Kontrollverlust

von schneeschmelze

In meinem Feedreader und in meinen Newslettern gibt es derzeit eine aufschlußreiche Diskussion um die Frage, ob die Presse den Namen des Copiloten nennen dürfe, der das Flugzeug steuerte, das vergangene Woche mit 150 Personen in Südfrankreich abgestürzt war.

Durch die Rolle, die der Pilot während dieser Ereignisse spielte, ist er zu einer relativen Person der Zeitgeschichte geworden, über die grundsätzlich berichtet werden darf. Demnach wäre auch die Nennung seines vollständigen Namens zulässig. Dafür würde auch die Größenordnung der Tat und die Schwere der Schuld sprechen – wenn die Schlußfolgerung stimmen würde, wonach es sich dabei um einen sogenannten erweiterten Suizid gehandelt haben soll.

Problematisch bei der Berichterstattung ist aber, daß alle Zweifel am Ablauf der Ereignisse ausgeblendet werden. Eine Indizienkette wurde gezeichnet, letztlich verursacht von Andreas L.

Und wenn es nicht so gewesen wäre? Wenn es noch andere Gründe gegeben hätte, die zumindest derzeit nicht erkennbar sind? Wenn es nur eine Vorverurteilung wäre, wenn sich herausstellen sollte, daß die Schuld nicht bei Andreas L. gelegen hätte? Was wäre dann?

Die bisherigen Äußerungen aus den großen Zeitungsredaktionen – zusammengestellt und entsprechend gewürzt etwa bei MEEDIA – weisen eher auf einen Ausfall selbstkritischer Erwägungen hin. Nachrichten sind eben ein Geschäft, es geht um Auflagen und um Klicks auf die Online-Ausgaben der Zeitungen. Und auch die sozialen Netzwerke haben erneut den Kontrollverlust im Web 2.0 demonstriert. Auch dort besteht ein Interesse daran, daß Geld hereinkommt, sonst gäbe es diese Bühnen nicht.

Das allgemeine Persönlichkeitsrecht läuft zunehmend faktisch leer. Wer ergreift das Wort für einen vermeintlichen Täter? Wer erwägt dessen Interesse angesichts von Sonderseiten und Sondersendungen, wenn sich alle anderen so sicher sind?

Nachtrag: Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auf Phoenix, 27. März 2015: