„Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Leider etwas spät erst komme ich dazu, über „Esprit Montmartre“ in der Schirn Kunsthalle zu schreiben. Kuratorin Ingrid Pfeiffer hatte angekündigt, die „Belle Epoque“ zu dekonstruieren:

Die Ausstellung hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits wirklich wunderbare Bilder (vor allem van Gogh, und immer wieder Picasso und Valadon), auf sieben Räume verteilt (Stadtgeschichte, Bordelle und Akte, soziale Frage, Zirkus-Szenen, Plakatkunst, Künstlerszene) andererseits viel zuviele kleine Arbeiten, neben denen die großen Werke buchstäblich deplaziert wirkten – vor allem wegen einer katastrophalen Hängung in der Schirn, die ihrem Ruf als „längste Kegelbahn der Welt“ diesmal wirklich gerecht wurde. Viel zu eng bespielt durch die zusätzlichen langgezogenen Stellwände in der Mitte des Raums. Alles wirkte auch kahl und insgesamt überladen. Halb soviele Bilder wären hier eindrucksvoller gewesen.

So ging beinahe auch der Anlaß dafür unter, warum Frauen auf Montmartre sich überhaupt prostituiert haben: Es war für eine Frau damals kaum möglich, von einem bürgerlichen Beruf auskömmlich zu leben. Frauen wurde einfach ein sehr viel niedrigerer Lohn als Männern gezahlt. Das wurde eher beiläufig in einem kleinen Text mitgeteilt, an dem die meisten vorbeigegangen sein dürften. Man hätte es sich in einem der großen Wandtexte gewünscht, denn es ist wichtig, um die zahlreichen Bordellszenen, die gezeigt wurden, einordnen zu können.

Vor allem aber: Dies alles unter der Überschrift „Esprit“? Da wurde wohl doch versucht, den Mythos weiterzuspinnen, der von der ganzen Anlage her doch gar nicht zu der Schau passen konnte. Ein Tanz auf dem Vulkan, inmitten von Armut, Krankheit und sozialer Ungerechtigkeit.

Wo lagen dagegen die Stärken der Ausstellung? Die Plakatkunst (Leihgaben der Kunsthalle Bremen), aber auch die historischen Photos und die Dokumentation des Stadtteils waren sehr sehenswert. Auch interessant waren die Künstlerbiographien in der Rotunde mit einem Stadtplan, auf dem Wohnungen und Ateliers der Künstler markiert waren sowie die Cabarets.

Auf Gallica kann man übrigens auch durch einige sehr schöne historische Aufnahmen des Montmartre blättern.

„Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900.“ Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Noch bis 1. Juni 2014.

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2 Kommentare zu „„Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt“

  1. Danke für den Hinweis auf die Bordelle und warum Frauen sich damals prostituierten.
    Leider wird oft immer noch sehr einseitig auf Männerleben eingegangen, Frauenleben – genauso wichtig und wertvoll – fällt oft genug unter den Tisch oder wird als marginal betrachtet.

  2. Dann muss ich mich jetzt aber beeilen, um mir die Ausstellung doch noch anzusehen. Die großformatigen Zeitungsbelagen haben nicht vermocht, was dir mit einem Blogbeitrag gelingt: Mich zu einem Besuch in der Schirn zu motivieren.

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