„Helene Schjerfbeck“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

von schneeschmelze

Nachdem der Frankfurter Kunstverein einige Schlaglichter auf die finnische Gegenwartskunst gezeigt hatte, folgt nun die Schirn Kunsthalle mit einer Ausstellung über Helene Schjerfbeck.

Achtzig Bilder von ihr wurden für diese Schau zusammengetragen, die meisten davon sind Selbstporträts. Nicht ohne Grund: „Ich habe ein Selbstbildnis begonnen, weil mein Modell dann stets verfügbar ist“, soll Schjerfbeck gesagt haben, „obwohl es nicht lustig ist, sich dauernd selbst anzustarren.“ Die aus kleinen Verhältnissen stammende und nach einem Unfall als kleines Kind zeitlebends Gehbehinderte begann früh zu malen und und wurde entsprechend gefördert. Sie schloß eine Zeichenschule in Helsinki ab, später ging sie nach Paris, kehrte nach Helsinki zurück und unterrichtete dort an der Zeichenakademie, solange es ihre Gesundheit zuließ. Schließlich zog sie sich mit ihrer Mutter in das Dorf Hyvinkäa zurück. Keine „lustige“ Biographie, also.

Und so malte sie sich auf den meisten Bildern, die derzeit in der Schirn gezeigt werden, selbst, immer wieder. In der Regel blickt sie selbstbewußt den Betrachter an; wenn man genauer hinsieht, merkt man aber, sie schaut an ihm vorbei, als wolle sie ihm ausweichen oder sich nicht so richtig auf ihn einlassen. Sich genau betrachten, genau hinsehen und detailreich nachzeichnen, sich zwar zeigen, aber sich dabei nicht auf den anderen einlassen. Gar nicht. Und auf dem eindrücklichsten Bild ist ein kleines Mädchen zu sehen, das mit zerzausten Haaren, krank am Tisch sitzt und dabei verträumt und mit traurig großen Augen ins Leere schaut, „Die Genesende“ aus dem Jahr 1888. Schjerfbeck jung, reifend, erwachsen, schließlich alt, hat sie ihre Entwicklung, am Ende ihren körperlichen und geistigen Verfall als alte Frau minutiös und unerbittlich festgehalten in einer Malerei, die zwischen historisierenden Kopien, Historienbildern und Moderne schwankt. Auch wenn sie sich nicht selbst malte, malte sie letztlich sich selbst. Ein extrem selbstreferentielles Werk zeigt sich da, in sich gefangen, um sich kreisend. Im ganzen mitunter beinahe trostlos, aber immer kraftvoll und sehenswert.

Nur die Raumaufteilung in der Ausstellung läßt denn doch zu wünschen übrig, verwinkelt und etwas irrgartend und viel zu eng bahnt man sich als Besucher seinen Weg. Und wenn es das Gastland Finnland bei der Frankfurter Buchmesse nicht gegeben hätte, wäre es ganz sicherlich fernliegend gewesen, eine Ausstellung zu Helene Schjerfbeck in Frankfurt zu machen. So sorgt der Eventismus im Kulturbetrieb denn doch noch für Möglichkeiten, die sich sonst wohl nicht eröffnet hätten. Entlarvend.

Zur Einführung in Leben und Werk Helene Schjerfbecks hat die Schirn ein sogenanntes „Digitorial“ erstellt, das von der Presseabteilung als „‚Vorabkurs‘ der inhaltlichen und leicht zugänglichen Vorbereitung auf den Ausstellungsbesuch“ beschrieben wird, pad- und smartphone-tauglich soll es sein, kommt aber auch auf dem Desktop bildschirmfüllend rüber. Die Kunstvermittlung beginnt damit vor der Ausstellung, viele Aspekte, die bisher erst über den Katalog oder bei einer Führung vermittelt werden konnten, werden so gleichsam „vor die Klammer gezogen“. Beinahe enzyklopädisch ist der Auftritt geworden, Wikipedia kann einpacken. Und: Das Blog wird vom Kurs abgelöst, der Trend zu MOOCs bei der Vermittlung von Wissen stand Pate. Der Nachteil: Wenn man das Digitorial gelesen hat, bringt man schon ein sehr bestimmtes Bild von Künstlerin und Werk mit in die Ausstellung, was häufig den Blick einschränken und einengen kann. Geboten wird dasselbe Narrativ, das auch die Ausstellung vor Ort bietet. Weniger wäre mehr. Mut zur Lücke!

Helene Schjerfbeck“. Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Kuratorinnen: Carolin Köchling (Schirn), Anna-Maria von Bonsdorff (Ateneum Art Museum). Noch bis 11. Januar 2015.