Stéphane Hessel ist gestorben

Stéphane Hessel ist gestern im Alter von 95 Jahren gestorben. Es ist knapp zwei Jahre her, daß ich ihn im Schauspiel Frankfurt bei einer Diskussion mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit gesehen hatte

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„Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.

„Wenn Sie keine Fragen mehr haben…“ Keine Nachfragen, was ganz unüblich sei, heißt es beim Hinabgehen. Es geht um den Tod, ums Sterben, um das Ende in dieser Ausstellung. Auf 100 Bildern – alle mitgezählt, auch die kleinen Polaroids von Walker Evans und die Fotos von Bas Jan Ader.

Das Lebensende ist so individuell wie das Leben selbst, und in 100 Bildern könnte man sicher vieles über den Tod und das Leben erzählen – was die Ausstellung aber leider nicht leistet. Die durchweg hochwertigen Exponate (der hr spricht etwas reißerisch von „spektakulären Leihgaben“) stehen überwiegend unerläutert nebeneinander. 14 Künstler werden in sieben meist zu engen Räumen gezeigt, beginnend mit dem 19. Jahrhundert, endend bei der letzten Jahrhundertwende. Bei den großen Bildern merkt man, wie eng „die längste Kegelbahn der Welt“ (Jean-Christophe Ammann) tatsächlich ist.

„Die Präsentationsform greift die Offenheit und Vielfalt des Themas auf“, heißt es auf einem Wandtext. „Sie zeigt die Werke nicht chronologisch, sondern entwirft einen Parcours von Gegenüberstellungen jeweils zweier korrespondierender Positionen.“ Kombiniert wurde, was nach Ansicht der Kuratorin Esther Schlicht zusammenpaßt. Bei den letzten Blumen von Manet und den Seerosen Monets mag das einleuchten. Dann aber finden sich die Scherenschnitte von Henri Matisse in selben Raum wie die letzten Bilder von Willem de Kooning wieder. Anscheinend weil sie beide von der Grundfarbe Weiß ausgehen? Eine andere Verbindung ist nicht ersichtlich.

Das ist unbefriedigend und läßt den Betrachter etwas ratlos zurück. Der Ausstellung fehlt das Narrativ zu dem großen Thema. Der Tod als kleinster gemeinsamer Nenner zwischen so unterschiedlichen künstlerischen Positionen ist erklärungsbedürftig. Was war vorausgegangen? Wie entstanden die Werke? Wie wurden sie in ihrer Zeit aufgenommen? Und wie heute? Wie und weshalb korrespondieren sie miteinander? Die knappen Texte, die den Bildern zur Seite gestellt worden sind, geben hierzu leider kaum Auskunft. Dazu sollte es auch nicht erforderlich sein, den Katalog zu konsultieren. Der Trailer auf YouTube versucht das etwas auszugleichen – sofern man ihn vorher zu sehen bekommt:

Es fällt aber dennoch meistens schwer, Zusammenhänge herzustellen. Die „Meditationen“ von von Jawlensky gegenüber der „Chinese Series“ von Stan Brakhage. Walker Evans‘ Polaroids liegen in demselben Raum aus, in dem Georgia O’Keeffes „Sky-Above-Clouds“-Bilder etwas zu tief gehängt worden sind. Überhaupt die Hängung. Giorgio de Chiricos einerseits, andererseits Andy Warholes monumentales „Last Supper“. Aus sich heraus beeindruckend sind Ad Reinhardts „Black Paintings“, hoch empfindlich, wie uns die Aufsicht erklärte. Was hatten wir ein Glück, daß wir nicht zu nah herankamen! Aber warum dringen die Lieder des 1975 auf hoher See verschollenen Bas Jan Ader gerade durch diesen Raum?

Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger. Bis 2. Juni 2013. Schirn Kunsthalle. Frankfurt am Main.

Und jetzt: Die FRAZ

Das Bundeskartellamt hat heute bekanntgegeben, daß es die Übernahme der Frankfurter Rundschau durch die FAZ genehmige. Von der bisherigen Redaktion werden nur 28 Journalisten übernommen. 340 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz.

Auch die Druckerei in Neu-Isenburg wird es nicht mehr geben. Nachdem der Druckauftrag für die Bild-Zeitung nach über 30 Jahren gekündigt worden war, war sie für Investoren uninteressant geworden. Der Vorgang wirft ein Licht auf die Abhängigkeit einer linkeren Zeitung von der Springer-Presse. Die Rundschau – wie auch immer sie in den letzten Jahren abgebaut haben mag – gab es, solange ich sie kenne – darunter gut zehn Jahre als Abonnent, wenn das auch leider schon etwas her ist – letztlich nur, weil dort auch die rechte Dreckschleuder Bild gedruckt wurde.

„Auch die Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) und die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg), begrüßten die Entscheidung des Kartellamtes. Man verbinde damit [bei] MDS und ddvg die Hoffnung, dass die Stimme der FR dauerhaft erhalten bleibe.“

Das kann nicht ernst gemeint sein, denn wenn die FAZ die FR kauft und 28 Lokalredakteure übernimmt, ist das etwa so, wie wenn die CDU die SPD nicht nur ideell, sondern endlich auch ganz und gar übernehmen würde und danach eine rote Hülse weiterhin auf dem Wahlzettel stände, die man jerzeit gefahrlos ankreuzen könnte, denn darin steckt garantiert genau dasselbe wie im Original. Manche meinen, soweit sei es schon längst. Andere haben das bezweifelt. Wieder andere haben schon im vergangenen Dezember vorsorglich die Frankfurter Regionalberichterstattung, die nun angesichts von FAZ, Frankfurter Neue Presse und leichengefledderter FR ganz und gar in schwarz daherkommt, als Blogger in die eigene Hand genommen. Das bürgerschaftliche Engagement ist sehr wichtig, es erinnert an den Aufstieg der Blogs in den USA angesichts der einmütig bushfreundlichen und neoliberalen Presse.

Ich denke an die 28 Lokalredakteure, die ein Angebot erhalten werden, ab dem 1. März für die FAZ-FR zu arbeiten. Auch eingedenk aller Flexibilität, die die Rundschau-Redaktion in den letzten Jahren an den Tag gelegt hatte: Wie fühlt man sich dabei? Und: Ist die journalistische Arbeit dieser Mitarbeiter auch weiterhin aus der Sicht der Leser glaubwürdig?

Der Abgesang auf die Blogs dürfte in jedem Fall viel zu früh erfolgt sein.

Das OER-Dilemma

Herr Larbig hat seine Erfahrungen auf der Didacta in einem Blogpost verarbeitet. Er schreibt, er komme sich wie ein „Exot aus Digitalien“ vor zwischen seinen Kollegen, die das gedruckte Material der Schulbuchverlage in Rollkoffern übers Messegelände transportieren. Die Frankfurter Buchmesse scheint dagegen tatsächlich harmlos zu sein, dort reichen Tragetaschen zum Transport der Freebies aus. Wo sich digitale Medien zeigen, ersetzen sie lediglich herkömmliche gedruckte Medien oder Lehrfilme. Neue Ansätze und Abläufe beim Lernen können so nicht entstehen: „Selbst die von Schulbuchverlagen in Eigenregie entwickelten digitalen Lehrerarbeitsoberflächen sind letztlich nichts anderes als Sammlungen von Arbeitsblättern zum Ausdrucken; Möglichkeiten, etwa gemeinsam eine Unterrichtseinheit vorzubereiten, sich mit Kollegen zu vernetzen etc., sind da nicht vorgesehen. Kein einziger Verlag wirbt damit, dass man sich das Lehrer-Leben leichter machen könne, wenn man sich vernetzt, kooperiert, gemeinsam Material entwickelt.“

Das Vernetzen, Kooperieren und gemeinsame Entwickeln von Material sind Kulturtechniken, die von den meisten Lehrern schlicht nicht praktiziert werden. Alle werkeln allein und einsam vor sich hin. Solange das so bleibt, gibt es keine Community für Open Educational Resources. Dabei sind OER keine Frage des Geldes, die gäbe es ganz umsonst. Aber ZUM-Wiki und Wikiversity kennen eben nur die Bewohner von Digitalien. Beide Plattformen waren nicht auf der Didacta mit Ständen vertreten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen (hier die Gründe, die das ZUM-Wiki-Team dafür hatte) – leider ein Fehler, der ganz sicherlich die Fixierung der meisten Lehrer auf die herkömmlichen Medien verstärkt, was wiederum einer Neuorientierung im Weg steht. An dieser Stelle kommt die Werbung der Schulbuchverlage ins Spiel. Sie sorgt im Verein mit konservativen Schulverwaltungen erst einmal dafür, daß alles so bleibt, wie es ist. Referendare sind meistens fit beim Umgang mit digitalen Medien für den eigenen Bedarf, treffen aber in den Schulen auf ein Umfeld, das „das Internet“ erst einmal draußen hält. Das findet nur zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Zimmern statt. Wenn die Schüler es in Form von Smartphones mitbringen, werden sie als Störer empfunden. Und so entfernen und entfremden sich die Schule und der Rest der Gesellschaft immer mehr voneinander. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Wie könnte man diesen Kreis durchbrechen? Auf einer Massenveranstaltung wie der Didacta wird es wohl nicht gelingen. Chancen für eine Erneuerung dürfte es nur auf kleinen Inseln geben, die sich untereinander vernetzen sollten, um sich immer mehr ausbreiten zu können. Robinson als Vorbild. Sisyphos war gestern.

Pearson verlegt (fast) keine IT-Fachbücher mehr

Wie Heise online heute meldet, streicht Pearson den größten Teil der IT-Fachliteratur aus seinem Programm. Betroffen sind die Marken Addison-Wesley und Markt & Technik, in denen auch grundlegende TeX-Literatur erscheint. Die Buchreihe Pearson Studium, in der der LaTeX-Begleiter verfügbar ist, wird zwar fortgeführt, heißt es in der Meldung, man wolle sich aber „auf Lehrbücher für Schule, Ausbildung und Studium konzentrieren“.

Es kann gut sein, daß Schriftenreihen wie die Edition DANTE bald die letzten Titel sein werden, die überhaupt noch verlegt werden. Der Handel zieht sich derzeit ebenfalls zurück: Hugendubel Frankfurt hatte letzte Woche kein einziges LaTeX-Buch mehr vorrätig. Und auch der Verweis auf freie Projekte wie die englische LaTeX-Einführung auf Wikibooks (hier in einer mit LaTeX gesetzten Ausgabe), auf die in einer Diskussion verwiesen worden ist, sind zwar lobenswerte Projekte, sie ersetzen aber letztlich keine guten Bücher, weil Wikimedia-Projekte selbst zur Qualitätssicherung auf Literatur angewiesen sind.

Immerhin dürfte es sich empfehlen, die Qualität freier Anleitungen weiter zu verbessern und die Anstrengungen, die in die Dokumentation fließen, zu erhöhen, um das Wissen über die Arbeit mit TeX zugänglich und aktuell zu erhalten. Das gilt vor allem für Anleitungen in deutscher Sprache, die für Anfänger wichtig sind.

Zuerst in TeX & Friends, 21. Februar 2013.

Diffuse Daten

Die Inbetriebnahme des Bundes-Open-Data-Portals GovData hat SWR2 wohl um Anlaß genommen, Markus Beckedahl, Christoph Kappes und Jeanette Hofmann im SWR2 Forum, moderiert von Gábor Paál, über Big Data diskutieren zu lassen. Big Data – Open Data. Das Thema ist derzeit vielfach im Gespräch und eignet sich sehr gut, um zu demonstrieren, wie aktuell mit Datenschutzthemen öffentlich operiert wird.

Es gelingt meist noch recht gut, zu beschreiben, was für „große Datenmengen“ gemeint sind und wie sie entstehen: Bewegungsdaten aus den Handys, „always on“, aus Kreditkarten- oder sonstigen Online-Einkäufen, aus Software, die das Training von Freizeitsportlern dokumentiert, aus sozialen Netzwerken, wo Vernetzungsmuster und Kommunikation ausgewertet werden, aus dem bloßen Surfen im Netz. Im weiteren Verlauf diskutierte man dann aber recht unbeweglich mit verteilten Rollen: Markus Beckedahl als Optimist, der sich vorstellt, man könne mit einem novellierten europäischen Datenschutzrecht einen neuen Standard für die ganze Welt formulieren und die amerikanischen Datenkraken Facebook und Google damit bändigen; kritisch mahnend Jeanette Hofmann, immer wieder Szenarien ausmalend, was alles passieren könnte, wenn … passiert; und Christoph Kappes als Liberaler, der die Entscheidungsfreiheit des Menschen gegenüber der Technik betont.

Mein Herz schlägt mit allen dreien. Mit Beckedahl, weil er eine positive Utopie formuliert und Spielräume für ganz konkrete politische Maßnahmen sieht. Mit Hofmann, weil mir die Kaffeemaschine, die twittert, und eine ganze Autobahn aus Autos, die über Internet miteinander verbunden selbsttätig fahren, unheimlich anmuten. Und mit Kappes, weil das Unheimliche aufgeklärt-nüchtern betrachtet sehr viel weniger konkret sich darstellt, als man zuerst denken mag.

Big Data ist, wie andere digitale Phänomene, die derzeit diskutiert werden, eben ein sehr diffuses Gebilde. Gestern waren es die Algorithmen, heute sind es die Daten, mit denen diese Algorithmen verarbeitet werden, die aufs Tapet kommen. Prognoseverfahren schlagen seit einigen Jahren Produkte oder – in Bibliotheken – Bücher vor, die andere vorher schon bestellt hatten, als sie sich für die gleichen Dinge interessierten wie wir. Aber über die Hintergründe und die Potentiale ist wenig Konkretes bekannt. Das alles ist erstaunlich schwer greifbar. Die großen Unternehmen, die die großen Daten sammeln, lassen sich nicht in die Karten schauen. Und auch über die Verquickung von privaten oder kommerziell gewonnenen Daten mit öffentlichen Daten ist wenig bekannt. Man malt es sich aus: So könnte es sein. Und verfällt in Kulturpessimismus. Und vergißt dabei die noch sehr viel pessimistischere Stimmung, die in den 1980er Jahren angesichts des Big Brother und der Volkszählung bestanden hatte. Weltuntergang durch Big Data? Get real.

Aber auf jeden Fall ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Kontrollverlusts des Menschen über seine Technik. Der ewige Zauberlehrling. An der Stelle habe ich zwei Aspekte vermißt. Zum einen wäre es ein konsequenter Schritt, bei riskanten Weiterentwicklungen eine Art Gefährdungshaftung für algorithmisch gesteuerte Systeme mit großen Daten vorzusehen, denn es ist bis auf weiteres, siehe oben, nicht bekannt, wie sie sich verhalten werden und welche Folgen sie zeitigen. Dieser Schritt entspräche im juristischen Bereich der Anpassung an die ebenfalls riskante Technik der mechanischen Maschinen, die man bekanntlich zugelassen hatte, weil man den gesellschaftlichen Nutzen höher bewertet hatte als den damit verbundenen Vorteil im Falle des Verzichts auf die neue Technik. Der Blutzoll der Mechanisierung und Automatisierung wurde durch ein Versicherungsmodell begleitet, das seitdem den Verlust von Leben und Gesundheit mit Geld kollektiv kompensiert. Wie gleicht man den Verlust an Privatsphäre und von Lebenschancen aus, denen andere Möglichkeiten gegenüberstehen, über deren Bewertung man bis auf weiteres ganz offenbar unterschiedlicher Meinung ist? Zum anderen wäre im Zuge der weiteren Entwicklung des Datenschutzrechts zu diskutieren, wie es mit dem alten Grundsatz der Datensparsamkeit steht in einer Welt von Big Data? Ist er obsolet geworden? Kann er überhaupt noch durchgesetzt werden? Sollte er aufgegeben werden, zumindest in Big-Data-Umgebungen und Datenasammel-Arrangements aus Nutzern, Unternehmen und Staat? Und schließlich: Gibt es an einer kritischen Steuerung, die sich Kappes und Beckedahl im einzelnen unterschiedlich vorstellen, überhaupt ein Interesse? Das einzige Interesse scheint zu sein, „daß Geld hereinkommt“, wie Brecht einmal sagte. Die Datenwolke tanzt ums goldene Kalb herum.

Und deshalb bin ich skeptisch, was die Entwicklungsmöglichkeiten angeht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß es politisch gelingen könnte, sich Big Data entgegenzustellen und einen sinnvollen Umgang mit den Risiken dieses technischen Phänomens herbeizuführen. Dazu bräuchte es nämlich eine Politik, die als System eigenständig funktioniert und arbeitet, was angesichts von Gesetzentwürfen, die immer öfter von Lobbyisten geschrieben werden, aber nicht mehr der Fall sein kann. Der Bock ist der Gärtner. Hier wäre anzusetzen, nicht bei den Daten, bitte.