Wikipedia-Maschinenraum an Elfenbeinturm

von schneeschmelze

Ein kurzer Zwischenruf aus dem Maschinenraum in Richtung Elfenbeinturm ist angezeigt.

Über Archivalia erfahre ich, daß Thomas Wozniak von der Universität Marburg nebenan im Mittelalter-Blog auf hypotheses.org vorgeschlagen hat, Wikipedia-Artikel in wissenschaftlichen Arbeiten zu zitieren, wenn ihr „Hauptautor“ zu ermitteln wäre.

Der Blogpost war angeregt worden durch ein neues Tool, das Benutzer APPER vor ein paar Wochen bereitgestellt hatte. Das Skript WikiHistory wertet die Versionsgeschichte von Wikipedia-Artikeln aus und erlaubt daher Angaben über die mengenmäßigen Anteile, die die jeweiligen Autoren zu der letzten Version des Texts beigetragen haben. Man kann dieses Skript im eigenen Benutzernamensraum durch schlichten Eintrag in die eigene common.js aktivieren. Das JavaScript blendet dann oberhalb eines Artikels die jeweiligen statistischen Angaben ein. Wer es ausführlicher haben möchte, sei auf die entsprechende Version auf WMFLabs verwiesen.

Was ist dazu zu sagen? Zunächst zu WikiHistory: Für mich als Wikipedia-Autor ist WikiHistory eine wertvolle und überfällige Lösung, die es mir erlaubt, schnell zu überblicken, welche Kolleginnen und Kollegen an einem bestehenden Artikel bereits gearbeitet haben – im positiven wie im negativen Sinne. Pessimistisch gewendet, kann man damit potentiellen Problembären – das heißt: Konflikten – aus dem Weg gehen, optimistisch gesehen kann man aus der Autorschaft Rückschlüsse auf die Qualität des Artikels ziehen, wenn man darüber informiert ist, wie die bisherigen Autoren sonst in Erscheinung getreten sind. Dafür konnte man bisher auf eine ähnliche Auswertung auf dem Portal Wikibu zurückgreifen, wo ebenfalls die wichtigsten Autoren eines Artikels angezeigt wurden, aber eben sehr viel kruder. Einem Nur-Leser von Wikipedia, der über die Autorengemeinde nicht so gut im Bilde ist, werden die Prozentzahlen dagegen insoweit kaum weiterhelfen, ihm erleichtert das Tool lediglich die überschlägige Abschätzung der Angaben in der Versionsgeschichte des Artikels. Im übrigen bewertet das Werkzeug nur den Anteil der Textmenge in Bytes gemessen. Qualitative Aussagen über die redaktionelle Leistung von Autoren, über die Lesbarkeit des Texts usw. bleiben außen vor.

Kann dieses Tool nun für die Zitierfähigkeit von Artikeln fruchtbar gemacht werden? Dazu sollte man zwei Aspekte unterscheiden: Zum einen die Frage, ob man wissenschaftliche Arbeiten auf Wikipedia stützen kann, zum anderen die Frage, ob die Autorenangaben aus WikiHistory einen Artikel „zitierfähiger“ machen als er ohnehin schon ist – oder eben nicht ist.

Wikipedia eignet sich als Beleg für wissenschaftliche Arbeiten genaugenommen nur in einer Hinsicht: Man kann damit zeigen, was die Gruppe der Wikipedianer, die sich mit einem Thema beschäftigen, in einer bestimmten Zeit zustandegebracht hat. Was sie an Belegen zusammengetragen haben, welche möglichst „neutralen“ Aussagen ihnen zu dem Thema eingefallen sind, welche Diskussionen sie dazu geführt haben. Mehr nicht. Eine Aussage darüber, ob das, was man dort vorfindet, zutreffend ist oder nicht, wird erst möglich sein, wenn der Leser eigene Forschungen zu dem Thema durchgeführt hat.

Ändert sich dadurch etwas, wenn wir den „Hauptautor“ eines Artikels kennen? Das ist derjenige, der den Artikel laut WikiHistory ganz überwiegend geschrieben hat. Nicht wirklich. Auch für diesen Fall gelten die gleichen Prämissen wie zuvor, nur mit der Maßgabe, daß man jetzt eben erfährt, was sich der „Hauptautor“ überlegt hatte, als er den Artikel schrieb.

Wäre es anders, wenn der „Hauptautor“ über einen Account arbeitet, der einen „natürlich“ klingenden Namen trägt? Wozniak meint, dadurch werde ein Artikel wissenschaftlich zitierbar, weil seine Urheberschaft dann feststehe. Als Beispiel nennt er Artikel, die der Account „Benutzer:Frank Schulenburg“ angelegt hatte. Auch das führt indes zu keiner anderen Bewertung, denn auch die Behauptung eines Autors, unter seinem Realnamen in Wikipedia zu arbeiten, läßt für den Außenstehenden regelmäßig nicht den Schluß zu, daß dahinter tatsächlich eine bestimmte Person stehe. Wikipedia kennt kein Verfahren, um sicherzustellen, daß die digitale Identität eines Accounts bzw. eines Accountnamens mit der natürlichen oder der rechtlichen Identität einer Person übereinstimme. Das gilt übrigens auch und gerade für das Verfahren der sogenannten Verifizierten Accounts, über die Institutionen und sonstige Benutzer an Wikipedia teilnehmen. Mit anderen Worten: Jeder kann sich in Wikipedia unter dem Namen „Helmut Schmidt“ anmelden. Dahinter kann sich ohne weiteres Angela Merkel verbergen. Oder in den Worten von Paul Steiner: On the Internet, nobody knows you’re a dog.

Michael Schmalenstroers Argument zu dem immer und jederzeit zitierfähigen Pseudo-Xenophon tritt freilich hinzu. Ich wüsste ebenfalls „nicht, warum man die Zitierfähigkeit eines Wikipedia-Artikels davon abhängig machen sollte, ob man einen Hauptautoren mit Klarnamen ausfindig machen kann.“ Entscheidend ist, ob das, was da steht, stimmt oder nicht.

Der kompetente Umgang mit Quellen ist eben doch etwas schwieriger als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wobei zuzugeben ist, daß die Zusammenhänge zwischen Technik und Bedeutung bei kollaborativ erstellten Texten durchaus noch der Ausarbeitung harren. Bis zu einer wirklich aussagefähigen Theorie des Wikis oder des Web 2.0 ist es bisher nicht gekommen, sie steht noch aus. Man denke nur an die Klimmzüge, die manche Gerichte vollzogen haben, wenn es darum ging, ob das Setzen eines Links auf eine andere Website dazu führe, daß man sich die dortigen Inhalte „zu eigen macht“.

Diese und ähnliche Gedanken hätte d. Verf. gerne in den Kommentaren des Mittelalter-Blogs geäußert, sein Beitrag ist dort aber leider nicht freigeschaltet worden. So kam es zu dieser etwas ausführlicheren Erwiderung.