Das OER-Dilemma

Herr Larbig hat seine Erfahrungen auf der Didacta in einem Blogpost verarbeitet. Er schreibt, er komme sich wie ein „Exot aus Digitalien“ vor zwischen seinen Kollegen, die das gedruckte Material der Schulbuchverlage in Rollkoffern übers Messegelände transportieren. Die Frankfurter Buchmesse scheint dagegen tatsächlich harmlos zu sein, dort reichen Tragetaschen zum Transport der Freebies aus. Wo sich digitale Medien zeigen, ersetzen sie lediglich herkömmliche gedruckte Medien oder Lehrfilme. Neue Ansätze und Abläufe beim Lernen können so nicht entstehen: „Selbst die von Schulbuchverlagen in Eigenregie entwickelten digitalen Lehrerarbeitsoberflächen sind letztlich nichts anderes als Sammlungen von Arbeitsblättern zum Ausdrucken; Möglichkeiten, etwa gemeinsam eine Unterrichtseinheit vorzubereiten, sich mit Kollegen zu vernetzen etc., sind da nicht vorgesehen. Kein einziger Verlag wirbt damit, dass man sich das Lehrer-Leben leichter machen könne, wenn man sich vernetzt, kooperiert, gemeinsam Material entwickelt.“

Das Vernetzen, Kooperieren und gemeinsame Entwickeln von Material sind Kulturtechniken, die von den meisten Lehrern schlicht nicht praktiziert werden. Alle werkeln allein und einsam vor sich hin. Solange das so bleibt, gibt es keine Community für Open Educational Resources. Dabei sind OER keine Frage des Geldes, die gäbe es ganz umsonst. Aber ZUM-Wiki und Wikiversity kennen eben nur die Bewohner von Digitalien. Beide Plattformen waren nicht auf der Didacta mit Ständen vertreten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen (hier die Gründe, die das ZUM-Wiki-Team dafür hatte) – leider ein Fehler, der ganz sicherlich die Fixierung der meisten Lehrer auf die herkömmlichen Medien verstärkt, was wiederum einer Neuorientierung im Weg steht. An dieser Stelle kommt die Werbung der Schulbuchverlage ins Spiel. Sie sorgt im Verein mit konservativen Schulverwaltungen erst einmal dafür, daß alles so bleibt, wie es ist. Referendare sind meistens fit beim Umgang mit digitalen Medien für den eigenen Bedarf, treffen aber in den Schulen auf ein Umfeld, das „das Internet“ erst einmal draußen hält. Das findet nur zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Zimmern statt. Wenn die Schüler es in Form von Smartphones mitbringen, werden sie als Störer empfunden. Und so entfernen und entfremden sich die Schule und der Rest der Gesellschaft immer mehr voneinander. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Wie könnte man diesen Kreis durchbrechen? Auf einer Massenveranstaltung wie der Didacta wird es wohl nicht gelingen. Chancen für eine Erneuerung dürfte es nur auf kleinen Inseln geben, die sich untereinander vernetzen sollten, um sich immer mehr ausbreiten zu können. Robinson als Vorbild. Sisyphos war gestern.

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5 Kommentare zu „Das OER-Dilemma“

  1. Der Artikel beschreibt hervorragend das bestehende Dilemma. Auf der einen Seite die medienaffinen Lehrer, die gerne jetzt und gleich die Möglichkeiten des Netzes ausnutzen und als OER-Produzenten und -Nutzer aktiv werden möchten, auf der anderen Seite die dem Netz eher reserviert gegenüberstehenden Kollegen. Eines ist allerdings beiden Lehrertypen gleich! Unterschiedlichste Studien weisen darauf hin, dass nahezu 100% der Lehrer das Internet für die Unterrichtsvorbereitung nutzen. Das Potential für eine OER Offensive wäre also da!
    Zur Vollständigkeit sei aber auch erwähnt: Es gibt erste offensive Ansätze für den Lehrer, kostenfreie und geeignete Lernmittel zentral zu erschließen (Bsp.: http://www.learnline.schulministerium.nrw.de oder aber auch (http://www.bildungsserver.de/elixier ).
    Aber: die reine Erschließung und zentrale Recherchierbarkeit (Single Point of Access) reicht meines Erachtens nicht aus. Es bedarf weiterhin einer aktiven Aufklärung über die damit verbundenen Möglichkeiten. Berührungsängste (mit digitalen Endgeräten) müssen abgebaut werden und Schulen bei der Erstellung pädagogischer Konzepte unterstützt werden. Damit wird aber auch deutlich, dass das Problem nicht nur am Thema OER festzumachen ist, sondern weit darüber hinaus betrachtet und angegangen werden muss!

  2. „Dabei sind OER keine Frage des Geldes,“ heißt es in dem Beitrag richtig. Doch warum sollten Verlage auch damit werben, „dass man sich das Lehrer-Leben leichter machen könne, wenn man sich vernetzt, kooperiert, gemeinsam Material entwickelt,“ wie Herr Larbig richtig bemerkt? Welchen Vorteil hätten die Verlage, wenn die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer nicht alleine vor sich hin werkeln würden?
    Verlage wollen Geld verdienen und zwar so viel wie möglich und mit so wenig Aufwand wie notwendig. Ihnen kann das Einzelkämpfertum nur recht sein. Wenn jeder brav seine Arbeitsblätter, Software, Unterrichtshilfen, Kopiervorlagen etc. kauft und sich eben nicht austauscht und gemeinsam etwas erarbeitet, dann bedeutet dieses gesicherte gute Erträge für die Verlage. Warum also sollten sie hier etwas ändern wollen?
    Modelle, in denen Verlage freie Materialien in Druckform anbieten und an den Dienstleistungen Druck und Bereitstellung Geld verdienen, gibt es zwar, doch in der großen Breite konnten sie sich bisher nicht durchsetzen.
    OER brauchen vermutlich deutliche Impulse und Unterstützung durch Schulministerien. Wie sich entsprechende Initiativen wie z.B. in Polen oder den USA langfristig auswirken werden, wird man erst in einigen Jahren sehen. Die fehlende Vernetzung und Kooperation von Lehrenden bei der Erstellung von Materialien für Bildung werden diese Initiativen auch nicht wirklich umkehren können, denn hier wird man auf bezahlte Autorenteams setzen (müssen), die man neben professionellen Autoren eventuell noch aus der bestehenden OER Community rekrutiert.

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