Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2013

von schneeschmelze

Nachdem die Buchmesse im vergangenen Jahr für mich ausgefallen war, also diesmal wieder ein Gang durch die Verlags- und Medienwelt, genauer: Durch die Hallen 4.1, 4.2 und 3.1. Was hat sich da getan seit 2011 in dem Bereich, der mich umtreibt (Bildung, Wissenschaft und Bibliotheken)? Man kann getrost und ganz direkt fragen: Wie ist die Digitalisierung seitdem weitergegangen?

„Das Klassenzimmer der Zukunft“ habe ich zwar vergeblich gesucht – wo hatten sie das eigentlich versteckt? Als ich durch den Bereich Bildung lief, fand ich nur eine entsprechende Aufschrift an einer Wand vor, da muß ich wohl noch einmal auf die Suche gehen. Ein paar Gänge weiter dann aber ein zufälliger Fund, wie meist die eindrücklichsten Begegnungen im Messegeschäft: Eine polnische – ich formuliere es mal neutral – Firma bietet „Lösungen“ zum E-Learning für Schulen und Hochschulen an. Keine Endprodukte, nur B2B, sehr globaler Markt, bis nach Malaysia und auch in Australien hat man Kunden, auch in Südmamerika werde damit gelernt, belehrt mich die Broschüre. Die Inhalte sind leicht anzupassen an nationale Curricula. Als Fächer kommen daher im wesentlichen Mathematik und Naturwissenschaften infrage. Das ganze wurde mir dann kurz auf dem iPad anhand eines Filmchens zum Aufbau einer tierischen Zelle vorgeführt. Es ist eine Cloud-Lösung. Kein Flash, sondern HTML5, immerhin.

Und wenn man Gelegenheit hat, mit Polen über E-Learning zu sprechen, sollte man unbedingt die Sprache auf das Thema Open Educational Resources bringen, denn Polen gehört zu den Ländern, in denen es staatliche Initiativen gibt, in denen freie Lernmaterialien unter CC-BY-Lizenz erstellt werden. Und das scheint mittlerweile sogar sehr gut zu funktionieren. Auf Nachfrage: Früher seien OER qualitativ ziemlich schlecht gewesen, aber mittlerweile sei das Material schon sehr viel besser geworden. Und auf lange Frist werde es darauf hinauslaufen, daß ein ähnliches Problem entstehe wie bei den Zeitungen: Die Schulbuchverlage würden durch die freien Materialien mehr und mehr verdrängt. (In Halle 3.1 zeigen sie noch auf großflächigen und dementsprechend teuren Ständen ihre Printprodukte, und sie wirken dabei ein bißchen wie die Dinosaurier aus dem Druckerzeitalter, als hätten sie das Internet ausgedruckt und würden nun versuchen, es in gebundener Form wie sauer Bier unters Volk zu bringen.) Deutschland hinke im internationalen Vergleich weit hinterher, deshalb sei dieser Unterschied hierzulande nicht so leicht erkennbar, vor allem technisch bei der Ausstattung und bei der Netzanbindung der Schulen gebe es Nachholbedarf, aber auch was die Inhalte in den derzeitigen OER-Projekten angeht.

Ein polnisches Unternehmen also anscheinend auf der Suche nach neuen Märkten, die im eigenen Land aufgrund von OER zunehmend verloren gehen. Das Wiki-Prinzip setzt sich durch, während bei uns Lehrer sich meistens immer noch scheuen, ihre Arbeitsblätter und Unterrichtskonzepte zu veröffentlichen, oft aus Angst vor Bloßstellung durch die Kollegen, falls sich ein Fehler fände – der dann doch behoben werden könnte, woraus am Ende alle etwas lernen würden. Denn das Bessere ist der Feind des Guten, und fast alles kann man immer noch verbessern. In Deutschland konnte die besagte Firma bisher übrigens mit den „Lösungen“ nicht landen, was aber vor allem an unserer Vielstaaterei im Bildungsbereich liegt.

Weiter zu einem Anbieter juristischer Literatur, der immer noch viel drucken läßt – Loseblatt rulez, gerade in den Kanzleien wird der Ordner immer noch gepflegt, während in der Justiz jetzt doch der elektronische Rechtsverkehr und die elektronische Akte eingeführt werden sollen. Auch hier bietet man wieder „Lösungen“ an, die ganz sicherlich für den Verlag kostendeckend sein werden, aber schon für die kleine Kanzlei eine erhebliche Belastung bedeuten würden, täte man sich darauf einlassen. Mein Wunschpaket aus vier Kommentaren, zwei Zeitschriften und zwei Handbüchern würde aus diesem Hause mit fast 80 Euro pro Monat zu Buche schlagen – und wäre damit beinahe doppelt so teuer wie der Mindestbeitrag zum berufsständischen Versorgungswerk, der ja auch jedenfalls zu zahlen ist, auch wenn in dem Monat kein Gewinn entstanden sein sollte. Und der Nachsatz: „Das sind alles Netto-Preise“ läßt diese Preispolitik in keinem besseren Licht erscheinen.

Ganz sicherlich ist Digital genauso teuer wie Print, mitunter in der Herstellung sogar teurer, denn die Plattformen müssen entwickelt, betrieben und immer weiter gepflegt werden, und das kostet mehr als bloßes Drucken und Lagerhalten. Aber die Digitalisierung führt zunehmend, was die Fachinformation angeht, zu einer Verknappung von Wissen, weil es in vielen Fällen so teuer geworden ist, daß es nur noch über Bibliotheken – und dann: vor Ort, also nur auf dem Campus – zu nutzen ist. Der eigentliche Nutzen des leichteren und jederzeitigen Zugriffs auf das Wissen wird also durch die Preise der Verlage zunichte gemacht. Zumindest für die hierzulande wirklich relevanten Medien, während nur ältere ausländische Zeitschriften per Nationallizenz flächendeckend verfügbar sind. Das Land Hessen hat schon vor vier Jahren das höherwertige wissenschaftliche Angebot Hessenrecht online durch die exorbitant teurere und deutlich schlechtere „Lösung“ Juris ersetzt. Und auch das Bundessozialgericht bietet auf seiner Website nur die jeweils letzten fünf Jahre seiner Rechtsprechung im Volltext an. Sogar die Pressemitteilungen verschwinden nach einer gewissen Frist und werden ohne Grund und ohne Not „depubliziert“. Man kann nur hoffen, daß die Datenbank auf sozialgerichtsbarkeit.de lange erhalten bleibt.

Etwas frustrierend ist, daß man es an den Ständen durchgehend mit Leuten aus den Marketingabteilungen zu tun hat. Sie sind zwar alle superfreundlich, können aber im allgemeinen technische Fragen nicht beantworten. Aus der Herstellungsabteilung ist niemand vor Ort – bzw. niemand, der sich aufs Konvertieren in E-Book-Formate verstände. Stichwort: Print on demand. Ich weiß nun zwar am Ende des Tages, daß mein nächstes Buchprojekt sagenhaft günstig sein wird, mir ist aber ebenfalls klar geworden, daß die eigentlichen Probleme jetzt nicht mehr in der Finanzierung, sondern zunehmend in der Technik der Herstellung liegen werden. Gesucht ist eine endanwendertaugliche und offen standardisierte Lösung für die Herstellung von Print- und E-Books aus derselben Quelle, die es auch am Ende eines mehrjährigen Projekts noch geben wird. Bisher waren das Formate wie Open Document oder LaTeX, die auf reinem Text aufbauten. Aber über die Schwierigkeiten mit freier Software in mehreren Zielformaten zu publizieren, hatte ich schon vor ein paar Wochen erneut geschrieben. Alles ist derzeit in Bewegung, nicht nur in den Frankfurter Hallen und drumherum.

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß der Verlag Urachhaus zum 100. Todestag im März 2014 eine kartonierte Jubiläumsausgabe der Gedichte von Christian Morgenstern in drei Bänden herausgebracht hat, die vollständig textidentisch mit der gebundenen Stuttgarter Ausgabe ist. Sie enthält also auch den Kommentar, der etwa in der Lizenzausgabe des Insel-Verlags aus dem Jahr 2003 weggelassen worden war.