Als flöge sie nach Haus

Der Sommer sorgt für Leere in meinem Feedreader. Je besser mir die Autoren bekannt sind, desto weniger schrieben sie jüngst. Und so geht es mir auch. Aber da ist noch mehr. Ich denke an Roger Willemsens Knacks: Wann wurde man nicht, was man hätte sein können? (2008, 25). Auf das Bloggen übertragen: Wann hörte man auf, wenn man auch hätte weiter bloggen können? Und, bezogen auf den Selbstmord von Kindern, fuhr Willemsen kurz darauf fort: als flögen sie nach haus, in Anspielung auf Eichendorff (27). Wo ist der Blogger zuhause? In seinem Blog? Freilich: Nicht einmal da.

Es hört aber nicht auf, sondern es ändert sich. Das Bloggen als tägliche Übung – eher nicht. Als allfälliger Zwischenruf – schon eher. Als ein Innehalten auf dem Weg nach haus – vielleicht. Als ein Schreiben, das neben anderen Formen des Schreibens steht – ganz sicher.

Mein Schreiben ist in den letzten Monaten wieder privater geworden. Es ist leiser geworden, auch konzentrierter. Und länger. Wie mein Lesen, das weggeht vom sogenannten Online-Journalismus, der so schnell produziert wird, daß er weitestgehend ohne Recherche auskommen muß, hin zu gründlicheren Texten. Ein Beispiel: Ich habe nichts Ausführlicheres und Lesenswerteres gefunden zum Thema Brexit als die Sonderausgabe des German Law Journal. Vierundzwanzig nachdenkliche Beiträge – lesen, wer es noch nicht kennt! Überhaupt der Reichtum an frei verfügbaren Texten aus Archiven und diversen Plattformen, die sich vom Alltagsrennen lösen, die den schnellen Atem nicht mögen, die zurück schauen und Halt geben, statt sich zu verzetteln. Auch das ein Ergebnis meines Nachdenkens darüber, wie man sich informieren sollte. Es gibt den Weizen, nicht nur die Spreu.

Ich schreibe wieder längere Texte, wie früher, und ich schreibe sie zuerst für mich. Vielleicht veröffentliche ich den einen oder den anderen einmal. Aber bis dahin muß er reifen, und das könnte er nicht, wenn er sofort ans Licht gezerrt würde, wie es beim Bloggen geschieht.

Erneut: Nichts gegen das Bloggen. Ich schreibe schon lange im Netz, und ich werde das auch weiter tun. Aber ich werde es weniger oft tun. Und es wird ganz sicher auch eine Form der persönlichen Selbstfindung und der -vergewisserung, wie ich die schneeschmelze immer verstanden habe und wie es auch für den albatros gilt. Selbstvergewisserung durch Notizen, durch Kundgabe an andere, durch Teilnahme am großen Diskurs in den Netzen, auch wenn die Stimme noch so klein sein mag, auch wenn sie noch so wenig gehört werden mag. Sie ist wie eine digitale Flaschenpost, die man in das große Meer wirft und die irgendwann irgendwer schon finden mag. So laßt uns denn eine Flaschenpost schreiben und versenden. Die Welt braucht sie – mehr als das Ephemere, das lieblos Dahingeschluderte.

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4 Kommentare zu „Als flöge sie nach Haus“

  1. Schöner und treffender Artikel. Ich nehme mir zu wenig Zeit zum Schreiben, weil Vieles dagegen steht. Alleine das zu reflektieren wäre einige Beiträge wert. Ich freue mich auf die Sommerferien und nehme mir das Bedenken (und Verschriftlichen) vor. – Gut, dass Du noch schreibst, Jürgen!

    1. Danke Dir, Hanjo! Schön, daß Du meiner schneeschmelze weiter folgst. Ich schreibe ja mittlerweile etwas mehr nebenan. Bei wordpress.com gibts nur eine Auswahl davon. – Ich wünsche Dir schöne Ferien! Bin weiterhin auf Deine Lektüre gespannt… 😉

  2. Hallo Jürgen. Je länger die Pause, desto schwieriger der Beginn – nach über sieben Jahren habe ich erstmals eine Blogpause von mehr als zwei Monaten eingelegt. Unbeabsichtigt. Mir schienen die Dinge zu groß und zu schwer. Am liebsten hätte ich nur noch über meinen Kleingarten und meinen Kater geschrieben – die ich beide zwar auch nicht verstehe, aber die mich dennoch erfreuen.

    Da ich aber nicht aufhören will, schreibe ich wieder. Und bin froh, dass du noch schreibst.

    1. Ach, Carmen, mach Dir keinen Streß! 😉 Das Leben ist viel zu bunt, um sich in dem grauen Netz zu langweilen. Es geht ja nicht nur ums Schreiben. Ich tausche die sinn- und seelenfeindliche Zerstreuung gegen das Sich-Sammeln, was uns zum Menschen macht. Weniger Web ist mehr Leben. Wir kennen doch mittlerweile die Technik, die Plattformen, die Communities … vielleicht klappts ja, und wir laufen uns auf der nächsten Buchmesse über den Weg? Meine Akkreditierung ist schon da. Freue mich jedenfalls auf Deine weiteren Beiträge.

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