Zur Abschaltung des Google Reader

von schneeschmelze

Nachdem Google gestern abend angekündigt hatte, seinen Google Reader – einige sagen: mangels Rendite, andere sagen: wegen Google+ – einzustellen, war das Jammern in der Netzgemeinde erst einmal groß. Als late adopter unterschätzt man leicht sowohl die Verbreitung solcher Dienste in gewissen Kreisen als auch die geringe Leidensfähigkeit der Benutzer bei Änderungen. Ehrlich gesagt, verstehe ich die Aufregung nicht. Natürlich gibt es Alternativen zu Google Reader. Und RSS ist weiterhin das Transportmittel Nummer eins für den Fluß von Daten zwischen den Knoten im Web. Aber in der heutigen Debatte kommt wohl vor allem etwas über den derzeitigen Standort der Webgemeinde zum Ausdruck. Drei Punkte scheinen mir bedeutsam zu sein:

Zum einen ist es zu einer erheblichen Erschütterung des Glaubens an die Datenkrake Google gekommen. Der Glaube an die ewige Verfügbarkeit des weißen Online-Riesen, der nicht Böses tue, zumindest ist er stark angeschlagen, und das ist gut so. Android hat sich damit größtenteils erledigt. Die nächsten großen mobilen Plattformen kommen wohl von Microsoft und Firefox. Apples Marktanteil im mobilen Segment dürfte allerdings bis auf weiteres ausgeschöpft sein. Da entsteht ein kompletter Markt vollkommen neu, und zwar, wie es scheint, über RSS hinaus. Es ist Zeit für frischen Wind. Der Muff von tausend Google-Jahren hat lange genug das Netz erfüllt. Am Ende hat Google selbst die Fenster geöffnet und endlich frische Luft hereingelassen.

Ein erheblicher Teil der Diskussion hat diesen Übergang, der nicht erst in weiter Ferne, sondern schon in drei Monaten bevorsteht, als einen Wechsel von der Technik RSS hin zu sozialen Plattformen beschrieben, am tiefgründigsten ganz sicherlich Günter Hack beim ORF und etwas knapper und glatter auch Nicholas Carr. Während Hack mit spitzer Feder nach Alternativen zu den proprietären Big-Data-Diensten sucht und Szenarien beschreibt, die auf eine selbstbestimmte und freie Nutzung der Inhalte hinauslaufen, ist es für den Kulturpessimisten Carr eine ausgemachte Sache, daß RSS an den Rand gedrängt werde von den großen „Plattformen“. Es werde wohl überdauern, aber „die Plattform“ stehe nun im Mittelpunkt. Das ist aber falsch. Soziale Netzwerke waren niemals ein Ersatz für RSS. Indem sie Filterblasen und Empfehlungswolken erzeugen, eignen sie sich nicht als Reader. Nur der Reader zeigt mir direkt, was tatsächlich auf diversen Diensten, die ich verfolge, verbreitet wird. Er ist vollständig durchsuchbar und damit für mich auch wesentlich interessanter als etwa eine Nachrichtensuchmaschine wie Google News, die nur eine Auswahl nach undurchschaubaren Kriterien bietet. Immerhin rückt so noch einmal in den Mittelpunkt, daß es überhaupt an freien Plattformen fehlt, nicht nur für RSS-Dienste, sondern auch bei den sozialen Netzwerken. Warum eigentlich?

Schließlich liegt dem ganzen Jammern um die Abschaltung von Google Reader ein Mißverständnis über ein Phänomen zugrunde, das seit ein paar Jahren in den Schlagzeilen ist: Die „Cloud“. Wir sind die erste Generation, die mit Wikipedia ihre Enzyklopädie seit gut zehn Jahren schon in die Cloud verlegt hat. Und auch „Nachrichten“ findet man natürlich erst einmal dort. Man ist sich aber wohl des grundlegenden Unterschieds zwischen Cloud- und lokalen Lösungen nicht mehr hinreichend bewußt. Die Cloud ist unsicher. Nur mein lokales System steht mir tatsächlich zur Verfügung und wird von mir gestaltet und befüllt. Alles weitere da draußen kann jederzeit verschwinden, seien es Inhalte oder Dienste, auch so große wie Google selbst – das ist nicht nur ein Traum von Datenschützern, sondern Wirklichkeit. Die Bibliotheken, die seit ein paar Jahren nur noch E-Books und Zeitschriften online abonnieren, werden das wahrscheinlich bald schon bemerken. Die E-Mail-Adresse fürs ganze Leben von der E-Post gab es nicht lange, und wie lang sich De-Mail halten wird, die bestimmte Rechenzentren voraussetzt, muß man auch erstmal abwarten. Bis dahin dürfte sich das auch von selbst erledigt haben. Wer ernsthaft meint, man könne auf solche Lösungen bauen, täuscht sich eben. Die VZ-Netzwerke, von Millionen jahrelang genutzt – wo sind sie gleich geblieben? Je mehr Dienste von der Bildfläche verschwinden, desto wackeliger und damit uninteressanter werden Clouds für die Anwender. Der Feedreader wird ein Revival erleben, und auch der E-Mail-Client ist noch nicht ganz tot. Überhaupt: Der E-Mail-Verteiler bzw. die Mailingliste (vielleicht nicht gerade als Google-Group). Das selbstgehostete Blog dürfte demnächst bei einigen wieder auf der To-do-Liste stehen.