Auf der Flucht vor sich selbst

von schneeschmelze

Das fing ja schon viel früher an. Mit den Dystopien von George Orwell und Aldous Huxley, die jedem geläufig sind, aber die Stasi war doch gestern. Überwachung? Kontrolle bis in die private Wohnung hinein? Und der andere prophezeite, es werde Soma geben, Pillen für alle, damit keiner mehr unglücklich ein muß.

Dann kamen die 1980er Jahre, und im Fernsehen gab es eine Sendung nach der anderen über die „Neuen Medien“ – das waren damals Bildschirmtext und Kabelfernsehen. Und der Staat versuchte, eine Volkszählung durchzuführen, wie es sie noch nicht gegeben hatte. Bis zum Bundesverfassungsgericht mußten sie gehen, um das zu unterbinden. Gezählt wurde dann trotzdem, ein paar Jahre später und nicht ganz so wie vorgesehen, aber es wurde gezählt. Und immer noch mit viel Widerstand. Mein Biologie-Lehrer hatte damals die Kennummern, die er von seinen Volkszählungsbögen abgeschnitten hatte, bevor er sie abgab, in seinem Portemonnaie dabei. Denn natürlich hatte man die Wahl: Wer sich nicht totalerfassen lassen wollte, leistete Widerstand und zahlte ein Bußgeld. Und im Gemeinschaftskundeunterricht diskutierten wir darüber, daß es mit dem Kabelfernsehen jetzt möglich geworden ist, gezielt Programme nur für bestimmte Städte oder gar Stadtteile einzuspeisen, während das früher mit der Ausstrahlung für ganze Landesteile, die auch in angrenzenden Gebieten noch aufgenommen wurden, ganz sicherlich eher aufgefallen wäre. Und Prozac kam ganz groß raus.

Dann kam längere Zeit nicht viel Neues. Und dann kam das Handy. Groß und teuer, dann rasch immer kleiner und billiger. Es war auch bekannt, daß jeder, der so ein Gerät dabei hat, geortet werden kann. Daß derjenige, der die entsprechenden Daten hat und aufhebt, später ein Bewegungsprofil erstellen kann, das ziemlich genau widergibt, wohin man sich wie begeben hatte an einem Tag.

Etwas später kam dann das Plastikgeld auch in den Supermärkten und an den Tankstellen an. Nicht nur die Kreditkarte, sondern die EC-Karten nahmen sie. Es war wohl so um das Jahr 2000 herum – oder doch schon früher? –, als die Autowerkstatt den Euroscheck nicht mehr haben wollte und um eine Kartenzahlung bat. Etwa seit der Zeit fragen sie bei Peek und Cloppenburg auch immer, ob ich eine Kundenkarte hätte oder gerne bekommen würde.

Und die E-Mail verbreitete sich immer mehr. Überhaupt das Internet, wo man alles abrufen kann. Manchmal gibt es Nachrichten von Abmahnungen, weil der eine oder der andere etwas abgerufen hatte, was er besser nicht abgerufen hätte.

Natürlich gab es auch in den Bibliotheken Neues: In den Fachbereichsbibliotheken wurde die Ausleihe auf Selbstbedienung umgestellt. Man kam gar nicht mehr auf die Idee, hier noch Mitarbeiter einzustellen. Auch die Jahresgebühr kassiert jetzt ein Automat. Und natürlich hat die Bibliothek auch einen Facebook-Account. Den ich schon 2010 wieder geschlossen hatte.

Wohl zuletzt hat nun der örtliche Verkehrsverbund ein E-Ticket eingeführt: Der Fahrpreis im ÖPNV soll mit einem Smartphone von Punkt zu Punkt vermerkt und dann über den Telefonbetreiber eingezogen werden. Scheint aber nicht so richtig voranzukommen, denn die Stammkunden haben Zeitkarten, und den anderen ist das alles schon heute zu kompliziert. Als die neuen Fahrkartenautomaten mit Touchscreen eingeführt wurden, haben sie einen Mitarbeiter dazugestellt, um es den Leuten zu erklären. Die Dinger funktionieren übrigens bis heute nicht richtig; die Benennung der Stationen ist nicht kanonisch ausgeführt, und es gibt keine Suchfunktion. Deshalb erinnern sie mich immer etwas an die computergesteuerten Getränkeautomaten, die in den 1980er Jahren an unserer Schule eingeführt worden waren. Man wußte nie, ob am Ende auch das herauskommen würde, was man gewählt hatte. Deshalb nannten wir sie damals etwas despektierlich „Captain-Future-Automaten“.

Überhaupt war die Einstellung gegenüber Computern und Technik eine ganz andere als heute. Man konnte das alles nicht wirklich ernst nehmen. Einen guten Eindruck davon vermittelt die Darstellung von Computern in der Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, wo „Eddy, Euer Bordcomputer“ und die sich höflich automatisch schließenden Türen allen irgendwie auf die Neven gehen. Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen. Zehn Jahre vorher hatte Joseph Weizenbaum sein Buch über die „Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ geschrieben – bei Suhrkamp.

Trotzdem: Wer heute Online-Banking ablehnt und sich gegen Online-Wahlen ausspricht, bei einem Verein gar, der irgendwie etwas mit Internet zu tun hat, wird Stirnrunzeln und Skepsis ernten. Ein Ewiggestriger, aha. Und Kartenzahlungen sind doch so praktisch. Und Bargeld, wer braucht das denn noch, für Kleinbeträge gibt es Paypal. Oder man flattert mal ein bißchen. Fast alle laufen heute mit Smartphones herum. Und finden nichts dabei, nicht nur auf diese Weise ihren Tagesablauf digital zu dokumentieren, sondern sogar noch für einen zweiten Internetzugang zu zahlen, der genausoviel kostet wie der erste.

Im Perlentaucher stand nun, der 1929 geborene Hans Magnus Enzensberger habe in der FAZ vom Wochenende was gegen Smartphones geschrieben. „Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg“, habe er geschrieben. Und sogar noch viel mehr in dieser Richtung. „Online-Banking ist ein Segen, aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle“, heißt es da weiter. Und: „Netzwerke wie Facebook nennen sich ‚sozial‘, obwohl sie ihren Ehrgeiz daransetzen, ihre Kundschaft so asozial wie möglich zu behandeln. Wer solche Freunde haben will, dem ist nicht zu helfen.“

Enzensberger hat natürlich Recht. Und natürlich ist es ein großes Problem, wenn man bemerkt, daß es für diese vernünftige Position des digitalen Boykotts keine Mehrheiten mehr geben wird. Dank Snowden und Guardian wissen heute alle, daß es Überwachung gibt, welches Ausmaß sie hat, daß ein Datenschutz, der den Namen verdient, so gut wie nicht existiert, und daß dagegen nur digitale Abstinenz hilft. Ein kritischer und bewußter Umgang mit alledem, also ein kompetenter Umgang. Aber das wird keine mehrheitsfähige Position mehr sein in einer Gesellschaft, in der die Zeitungslektüre in der S-Bahn durch ein Smartphone mit WhatsApp ersetzt worden ist und in der jeder, der Enzensbergers kritischem und aufgeklärtem Standpunkt zustimmt, als altmodisch geächtet und abgestempelt wird. Als nächstes kommen jetzt die E-Books hinzu, natürlich mit minutiöser Kontrolle der Lesegewohnheiten durch die Portalbetreiber, die damit bis ins Privateste hinein schnüffeln können. Und von einer „Veröffentlichung“ kann bei DRM-verschlüsselten E-Books auch keine Rede mehr sein. Die Dateien sind nur solange lesbar, wie es das Portal erlaubt. Einen Zweitmarkt, ein Antiquariat wird es nicht mehr geben.

Die Zuwendung zum Smartphone und zum Tablet ist auch eine Flucht vor sich selbst. Aus dem Hier und Jetzt heraus, in die virtuelle und biedermeierliche Kunstwelt des Netzes hinein, wo ich mit meinem Überwacher allein und trotzdem mittendrin bin.

Auf die Frage, was ihn an den Geräten heute am meisten störe, antwortet der technisch versierte Interviewpartner im Deutschlandfunk: Die Batterien seien so schnell leer. Da müsse man noch was tun. Dem Mann kann geholfen werden.