Die Selbstgedruckten

Dörte Böhner beschäftigt sich mit der Flüchtigkeit der selbstverlegten Literatur, die den Weg in die Bibliotheken und oft auch nicht mehr in die Nationalbibliotheken schafft, weil sie – außerhalb der etablierten Vertriebswege über die Verlagshäuser – unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt.

Ich glaube, die meisten Autoren, die im Selbstverlag publizieren, denken gerade nicht an die eingefahrenen Vertriebswege Verlag oder Bibliothek, sondern wollen ausdrücklich ihre Leser direkt erreichen. Vielfach veröffentlichen sie open access und bieten ein gebundenes Exemplar oder pdf/epub für diejenigen an, die längere Texte lieber gesetzt gedruckt und gebunden oder für einen speziellen Reader haben möchten. Die Bibliothek kommt in diesem Konzept gar nicht mehr vor. Wenn die Nationalbibliotheken solche Texte also nicht sammeln, gehen sie tatsächlich langfristig immer mehr verloren.

Ein konkretes Beispiel: Ich habe gerade ein eigenes wissenschaftliches Projekt begonnen, das in etwa fünf Jahren abgeschlossen sein wird, und ich gehe nicht davon aus, daß dieser Text in herkömmlichen Bahnen vermarktbar sein wird. Das wird, wenn überhaupt, ein print on demand werden. Ich habe auch gar kein Interesse daran, in die etablierten Zeitschriften oder Schriftenreihen hineinzukommen, die voller langweiliger Dissen und Habilschriften und sonstiger Ergüsse sind, sondern sehe mich damit außerhalb des etablierten Wissenschafts- und eben auch Bibliotheksbetriebs.

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Warum ich nicht mehr twittere, oder: Die Erzählung des Netzes

Genaugenommen blogge ich, seit ich online bin. Kurz nachdem ich, wohl im Sommer 1998, meinen ersten Internetzugang erhielt, entdeckte ich das Usenet, weil die Uni Frankfurt damals noch einen eigenen Newsserver betrieb. Der Server war in Netscape voreingerichtet, so daß ich neugierig reinschaute. Das Usenet war zu dieser Zeit sehr viel gehaltvoller als das WWW, denn die Suchmaschinen waren erst in den Anfängen, sie konnten beispielsweise noch nicht mit der Groß- und Kleinschreibung umgehen, und auch Umlaute machten ihnen Schwierigkeiten. Deshalb waren Inhalte damals sehr viel schwerer auffindbar, selbst wenn sie online vorhanden waren. Im Usenet dagegen fand ich eine systematisch geordnete Welt vor, in der Themen diskutiert wurden. Das ganze über einen ordentlichen Client zugänglich. Das überzeugte mich sofort, und auch die Diskussionen waren dort sehr gehaltvoll. Zu jedem Thema, das aufs Tapet kam, konnte man direkt Fragen stellen und ausführliche und oft kompetente Antworten erhalten, und dabei lernte ich etwas kennen, was ich in der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft um mich her sonst noch nie vorgefunden hatte: Wildfremde Menschen gaben ihr Wissen an mich weiter, freigebig und selbstlos wurden da Schätze verteilt. Ich hätte niemals angefangen zu texen, wenn ich damals nicht, aufgrund einer Anfrage in einer Newsgroup, lange und ausführliche persönliche Antworten und Anleitungen erhalten hätte, auch per Mail, in denen mir mehrere Benutzer frei heraus erklärten, wie das geht. Das Ergebnis ist bekannt: Seit 2001 schrieb ich den Topic Index zum TeX Catalogue und trage seitdem auch regelmäßig zur Mitgliederzeitschrift der Deutschsprachigen Anwendervereinigung TeX bei. Auch meine Doktorarbeit schrieb ich fünf Jahre lang in LaTeX. Seit 2005 bin ich Wikipedianer und arbeite auch dort weiterhin an der freien Weitergabe von Wissen mit. Und seit 2008 schreibe ich ein Blog, gleichzeitig begann ich in der Freitag Community zu schreiben (mittlerweile gelöscht), dann sehr bald in der schneeschmelze und an anderen Stellen im Web.

Genaugenommen aber habe ich schon immer gebloggt, seit ich online bin, denn das Bloggen ist für mich nicht nur das Schreiben in einem Blog, das wäre eine rein formale Definition, sondern es ist das freie Schreiben im Web überhaupt. Das Sichmitteilen und das Sichaustauschen ohne ökonomische und manipulative Hintergedanken, Teil sein einer großen virtuellen Gemeinde, die kritisch eingestellt ist, die sich kein X für ein U vormachen läßt und die sich der Aufklärung verpflichtet fühlt. Die fair miteinander umgeht, durchaus auch mal etwas ruppig, man darf das nicht allzu sehr verklären. Die aber jedenfalls den PR-Abteilungen und den Eventmanagern mit Wilhelm Genazinos Büchner-Preisrede zuruft, daß sie sich bitte davonmachen mögen, man brauche sie nicht, für nichts und niemand. Teil einer derart unzeitgemäßen Gemeinde von Netizens zu sein, die früher, als ich zum ersten Mal online ging, der Normalfall war, die ihre E-Mails nicht im TOFU-Stil beantwortet und die kein Microsoft Office verwendet, sondern was Richtiges halt.

Man schrieb an langen FAQs damals, die waren so lang, daß sie in mehreren Teilen in die Newsgroups gepostet werden mußten. Zwölf oder vierzehn Postings nacheinander mit Tips für die Anwender von StarOffice oder für die TeX-User. Oder für diejenigen, die endlich durchblicken wollten, wie das mit den Weissagungen des Nostradamus so ist. Und natürlich FAQs für Leser und die Koch-Gruppen. Exoten, die über Google Groups posteten, erhielten Hilfestellung, damit sie lernen konnten, wie man trotzdem regelkonform am Usenet teilnimmt, und sie nahmen das dankbar an. Man schrieb das Netz voll damals, nur die ganz langen Texte wurden mit der Zeit mehr und mehr in Wikis geschrieben, und auch nicht mehr von einem Autor, sondern kollaborativ. So ersetzten die Wikis mehr und mehr eine wichtige Funktion des Usenets, allen voran natürlich Wikipedia, aber auch eine Vielzahl kleinerer Wikis, die es teilweise ebenfalls bis heute noch gibt.

Entscheidend ist aber, daß man weiterhin schrieb. Das hat sich bis heute erhalten, und zwar nicht nur in Newsgroups und in Wikis, sondern ebenso in Mailinglisten. Aber schon zu Beginn der 2000er Jahre wurden einige von ihnen mangels Beteiligung geschlossen. Und auch mit dem Usenet ging es seitdem bergab, während Webforen und Wikis wuchsen. Und Blogs entstanden, in denen Autoren erstmals allein auftraten, nicht mehr im virtuellen Raum, der allen gehörte, in der virtuellen Allmende des Netzes, sondern unter einer eigenen Domain in einem selbst gestalteten Webspace mit eigenen Texten, und sie vernetzten sich dann untereinander, indem sie Blogrolls führten, in denen sie öffentlich darauf hinwiesen, mit wem sie sich verbunden fühlten, welche anderen Blogger sie läsen, auf wen man sonst noch achten solle. Und RSS-Feeds kamen auf und Feedreader, mit denen man die Blogger las, die neben die Newsreader für die Newsgroups traten. Und die Blogger wurden zu Gastgebern, die zum Kommentieren einluden, was vielfach angenommen wurde. So verschob sich der Schwerpunkt für viele Netizens von den Newsgoups und den Mailinglisten mehr und mehr in Blogs und Webforen, wo man nun weiter schrieb.

Und dieses Schreiben, das genaugenommen im Mittelpunkt von allem steht, das das Netz eigentlich ausmacht und das die Erzählung des Netzes beherrscht, das sein eigenes Narrativ ist und damit über den konkreten Inhalt, von dem dort gehandelt wurde, weit hinausreicht, dieses Schreiben war in seinem Kern immer ein freies Schreiben, ein selbstloses Schreiben. Es war ein echtes Bloggen, wie ich es schon ein paar mal beschrieben hatte und wie es auch meinen Blogs zugrundeliegt. Als Twitter aufkam, war ich zwar nicht ganz von Anfang an mit dabei, aber ich war dort doch ziemlich bald schon aktiv, und zwar als Begleitung zu meinen Blogs, zuerst rund um den Textsatz mit LaTeX, später, als es auf die Bundestagswahl 2009 zuging, auch immer mehr zu politischen Themen.

Die Ablösung der Protokolle und der Plattformen im Laufe der Zeit und die Wanderung der Benutzer vom einen zum anderen Knoten im Netz verläuft nach bestimmten Mustern. Die early birds nehmen das Land in Besitz und richten es her für die Nachkömmlinge, und wenn die late adopters dann endlich Einzug halten, sind erstere schon auf dem Sprung zum nächsten Ziel. Ebenso machen Online-Communities Zyklen in ihrer Entwicklung durch, von der Gründung über das Wachstum und die darauffolgende Schrumpfung bis zum Untergang und ihrer Auflösung. Wikipedia ist beispielsweise weniger attraktiv geworden und schrumpft nun eher, während Facebook stagniert und das Usenet seine Zukunft endgültig hinter sich hat. Viele sind aus den Blogs in die sozialen Netzwerke gegangen, auch bekanntere Autoren wie Kristian Köhntopp schreibt nur noch dort, sein Isotopp-Blog gibts nicht mehr. Darin ist eine radikale Hinwendung zur Gegenwart zu sehen, denn eines sind soziale Netzwerke ganz sicher nicht: Archive. Ihre Suchfunktionen sind zu krude, das Narrativ im zeitlichen Verlauf geht darin unter und steht genaugenommen nur noch dem Betreiber des Netzwerks zur kommerziellen Auswertung des Profils zur Verfügung. Andere sind zu kommerziellen Plattformen gegangen und schreiben jetzt bei Tageszeitungen an Blogs, die vermarktbar sind, oder bei noch anderen Plattformen, die gar nichts einbringen. Oder beim Suhrkamp, der gerade insolvent ist.

Das alles sind Verfallserscheinungen der Netzkultur, die man auch bei Twitter deutlich sieht. Die echten Netizens sind dort schon längst nicht mehr, sie lassen Twitterfeeds laufen oder crossposten von anderen Plattformen her, wo sie eigentlich lesen und schreiben. Jörg Kantel hat nie persönlich getwittert, das macht sein Blog automatisch für ihn, und undenkbar, daß Bruce Schneier dort mehr von sich hören ließe als den RSS-Feed seines Blogs, das es selbstverständlich weiterhin auch als Newsletter gibt. Die breite Masse versammelt sich bei Facebook, einige finden nun den Weg zu Google+, und auf Diaspora findet man eine zunehmend lebendige Gemeinde der kritischen Netizens und Nerds alten Typs, die ich schon von früher her aus dem Usenet kenne, siehe oben. Einige bloggen weiterhin oder wieder bei Antville, wo ich auch vor ein paar Monaten meinen albatros eröffnet hatte. Neben dem zunehmend kommerzialisierten und privatisierten virtuellen Raum entsteht so immer mehr ein zivilgesellschaftlich gestalteter und bereitgestellter Raum. Admins stellen Server öffentlich für Diaspora oder für Friendica zur Verfügung, so wie die Abschaltung von news.t-online.de zum Wachstum freier Newsserver wie dem Open News Network geführt hatte, das ich nutze. Bürger hosten ihre Inhalte selbst, da kann man was spenden, um sich an den Kosten zu beteiligen, und daraus entsteht ein großer Nutzen für alle. Aber Twitter ist endgültig zu einer großen Werbetrommel geworden, die mir zunehmend entbehrlich erscheint. Und ich brauche auch schlicht keine One-to-many-Lösung zum Versenden von SMS. Die Erzählung des Netzes wird dort schon lange nicht mehr geschrieben.

Deshalb habe ich vergangenen Freitag meinen Twitter-Account deaktiviert. Ich werde ihn nicht mehr in Betrieb nehmen. Meine schneeschmelze, der albatros und TeX & Friends reichen aus – wobei ich auch hier über eine andere Lösung zum Bloggen nachdenke, seitdem wordpress.com nach einiger Zeit tatsächlich dazu übergegangen ist, auch auf meinem Blog Werbeanzeigen einzublenden. Meinen Account auf Diaspora behalte ich bei.

Römerberggespräche über die „transatlantische Entfremdung“

Von der zunehmenden Entfremdung zwischen Deutschland und den USA handelten die 41. Römerberggespräche, die heute wiederum im Chagall-Saal des Schauspiel Frankfurt stattfanden. Wer hat Angst vor Uncle Sam? titelten die Veranstalter diesmal, und man beschäftigte sich mit dem NSA- und Tempora-Skandal, der seit der vergangenen Woche auch das Kanzlerinnen-Handy in einer Art nachholender Inszenierung mit einbezieht.

Der Höhepunkt des Programms waren der Vortrag des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar und das darauffolgende Podium zum Boulevard of broken dreams, an dem neben Schaar noch Rüdiger Lentz vom Aspen-Institut und der Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit teilnahmen. Der Journalist Alf Mentzer von hr2-kultur moderierte, und es war auch erstmals eine Kamera des Hessischen Rundfunks im Saal.

Peter Schaar wies gleich zu Beginn seines gehaltvollen Referats auf die symbolische Unterwürfigkeit des Bundesinneneministers hin, der bei einer Reise nach Washington (!) die Dementis der anderen Seite als bare Münze ausgegeben hatte, gefolgt von der Erledigterklärung des Kanzleramtsministers. So könne und so solle man mit Amerikanern nicht über diese Dinge sprechen. Ganz sicherlich sei es nicht an den Deutschen, den Amerikanern zu erkären, was es mit der Demokratie oder mit dem Rechtsstaat auf sich habe; es sei aber unbedingt nötig, einen kritischen Dialog zu führen. Er, Schaar, habe das wiederholt und erfolgreich mit amerikanischen Experten gemacht. Friedrichs wallfahrender Gang nach Kanossa sei aber das falsche Signal gewesen.

Verfassungsrechtlich werde der Datenschutz in den USA aus dem vierten Amendment hergeleitet. Die amerikanische Gesetzgebung zum Datenschutz sei aber im Vergleich zu unserer äußerst lückenhaft. Das Defizit auf normativer Ebene werde jedoch zunehmend durch Billigkeitsgesichtspunkte ausgeglichen, indem die Gerichte einen fairen Umgang mit den Daten von Geschäftspartnern einforderten. Im großen und ganzen aber, war sich das Panel einig, gebe es in den USA keine durchgreifenden Bedenken gegen den gläsernen Bürger. Vorherrschend sei nämlich die Vorstellung, daß letztlich alle von dieser Gläsernheit profitierten. Auch Barack Obamas Wahlkampferfolge beruhten letztlich auf der zielgenauen Ansprache von Wählern, die nur durch die Auswertung solcher Daten möglich geworden sei, ergänzte Rüdiger Lentz. Außerdem werde die Betroffenheit durch die Abhörmaßnahmen mit zweierlei Maß gemessen: Als der NSA-Skandal bekannt wurde, habe Barack Obama als erstes darauf hingewiesen, daß bei der Auswertung dieser Daten nicht auf amerikanische Staatsbürger gezielt werde.

Hier gelte es, die Grundrechte und das europäische Verständnis von Freiheit zu verteidigen. Gegen solche Übergriffe könne sich Europa nur gemeinsam wehren. Hiergegen wies Dirk Kurbjuweit jedoch auf die disparate Meinungsbildung innerhalb der EU hin. Kurbjuweit erinnerte an Kissingers spöttische Frage, welche Telefonnummer Europa denn habe, wenn man da mal anrufen möchte? Letztlich komme es im Kern auf Deutschland und auf Frankreich an, nachdem Großbritannien selbst in den Spionageskandal verwickelt ist. Außerdem sei zu bedenken, daß die großen privaten Datensammler Google und Facebook, die mit den US-Geheimdiensten kooperieren, ihren Sitz in Irland haben, so daß sie de facto in Brüssel ebenfalls mit am Tisch säßen.

Letztlich sei das Problem, so Kurbjuweit, die Paranoia, die mit bei den Amerikanern eng mit der Freiheit gekoppelt sei. Gegen die Angst vor dem Unvorhersehbaren bei der Annäherung an die Frontier, vor der Bedrohung, die überall lauere, sei jedes Mittel recht. 9/11 habe dieses Empfinden noch einmal befeuert, indem nun mehr denn je für das ausgegeben werde, was man dort für eine Form von Sicherheit halte.

Als Ansatzpunkt erschienen den Diskutanten die wirtschaftlichen Interessen der USA geeignet. Außerdem, so Rüdiger Lentz, werde Deutschland von den Amerikanern als wichtiger Vermittler zu Rußland, zum Iran und zu den arabischen Staaten gesehen, was auf deutscher Seite durchaus in die Waagschale geworfen werden könne.

Es war das mit Abstand beste Panel bei den Römerberggesprächen seit Jahren. Nach mehreren eher schwachen Beiträgen, hat sich die Veranstaltungsreihe damit für kritische Diskurse wieder in Erinnerung gebracht.

Büchermenschen

Was von der Buchmesse nachklingt, sind beispielsweise die Physiognomien der Büchermenschen. Die je eigenen Gestalten, denen man an den Ständen begegnet, die so gut zu den Häusern passen, deren Verlagskultur sie buchstäblich verkörpern. Die evangelischen Verlage beispielsweise. Kommen wie aus einer anderen Welt. Haben ganz anderes Personal als die Wörterbuchverlage. Linke Zeitungen (also wirklich linke). Die Kunstverlage: Ein wenig sonderbar. Juristische oder medizinische Verlage: Absatzorientiert. Die Stände der Anbieter von Bildungsmaterialien: Für Lehrer halt. Und Bibliothekare waren übrigens auch da. Als hätten sie je eigene Nischen sich geschaffen, in denen sie selbst sein können. Und nur sie.

Nicht nur zehn Prozent

Das Bild, das im Forum der Frankfurter Buchmesse vom diesjährigen Gastland Brasilien gezeichnet wird, ist in mehrfacher Hinsicht einseitig und lückenhaft. Zugestehen muß man, daß es darum geht, dem Besucher der Ausstellung einen allerersten Eindruck von dem fernen Land zu vermitteln, dessen Bild in den westlichen Massenmedien vor allem mit Rio, dem Strand und dem dazugehörigen Girl von Ipanema, dem Karneval, dem Fußball und dem Amazonas geprägt ist.

Ein kurzer Film bietet eine elementare Einführung in Land und Leute und stellt die Grundlagen von Wirtschaft und Kultur vor allem anhand der Statistik und einer Collage vor. Man startet ihn, indem man sich auf eines der Fahrräder setzt, die vor den sternförmig angeordneten Bildschirmen aufgestellt wurden, und in die Pedale tritt. Der Ton kommt über einen Kopfhörer, es gibt nur eine englische Version. So fährt man sozusagen nach Brasilien – und bleibt doch ganz hier, denn das Fahrrad bewegt sich dabei ja nicht von der Stelle.

Was in diesem Szenario fehlt, sind die für uns unvorstellbare Armut und die sozialen Gegensätze, die wir uns in Europa nicht vorstellen können. An die man nur am Rande erinnert wird, wenn vor Lampedusa wieder ein Schiff mit Flüchtlingen kentert. Die soziale Frage kommt nur in einem Punkt sehr kurz zur Sprache, wenn es mit Blick auf die Literaturszene heißt, der Anteil der Analphabeten bewege sich in Brasilien bei zehn Prozent. Von den sozialen Protesten, die dort seit Juni stattfinden, erfährt der Besucher nichts. Sie wurden ausgelöst, als die Bustarife um 20 Centavos erhöht werden sollten, und sie sind gegen die ungeheuren Summen gerichtet, die in den Aufbau der Infrastruktur für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 fließen statt in soziale Zwecke. Daran dürften deutlich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung beteiligt gewesen sein.

Auch die Kolonialgeschichte und die Umstände der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens bleiben weitgehend unerwähnt. Als Portugal 1807 von napoleonischen Truppen besetzt wurde, übersiedelte der gesamte Hofstaat mit mehreren tausend Personen von Lissabon ins südamerikanische Exil und ließ sich in Rio de Janeiro nieder. Nach der Niederlage Napoleons kehrten nicht alle wieder zurück. Der Sohn des portugiesischen Königs Pedro I. setzte sich 1822 an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung, sagte sich los von seinem europäischen Mutterland und machte Brasilien zur konstitutionellen Monarchie – es ist die erste einer langen Reihe von brasilianischen Verfassungen, und es gibt bis heute kein Lehrbuch in deutscher Sprache zur allgemeinen Einführung ins brasilianische Recht. Die aktuellsten verfügbaren Einführungen in das geltende Recht in seiner ganzen Breite sind die Mitteilungen der Deutsch-Brasilianischen Juristenvereinigung.

Gelungen erscheint dagegen der Säulenwald aus nochgetürmten gummierten Blocks, von denen man sich Blätter abreißen kann, auf denen Texte von brasilianischen Schriftstellern auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch in ganz kurzen Auszügen abgedruckt sind. Der Aufbau der Säulen erinnert etwas an die Pinguine von Stephan Balkenhol aus der Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Man geht hindurch, wandert von einer Säule zur nächsten und nimmt sich ein bißchen Brasilien mit nachhause.

Einen guten bildlichen Eindruck von der Halle und von den weiteren Stücken, die dort zu sehen und zu beliegen sind (als ich ankam, waren leider alle Hängematten belegt), vermittelt Cafe Digital.

Früheres Ende beim Brockhaus?

Natürlich, der Brockhaus wurde im Juni 2013 von Bertelsmann aufgegeben. Ursprünglich hieß es, der Direktvertrieb werde noch bis Mitte 2014 weitergeführt und dann beendet, und die Online-Version werde noch sechs Jahre weiter gepflegt.

Allein, auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse sucht man ihn vergebens. Auch das Haus Bertelsmann ist nicht mehr als solches präsent. In Halle 3.0 steht an der gewohnten Stelle eine umfängliche Stand-Landschaft für die gesamte „Verlagsgruppe Random House“, unter deren Dach sich eine illustre Mischung an Häusern und Marken versammelt hat, vom evangelikalen Verlagshaus Gerth Medien über den Hörverlag bis hin zum Diana Verlag. Die Nachschlagewerke aber sind dort nicht mehr zu finden, keine Spur, weder von Brockhaus noch von Wahrig. Die Mitarbeiter wissen offiziell von nichts. Man beginnt zu blättern und wird fündig im Katalog der Buchmesse: „Brockhaus/Britannica“ sei in Halle 4.1 am Stand M 96 zu finden. Beim Antiquariat also? Jetzt schon? Der hilfsbereite Mitarbeiter murmelt einen nicht zitierfähigen Satz vor sich hin. Vielleicht habe man dort noch einen Brockhaus-Band vorrätig, und wenn ich viel Glück hätte, könne ich dort auch noch jemand antreffen, der mir dazu etwas sagen könne.

Vor Ort findet sich bei M 96 kein Stand, der so bezeichnet wäre, aber ein paar Meter weiter nach rechts gibt es tatsächlich ein Antiquariat, das die letzte Auflage der Brockhaus Enzyklopädie mit einem dicken „Messerabatt“ feilbietet, darunter stehen ein paar Bände einer alten Britannica. Ich laufe in die andere Richtung zurück – und erblicke an einem etwas verlorenen kleinen Stand das Logo von Wissen media. Zwei Mitarbeiterinnen sind dort noch tätig. „Ja, das ist der Rest von Brockhaus und Wahrig, mehr gibt es nicht mehr. Es wird nicht mehr geworben.“ Lizenzverhandlungen liefen, aber die „A-Z-Ware“ sei kaum zu verkaufen. Ob sie unter freier Lizenz freigegeben werden könnte? Das würde, wenn überhaupt, von anderen im Verlag entschieden, dazu könne man nichts sagen. Die Mitarbeiter seien noch nicht alle gekündigt, es gebe noch welche, aber alles befindet sich schon in Abwicklung. Im Regal ganz hinten in der Ecke liegt noch der „Brockhaus in einem Band“, und es gibt auch noch ein paar Exemplare des „Verlagsprogramms Herbst/Winter 2014“, es hat 36 Seiten. Ob ich es mir mitnehmen dürfe? Verkehrte Welt: Während ich an allen Ständen mit Werbematerial und Visitenkarten geradezu vollgesteckt worden bin, muß ich mir das Prospekt – als erklärter Fan – hier selbst holen. Ja, letztes Jahr habe man noch einen eigenen Stand in der großen Halle drüben gehabt. Den Leuten reiche heute eben die Wikipedia.

Zwei große Traditionsmarken – Brockhaus und Wahrig – verschwinden sang- und klanglos vom Markt.

Zuerst im Wikipedia:Kurier, 10. Oktober 2013.