„Dürer. Deutscher Meister“ im Städel Museum Frankfurt am Main

Kunstausstellungen sind ein lukratives Geschäft geworden, schrieb Mercedes Bunz im vergangenen Sommer in ihrem Blog. Nur die Kinos seien profitabler. In Deutschland gingen derzeit mehr Menschen in Ausstellungen als ins Theater und auf den Fußballplatz. Und die meisten wollen die Werke der klassischen Moderne sehen, weshalb die Alten Meister vielfach in der Versenkung verschwänden, so etwa in Berlin. Ganz anders in Frankfurt, wo das Städel seine Alten Meister gerade zur Neueröffnung neu gehängt und dabei sogar erweitert hat. Darunter auch wichtige Werke von Albrecht Dürer, die teilweise nun auch in der großen Überblicksausstellung Dürer. Deutscher Meister gezeigt werden.

Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert muß in der Kunst ein einziger großer Aufbruch gewesen sein. Es war die Zeit der großen Entdeckungsreisen. Man könnte sagen, die Globalisierung wurde damals erfunden, alles andere, was später kam, hat das nur noch fortgesetzt und weitergetrieben. Der Vertrag von Tordesillas datiert von 1494. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern revolutionierte den Satz, das Druckwesen und die Wissenschaft. Und die Mathematik wurde für die Kunst fruchtbar gemacht, indem die Proportionen des menschlichen Körpers erstmals grundlegend beschrieben wurden. Modern ist daher, wer liest oder mit dem Zirkel die Welt vermißt. Ein Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch des porträtierten Gelehrten. Gleichzeitig sind biblische Motive weiterhin vorherrschend. Glänzende kirchliche Prachtentfaltung an ca. 100 Sonn- und Feiertagen in Prozessionen, Oster- und Totentanzspielen, klärt mich der dtv-Atlas zur Weltgeschichte über diese Zeit auf. Und die Reformation stand kurz bevor. Wissenschaftlicher Fortschritt und religiöse Reaktion.

Auch Dürer ging auf weite Reisen und ließ in dieser Zeit die Werkstatt von seiner Frau und den drei Hänsen, Hans Baldung Grien, Hans Schäufelin und Hans Süß von Kulmbach, weiterführen, um anderenorts Kontakte zu knüpfen und Geschäfte zu machen. Man stellt Dürer hier als Geschäftsmann hin, das ist das durchgängige Narrativ der Ausstellung. Ein durchaus selbstbewußter Geschäftsmann, übrigens, der sein bekanntes und noch heute modern wirkendes AD-Logo, eine Art früher Corporate Identity, im Frankfurter Heller-Altar nicht irgendwo versteckt am Rand als Signatur anbringt, wie sonst üblich, sondern der doch ganz offenbar sich selbst genau in die Mitte der inneren mittleren Tafel plaziert hat. Da steht er selbst und zeigt auf einen Text, in dem es heißt, er, Dürer, habe dies erschaffen, im Jahr 1509 vollendet. Mit anderen Worten: Entsprechende Bestellungen erbeten an das Haus Dürer in Nürnberg. Dies alles in frischen, kräftigen Farben und mit großer Kunst gemalt (übrigens wunderbar restauriert). So aufwendig hergestellt aber, daß er es nie wieder tun würde, wie er den Auftraggeber brieflich wissen ließ. Dürer verlangte sogar einen Aufpreis, wollte sich mit dem vereinbarten Festpreis nicht zufrieden geben, weil die Ausführung sehr viel mehr Arbeit gemacht habe, als vorherzusehen, und war mit dem Begehren auch erfolgreich. Am Ende des Streits mit Heller erhielt er nach Schlichtung 200 statt der ursprünglich vereinbarten 130 Gulden (Sander/Schulz, Katalog, S. 219, 222).

Licht und Schatten, Räumlichkeit, Proportionen, Landschaften. Man war viel am Experimentieren damals, und manches paßte noch nicht so recht. Aber die Ausführung ist bei allen Tafeln, die gezeigt werden, wirklich hervorragend, und die alten Bücher, die Dürer mit Holzschnitten illustrierte, sind ebenso sehenswert. So kunstvoll ausgeführt, daß man auf die vorher übliche Kolorierung verzichtete. Und man tauschte sich aus oder plagiierte sich auch gegenseitig.

Prägend war aber das Streben nach idealen Formen und Körpern, sowohl bei der Darstellung von Menschen als auch bei Landschaften. Was man hier sieht, ist kein naturalistisches Abbild, sondern nur ein Nachvollzug, geglättet, idealisiert, obgleich mit realen Vorbildern. Im Buchdruck dominiert der Goldene Schnitt den Satzspiegel, die Stege wirken auf uns heute viel zu breit und etwas merkwürdig. Auf sie wurde aber größter Wert gelegt, was man daraus erkennen kann, daß diese Einzelheiten auch auf den Bildern dargestellt werden. Und die Kunst war ein Handwerk, das man bestellte in der jeweils präferierten Werkstatt. Es war mehr Handwerk als Genie, es hatte sehr viel mehr mit Können zu tun, als man sich heute vorstellen würde.

Dürer. Deutscher Meister. Ausstellung im Städel Museum, Frankfurt am Main. Kurator: Jochen Sander. Bis 2. Februar 2014.

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5 Kommentare zu „„Dürer. Deutscher Meister“ im Städel Museum Frankfurt am Main“

  1. Vielen Dank für die wunderbare Zusammenstellung. Es war ein wenig, als hätte ich die Ausstellung ein 2. Mal erlebt. Dürer war für mich äußerst faszinierend. Zu erleben, wie er und seine Zeitgenossen sich der Natur und der Kunst genähert haben, wie fleißig sie studiert und gelernt haben, sich mit Proportionen und Perspektiven auseinanderzusetzten. Indem ich die Ausstellung erlebt und Deinen Blogeintrag gelesen habe, habe ich auch einiges gelernt. Abschließend kann ich nur sagen: Kunst muss nicht immer ästhetisch sein, aber sie darf es auch und das kann sehr wohltuend sein.
    Viele Grüße, Susann

    1. Na, hier ist er. 😉 Sozialkritik habe ich erst gestern abend auf WP:KALP eingefordert. Aber bei Dürer? Zugegeben, die Darstellung von zeitgenössischer Armut hat mir ja beim Heller-Altar auch gefehlt. Und dann hätte ich noch den staatstragenden vorletzten Raum erwähnen können, „Dürer im Dienst des Kaisers und der Fürsten“. Aber dazu hatte ich einfach keine Lust. Es ist eine wirklich sehenswerte Ausstellung. Die Werke sind wunderbar restauriert. Es hat einfach Spaß gemacht. Vielleicht kommt hier ein Fenn zum Vorschein, den Du bisher noch nicht gekannt hast? 😉

  2. Ich fand es schon sehr bemerkenswert, wie geschäftstüchtig Dürer war. Dementsprechend viele Werke gab es mit Portraits von finanzstarken Auftraggebern und weniger Armut auf den Bildern. Aber teilweise wurde zumindest auf Statussymbole verzichtet (ich weiß jetzt nicht mehr, bei welchem Monarchen mir das besonders aufgefallen war,). Aber alles in allem…ich habe die Au8sstellung, und die intensiven Farben, aber auch die Räumlichkeit der Schwarz-weiß Stiche sehr genossen und die Studien zur Proportionslehre sehr bewundert, auch wenn mir die Physiognomie teilweise (natürlich nach heutigen Gesichtspunkten) nicht so ganz realistisch erschien.

    1. Ja, absolut richtig. Maximilian I. hatte er ohne Reichsapfel dargestellt, und ihn bescheidener erscheinen zu lassen (Katalog, S. 308ff.). Und natürlich zeigen die alten Meister keine sozialkritischen Industriereportagen. 😉 Das war Klaus Staeck, der auf die Idee kam, das Porträt von Dürers alter Mutter mit der Überschrift zu versehen: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“

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