Wie das Internet die Wahrnehmung von Menschen verändert

Er sei an einem Herzinfarkt gestorben, lese ich. In Frankfurt. Der Verlag trauere (natürlich). Er sei ja ein ganz großer gewesen, sagt der Politiker im Radio. Ich denke daran, daß ich ein Buch von ihm ohne Bedenken weggab, vor langem schon. Und Wikipedia erinnert mich an all das noch einmal, was ich früher schon nicht von ihm mochte. Immer vorne mit dabei sei er gewesen – was nicht stimmt, tatsächlich hat er alles im zweiten oder dritten Aufguß noch einmal als ein dünnes Süppchen aufgeköchelt, was andere vor ihm schon als Fünf-Gänge-Menü serviert hatten. Ohne ihn gehe es im gesellschaftlichen Diskurs nicht weiter – was nicht stimmt, denn sein Geschäft war es, die konservative Agenda seiner Zeitung zu setzen, und dementsprechend trauern jetzt auch vor allem diejenigen – und haben doch längst schon die Nachfolge geregelt. Nur das Funktionslose ist unersetzlich, und er hatte doch eine Funktion. Ja, kann man sagen. Legendenbildung in the making. Er sei allein gewesen, als man ihn fand, lese ich. Er hat keine Hilfe mehr bekommen, er war allein. Und der Prominente J. habe etwas darüber getwittert, schreibt ein Hörfunksender. Ich schaue auf Twitter und suche nach seinem Namen. Scrolle ein bißchen, scrolle weiter und lese – seinen letzten Tweet. Vor 23 Stunden, da war er noch am Leben und hat etwas versandt, das jetzt so stehen bleibt. Er hat auch selbst keine Hilfe mehr gerufen. Das einzige, das sein Tod markiert, ist das Ende des Feuilletons. Ein letztes Aufbäumen der Pressekonzerne, um „Debatten“ zu inszenieren, crossmedial. Das konnte er. Ich erinnere mich an die fahrige Schreibe, nicht drei Seiten am Stück in seinen Büchern, von denen man hätte sagen können, es wäre darin ein Gedanke ausgeführt worden. Was bleibt, sind Texte in Pressearchiven, Videos, Aufzeichnungen von Radiosendungen und Podcasts. Nachrufe. Und ein Twitter-Account. Hier enden die Spuren, die er im Netz hinterlassen hat.

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7 Kommentare zu „Wie das Internet die Wahrnehmung von Menschen verändert“

  1. Danke auch. Ehrlich. Mir war er wegen seines Nachnamens bekannt. Weil ich einen kenne, der denselben Nachnamen trägt (der Betreffende ist zwar ein lieber Kerl, aber stark konservativ).
    Habe mich schon gewundert, wo die ganzen Lobhudeleien herkommen, diese Position hatte er im Leben nicht.

  2. Den Twitter-Account zu besuchen ist so einfach. Und dann „redet“ der auch noch, das lässt sich alles zitieren.
    Während ein Grab schweigt und zur Einkehr aufruft. Nicht so beliebt.

    Ach, was für eine Welt!

    Vielleicht sollte ich warten, was auf Telepolis erscheint? Habe gerade meinen Feedreader upgedatet und die Adressen korrigiert. U.a. auch von Claudias Unterschichtenblog. Der letzte Eintrag ist eine Verlinkung auf ein ellenlanges und sehr gutes Interview mit Jutta Ditfurth (bei Telepolis). Leider hat sie nur allzu recht.
    Tja.

    1. Ab und an muß man sich neu orientieren…

      Der Sterbeort ist übrigens derzeit unsicher geworden. Scheint wohl doch Berlin gewesen zu sein, nicht Frankfurt.

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