„Emil Nolde. Retrospektive“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

von schneeschmelze

Kann man Emil Noldes Bilder „unpolitisch“ betrachten? Kann man die Blumenbeete und die Seelandschaften als das sehen, was sie sind, ohne ihren „nordischen“ und „deutschen“ Gehalt mit einzubeziehen, der sie von „französischen Einflüssen abgrenzen“ sollte (Katalog, S. 47)?

Man kann, aber man sollte es nicht tun. Man kann sich einfangen lassen vom Blumenmeer und den pastos aufgetragenen leuchtenden, frischen Farben, aber man sollte darüber nicht vergessen, daß der Maler dieser Bilder mitten im nationalsozialistischen deutschen Mainstream mitzuschwimmen versuchte, obwohl er vom NS-Apparat nicht angenommen wurde. Die Einnahmen, die er aus seiner Arbeit erzielte, waren auffällig hoch. Im August 1941 erfolgte der Ausschluß aus der Reichskammer der bildenden Künste und das Verbot „auf dem Gebiet der bildenden Künste“ sich weiterhin beruflich zu betätigen (Faksimile, Katalog, S. 44). Die „ungemalten Bilder“ – gut 1300 kleinformatige Aquarelle, von denen einige in der Ausstellung, die das Städel Museum derzeit zeigt, in einem abgedunkelten Raum mit Spots auf die Werke vielleicht etwas zu sehr in Szene gesetzt werden – wurden gleichwohl sehr bald in Öl übertragen und – verkauft. Die Malutensilien hatten Freunde beschafft, und die Geschäfte gingen gut.

Schon 1988 hatte Walter Jens seinen Sitz im Kuratorium der Nolde Stiftung Seebüll niedergelegt und dies mit der „‚skandalösen Edition‘ der Nolde-Schriften“ begründet (Die Zeit, Nr. 42/2013), in denen Schönungen, die Nolde selbst an seiner Biographie nach dem Krieg aus Opportunitätsgründen vorgenommen hatte, nicht kenntlich gemacht worden waren. Die Stiftung hatte diesen Schein, der schon unmittelbar nach seinem Tod (vgl. nur den Nachruf in: Die Zeit, Nr. 17/1956) aufgebaut worden war, zu erhalten gesucht. Nolde, der unpolitische Blumenmaler, verfolgt, verboten, als „entartet“ ausgestellt. „Die Zeit nach dem Kriege hat manches wiedergutgemacht“, schrieb Carl Georg Heise damals unter der Überschrift „Nolde zum Gedächtnis“.

Erst der vor kurzem vollzogene Wechsel in der Leitung der Nolde Stiftung habe es möglich gemacht, auch offiziell einen neuen Blick auf den Maler zu eröffnen. Alle Karten müßten nun auf den Tisch, Tabus dürfe es nicht mehr geben, wurde der neue Direktor der Stiftung Christian Ring von Stefan Koldehoff 2013 in der Zeit zitiert (Nr. 42/2013). Die Stiftung hat eine Studie in Auftrag gegeben über Noldes Verhältnis zu den Nationalsozialisten, und ein Kapitel, das Aya Soika und Bernhard Fulda für den Ausstellungskatalog geschrieben haben (S. 44–55) präsentiert erste Ergebnisse. Demnächst wird es also noch mehr zu lesen geben.

Die Schönheit der Blumen und der meisten Seestücke ist wirklich, viele der 140 Werke sprechen unmittelbar den Zauber an, der im Betrachter liegt, aber diese Schönheit ist „ambivalent“ – ein Wort, das aus der Pressekonferenz in Erinnerung bleibt. Ist diese Schönheit auch vergiftet? Jedenfalls trägt sie den Muff und die Enge in sich, die für das Nachkriegsdeutschland typisch waren. Wenn man Nolde als Opportunist bezeichnen würde, wäre es zu kurz gegriffen und mehr als eine Verharmlosung, es wäre völlig falsch, denn er hat auch den Maler Max Pechstein im Oktober 1933 wegen dessen Namen als Jude denunziert und den Kunsthändler Paul Cassirer als „Cassierer“ verspottet (Katalog, S. 46, 48). Andererseits war sein Verhalten wahrscheinlich ziemlich normal in seiner Zeit. Im nachhinein scheint es einfach: Ein Land voller Mitläufer hat seinen Maler gefunden. Und auch Angela Merkel habe schließlich zwei Bilder Noldes im Bundeskanzleramt aufhängen lassen, erfuhr man bei der Gelegenheit (Katalog, S. 31). Nolde ist mehrheitsfähig, bis heute, und zugleich ein Stein des Anstoßes. Das Schöne – „nichts als des Schrecklichen Anfang“? Kann man das ertragen? Die meisten können es, und natürlich haben die Werke einen hohen künstlerischen Rang. Aber.

Das Städel Museum und die Nolde Stiftung sind gegenüber der Presse zurückhaltend mit alledem umgegangen, obwohl das Thema nach den Vorberichten auf der Hand lag und obwohl angekündigt worden war, Kurator Felix Krämer wolle „Mythen, die Nolde selbst gestrickt hatte und die eifrig weitergereicht wurden, zurechtrücken“ (art kaleidoscope Nr. 1/2014, S. 14–17, 15). Hierzu hätte man sich mehr Neues gewünscht, aber weder das Pressematerial noch die Wandtexte geben etwas zu dieser Lesart her, dazu sind die wenigen Bezugnahmen darin zu knapp gefaßt.

Auch wenn 90 der gezeigten Bilder während der Zeit des (von Nolde selbst so bezeichneten) „Malverbots“ entstanden waren (FAZ, 5. März 2013): Ein eigener Raum nur zu Noldes Rolle im Dritten Reich wäre angemessen gewesen, über die Anbiederung und die Zurückweisung, über Täterschaft und Zwiespalt, über die Verklärung nach 1945, mit Dokumenten und weiteren Zeugnissen. Zuviel bleibt für den durchschnittlichen Besucher ungesagt, müßte er selbst rekonstruieren, wo es doch eigentlich darum gehen sollte, Nolde in dieser Schau ganz offen und gründlich zu dekonstruieren. Man kann die Ausstellung aber besuchen und sich weitgehend dem Rausch der Farben und der Motive hingeben, sie ist, in diesem Sinne, durchaus konsumierbar. In Erinnerung bleibt, daß Nolde in der „Entarteten Kunst“ mit ausgestellt worden war – und es sind so schöne Bilder.

Auch der Ausstellungsfilm verschweigt diesen Aspekt. Darin heißt es, man zeige auch die religiösen Bilder, auch die Berliner Großstadtszenen, die Bilder von der Südseereise, auch das Frühwerk. Richtig. Doch erst der Katalog bietet tiefere Einblicke in die neuere Nolde-Forschung (Deutschlandfunk, Kultur heute, 5. März 2013). Die meisten Besucher werden ihn nicht lesen. Weitere Veröffentlichungen hierzu gibt es bisher nur in Fachzeitschriften (Kunstchronik 2012, 265–270). Hat die Veranstalter hier allzu früh der Mut verlassen, die Erwartungen des Publikums vor Ort ganz offen zu brechen?

Immerhin: Das Blog des Städel empfiehlt zum Beginn der Ausstellung Kirsten Jünglings neue Nolde-Biographie „Die Farben sind meine Noten“, aus der die kritischen Feuilleton-Autoren derzeit alle schöpfen. Gut so.

Emil Nolde. Retrospektive. Städel Museum. Frankfurt am Main. Bis 15. Juni 2014. Der Katalog zur Ausstellung ist im Prestel-Verlag erschienen. – Bilder von Emil Nolde sämtlich: Emil Nolde Stiftung Seebüll. Eigenes Photo aus der Austellung mit freundlicher Erlaubnis des Städel Museums während der Pressevorbesichtigung erstellt. Das Photo steht – anders als der Text – nicht unter Creative-Commons-Lizenz und darf nicht weiterverwendet werden.