke

Der virtuelle Raum entspricht der gesellschaftlichen Sphäre.

Die Mailingliste und das Usenet spiegelten den Gesellschaftsentwurf der 1970er und der frühen 1980er Jahre: Alle, die sich für ein Thema interessieren und darüber diskutieren wollen, betreten denselben Raum und erhalten über diesen Kanal exakt die gleichen Nachrichten. Wer eine Diskussion oder einen einzelnen Diskutanten nicht weiter verfolgen will, muß sie durch einen Filter in seinem Mail- oder Newsclient ausblenden. Alle sind untereinander gleich, und niemand muß sich Gedanken darüber machen, er könne etwas verpassen, denn er hat ja an allem Anteil. Er kann sich gelassen zurücklehnen, in dieser Welt wird ihm nichts entgehen. Die Newsserver und die lokalen Archive sind umfangreich und gut durchsuchbar. Alles ist mehrfach redundant auf vielen Servern und Netzwerken vorhanden, damit auch wirklich alle versorgt sind.

Die sozialen Netzwerke entsprechen dagegen einem neoliberalen Gesellschaftsentwurf: Alles ist hinter einer virtuellen Wand versteckt, in die man den Betreiber zunächst um Einlaß bitten muß. Jeder bezahlt mit seinen guten Daten. Und man muß sich zum Teil eines sogenannten Netzwerks machen, um in diesem Raum überhaupt irgendeinen „Inhalt“ abzubekommen. Durch die Netzwerkstruktur wird also zunächst der Content, den die Gemeinde untereinander „teilt“, künstlich verknappt. Dem liegt aber auch im Vergleich zu dem vorstehenden Entwurf, eine grundlegend andere Vorstellung von Gesellschaft zugrunde, in der Benutzerkarrieren modelliert werden. Es sind protestantische Medien: Wer nichts beiträgt, sondern nur mitlesen möchte, wird mißtrauisch beäugt. Das Dazugehören will verdient werden, idle nur anwesend sein, wirkt leicht etwas seltsam.

Vor allem aber korrespondieren die Struktur und die Praxis in sozialen Netzwerken dem Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Die Fragmentierung der Kommunikationsstruktur des virtuellen Raums ist zugleich eine Radikalisierung des Content-Egoismus wie der Kommerzialisierung und ein Verfallssymptom. Im alten virtuellen Raum war alles grundsätzlich öffentlich; wer nur bestimmte Benutzer ansprechen wollte, mußte auf die E-Mail ausweichen. Hier ist es umgekehrt: Alles ist grundsätzlich privat, wer sich austauschen möchte, muß sich ausdrücklich miteinander verbinden. Aber es ist eine Perversion der Privatheit, denn der Betreiber der Plattform hat als Super-User Zugriff auf alles. So befinden sich die Benutzer in einer Doppelrolle. Einerseits machen sie sich selbst zum Produkt, indem sie ein äußerst hohes Maß an Anpassung aufbringen, das ihnen in der Regel gar nicht bewußt ist – vom Ausfüllen des Profils und der damit verbundenen narzißtischen Selbstpräsentation bis hin zur Produktion marktgängiger Inhalte innerhalb ihrer Kontakte und der Konstruktion ihrer Kontakteliste selbst. Andererseits indem sie ihre Daten und ihre Kontaktstrukturen gegenüber dem Betreiber völlig offenlegen und diesem eine unbeschränkte, weil faktisch nicht kontrollierbare Gewalt über alles einräumen – was in den Geschäftsbedingungen steht, ist Schall und Rauch. Diese Art von Privatheit ist zugleich ein Symptom für den Verfall der bürgerlichen Gesellschaft, für die die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum konstitutiv war.

Ebenso wie man es beim Zeitungssterben beobachten kann, stirbt auch hier der virtuelle Raum mit der Verfassung seiner Bewohner, die sich zunehmend von den alten, egalitär-freien Räumen ab- und den degenerierten und in vielerlei dekadenten Strukturen des Web 2.0 zuwenden.

Gegenbewegungen hierzu sind die Einrichtung eines öffentlichen „Streams“ in dem alternativen sozialen Netzwerk Diaspora oder die Twitter-Suche nach Hashtags über von vornherein öffentlich versandte Postings. Hier wird, zugegeben, noch so etwas wie eine Erinnerung an die frühere Netzöffentlichkeit der alten Netizens konstruiert, die aber jederzeit kündbar ist. Solche Tweets haben mitunter nur ein kurzes Leben. Und sie können den großen Trend auch nicht aufhalten, weil ihre Wahrnehmung vom Wohlwollen des Betreibers der Suchfunktion und von deren Funktion abhängig sind.

Wer auf einer Plattform Unliebsames postet, dessen Profil kann ganz gesperrt werden. Die alten virtuellen Räume dagegen waren dezentral, und sie waren gerade so entworfen worden, damit autoritäre Kontrolle und Zensur keine Chance haben sollten. Das gibt, angesichts des massenhaften Zuspruchs, den solche Strukturen heute finden, zu denken. Man sage nicht, die Benutzer hätten es nicht gewußt und sich dieser Plattformen trotzdem bedient. Wohl eher gerade deswegen.