Vom „echten Bloggen“ IV

Die depressiv gestimmten Ausführungen von Sascha Lobo zum Scheitern der Netzgemeinde angesichts der Einführung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger führen mich erneut zu meiner These vom „echten Bloggen“ zurück. Ich greife seine Aussagen zur Rolle der Blogs in Deutschland heraus. Lobo schreibt, daß

„das wichtigste eigene Instrument der Netzgemeinde, das Blog, sich kaum weiterentwickelt hat, auf keiner Ebene. Weder wirtschaftlich, noch technisch, noch inhaltlich, noch von der Reichweite oder der medialen Wirkung her. Niemand hatte den Mut, groß zu spielen, alles ist Hobby geblieben. Wir bloggen halt so vor uns hin und hoffen heimlich, dass Schirrmacher anruft oder wenigstens die taz, um des Gefühls willen, auch außerhalb der Bloglandschaft eine Wirkung erzielt zu haben. Man bloggt und bloggt und keiner dankt’s einem.“

Ist das so?

Der Blogosphäre fehlt es nicht an Leitfiguren, die sich anschicken, „groß zu denken“. Lobo ist eine davon. Think big. Manche haben sie A-Blogger genannt. Und manche von ihnen träumen davon, mit dem Bloggen Geld verdienen zu können. So richtig viel Geld. Dann muß man tatsächlich auf den Anruf von Schirrmacher warten oder auf den Anruf von einem, der noch viel, viel größer ist als der. Wenn man das tut – das haben einige von ihnen mittlerweile auch schon am eigenen Leib erfahren –, muß man allerdings auch in dem Schirrmacherschen Biotop funktionieren. Unsere Konzernpresse ist, wie sie ist, weil das eben so ist. Es wird nicht geschrieben, wenn etwas passiert ist oder wenn der Autor Zeit und Lust hat, etwas zu schreiben, sondern weil ständig etwas publiziert werden muß, um wiederum ein attraktives Umfeld für die Werbung zu bieten. Erstaunlich, daß jeden Tag genau soviel passiert, wie in eine Zeitung paßt, sagte schon Karl Valentin dazu. Und online gilt das eben rund um die Uhr. Haben Schirrmachers oder Augsteins Blogger deshalb Gewicht in der Blogosphäre gewonnen? Eher nein. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Was Lobo übersieht: Kommerzielle Blogs sind keine Blogs. Deshalb können sie auch keinen Einfluß haben. Im Gegenteil: Gerade mit der Kommerzialisierung benimmt sich ein Blogger seines Einflusses. Er macht sich gemein mit den „Professionellen“, die nach dem Brot gehen und ihren Werbekunden verpflichtet sind. So entstehen rasch Interessenkonflikte und Abhängigkeiten. Er verliert seine Glaubwürdigkeit. Das Blog degeneriert zur „Plattform“, zur Werbeplattform nämlich. Es wird zum „Format“, das befüllt werden muß, um ständig neue Leser zu ziehen – siehe oben. Die Kommerzialisierung ist keine Lösung, sie bringt nur Probleme mit sich.

Und: Das „echte Bloggen“, das freie Schreiben ist kein bloßes Hobby. Aus der Sicht des einzelnen liegt ihm ein echtes Publikationsbedürfnis zugrunde, aus politischer Sicht spielen Blogs eine wichtige Rolle für die Meinungsbildung und für die Verständigung der Gesellschaft über sich selbst. Diese Leistung wird immer nur von wenigen Intellektuellen erbracht und wirkt dann in die restliche Gesellschaft hinein. Blogger nehmen hieran teil. Das ist aber kein schlichtes Hobby mehr, sondern im besten Fall authentisches politisches Handeln.

Außerdem: Mit dem Bloggen ist keine konkrete „Wirkung“ verbunden. Man erhält keinen „Gegenwert“ für einzelne Blogposts, und die Leser von heute ziehen morgen schon woanders hin. So funktioniert das Netz mit seinen Knoten eben. Was „wirkt“, ist der Diskurs in der Blogosphäre insgesamt, von der man ein Teil ist.

Es ist richtig: Blogs haben sich in den letzten vier Jahren nicht sonderlich entwickelt. Aber das haben Wikis auch nicht. Das Potential für Blogger wie für andere regelmäßige Schreiber im Web ist ausgeschöpft, es liegt laut ARD-ZDF-Onlinestudie bei etwa zwei Prozent aller Online-Nutzer in Deutschland. Mehr geht nicht, und mehr muß ja auch gar nicht gehen. Die „echten Blogger“ waren immer unter sich, und sie werden es auch zukünftig sein. Schreiben ist ein Lebensmittel.

Daß angesichts dessen jemand in Depression verfallen oder ein Versagen konstatieren kann: Erstaunlich. Ich würde all dies auf jeden Fall wertschätzen und erhalten wollen. Ich sehe angesichts dessen keinen Anlaß zum Pessimismus, und erst recht keinen Bezug zur politischen Durchsetzung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger.

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18 Kommentare zu „Vom „echten Bloggen“ IV“

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht! Man sollte keine übertriebenen Erwartung an Blogs stellen – aber sie auch nicht unterschätzen, nur weil sie kein kommerzieller Massenmedium geworden sind. Danke für die klaren Worte!

  2. Im Zuge der Einführung des LSRs wurden in den letzten Tagen schon einige sehr gute Analysen bzw. Statements zur Lage der Blogger veröffentlicht. Hier nun eine weitere. Danke.

  3. Sehr, sehr, sehr guter Text *chapeau y gracias*!
    Ich werde selten euphorisch in der Reaktion und sogar beinahe ungern, aber dieser Text hat es verdient. Bloggen ist politisches Handeln und Lebensmittel – ja unbedingt ist es das. Kommerzielle Blogs sind keine, auch das stimmt zumindest in der Tendenz.

    Seit vier Jahren kaum Entwicklung? – Nun, das kann man von ganz verschiedenen Seiten sehen. Uhupardo, gegründet im Oktober 2011, hatte im Jahr 2012 etwas mehr als eine Million Seitenaufrufe. Am 31. März gibt es einen neuen Monatsrekord. Keine Entwicklung? Wir freuen uns jedenfalls sehr über die Resonanz auf unsere gesellschaftskritischen Artikel und über inzwischen 14.000 Kommentare zu unseren Artikeln.

    Alles nur Zahlen und wir hätten das auch für zwei Dutzend Leser produziert, aber erfreulich. Sich die Magenschmerzen aus dem Leib schreiben, Lebens-Mittel unbedingt und politisches Handeln. Sagen, was unbedingt gesagt werden muss. Nicht objektiv sondern mit eigenem Standpunkt.

    Ich kann mit gefrusteten Blog-Statistikern so gar nichts anfangen. Die Welt steckt in einer Systemkrise und es gibt die Chance für etwas Neues. Das allein ist wichtig, das muss besprochen werden. Was sollen mir also nörgelnde Statistiken sagen. Einsatz und Engagement, solange die Kräftereichen. Darum geht es. Und dazu gibt es keine Alternative.

    Saludos del Uhupardo

  4. Danke für diesen Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Ich schreibe mein Blog vor allem, weil ich Lust am Schreiben hätte, nicht auf Grund eines möglichen Massenpublikums. Zwar freue ich mich immer, wenn das Geschriebene Leser*Innen findet, aber wenn das meine einzige Motivation wäre, dann würde jeder Blick auf meinen Traffic das Ende meiner Website bedeuten.

  5. Super Beitrag und wie bereits gesagt, auf den Punkt gebracht. Wenn ich daran denke, über drei Jahre an meiner Diss. geschrieben zu haben und diese bisher von nicht mehr als drei Menschen ‚überflogen‘ wurde, ist schon der vierte, fünfte, sechste… Blog-Leser für mich ‚ein Erfolg‘. Ich will doch weder mit dem einen noch mit dem anderen Schreibprojekt ein Denkmal für mich schnitzen, sondern nutze mit einem Blog einfach die Möglichkeiten der Zeit, mich zu äußern. ROI ist eher was fürs Geschäft und Geschäfte mache ich mit meinem Blog nicht. Und dies nicht, weil es nicht ginge, sondern weil ich das gar nicht möchte!

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