Sich informieren II

In loser Folge stelle ich in dieser Reihe von Blogposts Möglichkeiten vor, sich etwas kompetenter zu informieren, als es über die üblichen Massenmedien oder Nachschlagewerke möglich ist. Gesucht sind Alternativen zum journalistischen Mainstream.

Nicht unterschätzen sollte man die Newsletter, die man immer noch vielerorts abonnieren kann. Newsletter haben den Vorteil, daß sie archivierbar sind. Das unterscheidet sie etwa von RSS-Feeds. Man kann sie auch nach langer Zeit noch im eigenen Mail-Archiv im Volltext durchsuchen, ohne auf den Index einer Suchmaschine zurückgreifen zu müssen. So entsteht im Laufe der Zeit ohne eigenes Zutun ein eigenes Nachrichtenarchiv samt Weblinks das dauerhaft zur Verfügung steht.

Ein Beispiel für insoweit interessante Newsletter ist LabourNet Germany – er erscheint dreimal wöchentlich und verlinkt auf relevante politische Beiträge auf vielen Plattformen im Netz. Der Schwerpunkt liegt auf der Sozialpolitik. Auch weniger bekannte Quellen, die selten zu findende Standpunkte einnehmen, werden einbezogen.

Eine etwas andere Art der Auslandsberichterstattung bieten die Reisehinweise und Reisewarnungen der Außenministerien – mit durchaus unterschiedlichem Inhalt, je nachdem, wessen Hinweise man verfolgt. Alle bieten auch ein E-Mail-Abo für Updates an. So entsteht im Laufe der Zeit eine eigene Art von „Länderlexikon“, in dem die Gepflogenheiten in oft bereisten Ländern aus der Sicht der jeweiligen Regierungen geschildert werden. Die britische Regierung ist besonders mitteilungsfreudig, hier werden mitunter mehrere Hinweise am selben Tag versandt; es empfiehlt sich, im persönlichen Account ein wöchentliches Update einzustellen. Außerdem werden hier Länder abgedeckt, für die sich deutsche Reisende meist kaum interessieren.

Manchmal kommt das Ausland ins Inland, wodurch die üblichen Maßstäbe zurechtgerückt werden. Über menschliche Schicksale und den politischen Umgang damit berichtet der Fachpolitische Newsletter von ProAsyl. Aktuelle Probleme aus dem Ausländerrecht, die derzeitige diesbezügliche Praxis in Deutschland und in anderen Ländern, neue Urteile und Stellungnahmen, aktuelle Nachrichten gibt es monatlich per E-Mail sowie im Archiv zum Nachlesen. Sehr, sehr empfehlenswert. Punkt.

Die Reihe wird fortgesetzt.

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„Emil Nolde im Nationalsozialismus“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

„Einlaß um 18.30 Uhr!“ – Freundliches Bitten half nichts. Die Security war vielleicht etwas genervt am ersten wirklich warmen Frühlingstag in diesem Jahr und ließ uns noch ein bißchen warten, bevor wir dann um 18.37 Uhr eintreten durften.

Das Städel Museum hatte am 20. März 2014 zu einer Diskussion über „Emil Nolde im Nationalsozialismus“ eingeladen, moderiert von Florian Schwinn (hr2-kultur; siehe auch die Sendung Der Tag vom 21. März 2014 zum gleichen Thema).

Bernhard Fulda von der Universität Cambridge erstellt zurzeit gemeinsam mit seiner Frau Aya Soika im Auftrag der Emil-Nolde-Stiftung Seebüll eine „größere Studie zu Emil Nolde und dem Nationalsozialismus“ und berichtete über den aktuellen Stand seiner Forschung. Die Briefe Emil Noldes und seiner Frau Ada, die bisher gesichtet worden seien, dokumentieren die nationalsozialistische Einstellung der Noldes, die auch durch die Zurückweisung durch das Regime unverändert geblieben war. Trotzdem wurde Nolde nach dem Krieg als Widerständler dargestellt, was völlig neben der Sache lag. Das Einkommen der Noldes bewegte sich während des Dritten Reichs durchweg auf hohem Niveau. Sie hätten ganz sicherlich „zum oberen einen Prozent der bestbezahlten Künstler“ in Deutschland gehört. Auch während des Kriegs hätten sie weiterhin hohe Miet- und Pachteinnahmen erzielt. Das nach dem Krieg so genannte „Malverbot“ habe zu keiner Zeit gegriffen. Auch nach dem Ausspruch des Berufsverbots habe er weiterhin gemalt und auch Bilder in Öl übertragen und verkauft. Seine Autobiographie habe er nachträglich frisiert, und auch die von der Nolde-Stiftung herausgegebenen Schriften wurden geschönt, um ein opportunes Bild des Künstlers erscheinen zu lassen.

In der folgenden Diskussion beschäftigten sich neben Fulda der Kurator der derzeit im Städel gezeigten Nolde-Retrospektive Felix Krämer und der Kulturredakteur Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk mit der Frage, wie es zu alledem kommen konnte. „Warum eigentlich dieser Nolde“ als Maler der neu gegründeten Bundesrepublik, mit dem sich bis heute auch Politiker schmücken? Der Erfolg gehe zumindest auch darauf zurück, daß seine „verträglichen Bilder“ von Blumen und Landschaften den Sehgewohnheiten des 19. Jahrhunderts entsprächen, daß sie „leicht konsumierbar“ und „wahnsinnig ästhetisch“ seien, meinte Krämer. Dem alten Mann Nolde, der 1947 achtzig Jahre alt geworden war, habe man nichts Schlechtes mehr nachsagen wollen. Hanns Theodor Flemming habe ihn, so Fulda, schon 1946 in dem Bericht über seinen „Besuch bei Nolde“ verklärt, als jemand, der in einem kleinen, abgelegenen Zimmer seine „ungemalten Bilder“ gemalt habe – verfolgt, verfemt, ein Opfer. Interessant auch Krämers Hinweis auf die bis heute kaum erfolgte Auseinandersetzung mit der NS-Kunst. Noldes Malstil sei in seiner Zeit nicht so gewagt gewesen, wie es heute erscheint. Es wäre durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen, daß sich seine Richtung durchgesetzt hätte und heute als die präferierte Malerei der Nazis gesehen werden müßte. Letztlich, so Koldehoff, sei zu fragen, wem der Hype um Nolde nach dem Krieg genützt habe? Mythen habe es in der Kunst immer wieder gegeben. Wessen Sammlung aber habe von alledem am meisten profitiert, wer sei der größte Nutznießer gewesen, cui bono?

Obwohl vieles von dem, worum es an diesem Abend ging, schon bekannt war: Das Narrativ zu Nolde ist an einem Wendepunkt angekommen, das neue Bild, das sich abzeichnet, entsteht aber erst, es ist noch nicht vollständig entwickelt. Es wird noch mehrere Jahre dauern, bis die Korrespondenz der Noldes gesichtet und ihre Netzwerke soweit wie möglich rekonstruiert sein werden. Die Studien hierzu sind noch ziemlich am Anfang. Unter diesen Umständen war meine Kritik, die Ansätze aus den neueren Arbeiten hätten schon in der aktuellen Frankfurter Nolde-Retrospektive vorgestellt werden sollen, wohl doch verfrüht. Zuviel ist derzeit noch unfertig. Wahrscheinlich war es doch die intelligentere Lösung, das Werk Noldes möglichst vollständig und neutral zu präsentieren und die Aufklärung um die neuen Ansätze seiner Rezeption in das Begleitprogramm zu verlegen. Und dazu einzuladen, sich angesichts dessen selbst ein (neues?) Bild von Noldes Werk zu machen.

Für den 3. April wurde die nächste Veranstaltung in der Reihe des Städel Museums angekündigt. Indina Woesthoff spricht zum Thema „Emil Nolde und Die Brücke“.

Ein Spiel mit verteilten Rollen II

Im Deutschlandfunk ist mittlerweile die Rede vom „Anschluß der Krim an Rußland“. Angesichts der historischen Bedeutung des Begriffs „Anschluß“ ist das eine fatale und äußerst problematische Wortwahl, die in der schwer überschaubaren Entwicklung eine ideologische Schieflage zutage fördert, die der kritischen Überprüfung bedarf. Zu weiteren Auffälligkeiten in der Berichterstattung der bundesdeutschen Medien siehe Albrecht Müllers Anmerkungen in den NachDenkSeiten vom 15. März 2014.

A passport to polite society

Das, wie man bisweilen im Jargon sagt, „ausgewürfelte“ Strafmaß für den H ist natürlich viel zu niedrig angesetzt worden: Etwa ein Jahr pro 10 Millionen hinterzogene Euro. Abzüglich „guter Führung“ usw. wird das auf eineinhalb Jahre Haft hinauslaufen, schätze ich jetzt einfach mal so. Und das ist einfach zu wenig für soviel kriminelle Energie, wie der H sie hatte.

Der Vergleich mit dem jugendlichen Schwarzfahrer, der im Alter von 16 Jahren zu 2 Jahren und 10 Monaten Haft verurteilt worden ist, erinnert mich an meine Zeit als Referendar beim Jugendrichter: Je besser der Angeklagte integriert war, je besser seine soziale Herkunft, desto niedriger fiel das Strafmaß aus. Und wer wäre besser sozial integriert als er, der H? Es gibt einen eigenen Wirtschaftszweig, der Dienstleistungen für solche Leute anbietet, und money, wußte schon Ambrose Bierce im „Wörterbuch des Teufels“, ist ein passport to polite society. Das wird ihn auch die nächsten Jahre erträglich gestalten lassen.

Und danach? Wird er resozialisiert, der H. Mit Sozialarbeiter und allem, was dazugehört. – Echt?

Und doch. Erinnert sei noch einmal an das Bild von Al Capones Zelle im Gefängnis von Philadelphia (Pennsylvania). Nach dem Abendessen habe er gerne Walzer gehört, heißt es. Ein denkwürdiges Photo:

Al Capone's Cell In Eastern State Penitentiary

Zuerst als Kommentar in Giesbert Damaschkes „Notizen“, 14. Dezember 2014. Leicht redigiert und ergänzt. – Bild von Mike Graham aus Portland, USA (Flickr) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons.

„Emil Nolde. Retrospektive“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Kann man Emil Noldes Bilder „unpolitisch“ betrachten? Kann man die Blumenbeete und die Seelandschaften als das sehen, was sie sind, ohne ihren „nordischen“ und „deutschen“ Gehalt mit einzubeziehen, der sie von „französischen Einflüssen abgrenzen“ sollte (Katalog, S. 47)?

Man kann, aber man sollte es nicht tun. Man kann sich einfangen lassen vom Blumenmeer und den pastos aufgetragenen leuchtenden, frischen Farben, aber man sollte darüber nicht vergessen, daß der Maler dieser Bilder mitten im nationalsozialistischen deutschen Mainstream mitzuschwimmen versuchte, obwohl er vom NS-Apparat nicht angenommen wurde. Die Einnahmen, die er aus seiner Arbeit erzielte, waren auffällig hoch. Im August 1941 erfolgte der Ausschluß aus der Reichskammer der bildenden Künste und das Verbot „auf dem Gebiet der bildenden Künste“ sich weiterhin beruflich zu betätigen (Faksimile, Katalog, S. 44). Die „ungemalten Bilder“ – gut 1300 kleinformatige Aquarelle, von denen einige in der Ausstellung, die das Städel Museum derzeit zeigt, in einem abgedunkelten Raum mit Spots auf die Werke vielleicht etwas zu sehr in Szene gesetzt werden – wurden gleichwohl sehr bald in Öl übertragen und – verkauft. Die Malutensilien hatten Freunde beschafft, und die Geschäfte gingen gut.

Schon 1988 hatte Walter Jens seinen Sitz im Kuratorium der Nolde Stiftung Seebüll niedergelegt und dies mit der „‚skandalösen Edition‘ der Nolde-Schriften“ begründet (Die Zeit, Nr. 42/2013), in denen Schönungen, die Nolde selbst an seiner Biographie nach dem Krieg aus Opportunitätsgründen vorgenommen hatte, nicht kenntlich gemacht worden waren. Die Stiftung hatte diesen Schein, der schon unmittelbar nach seinem Tod (vgl. nur den Nachruf in: Die Zeit, Nr. 17/1956) aufgebaut worden war, zu erhalten gesucht. Nolde, der unpolitische Blumenmaler, verfolgt, verboten, als „entartet“ ausgestellt. „Die Zeit nach dem Kriege hat manches wiedergutgemacht“, schrieb Carl Georg Heise damals unter der Überschrift „Nolde zum Gedächtnis“.

Erst der vor kurzem vollzogene Wechsel in der Leitung der Nolde Stiftung habe es möglich gemacht, auch offiziell einen neuen Blick auf den Maler zu eröffnen. Alle Karten müßten nun auf den Tisch, Tabus dürfe es nicht mehr geben, wurde der neue Direktor der Stiftung Christian Ring von Stefan Koldehoff 2013 in der Zeit zitiert (Nr. 42/2013). Die Stiftung hat eine Studie in Auftrag gegeben über Noldes Verhältnis zu den Nationalsozialisten, und ein Kapitel, das Aya Soika und Bernhard Fulda für den Ausstellungskatalog geschrieben haben (S. 44–55) präsentiert erste Ergebnisse. Demnächst wird es also noch mehr zu lesen geben.

Die Schönheit der Blumen und der meisten Seestücke ist wirklich, viele der 140 Werke sprechen unmittelbar den Zauber an, der im Betrachter liegt, aber diese Schönheit ist „ambivalent“ – ein Wort, das aus der Pressekonferenz in Erinnerung bleibt. Ist diese Schönheit auch vergiftet? Jedenfalls trägt sie den Muff und die Enge in sich, die für das Nachkriegsdeutschland typisch waren. Wenn man Nolde als Opportunist bezeichnen würde, wäre es zu kurz gegriffen und mehr als eine Verharmlosung, es wäre völlig falsch, denn er hat auch den Maler Max Pechstein im Oktober 1933 wegen dessen Namen als Jude denunziert und den Kunsthändler Paul Cassirer als „Cassierer“ verspottet (Katalog, S. 46, 48). Andererseits war sein Verhalten wahrscheinlich ziemlich normal in seiner Zeit. Im nachhinein scheint es einfach: Ein Land voller Mitläufer hat seinen Maler gefunden. Und auch Angela Merkel habe schließlich zwei Bilder Noldes im Bundeskanzleramt aufhängen lassen, erfuhr man bei der Gelegenheit (Katalog, S. 31). Nolde ist mehrheitsfähig, bis heute, und zugleich ein Stein des Anstoßes. Das Schöne – „nichts als des Schrecklichen Anfang“? Kann man das ertragen? Die meisten können es, und natürlich haben die Werke einen hohen künstlerischen Rang. Aber.

Das Städel Museum und die Nolde Stiftung sind gegenüber der Presse zurückhaltend mit alledem umgegangen, obwohl das Thema nach den Vorberichten auf der Hand lag und obwohl angekündigt worden war, Kurator Felix Krämer wolle „Mythen, die Nolde selbst gestrickt hatte und die eifrig weitergereicht wurden, zurechtrücken“ (art kaleidoscope Nr. 1/2014, S. 14–17, 15). Hierzu hätte man sich mehr Neues gewünscht, aber weder das Pressematerial noch die Wandtexte geben etwas zu dieser Lesart her, dazu sind die wenigen Bezugnahmen darin zu knapp gefaßt.

Auch wenn 90 der gezeigten Bilder während der Zeit des (von Nolde selbst so bezeichneten) „Malverbots“ entstanden waren (FAZ, 5. März 2013): Ein eigener Raum nur zu Noldes Rolle im Dritten Reich wäre angemessen gewesen, über die Anbiederung und die Zurückweisung, über Täterschaft und Zwiespalt, über die Verklärung nach 1945, mit Dokumenten und weiteren Zeugnissen. Zuviel bleibt für den durchschnittlichen Besucher ungesagt, müßte er selbst rekonstruieren, wo es doch eigentlich darum gehen sollte, Nolde in dieser Schau ganz offen und gründlich zu dekonstruieren. Man kann die Ausstellung aber besuchen und sich weitgehend dem Rausch der Farben und der Motive hingeben, sie ist, in diesem Sinne, durchaus konsumierbar. In Erinnerung bleibt, daß Nolde in der „Entarteten Kunst“ mit ausgestellt worden war – und es sind so schöne Bilder.

Auch der Ausstellungsfilm verschweigt diesen Aspekt. Darin heißt es, man zeige auch die religiösen Bilder, auch die Berliner Großstadtszenen, die Bilder von der Südseereise, auch das Frühwerk. Richtig. Doch erst der Katalog bietet tiefere Einblicke in die neuere Nolde-Forschung (Deutschlandfunk, Kultur heute, 5. März 2013). Die meisten Besucher werden ihn nicht lesen. Weitere Veröffentlichungen hierzu gibt es bisher nur in Fachzeitschriften (Kunstchronik 2012, 265–270). Hat die Veranstalter hier allzu früh der Mut verlassen, die Erwartungen des Publikums vor Ort ganz offen zu brechen?

Immerhin: Das Blog des Städel empfiehlt zum Beginn der Ausstellung Kirsten Jünglings neue Nolde-Biographie „Die Farben sind meine Noten“, aus der die kritischen Feuilleton-Autoren derzeit alle schöpfen. Gut so.

Emil Nolde. Retrospektive. Städel Museum. Frankfurt am Main. Bis 15. Juni 2014. Der Katalog zur Ausstellung ist im Prestel-Verlag erschienen. – Bilder von Emil Nolde sämtlich: Emil Nolde Stiftung Seebüll. Eigenes Photo aus der Austellung mit freundlicher Erlaubnis des Städel Museums während der Pressevorbesichtigung erstellt. Das Photo steht – anders als der Text – nicht unter Creative-Commons-Lizenz und darf nicht weiterverwendet werden.

Weiterhin Kritik an der Onleihe

Dörte Böhner greift dankenswerterweise das fortbestehende Unbehagen an der Onleihe wieder auf. Mein erster Beitrag zur Onleihe aus dem Jahr 2009 gehört mittlerweile sozusagen zur Backlist der schneeschmelze – der Text läuft und läuft und läuft, er wird auch heute noch ständig abgerufen. Und es hat sich ja auch nichts geändert seit der Zeit.

Dörte Böhner faßt eine Diskussion unter Bibliothekaren zusammen, die sich auf Facebook zugetragen hat. Das heißt, sie befreit die dortigen Inhalte aus dem Walled Garden Facebook und bringt sie ins freie Internet, was an sich schon einmal sehr verdienstvoll ist. Mir ist weiterhin unverständlich, daß sich Leute in die Abgeschiedenheit eines hochkontrollierten kommerziellen Netzwerks begeben, um solche Dinge zu diskutieren, die alle angehen.

In der Diskussion wird die Kritik an der Onleihe resümiert, dabei wird aber sehr schnell deutlich, daß es hier eigentlich um eine sehr grundlegende Verunsicherung der Bibliothekare geht:

  • Die Bibliothek, die die Onleihe anbietet, verleiht „im Prinzip gar nichts“ und „unterstützt ein furchtbares Verwertungsmodell“, um „wenigstens ein Angebot machen“ zu können für den Online-Bereich.
  • „Bibliotheken und die in ihnen Beschäftigten agieren zum großen Teil völlig apolitisch. Eine Haltung, die nachhaltig Schaden anrichten wird.“
  • Durch den Einsatz der Onleihe wird „einer kleinen Gruppe von Unternehmen“ die Möglichkeit eröffnet, „letztlich das Bibliothekswesen zu ‚kontrollieren‘“.
  • Die Versprechen „Bibliotheken sind hipp“ und „24/7 wird nicht gehalten“, weil die Onleihe eben nicht jederzeit für jeden verfügbar ist. Die künstliche Verknappung der Inhalte durch DRM führt zur Frustration, denn Vormerkungen nehmen weiterhin viel Zeit in Anspruch.
  • Durch die Empfehlungen von Bibliotheksverbänden zugunsten der Onleihe werden deren Wettbewerber – genannt wird Ciando – faktisch ausgeschlossen. An Alternativen zu denken, gerate zur „Nestbeschmutzerei“.
  • Und grundsätzlicher: „Letztlich müssen wir uns fragen, was vom Konzept der öffentlichen Bibliotheken zukunftsfähig ist und was nicht. Wenn der Verleih von Medien zu einem Geschäftsmodell privatwirtschaftlicher Unternehmen wird, was bedeutet das dann für Bibliotheken?“ Das bloße Kuratieren von Inhalten über den eigenen Bestand sei auf Dauer nicht mehr tragfähig, denn es gebe zu viele Inhalte.

Alternativen werden dringend gebraucht. Der faktische Monopolist Onleihe wirkt sich nachteilig auf das Bibliothekswesen in Deutschland aus.

Eine Lösung wären m.E. Nationallizenzen, die aus einer Kulturflatrate finanziert werden und die den freien Download für alle Bibliotheksbenutzer ermöglichen. Auf Plattformen, die von den Bibliotheken selbst betrieben werden.

Klar ist: Bücher sind ein Kulturgut, und die öffentlichen Bibliotheken müssen weiterhin eine Grundversorgung bereitstellen. Das gilt auch für den digitalen Bereich. Das neoliberale Modell der Public-Private-Partnership kann keine Lösung sein, weil sie all das nicht berücksichtigt und auch die Technik weiterhin nicht auf allen Plattformen und Endgeräten funktioniert.

Es gibt nur einen erfolgversprechenden und anzustrebenden Weg: Kultur ist ein öffentliches Gut, kein Business. Sie muß aus der Hand der Firmen befreit und jedermann zur Verfügung gestellt werden. Hier sind wichtige Korrekturen nötig. Die kommerzielle Lösung hat sich dauerhaft nicht als gangbar erwiesen.