Eine riesige klaffende Wunde

von schneeschmelze

Wolfgang Michal fragt auf Carta, ob man Carta noch brauche. Beziehungsweise, wenn ich ihn richtig verstehe, ob man, über Carta hinaus, noch Plattformen brauche, die netzpolitische Themen und netzpublizistische Trends aufgreifen und vorantreiben – wo doch längst die alten Marken FAZ, ARD und Co. auch im digitalen Bereich die Führung behalten haben. Er mißt das an den Inhalten etwa des FAZ-Feuilletons und an Verlinkungen und Erwähnungen der Altmedien im Web 2.0. Auch weiterhin bezieht sich der größte Teil des Mainstreams im Web auf die Massenmedien, bezieht aus ihnen Stoffe und Debatten, läßt sich die Agenda von ihnen vorgeben und ist in keiner Weise selbst kreativ, schöpferisch am Werk, wirkt auch nicht über die eigenen Filter Bubbles hinaus in die Gesellschaft hinein.

Dabei denke ich an eine Debatte aus dem vergangenen Jahr. Es ist ziemlich genau ein Jahr her, als Thomas Knüwer vorgeschlagen hatte, angesichts des bevorstehenden Leistungsschutzrechts für Presseverleger einfach keine Beiträge aus Zeitungen mehr zu verlinken. Daran habe ich mich seitdem gehalten. Was soll ich weiter sagen? Es geht. Punkt. Ich brauche keine der von Wolfgang Michal benannten Spießerblätter zu zitieren, um mein Blog zu füllen. Das mag an meiner Art zu bloggen liegen. Das mag daran liegen, daß mich der professionelle Journalismus immer weniger interessiert und ich insoweit wählerischer geworden bin, indem ich Debatten und Themen verfolge, statt Zeitungen zu abonnieren. Was übrigens um sich gegriffen hat, wie man an den Abozahlen der besagten „Marken“ sehen kann. Da ich mich von den kommerziellen sozialen Netzwerken mittlerweile vollständig verabschiedet habe, bekomme ich schließlich auch nicht mehr mit, wie das ist, wenn Spießer als Hilfstruppe die Texte von anderen Spießern zitieren, verlinken und pushen. Das ist ausgesprochen nervenschonend, ich kann es jeder und jedem nur nachdrücklich empfehlen. Twitter oder Rivva kann, wie es sich heute darstellt, per se kein Maßstab für journalistische oder thematische Relevanz sein. Qualität finde ich dort nicht.

Und dann denke ich an den Perlentaucher, der gerade eine grundlegende Neuordnung seiner täglichen Presse- und Netzschauen vollzogen hat. Er ordnet sich genau in diesen Umschwung ein, den ich oben erwähnt habe, und gliedert seine Medienschauen nicht mehr nach den großen Feuilletons von Berliner Zeitung bis FAZ, sondern nach Themen. Nach Prozessen, die von Köpfen und durchaus auch von Netzwerken ausgehen und betrieben werden, die schwer steuerbar und weithin unverstanden sind. Also ganz im Sinne von Christoph Kappes‘ Anregung in der Diskussion zu Wolfgang Michals Beitrag.

Aber es braucht natürlich noch mehr. Vor allem sehr viel mehr Gelassenheit und Selbstbewußtsein. „Laßt doch die Massenmedien ihren Massenwahn ruhig massenfaseln und kümmert Euch um Euer Ding!“ möchte man den Machern von Carta zurufen. Einfach ignorieren. Hier geht es um eine ganz andere Zielgruppe, um einen anderen Diskurs, meinetwegen auch um einen ganz anderen Markt als der, den die Masse nur kennt. Mit dem Kuratieren und Zitieren der Blogosphäre sollte es nicht sein Bewenden haben. Ich würde mir da schon eine Art Digest vorstellen, der einordnet und hervorhebt und erzählt, der ein eigenes Narrativ hervorbringt. Die Zweitverwertung von Blogposts ist selbst nicht kreativ, die Netzlese als eine Art rein blogophärischer Perlentaucher oder ein Blog-Altpapier wäre es schon; das könnte und sollte man ausbauen.

Ein Blog wie Carta hätte – wie jedes andere Projekt auch – eine Zukunft als ein kritischer Knoten im Web, als ein Sammelpunkt für diejenigen, die nach Alternativen suchen, die einen anderen Blick auf die Dinge pflegen, als ein Ort, den der Freitag seit Augstein aufgegeben hat und den es seitdem in Print nicht mehr gibt in Deutschland. Was dabei zurückgeblieben ist, ist keine Lücke, sondern eine riesige klaffende Wunde, die dringend publizistisch versorgt werden müßte. Und dazu bräuchte es auch Carta. Freilich nur, wenn Carta dies wollte. Sonst nicht.