Nachdenken über die Frankfurter Buchmesse 2014

von schneeschmelze

Der Blick in Halle 8.0 zeigt den Umbruch im Verlagswesen sehr deutlich. Läuft man durch die englischsprachige Halle, ist man in einer anderen Welt als auf der übrigen Frankfurter Buchmesse. Und doch hat das, was man hier sieht, mit dem Rest auf dieser Messe und mit der Welt da draußen etwas zu tun.

Alles wirkt hier noch etwas kahler, etwas nüchterner, kälter auch. Man kann auch sagen: Seelenlos. Die verlegerische Klassengesellschaft könnte nicht deutlicher sein. Konzerne wie Wiley oder Random House bauen ganze Stand-Landschaften auf, verwinkelt bisweilen. Vertragsverhandlungen finden an kleinen Bistro-Tischchen statt, auf denen betriebsam in Laptops getippt und auf Tablets gewischt wird. Während die kleineren Verlage – es sind immerhin ausländische Unternehmen, für die sich ein Stand in Frankfurt lohnt – ganz kleine Stände haben, in denen nur ein Tisch und zwei Stühle stehen. Vier Quadratmeter Frankfurt. Der Stand von Google glänzt ganz in weiß wie die Website. Er steht frei an einer Ecke. Eiskalt und verschlossen. Alles ist eingezäunt, es gibt eine Art Empfang, an dem eine junge Dame sitzt, die keinerlei Auskünfte gibt, sondern an E-Mail-Adressen verweist. Angemeldete Besucher werden an einem Tisch plaziert, bis der Kollege für sie Zeit hat. Google wirbt hier ausschließlich für Google Play, sonst für nichts. Auch Hachette ist sehr verschwiegen und mauert sich hinter hohen Stellwänden ein wie kein zweiter Aussteller. Es erinnert mich an ein Gespräch mit meiner einstigen Französischlehrerin, die uns von den französischen Privatwäldern erzählte, die man nicht betreten dürfe. Wir müssen leider draußen bleiben.

Und im übrigen hat die Fusionitis zugeschlagen. Pearson Education hatte 2009, bei meinem ersten Besuch auf der Messe, noch einen riesigen Stand, ist diesmal aber nur noch mit seiner Rechteabteilung anwesend, kleiner als Google. Wenn man durch die Halle läuft, hört man alle fünf Minuten ein ganz anderes Englisch, Nord- und Südstaatler, Briten, Iren, Australier und Neuseeländer. Einmal um die ganze Welt, bitte, und diese Welt spricht Englisch. Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Arabisch – erst in den kleinen Hallen 5 und 6 nebenan.

Die Halle 8.0 ist zwar etwas abseits gelegen, sie ist aber genaugenommen der Kern des Betriebs in der Medienwelt, die sich hier feiert. Was dort passiert ist, hat sich auch auf die ganze übrige Szene weltweit ausgewirkt, hat hierzulande etwa den Namen Bertelsmann zu einer bloßen Marke werden lassen, die sehr unter anderem in der Unternehmensgruppe Random House unterging. Folgerichtig sollen die Stände aus Halle 8 ab dem nächsten Jahr in die übrigen Hallen integriert werden, damit zusammen präsentiert werden kann, was zusammengehört. In der Wissenschaftshalle 4.2 geht es schon heute sehr international zu, man hört dort mehr Englisch als Deutsch. Man darf gespannt sein, wie das gehen soll. Sicherlich ist in Halle 5.0 noch etwas Platz vorhanden, aber der Raum ist letztlich begrenzt, so daß es wohl auf eine Verkleinerung der Messe hinauslaufen dürfte.

Der Hype des Self-Publishing, der dieses Jahr allenthalben, vor allem aber in der „Self-Publishing Area“ in der publikumsstarken Halle 3.1 gefeiert wurde, zeigt vor allem die Betriebsblindheit der Buchbranche, die den digitalen Wandel bis heute nicht begriffen hat. Während die Autoren längst schon nicht mehr bereit sind, als fünftes Rad am Wagen von Lektoraten und Programmabteilungen gegängelt und hingehalten zu werden und die Veröffentlichung ihrer Manuskripte mit Hilfe der großen Plattformen Amazon, Apple und Google in die eigene Hand nehmen, versuchen die Platzhirsche Books on demand und Epubli, den Geist zurück in die Flasche zu bekommen und bieten Discount-Angebote an, die man durchaus einmal mit spitzer Feder durchrechnen sollte, bevor man sich vertraglich bindet. Denn das heute so genannte „Self-Publishing“ praktiziere ich genaugenommen schon, seitdem ich online bin. Also seit fast zwanzig Jahren. Ich schreibe in verschiedenen Datennetzen und habe auf diese Weise mittlerweile mit Sicherheit sehr viel mehr Leser gehabt als irgendein Kleinautor bei einem Kleinverlag, der sich an das Format „Buch“ gebunden fühlt. Das Schreiben im Netz sorgt für die unmittelbare Verbindung von Autor und Leser, es erfolgt in einem situationsgebundenen Kontext, ohne Opportunitätskosten. Die sozialen Netzwerke dienen als schwarze Bretter, und die Blogs sorgen für eine ausführlichere und auch dauerhaft öffentliche Debatte. Verlage kommen hierbei schon längst gar nicht mehr vor. Insoweit erscheint das Gerede vom „Self-Publishing“ wie das Pfeifen im dunklen Keller angesichts des Umstands, daß die großen amerikanischen E-Book-Portale die Hand am Lichtschalter haben.

Indem also das eigentliche „Self-Publishing“ schon längst in den Blogs und in den sozialen Netzwerken abläuft und auch immer mehr zunimmt, laufen die Verlage und der Buchhandel, aber auch die Bibliotheken und die Feuilletons gefahr, ins publizistische Abseits zu geraten, weil auch sie traditionell am Tropf der Publikumsverlage hängen. Die ganze Content-Verwertungskette wird überflüssig, wenn Autoren und Leser direkt zueinanderfinden. Und Bibliothekskataloge werden irrelevant, wenn sie die Quellen, nach denen Leser suchen, nicht nachweisen.

Hinzu tritt der Trend weg von den großen wissenschaftlichen Verlagen, hin zum Blog. Beispiele hierfür sind etwa die mehrsprachige Plattform hypotheses.org oder die vielen juristischen Blogs, die in den letzten Jahren entstanden sind. Gerade hier sind mittlerweile ernsthafte und gehaltvolle Formate entwickelt worden, die übrigens die laufende Berichterstattung über juristische Themen in den großen Zeitungen überflüssig machen. Aber auch „das Medium Fachzeitschrift macht nur noch begrenzt Sinn“, sagte Frank Simon-Ritz vom Deutschen Bibliotheksverband unter anderem während der Diskussion zum Right to E-Read. Wie man hört, wollen die Leser die Aufsätze nur noch online abrufen, kaum einer mag noch die gedruckte Ausgabe bekommen, auch nicht als Dreingabe zu Online, nicht mal geschenkt ist das noch gefragt. Und der Verlag C. H. Beck stellt zwei Regalmeter seiner Ausstellungsfläche für Alpmann-Skripten und kleine bunte Büchlein mit „den besten Entspannungsübungen“ für Manager bereit. Die Reihe, die sich am besten verkauft habe, sei die neue für Studenten, der Band für 9,90 Euro. Erfahre ich vor einer Wand mit drei großen Bildschirmen, auf denen die hauseigene Datenbank vorgestellt wird.

Aber die Frage, was denn überhaupt ein „Buch“ sei, ist ja ohnehin problematisch geworden. Am letzten Fachbesuchertag der Messe wurde die neue Plattform sobooks.de vorgestellt. Das Unternehmen wird im Kern von den Beratern und Bloggern Sascha Lobo und Christoph Kappes betrieben. Sobooks ist als E-Book-Shop mit integrierten Community-Funktionen angelegt. Die Leser sollen aber nicht in separaten Webforen, sondern innerhalb der Buchtexte selbst über ein Buch diskutieren, das dementsprechend auch nur online im Browser bzw. später in einer App genutzt wird. EPUB-Download soll folgen, soweit die Verlage dem zustimmen; und wenn, dann ohne DRM. Später soll es auch möglich sein, Einschübe zu dem Buchtext einzufügen, um den Text fortzuschreiben.

Man erkennt die Elemente des Web 2.0: participation, collectivism, virtual communities, amateurism. Einfach nur lesen, war gestern. Der Prosument soll mitarbeiten, und der Autor ist, wie der Blogger, der unmittelbaren Kritik aus der Leserschaft ausgesetzt. Man könnte sagen, ein E-Book-Shop ist auf der intensiven Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal, das ihn von der großen Zahl der anderen E-Book-Shops unterscheide. Denn die Bücher, die sie verkaufen, sind ja überall gleich. Man könnte aber auch sagen: Postmoderne Konzepte zur Konstruktion und zur Dekonstruktion der Texte werden damit umgesetzt. Die Grenzen zwischen der unedited voice des Autors, der in seinem Text einen langen Monolog hält, und der Rezension werden nicht gewahrt, die Grenze zwischen Autor und Leser kommt ins Fließen. Diskussionstrolle werden moderiert.

Die FAZ, die ihre traditionelle Buchmessenzeitung dieses Jahr erstmals durch ein Blog ersetzt hat, will das „social reading“ in Sobooks in ihre Website integrieren. Dieses Zeitungs-Blog, in dem Andrea Diener heute über die Historisierung ihres eigenen Blogs in einem Promotionsprojekt geschrieben hat, und Sobooks sind sozusagen die eigentliche Summe des ganzen Betriebs auf der Buchmesse 2014, und sie gewähren ein Blitzlicht auf die Medienlandschaft zwischen Web, Verlagen und Zeitungen auf der Suche nach Autoren, Lesern und tragfähigen Geschäftsmodellen. Der Umbruch, der in den vergangenen Jahren lange diskutiert worden war, findet jetzt im kommerziellen Bereich tatsächlich statt. Das nächste neue Projekt wird der Beginn des mit Crowdfunding finanzierten Journalismus-Projekts Krautreporter sein, das noch für den laufenden Monat angekündigt ist. So wird der „Schluß ex nihilo“ zum eigentlichen Merkmal von alledem: Was wurde auf der Messe nicht gezeigt, wer war dort nicht präsent und daher umso mehr im Kommen? Etwas fehlt.