Der Graben ist tiefer geworden

Günter Hack denkt resümierend über die Verschiebungen der letzten Jahrzehnte nach. Wie beziehen sich Gesellschaften bei ihrer Entwicklung aufeinander? Gibt es zwischen ihnen eine Art „Rangordnung“ – fortschrittlichere, die vorangehen, und Nachahmer oder late adopters? Welche Trends sind zu erkennen?

Dank Netz gibt es keine Alpha-Gesellschaften mehr, die gesamtgesellschaftliche Trends für ‚den Rest der westlichen Welt‘ vorwegnehmen. Es gibt nur noch Länder, in denen das neue Apple-Gadget schneller ausgeliefert wird als in anderen. Das ist vielleicht die letzte echte Rangordnung, aber auch sie sagt wenig aus.

Und: „Im Kalten Krieg orientierte sich die bundesdeutsche Politik wesentlich stärker an den angloamerikanischen Ländern als heute. Es war auch praktisch, schon mal sehen zu können, was funktioniert und was nicht. Das geht heute aus mehreren Gründen nicht mehr, was zuweilen den Eindruck von Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit beim Betrachter hinterlässt. … irgendwas hat sich da gegabelt, auseinanderentwickelt, desynchronisiert

Könnte man so sehen. – Es ist paradox: Je näher sich die Gesellschaften durch Globalisierung und Digitalisierung gekommen sind, desto mehr entfremden sie sich voneinander. Das Recht tut ein übriges: Was dem einen sein „Recht auf Vergessenwerden“, ist dem anderen „Zensur“. Die Gräben sind tiefer geworden.

Nachtrag, 3. April 2015: Constanze Kurz weist auf netzpolitik.org auf den Beitrag in der Charlemagne-Kolumne des Economist vom 4. April 2015 hin, der zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt: „Yet the transatlantic data divide will not close soon.“

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4 Kommentare zu „Der Graben ist tiefer geworden“

  1. „Je näher sich die Gesellschaften durch Globalisierung und Digitalisierung gekommen sind, desto mehr entfremden sie sich voneinander“

    Durch die größere Nähe erkennt man mehr von der wahren Natur der jeweiligen Gesellschaften und man erkennt, dass das eigene Bild von ihnen berichtigt werden muss. Die Angebote anderer Gesellschaften werden nicht mehr so vorbehaltlos übernommen, das könnte man als „Grabenbildung“ empfinden, aber es könnte auch einfach der Versuch der Identitätswahrung sein in Zeiten globaler Gleichmacherei.

    Es liegt in unserer Hand wie weit mit einer Globalisierung das Recht des Stärkeren die Oberhand über andere Werte erhält.

    1. Ja, es ist sicherlich eine Abgrenzung, die dazu dient, die eigenen Werte zu wahren. Und wir erfahren heute auch mehr über den anderen, weil alles direkt und live verfügbar ist. Die Technik kommt jedenfalls für die meisten von uns von außen, und „Code is law“: Das, was uns trennt, ist in die amerikanischen Plattformen hineinprogrammiert worden. Datenschutz beginnt beim Code.

      Was mir Hoffnung macht, sind die kleinen gemeinnützigen und privaten Initiativen, die Infrastruktur allgemein bereitstellen: Die Diaspora-Pods, das Open News Network für das Usenet oder die kleinen Twitter-Alternativen. E-Mail kann man im Paket mit dem eigenen Webhosting erwerben. Und dieses Wochenende wird Antville modernisiert, auch zum Bloggen gibt es also eine gemeinnützige Alternative.

      Ich würde mir wünschen, daß solche Alternativen zu den kommerziellen Diensten sehr weiter verbreitet wären, um den „Lemminge-Diensten“ wirklich eine andere Richtung entgegensetzen zu können. Einfach nur Nein sagen, wäre zu wenig.

  2. Code is law und Datenschutz beginnt beim Code sind Erkenntnisse, die ich teile. Freie Software im Sinne der FSF ( https://gnu.org/philosophy/free-sw ) ist m.E. das einzige Mittel zur digitalen Selbstbestimmung. Es muss ja nicht gleich jeder selbst programmieren. Ein großer Schritte wäre schon, wenn mehr Nutzer darauf achteten, so weit sie können freie Software einzusetzen.

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