Wie Bibliotheken die Digitale Kluft verstärken

von schneeschmelze

Nach einem Beschluß des LG Frankfurt darf die Firma Uber bis auf weiteres in Deutschland keine Taxis mehr per App vermitteln. Herr Larbig denkt aufgrund dessen über den Wandel nach, den die Digitalisierung mit sich bringt, und sieht Parallelen zum Buchmarkt: Auch die Buchbranche wehre sich „mit Händen und Füßen gegen den Strukturwandel, glaubt anscheinend, wenn sie E-Books (nicht von jedem Buch allerdings) anböte, könne sie im Strukturwandel ihre Pfründe bewahren. Da wird das Erwachen ziemlich unvermittelt sein, wenn man plötzlich merkt, dass Autoren sich anderen Vermarktungswegen zuwenden, insbesondere jene, die ihre Geschichten crossmedial erzählen.“ Er prognostiziert den Wegfall des Taxifahrers überhaupt; in Kalifornien sei gerade der Betrieb von computergesteuerten Autos auf öffentlichen Straßen erlaubt worden. Oh.

Als Bahnfahrer möchte ich mich zu Autos lieber nicht äußern, sondern doch lieber bei den Medien bleiben. Bei der Musik, so Torsten Larbig weiter, gehe der Trend vom Download hin zum Streaming. Das ist schon durchgreifender, denn dadurch verwischt auch der Unterschied zwischen Fernsehen, Radio, Mediathek und Streaming-Dienst immer mehr. Rundfunk ist im Zweifel das Portal, das weniger Auswahl bietet. Und jede Stunde kommen Nachrichten. Warum eigentlich?

Bei den Zeitungen ist es mit den Veränderungen ganz ähnlich: Datenbanken und Archive verdrängen schon heute zunehmend das E-Paper. Seit etwa zwei Jahren kann ich auf mehrere Pressedatenbanken zugreifen, aus- und inländische. In der Folge hat mein Interesse an gedruckten Zeitungen stark nachgelassen. Ich lese fast nur noch Monatszeitschriften und Fachzeitschriften, die ich abonniert habe, auf Papier. Die übrige Politik-, Wirtschafts- und Technikpresse lese ich vor allem online, weil ein fortlaufendes Archiv mit einer Auswahl an Titeln sehr viel wertvoller ist als der Zugriff auf das Archiv nur einer Zeitung, das bei einem Abonnement dabei ist. Offenbar bin ich nicht der einzige, der so denkt: Stadtbüchereien stellen Genios, LexisNexis oder PressDisplay bereit, und der schwedische Anbieter Readly hat gerade ein eigenes Angebot für den deutschen Markt angekündigt, das sich an Verbraucher richtet.

Währenddessen gibt es den Bezahldienst für E-Books von Scribd schon ein Jahr. Und auch in den Bibliotheken wird der Bestand immer mehr auf digitale Ausgaben umgestellt, sei es die in mehrfacher Hinsicht zu Recht umstrittene Onleihe (sie arbeitet noch mit Downloads) oder ein On-Demand-Angebot (das entspräche dem Streaming). Klar, was ich nicht weiterverkaufen darf, brauche ich auch erst gar nicht zu kaufen. Mieten oder im weitesten Sinne „Nutzen“ ist dann tatsächlich sinnvoller. Auch wenn das Knacken des Kopierschutzes und sonstigen Unfugs zum Volkssport geworden ist, sind solche Dateien nicht zum Aufheben gemacht, sondern nur für die Gegenwart.

Und im übrigen führt die Digitalisierung des Lesens immer tiefer in eine neue Form der Klassengesellschaft hinein und vertieft die Digitale Kluft erheblich.

Nehmen wir als ein Beispiel das Angebot digitaler Volltexte an der Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, wo der Bestand an Büchern im Zuge der Modernisierung mitunter auch nachträglich auf E-Books on demand umgestellt worden ist. Regalmeter wurden durch den Zugriff auf Datenbanken ersetzt. Was ist die Folge? Diese Titel sind in den allermeisten Fällen nur noch für Studenten und Mitarbeiter der Universität lesbar. Wenn ich nicht zu dieser Benutzergruppe gehöre, muß ich mich auf den Campus begeben, um auf die Dateien zugreifen zu können. Dazu muß ich mich dann aber an ein Terminal setzen, denn WLAN-Zugriff bekomme ich ebenfalls nur als Student oder Mitarbeiter (das Rechenzentrum hatte das einmal damit begründet, man wolle nicht zum Access-Provider für alle Welt werden mit all den Haftungsrisiken, die damit verbunden wären; naja). Was bleibt, ist die Fernleihe, sagte man mir einmal. Das Buch ist zwar „am Standort vorhanden“, aber nicht uneingeschränkt für jedermann. Kostet innerhalb Deutschlands 1,50 Euro und für ausländische Ware 7,50 Euro pro Band. „Zuzüglich sämtlicher Auslagen.“ Gerade bei älteren Werken wird es in vielen Fällen billiger und schneller gehen, das Buch selbst zu kaufen. Die Versorgung mit wissenschaftlicher Fachliteratur hat sich damit im Rhein-Main-Gebiet jedenfalls ganz erheblich verschlechtert.

Ein weiteres Beispiel ist die Verfügbarkeit von Munzinger-Online und der unter dieser Marke vertriebenen weiteren Datenbanken. Im Rhein-Main-Gebiet sind sie Standard bei den Stadtbibliotheken. In Nord- oder Ostdeutschland fehlen dafür oft die Mittel. Auch das führt zu einer ungleichen Versorgung mit Literatur. Der gedruckte Brockhaus war in jeder Hinsicht eine Flatrate, und erst jetzt merkt man, daß er wahrscheinlich nicht zu teuer war in der Anschaffung.

Zurück zu den Nachrichten. Im Rundfunk. Der Journalist Maximilian Schönherr hat vor ein paar Monaten einen Vortrag gehalten, in dem es ebenfalls um den digitalen Wandel geht und wie er sich auswirkt. Das mit den Nachrichten zur vollen Stunde im Radio ist eine ganz alte Geschichte, und die sollte man sich ruhig einmal anhören. Und natürlich auch alles weitere, worum es dabei geht. Um den digitalen Strukturwandel und um Archive zum Beispiel, um beim Thema zu bleiben: Denn „Archive sind nicht 3’30“: