Der Netizen 2015

In seinem vorletzten Blogpost bei FM4 schrieb Günter Hack Ende 2013 über den Ekel vor dem Netz: Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage ist Symptom des tiefgreifenden Wandels der materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft. Führte die industrielle Revolution zunächst zu Arbeitslosigkeit und Hunger, also in eine Krise des Körpers, so provoziert die Informatisierung der Gesellschaft entsprechende Krisen des Geistes, die zuerst das politische Denken trüben.

Im Jahre zwei nach Snowden zeigen sich mittlerweile weitere Symptome dieses Unbehagens am Internet. Auf einer geschlossenen Mailingliste erklärten zu Anfang des Jahres mehrere User, sie würden keinesfalls auf einer offenen Liste diskutieren. Hier im geschlossenen Kämmerchen, nur für Vereinsmitglieder geöffnet, fühlten sie sich dagegen wohl und schrieben sie durchaus auch schon mal eine Mail in die feindliche Welt hinaus. Wohlgemerkt, keine politische Liste, es geht da um Technik, um Computer und so. Und auch das Thema, um das sich die Diskussion drehte, war ein Technik-Thema. Im besten Sinne unverfänglich und harmlos.

Man muß sich den Netizen 2015 als einen verbarrikadierten Scharfschützen vorstellen, der im Tarnanzug hinter einer Firewall als Schießscharte bei hochgezogener Zugbrücke ab und an ein Posting versendet. Aber auch das nur verschlüsselt. Dadurch verändert sich tatsächlich etwas: Das Netz wird ärmer. Die Öffentlichkeit des virtuellen Raums verkümmert. Der politische und kulturelle Diskurs zieht sich zurück in die alten Bahnen. Ein Angstreflex breitet sich aus, eine Verweigerung, mag sein, aber bisweilen unterbrochen durch ein schrilles Pfeifen im dunklen Keller.

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3 Kommentare zu „Der Netizen 2015“

    1. Danke fürs Anstoßen: Habe die Links gefixt… – Aber warum findest Du die Entwicklung gut? Es hat schon jetzt zu einer enormen Verarmung im öffentlichen Diskurs geführt. Ich spreche von einem Bereich, in dem heute 90 Prozent der Diskussionen unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden, und zwar bei einem Thema, das vollkommen unverfänglich ist. Als ich das Netz kennenlernte, war es umgekehrt.

  1. Die Metapher Schnee gefällt mir. Sie erinnert mich an die Beschreibung der achtziger durch die Soziologen des Abseits als sicherem Ort und der Einsicht: Du hast keine chance , aber nutze sie. Auf das Internet 2015 heißt das : Nu sindse alle drin und das diese Masse den einen oder anderen Zeitgenossen beleidigt kann man verstehen- es wird aber immer auch genügend abseitiges geben- man sollte mal den Browser wechseln oder akzeptieren dass man wie im Schlaraffenland sich erst durch die Datensilage hindurch zappen muss, um an solche Orte wie hier par hazard zu gelangen, gelle?

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