Römerberggespräche über den „Islam – Partner oder Gegner der Zivilgesellschaft?“

Bei dem Thema „Islam“ denke ich zurück bis zu den frühen 1990er Jahren. Ich erinnere mich an die Diskussionen zum Zweiten Golfkrieg von George „Vater“ Bush, wo es schon um den Konflikt mit der westlichen Moderne ging, die der islamischen Welt fehle – eine Fragestellung, die schon zeigt, wie egozentrisch die westliche Perspektive üblicherweise in solchen Dingen ist. Der Westen setzt sich wie selbstverständlich in die Mitte und moniert, daß es noch etwas anderes gebe als seine Sicht, als sein Modell von Gesellschaft, Kultur, Staat, Wirtschaft. Der Fortschritt, die gesellschaftliche Dynamik, die sich gegen ständische Strukturen wendet und die zum Widerspruch auffordert gegen das Verharren und alles Rückwärtsgewandte. Die universal gesetzten Menschenrechte werden für die ganze Welt gefordert – und das ist ja auch richtig und notwendig.

Vor allem aber: Der Islam macht Angst. Er erscheint heute fast genauso angstbesetzt wie zu Zeiten des Kalten Kriegs der Osten. Das merkt man auch in den Fragen, die an ihn gestellt werden: Etwa ob der Islam in die säkulare Moderne „passe“ – was aber, wenn dabei herauskommen sollte, daß dem nicht so wäre? Auch wenn er nicht „paßt“, er ist ja schon da, mitten in Frankfurt, wo an der Ampel vor mir ein Auto hält, eine verschleierte Frau auf dem Beifahrersitz. Der Islam ist ein Teil des Westens geworden, er findet auch hier statt, was es wiederum erschwert, das Fremde zu erkennen, weil wir es selbst sind, die wir dort sehen, und gerade nicht das andere. Die Projektionsfläche wird mit eigenen Inhalten bespielt.

Über die radikalisierten Jugendlichen, die aus Deutschland nach Syrien gehen, und über das Ausmaß des Salafismus gebe es keine unabhängigen Studien, heißt es. Allgemeine Gründe für die Attraktivität des Radikalismus gebe es nicht. Ausgrenzung und Diskriminierung, ein defizitäres Elternhaus seien förderlich. Allesamt religiös schlecht Gebildete, daher für diesbezügliche Propaganda anfällig. Etwa 300 seien bisher wieder nach Deutschland zurückgekehrt, 10–15 Prozent der Betroffenen seien Frauen. Der „Islamische Staat“ selbst habe keine religiösen Ziele. Es gehe um Geld und politische Macht.

Es war eine differenzierte Debatte am vergangenen Samstagnachmittag bei den Römerberggesprächen über den „Islam – Partner oder Gegner der Zivilgesellschaft?“ im Chagallsaal des Schauspiels Frankfurt, befördert durch ein homogenes Panel und ein stark grün gefärbtes Publikum mit weiterhin ziemlich hohem Altersdurchschnitt. Probleme seien der Jugendsozialarbeit zu übergeben, zur „Deradikalisierung“, das Land Hessen sei hierbei führend. Und die „islamische Tracht“ sei nur „eine Mode“ – das Bundesverfassungsgericht war jüngst anderer Ansicht –, wer dies trage, betreibe eine „Selbstexotisierung“. Toleranz sei vonnöten, die USA wurden als Beispiel hingestellt. Es war ein gutes Modell für den zeitgenössischen Multikulti-Diskurs, seine lichten Momente und seine blinden Flecken.

Zuerst in albatros | texte, 25. April 2015.

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Gardiner über Bach

Die BBC hat John Eliot Gardiners Dokumentation über Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 2013 im eigenen Kanal auf YouTube veröffentlicht: Bach. A passionate life dauert eineinhalb Stunden und ist absolut sehens- und hörenswert.

Angesichts der zahllosen Raubkopien ihrer Beiträge hat die BBC nun wohl sozusagen die Flucht nach vorn angetreten und stellt hochwertige Kopien selbst auf YouTube ein.

(via Philoblog)

Zuerst bei albatros | texte, 6. April 2015.

„Poesie der Großstadt. Die Affichisten“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Am Eingang zur Ausstellung, noch im Treppenhaus beim Weg nach oben, steht ein Bild, das den aggressiven Vorgang des Plakatabreißens zeigt: Der „Affichist“ bei der „Décollage“, beim Abreißen von Plakaten von der Wand, auf die sie geklebt wurden. Was man heute nur noch von Litfaßsäulen kennt, fand damals in Paris auf den bloßen Wänden der Häuser statt: Plakate, die in mehreren Schichten übereinander immer wieder überklebt wurden, als Bekanntmachung, zur Werbung, kommerziellen wie politischen Inhalts. Bunt und in der Bildersprache ihrer Zeit. Es war die Nachkriegszeit, bis in die 1960er Jahre hinein.

Und diese abgerissenen Plakate nahmen sie dann mit, um sie weiter künstlerisch zu verarbeiten. Juristen deklinieren beim Betrachten der Bilder im Geiste die Tatbestände der Eigentumsdelikte durch: Fremde bewegliche Sache, Wegnahme, Zueignungsabsicht – alles gegeben. Aber daraus wurde dann ein Kunstwerk, und anscheinend gab es keine Kläger und infolgedessen auch keine Richter. Manche komponierten die abgerissenen Papierfetzen neu, erstellten also aus der „Décollage” neue „Collagen“, manche stellten die Rückseite aus, meist war aber die Vorderseite zu sehen. Dekonstruktionen von schnöder Gebrauchsgrafik wurden dabei ins Museum und in sonstige Ausstellungen getragen. Die Straße wurde ins Museum gebracht, wurde selbst konserviert und museal, wenn auch nur bruchstückhaft.

Manche Künstler beschäftigten sich auch mit der Sprachkunst, sprachen Gedichte in Kunstsprachen auf Band, filmten sich bei der Arbeit, erstellten experimentelle Filme, spielten mit Mustern und Formen. Am Ende wurde die Décollage politisch, sowohl der Krieg im Maghreb wurde aufgegriffen als auch die Entwicklung im geteilten Deutschland. Und sie überschritt dabei die Grenzen des französischen Sprachraums. Die Destruktion des Plakate ging am Ende über in eine Konstruktion, die Übergänge zur Pop Art wurden fließend und weisen auf die postmoderne Lust am Auseinandernehmen und Neuzusammensetzen voraus.

Poesie der Großstadt. Die Affichisten. Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Kuratoren: Esther Schlicht (Schirn) und Roland Wetzel (Museum Tinguely Basel). Bis 25. Mai 2015. – Zuerst in albatros | texte, 19. April 2015.

In der Zugangsgesellschaft

Während sich die TU Darmstadt vor dem Bundesgerichtshof gegen den konfliktlustigen Eugen Ulmer Verlag weitgehend durchgesetzt hat (via Inetbib), bietet JSTOR seinen zahlungskräftigen Kunden neuerdings einen „unbegrenzten, DRM-freien Zugriff“ auf seine E-Books: Herunterladen, drucken und kopieren ohne irgendwelche Schranken (via LIBLICENSE). Erinnert an die Musikindustrie, die auch irgendwann DRM aufgab. Der nächste logische Schritt wäre es, die Onleihe anzugehen und hier auch nach neuen Wegen zu suchen und Spielräume zu erkunden. Während sich ebenfalls bei LIBLICENSE, eine Diskussion über die Zukunft des Buchs findet: Sie dreht sich eher um sein Wesen – ist es linear aufgebaut oder eher ein komplex komponiertes Ensemble, das der Leser bei der Lektüre sich erst zusammensetzen muß? Was durch die derzeitigen digitalen Formate eher erschwert denn erleichtert wird?

Zuerst in albatros | texte, 17. April 2015.

Schwach und blaß

Die Generation von Grass, Habermas, Enzensberger verdankte ihre Wirkung den Massenmedien, die den politischen Diskurs gebündelt und damit auch intellektuelle Stimmen verstärkt hatten. Im Vergleich dazu muß jeder, der ihnen nachfolgt, heute schwach und blaß wirken. Auch wenn er genauso kräftig sänge wie sie, wäre er damit weniger gut zu vernehmen und erschiene notwendigerweise kleiner.

Beim Bäcker, wo ich den Kuchen zum Nachmittagstee kaufe, quellen die Zeitungen aus dem vollen Ständer. Vorne drauf: Bilder von Günter Grass. Die Nachrufe auf ihn waren dem Absatz nicht förderlich. Alles schon bekannt. Der Journalismus hat reagiert, wie zu erwarten war. Also ein Blick in die Blogs: Maximilian Schönherr hat einem der nächsten SWR2 Archivradios vorgegriffen und einen etwa 33-minütigen Ausschnitt aus einer Tagung der Gruppe 47 aus dem Archiv des SFB/RBB eingestellt. Günter Grass liest 1962 in Berlin aus seinem damals noch unveröffentlichten Roman „Hundejahre“, und Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki kritisieren ihn. Soviel Gegenwart brachte heute kein Feuilleton zutage.

Zuerst in albatros | texte, 13. und 14. April 2015.

Ohne Kontext

Richard Sennett entwickelt seine Thesen vom „alten“ und dem „neuen“ Kapitalismus fort und beschreibt das in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung vom 7. April 2015 anhand von Biobauern. Als Aussteiger (in den 1980er Jahren war das mal eine häufig gehörte Bezeichnung und ein echter Weg) fühlten auch sie sich auf kurzfristige Ziele festgelegt, obwohl sie das Gegenteil gesucht hätten. Auch für ihre Arbeit gebe es keinen Kontext mehr, keine „soziale Matrix, innerhalb derer sie sinnvoll erschien.“ An einen Ausweg innerhalb des kapitalistischen Systems glaube er, Sennett, nicht, er „habe eigentlich nur noch die Hoffnung auf den Kollaps des Systems. Es ist ja 2008 immerhin schon einmal kollabiert.“

Das Klagen über die Entfremdung ist alt, aber ich kann mich nicht daran erinnern, daß es jemals so laut gewesen wäre, solange ich persönlich zurückdenken kann.

(via Denkstil)

Zuerst in albatros | texte, 10. April 2015.