Nicht nur zehn Prozent

von schneeschmelze

Das Bild, das im Forum der Frankfurter Buchmesse vom diesjährigen Gastland Brasilien gezeichnet wird, ist in mehrfacher Hinsicht einseitig und lückenhaft. Zugestehen muß man, daß es darum geht, dem Besucher der Ausstellung einen allerersten Eindruck von dem fernen Land zu vermitteln, dessen Bild in den westlichen Massenmedien vor allem mit Rio, dem Strand und dem dazugehörigen Girl von Ipanema, dem Karneval, dem Fußball und dem Amazonas geprägt ist.

Ein kurzer Film bietet eine elementare Einführung in Land und Leute und stellt die Grundlagen von Wirtschaft und Kultur vor allem anhand der Statistik und einer Collage vor. Man startet ihn, indem man sich auf eines der Fahrräder setzt, die vor den sternförmig angeordneten Bildschirmen aufgestellt wurden, und in die Pedale tritt. Der Ton kommt über einen Kopfhörer, es gibt nur eine englische Version. So fährt man sozusagen nach Brasilien – und bleibt doch ganz hier, denn das Fahrrad bewegt sich dabei ja nicht von der Stelle.

Was in diesem Szenario fehlt, sind die für uns unvorstellbare Armut und die sozialen Gegensätze, die wir uns in Europa nicht vorstellen können. An die man nur am Rande erinnert wird, wenn vor Lampedusa wieder ein Schiff mit Flüchtlingen kentert. Die soziale Frage kommt nur in einem Punkt sehr kurz zur Sprache, wenn es mit Blick auf die Literaturszene heißt, der Anteil der Analphabeten bewege sich in Brasilien bei zehn Prozent. Von den sozialen Protesten, die dort seit Juni stattfinden, erfährt der Besucher nichts. Sie wurden ausgelöst, als die Bustarife um 20 Centavos erhöht werden sollten, und sie sind gegen die ungeheuren Summen gerichtet, die in den Aufbau der Infrastruktur für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 fließen statt in soziale Zwecke. Daran dürften deutlich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung beteiligt gewesen sein.

Auch die Kolonialgeschichte und die Umstände der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens bleiben weitgehend unerwähnt. Als Portugal 1807 von napoleonischen Truppen besetzt wurde, übersiedelte der gesamte Hofstaat mit mehreren tausend Personen von Lissabon ins südamerikanische Exil und ließ sich in Rio de Janeiro nieder. Nach der Niederlage Napoleons kehrten nicht alle wieder zurück. Der Sohn des portugiesischen Königs Pedro I. setzte sich 1822 an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung, sagte sich los von seinem europäischen Mutterland und machte Brasilien zur konstitutionellen Monarchie – es ist die erste einer langen Reihe von brasilianischen Verfassungen, und es gibt bis heute kein Lehrbuch in deutscher Sprache zur allgemeinen Einführung ins brasilianische Recht. Die aktuellsten verfügbaren Einführungen in das geltende Recht in seiner ganzen Breite sind die Mitteilungen der Deutsch-Brasilianischen Juristenvereinigung.

Gelungen erscheint dagegen der Säulenwald aus nochgetürmten gummierten Blocks, von denen man sich Blätter abreißen kann, auf denen Texte von brasilianischen Schriftstellern auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch in ganz kurzen Auszügen abgedruckt sind. Der Aufbau der Säulen erinnert etwas an die Pinguine von Stephan Balkenhol aus der Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Man geht hindurch, wandert von einer Säule zur nächsten und nimmt sich ein bißchen Brasilien mit nachhause.

Einen guten bildlichen Eindruck von der Halle und von den weiteren Stücken, die dort zu sehen und zu beliegen sind (als ich ankam, waren leider alle Hängematten belegt), vermittelt Cafe Digital.