Das Blog, das Wiki, das Netz, das Kapital

Angeregt durch Jan Drees‘ Beitrag Weshalb es 2015 Literaturblogs braucht, lese ich in einige der dort genannten und auch weiterer Plattformen hinein und klicke mich über Links und Blogrolls weiter. Es sind es in den meisten Fällen nurmehr Wurmfortsätze der Werbeabteilungen von Verlagen. Während in den bürgerlichen Feuilletons die Konfektionsware für das Zeitungspublikum angepriesen wird, gibt es hier den ganzen Rest zu sehen. Die Übergänge zu den Rezensionsforen der Online-Buchhandelskonzerne sind fließend. Mit anderen Worten: In dem Beitrag von Rees wird nicht ein einziges echtes Blog erwähnt. Und natürlich heißt es das Blog!, möchte man nach einer Stunde den „Literaturbloggern“ mit Jörg Kantel zurufen.

Was die meisten User, die erst mit Google und Facebook surfen gelernt haben, mit dem Begriff „Blog“ verbinden, hat mit der ursprünglichen und eigentlichen Bedeutung des Begriffs nichts mehr zu tun. Es sind Werbeplattformen, die von den Verlagen bemustert werden. Das gleiche gilt für Wikis. Ebenso wie für entsprechende Blogger, stellen die Verlage Random House und C. H. Beck seit einiger Zeit Rezensionsexemplare für Wikipedia-Autoren zur Verfügung. Random House schrieb selbst über einen eigenen Account bei Wikipedia an Artikeln zu seinem Verlagsprogramm mit und überarbeitete den Artikel Luchterhand Literaturverlag vollständig. Buch-Cover werden zur Bebilderung eingestellt, und den Blogger-Relations treten die Wiki-Autoren-Relations gegenüber. Das Wiki als ein weiterer PR-Kanal neben den vielen anderen. Full service.

Die Folge ist: Das Web 2.0 schafft sich durch seine fortschreitende Kommerzialisierung selbst ab. Wahrscheinlich ist das schon weitgehend erfolgt. Es ist in seinen wirtschaftlich relevanten Teilen schon überwiegend von den Konzernen übernommen worden. Der Traum vom libertären Netz ist an der Normalität des Kapitalismus gescheitert.

Zuerst in albatros | texte, 29. Mai 2015.

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Ein Gedanke zu „Das Blog, das Wiki, das Netz, das Kapital“

  1. Da hilft am besten: selber machen.

    Und den Kapitalismus am besten weitest möglich draußen halten:
    – keine „kostenlosen“ Datensilos aus Bequemlichkeit verwenden.
    – statische Seiten/Feeds/Inhalte erstellen.
    – Feeds anbieten (dann muss man auch nicht täglich und zu jedem posten, sondern nur dann, wenn man was zu sagen hat – die Abonnenten erreicht man trotzdem).
    – Feeds mit ganzen Artikeln, nicht nur Anreisser
    – keine Werbung einbinden.
    – politischer Einsatz gegen asymmetrische DSL-Angebote, um das Hosting von zu Hause wieder zur Regel zu machen.

    Damit kann man kleine, feine, wenig frequentierte Blogs mit 0 Zusatzkosten heutzutage gleich von der Fritzbox aus hosten, man braucht nur einen etwas dickeren USB-Stick. So eben, wie das Web in den frühen 90ern mal gedacht war: man hat sich einen Webserver kompiliert und der lief bei mir damals 30cm neben dem rechten Schuh, unterm Schreibtisch, auf einer HP-UX.

    Und bei größeren Angeboten nimmt man dann halt ein statisches Webhostingangebot, für <50€/a sollt man seine Wandzeitung weltweit aufhängen können.

    Einige der für mich interessantesten, selten, aber regelmäßig upgedateten Angebote werden tatsächlich so gehostet, an einer dyndns oder homeip-Adresse.

    Veröffentlichen ist dann wirklich so einfach wie die Datei ins Webroot zu kopieren!

    https://staticsitegenerators.net/
    https://www.staticgen.com/
    da sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein.

    Bei Blogs gibt es auch welche, die nur im angemeldeten Zustand beim Editieren die Seiten per request rendern und ansonsten vorkompilierte Inhalte herausreichen, http://ikiwiki.info/ zum Beispiel.

    Natürlich könnte man auch mit diesen Werkzeugen dem Kapitalismus frönen und alle mit Werbung zumüllen. Man könnte es ob der geringen Kosten aber auch einfach sein lassen.

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