Yoko Ono in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

von schneeschmelze

Eng und laut, kein freier Stuhl mehr bei der Pressekonferenz zu ergattern, also stehe ich in der letzten Reihe, aber mit direktem Blick aufs Podium, zwischen den Fernsehkameras und den Rücken der Journalisten hindurch kann ich schauen, da vorne findet es statt. Ein embedded blogger. Yoko Ono, klein und ganz in schwarz, natürlich mit dem schräg sitzendem Hut und mit tief sitzender Brille, kommt nicht die große Showtreppe herab. Die fast Achtzigjährige nimmt mit ihren Leibwächtern den Aufzug. Es ist ein bescheidener Auftritt für eine alte, etwas schwerhörige Dame. Und dann beginnt eine halbe Stunde mit Statements, Fragen und Antworten, deutsch und englisch, mehr oder weniger gut verständlich, zweimal Applaus, kein Nachhaken, keine Kritik.

Mein Bild von Yoko Ono schwankt zwischen mehreren Positionen: Die ewige Witwe, nur über den ermordeten John Lennon definiert. Die Feministin. Und die Musikerin. Radikal, aber immer marktgängig, niemals so radikal, daß die Gefahr bestände, man könne eines Tages seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Immer wohlkalkuliert, die öffentlich zur Schau gestellte Sexualität auf den Bildern, in den Videos, bei den Performances. Yoko Ono als Geschäftsmodell. Als Geschäftsfrau. Und vor allem: Als Vergangenheit.

Der gehaltvolle und gut ausgestattete Katalog zur Ausstellung zeigt, daß der Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit in den 1960er Jahren lag. Die spätere Begegnung mit John Lennon war ein Wendepunkt in ihrer Biographie. Und die Umstände, unter denen eine Performance wie „Cut piece“ Mitte der 1960er Jahre (erneut 2003) oder die „Bed-in“-Szenen bei den Flitterwochen des Paars in Amsterdam entstanden, kann man sich heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Zeitgeschichtlicher Hintergrund für all das sind der Vietnamkrieg und die Studentenbewegung. 1963 hielt Martin Luther King seine Rede „I have a dream“. Und 1961 trat Joseph Beuys seinen Lehrstuhl in Düsseldorf an; 1972 wurde er entlassen. In Deutschland saßen immer noch viele alte Nazis in den Behörden, in den Parlamenten und in den Konzernen an der Spitze. Die Rote Armee Fraktion wurde 1970 gegründet. In die gleiche Zeit fiel die Trennung der Beatles. In dieser Zeit wurde ich geboren.

Die Zusammenhänge müssen also rekonstruiert werden. In der Ausstellung wird deutlich, daß Yoko Onos Kunst Pop ist: Nichts überrascht wirklich, auch weniger Bekanntes wirkt irgendwie vertraut. Immerhin: Gleich am Eingang ein Spätwerk: Die verschlossene Drehtür, die man, anders als gewohnt, nicht durchschreiten kann, man verläßt sie, wo man sie betreten hat, und muß durch den Perlenvorhang in den Ausstellungsraum gehen. Perlenvorhänge sind ja so retro. Seit sie in den 1980ern bei den Spießern angekommen waren, sind sie gänzlich unvertretbar geworden. Indessen: Die Drehtür „EN TRANCE“ mitsamt dem Vorhang datiert aus dem Jahr 1998. Gleich dahinter wird Luft in Plastikkapseln verkauft, die aus einem Kaugummiautomaten kommen, wenn man 50 Cent einwirft und daran dreht. Erinnert an das Innenleben eines Überraschungs-Eies, nur daß es transparent und weiß daherkommt, statt in gelb. Videos wie „Cut piece“, „Bottoms“ und „Freedom“ werden gezeigt. Natürlich auch die Fliege auf der Brustwarze. Und der weibliche Körper reduziert auf das offenbar für die meisten Männer Wesentliche: „Touch me.“ Fast vollständig, nur das Hirn fehlt. Die Einbeziehung des Betrachters gehört zum Kalkül der Wirkung: Es soll berührt, betastet werden. Das Labyrinth aus Glas soll begangen werden. Nur auf die Leiter des „Yes painting“ darf man nicht steigen.

Es ist durch und durch westliche Kunst. Dazu paßt, daß Yoko Ono ein gut verständliches britisches Englisch spricht, was für gebürtige Japaner nicht eben leicht sein dürfte. Der einzige fernöstliche Touch ist in dem kleinen gelben Band zu finden, der etwas abseits im ersten Raum der Ausstellung bereitliegt. Das Buch mit dem Titel „Grapefruit“ enthält „Anleitungen und Zeichnungen“ aus der frühen Zeit bis Mitte der 1960er Jahre, also aus der amerikanischen Fluxus-Zeit, die durchaus einen zweiten und auch dritten Blick wert sind. In der Tradition des Haiku und des Zen gibt Yoko Ono hierin „Anleitungen“ zur achtsamen Selbsterfahrung, so etwa im „Lightning piece“ aus dem Herbst 1955: „Light a match and watch till it goes out“ oder im „Pulse piece“ aus dem Winter 1963: „Listen to each other’s pulse by putting your ear on the other’s stomach.“ Keine bloße Kontemplation, sondern der lebenspraktische Anstoß wird daraus deutlich.

Dieser spirituelle Impuls, das hätte ich vordem nicht vermutet, ist tatsächlich die tiefere Fundierung des Werks. Denn die kommerziell tönende Plastic Ono Band mit ihrem zeitgenössischen Disco-Sound ist die eine Seite, das Tiefgründige und ganz praktisch Philosophische ist die andere. Herausragend ist das weiße Schachspiel aus den Jahren 1966–1971, das ausschließlich aus weißen Feldern besteht, auf denen ausschließlich weiße Figuren aufgestellt sind. Die knappe „Anweisung“ dazu lautet, man solle so lange damit spielen, wie man sich noch daran erinnern könne, welches die eigenen Figuren seien. Beginnt man eine Partie, vermischen sind die Figuren der Spielgegner bald immer mehr miteinander. Aus der anfänglichen Ordnung wird Leben, der Wille und die Disziplin wandeln sich mit der Zeit immer mehr in Chaos, aus der Distanz der kriegerisch sich gegenüberstehenden stilisierten Armeen wird immer mehr ein Miteinander, Annäherung, Nähe, Gemeinsamkeit. Schließlich kommt der Punkt, an dem die Spieler die eigenen Figuren von denen des anderen tatsächlich nicht mehr unterscheiden können und sie mit den eigenen verwechseln. Die ursprünglich gegnerischen Figuren verschmelzen am Ende auf dem Spielfeld. Die Gegnerschaft wird aufgehoben, es wird alles eins. Es ist vielleicht, trivial gewendet, eine ganz praktische Erfahrung des Hippie-Slogans „Make love, not war.“

Und da ist überhaupt viel Leichtigkeit und gute Energie zu fühlen bei dem Besuch dieser alten Dame in Frankfurt, deren Geschäfte immer noch so wunderbar laufen. Sie riet den Besuchern der Pressekonferenz, man könne die Welt verändern, indem man schlicht man selbst sei. „Be yourself!“ Ein Versuch ist es freilich wert, den Impuls aufzugreifen. Trotz der Ambivalenz des Werks, das zwischen Geist und Kommerz schwankt.

Yoko Ono. Half-a-wind show. Eine Retrospektive. Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Kuratorin: Ingrid Pfeiffer. 15. Februar bis 12. Mai 2013. Danach: Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk; Kunsthalle Krems; Guggenheim Museum Bilbao.