Ello, goodbye

Während die Frage „Ist jemand in Ello?“ heute in einer meiner Mailinglisten für Late Adopters auftauchte, winken andere schon wieder müde ab. Anne Roth fühlt sich von dem neuen „Social-Media-Dings“ nicht vom Hocker gerissen angesichts der AGB, in denen man sich die Weitergabe von personenbezogenen Daten für die Zukunft offenhalten will. So ist der Spruch „Ello, goodbye“ schon zum geflügelten Wort geworden. Eine Übersicht über die Diskussion findet sich bei Anastasia Salter im Blog des Chronicle of Higher Education.

Der Hype zeigt ein bekanntes Muster: Ähnlich wie bei den Suchmaschinen, gibt es auch in Bezug auf soziale Netzwerke ganz offenbar eine gewisse Anzahl von Benutzern, die sich nach einer „besseren“ Version des Platzhirschs sehnt, nach einer Art Google, das zwar so ist wie Google, aber nicht ganz so datenkrakig und böse. Bezogen auf Facebook war zunächst Google+ ein Kandidat für diese Rolle unter den sozialen Netzwerken, dann kamen Diaspora und Friendica auf, zuletzt Ello.

Dabei ist klar, daß dieser Wunsch frustriert werden muß, denn eine zentrale kommerzielle Plattform, deren Geschäftsmodell im Sammeln und Verwerten von persönlichen Daten besteht, die die Benutzer freiwillig dort eingeben, aus welchen Gründen auch immer, kann gar nicht viel anders sein als man es von eben diesen großen Vorbildern her kennt. Und die dezentrale Alternative wollte ja kaum einer benutzen (das Interview mit dem Vertreter der Free Software Foundation, in dem das vor gut einem Jahr erklärt wurde, ist mittlerweile vom Deutschlandfunk depubliziert worden). Das biedermeierliche Facebook-und-Google-Internet ist einfach zu kuschelig warm, um es zu verlassen und sich auf den kühlen und gefährlichen Weg in die Freiheit zu wagen. Diesen geistigen Spagat muß man erstmal leisten – für die meisten Zeitgenossen offenbar gar kein Problem. Chapeau.

Derweil ist in den freien Netzen eine gewisse Konsolidierung zu beobachten. Die Mailinglisten – deren Archive weiterhin ein wichtiger Teil des Deep Web ist – werden weiterhin gut genutzt, und auch im Usenet gibt es in den von mir gelesenen Gruppen einen merklichen Rückgang der Trolls und eine Rückkehr zu einer sachlichen Diskussionskultur. Das Netz lebt.

Der Wikipedia-Artikel zu Ello ist übrigens heute gelöscht worden: „Derzeit noch keine Relevanz ersichtlich.“

4 Kommentare zu „Ello, goodbye“

  1. Das ist mal wieder so ein interessanter Zufall: Just gestern habe ich den Namen »Ello« überhaupt zum ersten Mal gehört (in einem Podcast) — und heute sehe ich hier das Wort erstmalig geschrieben 😉

  2. Die zentrale Eigenschaft von sozialen Netzen wie Facebook und Google+ scheint mir der Austausch von Kurznachrichten zu sein, wobei ein Unterschied in der Form der Darstellung liegt: FB und G+ liefern eine Stelle, an der man Mitteilungen hinterlassen kann während Instant Messaging Dienste (IM) gezielter eine Unterhaltung (Chat) direkt mit einer Person erlauben.

    Dennoch sind die Übergänge fließend, man kann Kurznachrichten auch an Personen richten, die gerade nicht online sind. Diese erhalten die Nachricht dann eben erst, wenn sie wieder online sind. Zudem gibt es die Möglichkeit, Nachrichten an Gruppen zu richten. Insofern ist Instant Messaging recht nahe dran an Facebook und Google+. Nicht zuletzt deshalb dürfte WhatsApp schließlich bei Facebook gelandet sein, zu groß war die Abwanderung hin zu WhatsApp.

    Ich nutze weder Facebook noch Google+ noch WhatsApp und ziehe Jabber vor. Irgendwie gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass die Nutzerschaft irgendwann erkennt, dass mehr nicht nötig ist. Jabber unterstützt z.B. auch die Server-zu-Server-Kommunikation, so dass auch ein zentraler Dienst entfallen kann. Wer keinen eigenen Server betreiben möchte, kann auf Anbieter wie z.B. den Chaos Computer Club für das Hosten des Jabber-Kontos zurückgreifen.

    Wer dann noch zusätzlich ‚öffentliche Bekanntmachungen‘ benötigt, der kann einfach auf das gute alte Blog zurückgreifen. Und siehe da: FB und G+ und eben auch so etwas wie Ello sind im Grunde obsolet.

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