Ausgebloggt: Nachdenken über Carta

Vergangene Woche hat es eine Veränderung bei einem der besseren deutschen Autorenblogs gegeben, die nicht nur mich hat aufhorchen lassen. Über die Vorgänge gibt es widersprüchliche Mitteilungen des Carta-Fördervereins einerseits und der bisherigen Redakteure Vera Bunse und Wolfgang Michal andererseits. Als nur gelegentlicher Carta-Schreiber war ich bei alledem nicht live dabei, aber nach mehrfachem Lesen scheinen auch mir die Gegendarstellung im Blog von Vera Bunse und die Stellungnahme von Wolfgang Michal zu ihrer gemeinsamen Absetzung letztlich plausibler zu sein als die Darstellungen des Fördervereins bzw. der neuen Redaktion.

An der Entwicklung von Carta interessiert mich der Einzelfall inmitten einer sich ausdifferenzierenden Blogosphäre in Deutschland.

Das Nachdenken und die Berichterstattung über den „digitalen Strukturwandel“, über Szenen und Technik, ist im Mainstream angekommen. Unter diesen Umständen kann es kein Blog mehr geben, das den Anspruch erhebt, hierfür sozusagen eine Agentur zu sein, wo etwas Besonderes sich abspielt oder das sich sonst vom Rest der Debatte abheben würde. Raum für Analyse und Kritik wird freilich immer benötigt und ist infolge der zunehmenden Kommerzialisierung der Blogosphäre immer schwerer zu finden. Aber, es stimmt, die Verhältnisse sind heute anders als im Geburtsjahr von Carta 2008, von den beteiligten Personen und der Organisation dahinter ganz abgesehen.

Die Produktionsbedingungen für anspruchsvolle Inhalte haben sich aber kaum geändert. Hier liegt fast alles immer noch im prekären Bereich. Internet ist nichts wert, wirft nichts Nennenswertes ab, bleibt hinter den Möglichkeiten und der Wertschätzung von Print zurück, hat dementsprechend zwar ungleich mehr Leser, aber auch sehr viel geringeres Prestige. Wenn das Wort „Blog“ oder die Bezeichnung „Blogger“ fällt, denkt man denn auch eher nicht an anspruchsvollere Projekte, sondern an den Normalfall: An das Rezepteblog der Nachbarin oder an die Notizen über das Sommerfest vom Ortsverein. Die Aussage „Ich bin Blogger“ setzt einen – abseits vom Netz-Milieu der Piraten oder vielleicht noch der Journalisten – eher dem Verdacht aus, zu den paar Zeitreichen zu zählen, die, aus welchen Gründen auch immer, Zeit und Gelegenheit haben, ein Blog zu betreiben, wie andere ganze Wikis vollschreiben. Vor hundert Jahren hätte man an den Müßiggänger gedacht, der sich herumtreibt, ohne recht was zu erschaffen. Die Karikatur eines Spießerschrecks.

Und da wird nun also reflektiert, was die Gesellschaft bewegt, in einem Blog? Ja, wo sonst? Da ist das alles entstanden, was die Etablierten heute übernommen haben, siehe oben. Aber gibt es dort heute noch Neues zu entdecken? Nein, dort auch nicht mehr. Und das ist nicht nur das Problem von Carta, sondern es ist das Problem der Blogosphäre heute insgesamt. Wir sind normal geworden. Wir haben uns schon längst ausgebloggt. Wir haben alles schon mal geschrieben, alles schon mal gedacht. Alles schon mal ausprobiert. Und wir können davon immer noch nicht leben, sondern wir gehören zu den Überzeugungstätern und zu den Zeitreichen. Kann unter diesen Umständen noch Analyse und Kritik überhaupt stattfinden wie früher einmal? Das ist zumindest schwerer geworden. Dabei geht es nicht um einen Trend, sondern es geht um einen neuen Abschnitt im Entwicklungszyklus. Ebenso wie Wikis haben auch Blogs einen Lebenszyklus, in dem sich Krisen und Verwerfungen ergeben können und die es notwendig machen, sich neu zu erfinden. In denen also ein „schöpferischer Sprung“ in dem Sinne, wie es Verena Kast einmal gesagt hatte, nicht nur erfolgen kann, sondern unter bestimmten Bedingungen unbedingt erfolgen muß, damit es weitergeht. Sonst bleibt man stehen und fährt sich fest in der Krise und erstarrt.

Wer nicht mehr über sich selbst reflektiert, der erstarrt mit der Zeit. Oder er verfällt in eine autoritäre Haltung, wie sie gerade die Community der Wikipedia gespalten hat. Auch dort hatte es gerade einen Führungswechsel gegeben, die Betreiberin, eine kalifornische Stiftung, hat eine neue Geschäftsführerin eingestellt, und sie wollte der Community wohl einmal zeigen, wie gut neue Besen kehren können. Ohne viel Federlesens, wurde in die Software ein „Superprotect“-Recht eingebaut, innerhalb weniger Stunden während der alljährlichen Wikimania-Tagung, die diesen August in London stattfand, ist das geschehen. Und dann wurde die lokale Community vor vollendete Tatsachen gestellt: Die gewählten Administratoren konnten eine bestimmte Seite nicht mehr bearbeiten. Leonhard Dobusch hat dazu in Erinnerung an Carl Schmitt gesagt: „Wenn Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, dann bedeutet das im Kontext der Wikipedia also offensichtlich: Souverän ist, wer über Root-Zugriff verfügt.“ So ist das mit dem Aussperren des treuesten Personals. Seitdem hat eine Abstimmung mit den Füßen begonnen, und immer mehr regelmäßige Autoren verlassen das Projekt oder verstummen zumindest. Das wirkt sich schon jetzt auf die Qualität aus: Seiten bleiben ungesichtet, die QS funktioniert nicht mehr wie früher, es wird auch längerfristig nicht ohne Folgen für den Inhalt bleiben, und das wird dann auch dem normalen Leser auffallen.

Wikis und Blogs sind vor allem Knoten im Netz, und diese funktionieren entweder oder sie funktionieren nicht. Um zu funktionieren, braucht es eine kritische Masse an Besuchern und Teilnehmern. Es braucht Bewegung. Es braucht Surfer, die die Knoten nutzen. Ist ein Knoten im Netz einmal tot, kann er nicht wiederbelebt werden. Keiner weiß, warum das so ist, aber ein Gegenbeispiel für diese Regel ist bis heute nicht bekannt geworden. Dagegen ist die Geschichte des Webs voll von Erinnerungen an einstmals funktionierende Knoten: LiveJournal, MySpace, StudiVZ, und wie sie alle hießen.

War Carta in diesem Sinne ein funktionierender Knoten? Es gab Abrufe, sicherlich. Es gab auch Content. Aber es gab immer weniger gute Kommentare. Die Debatten, die dort früher geführt worden waren, sind Vergangenheit. Das gilt aber nicht nur für Carta, sondern für die Blogosphäre insgesamt. Schon im Gründungsjahr von Carta nannte der Netztheoretiker Geert Lovink sein „Berliner“ Buch über die Blogs „Zero Comments“. Aber das ist so ähnlich wie bei der Wikipedia: Es geht immer noch weniger, auch wenn es schon lange nachgelassen hatte. Wir haben also auskommentiert. Es ist vorbei. Wir schreiben nur noch weiter, ungefähr so, wie das Orchester auf der Titanic bis ganz zum Schluß immer weiter gespielt hatte. Ob sich die Musiker dabei zu einem bestimmten Zeitpunkt ein neues Design verpaßt hatten, ist nicht überliefert. Ich habe gerne etwas beigetragen, als die Redaktion bei mir anfragte. Nicht alles, was ich auf Carta gelesen hatte, hatte mir gefallen, einige Mißtöne waren darunter, vieles, was mir viel zu bürgerlich daherkam. Aber mitunter war es doch nicht die schlechteste Musik.

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16 Kommentare zu „Ausgebloggt: Nachdenken über Carta“

  1. Die Kommentare sind aus den Blogs zu Twitter und Facebook umgezogen. Ich fürchte, es wurde noch nie so viel kommentiert wie jetzt.

    1. Ach … ist das so? Ich glaube nicht, daß man das verallgemeinern kann. Zum Beispiel im Blog von Antje Schrupp gibts immer noch eine zweistellige Anzahl von Kommentaren. Vielleicht war mein Fazit auch zu pauschal. Vielleicht ist es auch vom Thema abhängig oder von der Community, die sich auf einem Blog zusammenfindet. Anmerkungen oder bloße Tweets auf einer ganz anderen Plattform – soziale Netzwerke sind keine Blogs – sind keine Blogkommentare.

  2. Das Schöne am Internet ist, dass man nicht so leicht ausgesperrt werden kann. Das heißt, wenn man nicht in China, Nordkorea oder im Iran lebt. Wikipedia, Carta. Sind das nicht ebenso nur ‚Silos‘ wie Facebook oder Twitter? Wer etwas sagen bzw. Inhalte mit anderen teilen möchte kann das jedenfalls auch ohne diese.

    Und Kommentare: Ich kommentiere ungern an ‚Orten‘ wie Carta sondern lieber in Blogs.

    1. Vielleicht könnte man sagen, Carta war ein publizistisches Projekt, das in der Form eines Blogs betrieben wurde. Anfangs standen originäre Beiträge der Betreiber darin. Nach dem Relaunch kamen dann Crossposts hinzu, wie beispielsweise auch die Texte, die aus der schneeschmelze übernommen wurden. Und die Frage „Was ist ein Blog“ ist so alt wie die Blogs selbst. Dave Winer meinte dazu, ein Blog sei die „unedited voice of a person“ – das gabs auch auf Carta. Aber Deine Anmerkung unterstreicht ja eigentlich nur, daß so ein Konzept als „Ort“ oder „Knoten“ im Netz nicht mehr funktioniert hat.

      Wikipedia wird durch das Superprotect-Recht und durch die autoritäre Einstellung, die das Board und die Geschäftsführung der Wikimedia Foundation neuerdings vertreten tatsächlich m.E. zu einem Teil des privatisierten virtuellen Raums, den ich früher schon beschrieben hatte, und damit völlig vergleichbar mit kommerziellen Plattformen wie Facebook oder Twitter. Es wurde öffentlich erklärt, nur noch der Alexa-Rank zähle, von der Qualität der Inhalte ist an keiner Stelle mehr die Rede. Und auch die Interessen der Community spielen keine Rolle mehr. Abstimmungen werden nicht mehr beachtet, man setzt sich über sie hinweg.

  3. was mir ein bißchen fehlt, wenn wir über carta reden: was den blog ja auszeichnete, war die kollaboration unterschiedlichster autoren und dieses modell (auch wenn ich es gerne weniger zentral verwaltet hätte) fehlt mir ein bißchen in der landschaft. also sozusagen eine zentrae „anlaufstelle“ für blogger unterschiedlicher provinienz.

    ansonsten tue ich mir ein bißchen schwer mit der schwermut deines beitrags. mir persönlich ist es doch schnurz, ob meine kommentare sich auch nur im 2 stelligen bereich bewegen oder bei null liegen – ich mache den scheiss doch nicht für „meine“ leser, sondern ausschließlich für mich selbst. wenn’s jemand mag, okay, wenn’s jemand blöd findet: leck mich! ih zitiere montaigne’s vorwort zu seinen „essaies“ nur all zu gerne: hau ab leser, das ist nix für dich 😉

    bei blogs wie dem von antje habe ich eher die befürchtung, daß das so ein bißchen sektencharakter bekommt und die jeweiligen autoren sich ihrer verantwortung nicht so ganz bewusst sind. da werden schnell mal debile thesen („ich finde die bubble klasse“) rausgehauen, ein halber gedanke, nicht zuende gedacht … und die gemeinde bubbled mit.

    alleine deshalb finde ich null kommentare gut, das gibt mir das gefühl, jetzt nicht noch verantwortung für den leser zu tragen und die paar, die mich ertragen, werden wohl damit zurecht kommen müssen, daß ich nicht für sie sondern für mich selbst schreibe …

    von der idee, daß „wir“ – wasimmerdasauchseinmag – irgendeine art von nutzen oder gar einfluss auf die welt, in der wir leben hätten, sollten wir uns allerdings schleunigst verabschieden

    http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2013/12/neujahresansprache.html

    dazu würde es eines „daches“, einer „anlaufstelle“ – wie oben angedacht – bedürfen. das hätte carta sein können, war es aber nach relativ kurzer zeit nicht mehr, auch weil das kommentariat zu strikt gehandhabt wurde. da ging dem zerberus die fähigkeit ab, das „andere“ zu schätzen und der versuch, einen „seriösen“ blog zu moderieren, mit ihm durch.

    dabei sind es doch die verrückten, die irren, die übergeschnappten, die die dinge verändern und nicht die angepassten. am ende war es einfach zu angepasst und alles zu erwartbar.

    1. Letzteres unterschreibe ich sofort. Carta war zuletzt sehr angepaßt, das hatte ich mit „bürgerlich“ gemeint. Vielleicht ging das auch auf die Werbefinanzierung zurück? Das Blog wurde ja vermarktet. Da war das Projekt aber auch schon erheblich in der Krise.

      Daß die feministische Szene zur sektiererischen Abschottung neigt – geschenkt, das war schon immer so.

      Bedeutsam finde ich aber auch Deinen Hinweis auf die Motive fürs Bloggen und den Zusammenhang mit den Reaktionen der Leser: Wenn Du sagst, die Leser seien Dir egal, Du bloggest letztlich für Dich selbst (auch das würde ich sofort unterschreiben), heißt das doch, daß der Anspruch, bei Carta ein journalistisches Projekt zu fahren, es von vornherein zu einem Fremdkörper in der Blogosphäre gemacht hat. Das kann nicht gutgehen.

      Und das führt uns zu der Frage zurück: Was ist ein Blog? War Carta überhaupt eines? Es wurde durch das Konzept der Crossposts von einem Autorenblog immer mehr zu einer Art redaktionell betreuten Blogplaneten. Und auf einem reinen Aggregator kommentiert man natürlich auch nicht. Dann geht man eher zum Original, weil man sich dann innerhalb der Blogosphäre unmittelbar bewegt.

      Manche schalten ja auch die Kommentarfunktion von vornherein ab. Das sind dann zwar Blogs im Sinne der alten Definition von Dave Winer, aber ohne Rückmeldung, es sind damit kommunikative Einbahnstraßen. Und auch deshalb kann man sich mit Fug und Recht fragen, ob das dann noch Blogs seien, in denen man nicht kommentieren kann, auch wenn man das gar nicht wollte?

      Ich möchte aber auch auf die grundlegende Frage zurückkommen, wie die Inhalte produziert werden und was das für die Autoren bedeutet. Geert Lovink hatte sich in „Zero Comments“ gegen die Web-2.0-Kultur des „Umsonst“ gewandt, wie sie typisch geworden ist. Er schreibt: „Was wir brauchen, sind ökonomische Modelle, die ambitionierte Amateure darin unterstützen, mit ihrer Arbeit ein angemessenes Einkommen zu erzielen. ‚Jeder ist ein Professioneller‘“ (Seite 12). Auch dieses Problem ist bis heute nicht gelöst. Es führt zu zweierlei: Zum einen professionalisiert sich das Web verdeckt, indem beispielsweise immer mehr Autoren klammheimlich auf der Paywoll einer Firma oder eines Verbands stehen. Das gilt für die Blogs, und bei Wikipedia ist dieser Prozeß mittlerweile auch gerichtsbekannt geworden. Man darf diesen Trend für das gesamte Web 2.0 voraussetzen. Insoweit wird der idealistische Ansatz bei der Produktion, den Du und ich vertreten, schon heute durch die Wirklichkeit überholt und ad absurdum geführt. Blogger sind „Berater“, betreiben ihre „Plattformen“, um ihr Geschäft zu fördern und zu begleiten. Bei Carta war das von Anfang an bei den meisten Initiatoren der Fall. Das sind auch nach meiner Definition des „echten Bloggens“ keine Blogs, sondern eher Verkaufsplattformen, auf denen sich vor allem der Autor selbst anbietet und um seine nächsten Kundenaufträge bewirbt. Guck mal, der denkt nach, so einen bräuchten wir doch auch mal für den nächsten Relaunch oder für eine Diskussion im Vorstand, meinste nicht auch? Das sind ja auch keine Amateure mehr.

      Und hier begibt sich das Blog natürlich seiner kommunikativen und gesellschaftlichen Funktion, den Diskurs zu fördern und aufzuklären. Diese Form von dual use kann nicht gutgehen, das verträgt sich nicht. Womit wir wieder bei der Metapher des Werbefernsehens wären. Wer sein Blog nicht von vornherein als einen Teil des öffentlichen virtuellen Raums begreift, sondern eine Vermarktung betreibt oder sich irgendwie auf „Einnahmen“ hin ausrichtet, betreibt die Privatisierung des virtuellen Raums selbst mit und entzieht sich damit der Blogosphäre.

      Wenn Kommentierer, wie Stefan oben angemerkt hatte, auf Facebook usw. ausweichen, ist das nur ein Zeichen für die zunehmende Verbiedermeierlichung des Web 2.0. Man zieht sich aus dem freien Web in einen walled garden zurück, der von vornherein keine Öffentlichkeit zuläßt.

  4. danke für die ausführlich antwort

    [..] sektiererischen Abschottung

    ach, ich glaube, es ging mir weniger um das sektiererische, als mehr um das bedienen einer fangemeinde mit halbgarem. da wird ein durch und durch guter gedanke von pariser (google-filter-„bubble“) in der überschrift aufgeschnappt und zur erfreulichen schutzfunktion vor fremdem gedankengut aufgeblasen, also im grunde komplett ins gegenteil verkehrt – und das hat mich damals schon ziemlich „sickig“ gemacht (sorry, ich bin ein digressionist … bei mir dauert es immer bis ich auf den punkt, bzw. die boshaftigkeit komme)

    [..] angepasst

    mir ging es da mehr um so etwas wie „angepasstheit“ oder „vorauseilender seriosität“ als kontrast zu dem „irren“. der zerberus versuchte halt, die diskussionen auf einem von ihm so empfundenen „seriösen“ niveau zu halten … was einerseits voraussetzt, daß man weiss, was „seriös“ ist und andererseits das nicht verstanden auszublenden sucht. ich fühlte mich da als quartalsirrer irgendwie nicht mehr heimisch.

    wenn man kommentare redigiert, sollte man ein höchstmaß an offenheit gegenüber dem „fremden“ haben können. das war dort eben nicht mehr der fall und alles lief auf affirmation des selbst als „seriös“ verstandenen hinaus … und wurde so eben langweilig.

    [..] Das Blog wurde ja vermarktet

    da ich ja schon aus prinzip den addblocker anhabe, funktioniert das bei mir nicht und ich habe davon nix mitbekommen. es widerspricht auch meiner einstellung, daß eigentlich f#ckbook, google und konsorten ihre „kunden“ bezahlen müssten, sprich, jemand, der durch die aktive teilnahme an einem blog oder eines angebotes dessen wert steigert, sollte dafür entlohnt werden. jaron lanier greift den gedanken wohl so auf, ich habe weder ein handy noch einen f#ckbook account. wobei ich seit 30 jahren programmiere und seit 20 im netz bin … bestimmte dinge kann man verstehen und dann vermeiden, so etwas wie die cloud ist mir jedenfalls schon seit 25 jahren schon als idee komplett zuwider. aber, ahem, ich schweife ab 😉

    [..] Was ist ein Blog?

    ich habe das immer als einen weg verstanden, etwas unzensiert sagen zu können, weil ich selbst die kontrolle besitze.

    aber, du hast natürlich das rechte wort gewählt, was carta.de betrifft, das des „aggregators“. das hat den vorteil, daß man die autoren an einem ort versammelt findet, sich als kommentator an eine breitere öffentlichkeit wenden kann, als wenn man das zb. bei lübberding, michal etc. täte, wobei man ja bei lübberding eher untergeht, wenn die kommentare sich im 1000er bereich bewegen, weil die nashibots sich dort austoben. aber so ein aggregator führt einen schon im grunde an die richtigen orte und so bin ich zb. beim „stilstand“ von klaus jarchow gelandet und habe mich dort häuslich eingerichtet, um über dinge zu reden, für die ich „zuhause“ nur fensterreden halten würde.

    so stehen halt blogs für sehr unterschiedliche dinge. ich finde die idee eines redigierten aggregatoren, der gepflegt wird – so das modell carta.de – immer noch sehr attraktiv und als anlaufstelle wirklich unverzichtbar.

    [..] Es führt zu zweierlei …

    ja, das ist jetzt ein ganz weites feld und jeder geht damit anders um. natürlich würde jeder von uns gerne von dem leben, was er schreibt, und natürlich findet ein „ausverkauf“ statt, dem wohl – so sieht das ja auch klaus – das wort CONTENT auf die stirn … aber eben nicht ins hirn getackert wird. den weg, sich selbst sozusagen als litfaßsäule anzudienen, gingen ja viele von anfang an konsequent, da braucht man ja nur einen blick auf rivva.de zu werfen und findet die caschies der welt um aufmerksamkeit buhlen, die sie ja wohl auch bekommen und davon leben können. was ich ihnen gönne, don’t let me be missunderstood – aber ich selbst bin nun einmal ein alter hippie, der immer noch glaubt, daß _wir_ das internet erfunden & eingerichtet haben (einfach mal „the well“ googeln, wir haben schon weltweite tauschbörsen betrieben, als man noch kassetten mt livetapes der dead durch die welt schickte) und viele ideen wie die der free und shareware zb. promoteten.

    dummerweise haben wir (meine aktuelle lieblingsformulierung) „dem feind eine geladene pistole in die hand gedrückt und er sagt nicht mal danke …“. mit f#ckbook haben sich die herrschaftsverhältnisse und das freundlich geben der hippieculture in die gier und abgreifmentalität eines mark zuckerberg verwandelt. ich finde immer noch, er müsste eigentlich alle nutzer am gewinn beteiligen, den er (der nutzer( mit seiner kostenlosen sklaventätigkeit überhaupt erst erzeugt hat.

    andererseits wäre ich natürlich auch bereit, den wert einer leistung eines anderen zu bezahlen, tendiere aber selbst eher dazu, meinen kram weiter verschenken zu wollen.

    dilemma, ick hör‘ dir trappsen. ich weiss nicht, wie man das optimal handeln kann.

    [..] die zunehmende Verbiedermeierlichung

    daß wir uns in einem neobiedermeier befinden, habe ich schon vor sieben jahren auf meinem tv3-radioblog beklagt. unterdessen dringt so eine idee wie die der „generation nine eleven“ in unser bewusstsein, das hat nicht nur mit der groKo vol1 & 2 zu tun

    sorry für den langen text und die abschweifungen, born this way 😉

    1. Oh, mit längeren Texten habe ich gar kein Problem. 😉 Danke sehr für Deine weiteren Anmerkungen.

      Ich glaube, es ist deutlich geworden, daß es sich um einen Umbruch der Blogosphäre insgesamt handelt, in den diese Vorgänge bei Carta einzuordnen sind, und daß es keine einfachen Antworten auf all das geben kann.

      Was machen wir? Wir schreiben weiter, bis wir den „schöpferischen Sprung“ gefunden haben, der den kreativen Prozeß auszeichnet. 😉

  5. Ist wirklich schon alles auskommentiert und gibt es keine Chancen für ambitionierte Blogprojekte? Das klingt mir zu pessimistisch. Unter welchen Bedingungen konnte ich denn in Offline-Zeiten publizistisch tätig werden ohne in die Zwänge eines Verlages zu geraten? Wie stand es um den Kostenapparat und die Vermarktungsmöglichkeiten für Zeitschriften? Wie viel Feedback bekam man von Lesern? Welche Artikel sind wirklich gut angekommen und welche nicht? Gegenüber Massenmedien hatte man so gut wie keine Möglichkeiten, mit soliden Umsätzen und Abo-Zahlen Printgeschichten auf die Beine zu stellen und Resonanz zu erzielen. Heute bewegen sich die Grenzkosten für Blogs in Richtung Null. Jeder kann aus dem Stehgreif seine Stimme erheben und so schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als Blogger bin ich einer von vielen und kann nicht erwarten, Aufmerksamkeit und finanziellen Ruhm zu ernten. Mal treffe ich den Nerv, mal schieße ich gnadenlos am Ziel vorbei. Mal bin ich gut in Form oder eben nicht. Mal habe ich einen tollen Geistesblitz, recherchiere eine wichtige Sache, schildere persönliche Erlebnisse, schlage Themen für Interviews vor oder berichte von Konferenzen, die von der Netzöffentlichkeit mit Begeisterung aufgenommen werden. Dann gibt es wieder Tage, wo man sich ins Knie schießt und mit seinen Verlautbarungen im Nirwana endet. So ist das Leben. Es ist sehr lehrreich.

    Als wichtigsten Punkt sehe ich die Unabhängigkeit. Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Tasten greifen und Dinge publizieren, die mir gerade durch den Kopf schießen. Davon leben kann ich natürlich nicht. Aber ich kann auf meine Fähigkeiten aufmerksam machen, um mit anderen Projekten Geld zu verdienen: Workshops, Keynotes, Ghostwriting, Aufträge für Essays, Kolumnen, Studien, Leitartikeln, wissenschaftliche Aufsätzen und, und, und. Was fehlt, sind zentrale Vermarktungsmöglichkeiten für Blogs (bei Reise- und Auto-Bloggern gibt es das schon). Also Agenturen wie Mediacraft, die das in der Youtube-Szene organisieren. Ich halte die Vermarktung für wichtiger als kollaborative Ansätze. Die funktionieren in der Regel mehr schlecht als recht. Siehe das Bonner Projekt bundesstadt.com – da fühlt sich keiner so richtig verantwortlich. Da sind dann Aggregatoren wie http://www.bonnerblogs.de oder Rivva völlig ausreichend. Bei Bloggercamp.tv wird übrigens Wolfgang Michal am Mittwoch, um 20:15 Uhr zu den Carta-Geschehnissen einiges sagen. Die Gegenseite haben wir auch eingeladen, die haben sich aber bislang nicht gerührt. Denen fehlt wohl der Mut zur Öffentlichkeit……

    1. Danke für den Hinweis auf die Produktion mit Wolfgang Michal.

      Pessimistisch stimmt mich gerade, daß das, was Du als Vorteile von Blogs beschreibst – vor allem das Feedback von den Lesern – eben nicht mehr so ohne weiteres funktioniert. Jedenfalls nicht mehr so wie früher. Hier hat sich etwas verändert. Und daraus wären doch Schlüsse zu ziehen.

  6. @gsohn

    also, ich finde rivva.de mittlerweile furchtbar.

    es gab da mal einen punkt, an dem dort darüber diskutiert wurde, wie man weiter verfahrensoll, nachdem die snippets rausfallen mussten. ich habe damals dafür plädiert, die MSM (die leidmedien) rauszuwerfen, was leider nicht passiert ist.

    alles in allem befördert rivva – bei aller nützlichkeit – das hitparaden denken: wer den meisten zulauf hat wird promoted und das ist im grunde verheerend. da war carta.de eben eine anti-hitparade der qualitativ besseren dinge ohne anspruch auf publikumswirksamkeit.

  7. Da stimme ich Dir zu, hardy. Zudem ist die Themenbreite bei Rivva etwas begrenzt. Aber mehr als Aggregation ist bei Gemeinschaftsprojekten wohl nicht möglich. Das wollte ich nur zum Ausdruck bringen.

  8. Und zu den Reaktionen auf Blogpostings habe ich andere Erfahrungen gemacht. Es hängt eben immer von dem Nachrichtenwert des einzelnen Beitrags ab. Oder hast Du empirische Befunde, die Deine allgemeine Einschätzung untermauern?

    1. Ich tue mich vor allem mit dem Ansatz schwer, ein Blogpost habe einen „Nachrichtenwert“, denn meine schneeschmelze dient weder der Selbstdarstellung noch dazu, irgendetwas zu verkaufen oder zu bewerben oder eine sonstige Agenda zu setzen. Ich mache hier keine Zeitung, sondern ich schreibe im Netz. Früher schrieb ich im Usenet, dann in Mailinglisten, heute im Blog. Mich interessiert, wie bereits gesagt, die Entwicklung der Blogosphäre insgesamt, und dazu war die Entwicklung von Carta nur ein Beispiel. Wenn auch kein ganz unbedeutendes.

  9. > Anmerkungen oder bloße Tweets auf einer ganz anderen Plattform – soziale Netzwerke sind keine Blogs – sind keine Blogkommentare.

    Naja, das ist mir ein bisschen apodiktisch. Zum Anfang der Blogs, also noch vor Twitter, war es durchaus üblich, auch sehr kurze Blogposts und sehr kurze Kommentare (bis hin zu: .) zu schreiben, beides hat sich nach meiner Wahrnehmung wegverlagert ins Social Web. Für mich sind das schon auch Reaktionen auf meine Texte, auch wenn ich es lieber „wie früher“ hätte 🙂 Das Netz franst aus und diese Dinge versenden sich natürlich.

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