Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2014

von schneeschmelze

Jede Buchmesse beginnt anders. Diesmal also nicht, wie in den Vorjahren, frei flottierend zwischen Suhrkamp, Kunstmann- und Christoph-Links-Verlag und Co., sondern gezielt auf der Suche nach Events. Überhaupt Suhrkamp: Links vom Gang zeigen sie in diesem Jahr die Vergangenheit, und rechts davon ein Kessel Buntes, bis hin zum Krimi. Hinten rechts wurde wohl gependelt? Was soll das, bitte? Eingestimmt von einem Beitrag auf SWR2 zum Thema „wie wir Medien zukünftig nutzen“, hatte ich Panels und Präsentationen zu meiner Orientierung ausgewählt. Das gibt es hier im Halbstundentakt, wenn man will.

Also die Wissenschaftshalle 4.2, und dort speziell zum Thema „medienübergreifende Workflows“ mit XML. Der Diskussion war zu entnehmen, daß die diesbezügliche Technik immer noch nicht in der Breite in der Herstellung angekommen ist. So saß ich mit einer Handvoll Verlagsmitarbeitern in einem Vortrag, in dem es, wie sich schnell zeigte, genaugenommen, um Ansätze von vorgestern ging, die schon seit den 1990er Jahren in Proceedings beschrieben werden, für die Arbeit mit TeX damals etwa in dem Tagungsband zur TUG 2004 in Griechenland zusammengefaßt. Mein Hinweis auf den Workflow von OpenSourcePress von Asciidoc via LaTeX zu PDF/EPUB und auf entsprechende erprobte Workflows (N.B. ohne XML) verstand wohl vor allem der Referent zutreffend; die Verlage haben es weiterhin mit Microsoft-Word-Manuskripten ohne semantische Auszeichnung zu tun und akzeptieren das auch, jedenfalls im wissenschaftlichen Bereich mangels anderweitiger Perspektive. Die Position der Autoren ist hier sehr stark gegenüber den Verlagen.

Am „Hot Spot Professional & Scientific Information“ kam es darauf zu einer Diskussion um die „E-Medien Ausleihe in der Öffentlichen Bibliothek“, bei der, wie einer der Teilnehmer am Rande ein bißchen sportlich meinte, „wie immer bei solchen Podien nichts rauskam“. Dargestellt wurden die Positionen der Bibliotheken, der Autoren und der Verleger in Bezug auf das „Right to E-Read“ bzw., wie Frank Simon-Ritz für den Deutschen Bibliotheksverband erweiterte, das „Right to E-Lend“. Bibliotheksbenutzer sollten das Recht haben, nicht nur gedruckte, sondern auch E-Books auszuleihen. Während das E-Reading bei den öffentlichen Bibliotheken weiterhin von der kommerziell arbeitenden Onleihe beherrscht wird, die zudem jüngst testweise um einem Online-Shop erweitert worden ist (sic!), sehen die Bibliotheken ihren Auftrag darin, Informationen zu beschaffen, unabhängig von den Medien, auf denen diese vorliegen. Dafür sei selbstverständlich zu zahlen, ebenso wie für gedruckte Literatur. Gerlinde Schermer-Rauwolf vom VS – Verband der Schriftsteller bei ver.di mahnte denn auch die Bibliothekstantieme für E-Books an und hätte die Vergütung für E-Book-Leihen gerne in den Händen der VG Wort gesehen. Sie setzte auf solide und bewährte Verlags- und Vergütungsmodelle. Über Apple und Amazon zu veröffentlichen und über Blogs und soziale Netzwerke zu werben, sei ganz sicherlich möglich, aber nicht jeder, der gut schreiben und übersetzen könne, sei auch insoweit als Selbstdarsteller begabt; wem das nicht liege, sei auf ein Modell angewiesen, das ihm auch unabhängig von solchen Bemühungen zu einer angemessenen Vergütung verhelfe. Die Medien als Träger der Inhalte änderten sich im Laufe der Zeit, das Bedürfnis der Autoren an einer Vergütung bleibe dagegen gleich. Die Rolle der Verlage sah sie angesichts der Vielzahl an Manuskripten, die dort eingingen, darin, die Spreu vom Weizen zu trennen und eine Qualitätssicherung für die Leser zu betreiben. Demgegenüber sah der Verleger Matthias Ulmer die Bibliotheken mit der Onleihe in Konkurrenz zu den E-Book-Verkaufsportalen. Wer ein E-Book ausleihen könne, kaufe es später oft nicht mehr. Paradoxerweise prophezeite er der Kindle Flatrate von Amazon aber eine Bauchlandung, weil damit kein Gewinn zu erzielen sei. Frank Simon-Ritz erinnerte dagegen an die Debatte in den 1950er Jahren, als der Börsenverein ernsthaft bestritt, daß die Bibliotheken das Recht hätten, jedes Buch zu kaufen und zu verleihen. Der Fortschritt ist eben eine Schnecke. Und er will ausgehandelt werden.

Aber auch sonst kann man auf der Buchmesse an Ansichten erinnert werden, die fast schon verschwunden schienen. Denn die Messe ist ein Ort des Smalltalks. Beim etwas spät eingenommenen Mittagsimbiß an einem viel zu kleinen Café-Tischchen erzählt mir meine französische Tischnachbarin, die nach eigenem Bekunden schon mehrere Jahre in London lebe, unvermittelt von ihrer Befürchtung, durch den Mindestlohn, der gerade in Deutschland eingeführt worden sei, würde es bald mehr Arbeitslose geben (keine Ahnung, wie sie gerade auf dieses Thema gekommen war). Die Erfahrungen in Frankreich seien dementsprechend. Dafür gibt es aber doch keine Belege? Das spiele keine Rolle, solange sie von ihrer Meinung überzeugt sei. Überhaupt: Frankreich sei völlig überreguliert. Großbritannien finde sie großartig. Dort kämen derzeit ganz viele Arbeitslose aus allen möglichen europäischen Ländern zusammen und fänden ganz schnell einen formidablen Arbeitsplatz. Meinen Einwand, es könne nicht die ganze Welt nach England emigrieren, um dieserart versorgt zu werden, ließ sie nicht gelten. Das sei sogar der einzige mögliche Weg, denn in Frankreich könne man nicht mehr vernünftig leben. Die Gewerkschaften seien zu stark dort. Es sei faktisch so gut wie unmöglich geworden, einen Arbeitnehmer zu entlassen. Ja, die Einwanderung habe zum Erstarken der extremen Rechten dort geführt. Auch in Frankreich: Der Front National? Interessiere sie nicht. Aber man stellt doch niemand nicht deshalb nicht ein, weil man ihn irgendwann nicht mehr entlassen könne? Und wenn die Mobilen und Wanderfähigen abwandern, blieben am Ende die Schwachen zurück? Das zerreiße den Contrat social? Gerade wenn man eine gute Ausbildung absolviert habe, habe man die Pflicht, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben? Nein, das sehe sie nicht so, denn es gebe keine „Gesellschaft“, es gebe nur Individuen. Ein Satz, den man zuletzt in den 1980er Jahren von Margaret Thatcher gehört hatte („And, you know, there is no such thing as society. There are individual men and women, and there are families“). Da war er wieder, plötzlich in Halle 4.2. Beim Mittagessen um halb drei. Sie schulde der Gesellschaft nichts, nur ihren Eltern, die für die Schule bezahlt hätten, die sie damals besucht habe. Die es aber nur in dieser Gesellschaft habe geben können? Ja, sicher, aber das sei kein Grund zur Dankbarkeit, denn alles sei ihre Leistung. Übrigens, zum NHS gehe sie nicht. Man könne in Großbritannien nur privat zum Arzt gehen, das öffentliche Gesundheitswesen kümmere sich nicht um die Menschen, sie habe es ausprobiert. Sie bestand übrigens darauf, das Gespräch auf Englisch zu führen, was nicht nötig gewesen wäre, denn ich kann Klassenkampf durchaus auch auf Französisch, aber sie wollte das ausdrücklich nicht und blieb lieber bei ihrem britischen Englisch mit einem etwas herben Unterton. Was aus der einstmals stolzen Frankophonie geworden sei? Ach, sie wisse es auch nicht. Aber Frankreich sei ja sowieso am Abbauen. Ja, dann. Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck. Sie hatte eine ganz zierliche, dünne, kleine Hand, und sie nickte, als ich zu ihr sagte: „Agree to disagree?“ Sie wirkte etwas schwächlich vom Habitus, als sie davonging und ich ihr nachsah. Es dauerte noch ein paar Minuten, dann verlor sie sich endgültig in der Masse der Halle.

Weitere persönliche Eindrücke von der Buchmesse findet man bei UmamiBücher und natürlich auch wieder bei Café Digital.