Verschlüsseltes Biedermeier

von schneeschmelze

Im Nachfeld von PRISM verändert sich etwas. Vergangene Woche eine Nachfrage, ob mein GnuPG-Schlüssel noch aktuell sei? Ja, ist er. Er stammt aus dem Jahr 2007, aber ich habe ihn schon lange nicht mehr gebraucht, die letzte verschlüsselte E-Mail kam hier vor ziemlich genau zwei Jahren an, seitdem mangelt es an Gelegenheit. Als ich den Mail-Client wechselte, ließ ich die GnuPG-Integration weg. Man kann sie jederzeit nachrüsten, falls es nötig würde. Ist es das nun, wegen PRISM? Ein Wikipedianer meint, es sei soweit, und regt ein Web of Trust auf Grundlage der persönlichen Bekanntschaften an, einer Art soziales Netzwerk, dem der harte Kern der Wikipedia-Autoren angehört. Da verändert sich also etwas, aber was, und hat das erst mit PRISM begonnen oder genaugenommen schon früher?

Vor gut einem halben Jahr wurde die Abschaltung des Google Reader bekanntgegeben. Damals war das Selbermachen auf einmal populär geworden, und einige, die es konnten oder die es bei der Gelegenheit lernen wollten, haben es dann auch tatsächlich selber gemacht, mit ownCloud, mit dem eigenen Wiki und dem Blog auf eigenem Server. Der wirkliche Paradigmenwechsel ist bisher aber ausgeblieben, das sieht man am besten an den kommerziellen sozialen Netzwerken, die genutzt werden wie eh und je. Diaspora und Friendica sind mittlerweile schon recht leistungsfähige Konkurrenten von Facebook, Twitter und Co. geworden – allein, kaum einer benutzt sie, nur die wirklich kritische linke Szene tummelt sich dort derzeit und setzt sich damit vom kommerziellen Mainstream ab. Besonders bei Diaspora konzentriert sich der Betrieb auf wenige zentrale Server. Ergebnis: Diese Netzwerke sind zwar dezentral, sie müßten es aber noch mehr sein, damit sich wirklich etwas Grundlegendes ändert.

Aber kann man durch das eigene Verhalten wirklich etwas im großen verändern? Es lebe die eigene Cloud, und alles wird wieder gut? Jetzt weiß man, daß das zwar den Service und die Daten in die eigenen Hände bringt, daß aber der Datenaustausch und vor allem auch die Vernetzung vom Big Brother NSA belauscht wird. Also wird jetzt zusätzlich auch noch verschlüsselt. Zu alledem sind nur ganz wenige Benutzer wirklich kompetent. Aber sei’s drum.

Neu ist, daß der Selbstschutz unter den Kompetenten eine andere Bedeutung bekommt. Man gilt nun nicht mehr als paranoid, sondern man verspricht sich davon einen Vorteil – inwieweit und in welchem Umfang, sei dahingestellt – und wird dadurch jedenfalls zu einer neuen Kaste, die sich bis zu einem bestimmten Punkt gegen die staatliche und private Grenzüberschreitung im Netz abschotten kann. Keine Verschlüsselung ist perfekt, jede ist zu knacken, es ist nur eine Frage des Aufwands und des zeitlichen Horizonts. Manche Dienste haben viel Zeit. Auf politischem Weg war für diese Techniker-Klientel nichts zu erreichen – die Piraten sind leider gescheitert und haben jetzt für immer den Makel der Zwei-Prozent-Partei –, also jetzt der Rückzug ins Private, hinter die Firewalls sowieso schon lange, parallel dazu kamen die exotischen Betriebssysteme, und nun auch durch Verschlüsselung geschützt. Weg vom großen Mail-Provider, hin zu den kleinen, und, ganz perfide, nicht mehr mailen, sondern chatten. Verschlüsselt, natürlich.

Die Filter Bubble, die man sich durch die diversen Empfehlungsdienste und durch die Benutzung von riesigen Werbediensten, die als Suchmaschinen und soziale Netzwerke firmieren, über Jahre selbst baut, ist zusammen mit dieser Verschlüsselei das zeitgenössische Biedermeier geworden. Man benutzt all das weiter, weil es ja angeblich anders nicht gehe, aber diskret und vertraulich. Ich lasse mir auf die Finger sehen, aber das macht nichts, denn ich habe dabei ganz famose Handschuhe an, die selbstgestrickten, mit besonders viel Mathe drin. Selbstschutz als Reaktion auf die faktische Unmöglichkeit, etwas politisch zu verändern. Was durchaus nicht abwegig ist, denn wer die Wahlen gewinnt, ist in dieser Hinsicht am Ende egal, man wird jedenfalls von den Amerikanern und den Briten ausspioniert. Wenn es nicht gleich die eigenen Leute sind. Aber dieser Realismus darf nicht zur politischen Resignation führen. Denn es ginge auch anders. Und erst dann hätte sich wirklich etwas verändert.