Das Spiel ist aus

Es ist kühl geworden, und der Herbst setzt gelbe, braune und rote Tupfen in die Bäume. Wenige Spinnennetze. Und überall liegen Eicheln umher. Ab und an ein Pilz im Gras, und das erste welke Laub ist zu Boden gefallen.

Der kleine Elfmeterschütze läuft an, schießt und trifft ins Tor. Er hebt die Arme in die Höhe, als hätte er die ganze Welt besiegt. Der unterlegene Tormann wirkt wütend. Er läuft aus dem Tor heraus und zieht sich die Handschuhe aus, er wirft sie weg. Die kleinen Fußballer wechseln die Rollen, jetzt steht der andere im Tor, der Trainer legt erneut den Ball zurecht. Anlauf, Kick und – Tor. Applaus. Dann räumen die Zuschauereltern alles zusammen, man geht.

Das Spiel ist aus. Nur wir bleiben auf der Bank sitzen und schauen ihnen nach. Wind kommt auf.

Zuerst ein: albatros | texte, 28. September 2013.

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Nicht vertreten

Drei Thesen am Abend der Bundestagswahl:

  • Immer weniger Bürger sind in den Parlamenten repräsentiert. Der Anteil der Nichtwähler liegt bei 30 Prozent. Ein immer größerer Stimmenanteil fällt auf die kleinen Parteien und auf Parteien, die knapp an der Fünfprozenthürde scheitern. Die Schwelle für die absolute Mehrheit liegt mittlerweile bei 42 Prozent, so niedrig wie noch nie. Nichtwähler und vom Parlament Ausgeschlossene machen schon gut 40 Prozent der Wahlberechtigten aus. Die „Partei der Nichtwähler“ stellt im neuen Bundestag, wenn man so will, die zweitgrößte Fraktion. Sowohl die Regierungen als auch die Parlamente sind auf dem Weg dazu, nur noch eine Minderheit zu vertreten. Das ist bedenklich mit Blick auf das Demokratieprinzip des Grundgesetzes. Politische Macht ist immer weniger demokratisch legitimiert.
  • Die Netzpolitik entscheidet die Wahlen nicht. Anders als die Umwelt- und die Friedenspolitik in den 1980er Jahren, als die Grünen in den Bundestag kamen, haben die Themen Internet, Datenschutz und Grundrechte auch angesichts der grenzüberschreitenden Überwachung von PRISM und NSA nicht gereicht, um die Piratenpartei interessant zu machen. Was da passiert, ist immer noch nicht allgemein verstanden, und es wird auch in den Massenmedien nicht angemessen erklärt. Das heißt nicht, daß Ein-Themen-Parteien nicht laufen würden – die AfD fährt ausschließlich auf dem Anti-Europa-Ticket und liegt damit aus dem Stand bei fünf Prozent. Das liegt an der Wählerschaft: Wirtschaft mobilisiert die Mitte.
  • Die Wähler sind bereit zu grundlegenden Neuenscheidungen. Man läßt die FDP völlig fallen und wendet sich der AfD zu, weil man sich davon verspricht, daß die eigenen Interessen von ihr besser vertreten werden. Sie hat nun von der einschlägigen Klientel den Auftrag eben zu einer Klientelpolitik übernommen, diesmal ist es eine, die „gegen Europa“ gerichtet ist. Und der Opportunismus von Merkel – besonders deutlich in der Atompolitik – wird mit Stimmenzuwachs belohnt. Die Polarisierung unter den Wählern nimmt zu, die Verteilungskämpfe verstärken sich, und der Mittelstand kämpft schlicht um den Wert seines Vermögens, der mit Finanz- und Eurokrise gefährdet erscheint – während immer mehr ganz andere Sorgen haben und von alledem ganz abgehängt worden sind. Ihnen wird das Ergebnis dieser Wahl gar nicht helfen.

Nachtrag vom 23. September 2013: Der Benutzer Rosa Elefant hat das Ergebnis der Wahl auf Diaspora wiefolgt zusammengefaßt:

Was der Wähler will

Show auf Abruf II

Der Hessische Rundfunk hat vergangene Woche im Dritten Programm zwei Diskussionen zur bevorstehenden Landtagswahl gesendet. Eine mit den Spitzenkandidaten der Linken, Grünen und der FDP und eine mit jenen von SPD und CDU. Beide Sendungen wurden nicht live übertragen, sondern jeweils am gleichen Nachmittag aufgezeichnet und dann am Abend zeitversetzt ausgestrahlt. Währenddessen wurde dazu aufgerufen, das Geschehen auf dem Sender über Twitter und in einem Chat auf der Website des hr zu kommentieren. Wer den Hashtag #hrwahl verfolgte, sah aber bald, daß hier fast nur Parteimitglieder aktiv waren. Es kam nicht zum sogenannten Second screen, es entstand keine allgemeine Diskussion, sondern es gab diesmal eine veritable Show auf Abruf, die zudem sehr überschaubar blieb.

Die Parteien boten ein virtuelles Potemkinsches Dorf dar, und der hr tat alles, um das zu kaschieren, indem nach der Sendung ausgewählte Tweets vorgestellt und nacherzählt wurden, als wären sie von x-beliebigen Twitter-Usern abgesetzt worden. Hier wurde Politik im Internet inszeniert und anschließend in einer weichgespülten Form für Außenstehende vorgeführt – im doppelten Wortsinn.

Was für eine langweilige Geschichte. Kann man das Desinteresse an der Wahl noch deutlicher demonstrieren? Journalismus als Stichwortgeber für ein Online-Scheingefecht, in dem die Parteien sich selbst in Szene setzen und nachdrücklich darauf hinweisen, daß es sie noch gibt, bei dem aber sonst keiner mehr mitmachen will? Eine sehr bedenkliche Entwicklung, für die Politik und für den öffentlich-rechtlichen Journalismus.

Wikipedia im Jahr 2026

In einem Anflug von Größenwahn wettet derzeit ein Teil der deutschsprachigen Wikipedianer um die artikelanzahlmäßige Größe des Projekts im Jahr 2026, wenn die Wikipedia 25 Jahre alt werden würde – falls es sie dann noch geben sollte. Ich halte es nicht für sinnvoll, solche Dinge herbeizureden, denn bei einem Umfang von über 1,5 Millionen Artikel in der deutschsprachigen Version und 29 Millionen in allen Sprachversionen zusammengenommen besteht an Artikeln ganz gewiß kein Mangel. Das Problem ist deren Qualität, und in der Qualitätssicherung will sich kaum einer freiwillig engagieren. Ich glaube deshalb, daß das Projekt einen anderen Weg gehen wird:

Wikipedia wird in Jahr 2026 schon seit mehreren Jahren vollständig in andere Projekte eingegangen sein. Die Karawane war schon längst weitergezogen und betreibt nun andere Knoten im Netz. Die Wikimedia Foundation und alle ihr angegliederten Organisationen hatten sich 2020 aufgelöst. Die Wikimedia-Marken wurden vom Insolvenzverwalter meistbietend verkauft, und die Plattform wird unter den alten Domains von Werbeagenturen genutzt; die Generation 60+ hat das nicht bemerkt und hält sie weiterhin für ein gutes Lexikon, ganz wie früher auch. Die kritischen Wikipedianer hatten 2018 einen Fork ins Netz gestellt, der seitdem nach den alten Regeln weiter betrieben wird. Er ist aber nicht mehr für alle offen, Accounts werden nur nach vorheriger Einladung freigeschaltet. Dort schreibt seitdem der heutige inner circle an seinem Spätwerk, der Version letzter Hand. Der Korpus von Wikipedia diente zunehmend als Ausgangspunkt für alle möglichen KI-Anwendungen, er wird noch immer ausgeschlachtet. Nur Wikis kennt heute keiner mehr.

Das Imperium kurz vor dem Rückschlag

Da träumt einer von einem internationalen Medien-Imperium, mit Hunderten, vielleicht über tausend fest angestellten Journalisten in aller Welt – eine Art CNN für die Medienwelt von Morgen namens Huffington Post…

Der Journalist steht in der neuen Medienwelt nicht mehr wie ein Lehrer vor seiner Klasse. Er nimmt wie ein Freund unter Gleichgesinnten Platz und kommuniziert mit ihnen auf Augenhöhe.

Aha.

Deshalb: Schreiben Sie mir. Und schreiben Sie für uns.

Wir sind wie eine Talkshow mit einem großen Publikum. Der einzige Unterschied: Bei uns ist die Zahl der Gäste unbegrenzt. Und Sie können frei wählen, ob Sie im Publikum oder auf der Bühne Platz nehmen.

Hülfe.

Der Lehrer, der vor seiner Klasse steht, wird dafür bezahlt. Der Blogger, der hier für lau schreibt, wird dagegen von AOL benutzt. Auf diesen „Medienwandel“ kann man gut verzichten.

Ab 10. Oktober im dortigen Kino.