Archiv der Kategorie: Aelterwerden

Ausgelesen

Ich habe zuviele Bücher. Viel zuviele Bücher. Beim Durchsehen der Regale stoße ich auf „Netzkarte“ von Nadolny. Achtziger Jahre. Mit der Phantasie über die „Bäckerstochter von Jerxheim“. Nebenan steht mein Meyer, auch aus den Achtzigern. Jerxheim? J! Ich blättere, kreise das Stichwort ein. „Jesus Christus“ … „Jerusalem“. „Jerxheim“ fehlt aber. Was steht da noch so herum? „Risikogesellschaft“, natürlich. Und die „Firma Frankreich“ von Lothar Baier. Das meiste aus der Zeit habe ich schon fortgegeben. Entsorgt. Aus den Neunzigern ist noch mehr da. So merkt man, was einem tatsächlich etwas wert war, woran man heute noch zurückdenkt, denn das bleibt übrig. Eine Aus-Lese. Und sehr subjektiv. Und im übrigen gibt es Antiquariate. Und Bibliotheken, natürlich.

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Sich informieren IV

Der Nachruf ist eine hierzulande viel zu wenig beachtete literarische Gattung. Beim Tod des FAZ-Herausgebers Schirrmacher konnte man gerade wieder sehen, was dabei herauskommen kann. Der Tag auf hr2-kultur sprach darüber mit Jochen Hörisch, und auch er fand das zumeist hochpeinlich, blieb dabei aber nicht stehen. Der Sendung verdanke ich den Hinweis auf die Nachrufe im Guardian, die wirklich lesenswert sind. Häufig werden dort hierzulande weniger bekannte Personen beschrieben. Das gleiche gilt übrigens für die Nachrufe in Le Monde und in El País und in der New York Times. Kleine abgeschlossene Lebensgeschichten, die – anhand der Massenmedien – zeigen, wie relativ die Bedeutung ist, die dort Biographien beigemessen wird. Die Welt ist voller Nachrufe. Am Ende bleibt die Erinnerung und wird zur Geschichte. Lauter kleinere und größere Übergänge. Man kann sie im Feedreader mitlesen und sollte das auch tun. Ein fast tägliches memento mori.

Durch das Grau hindurch

„Der Morgen graut“: Dunkelmattes Grün. Bäume vor blauweißem Himmel, und die Vögel zwitschern genauso laut wie die A3. Kraftlose Farben – und ein Buch, fast ausgelesen am Ende der Nacht – als wolle die Natur die Sinne schonen mit der spärlichen Kraft. Oder als arbeite sich die Farbe erst noch durch das Grau hindurch oder hervor, immer mehr, immer heller, bis die Sonne zu sehen ist, die dann immer wärmer strahlt, bis das Grau fast ganz weg geht und die Farben die Welt zurück erobert haben. Und das Leben.

Zuerst in albatros|texte am 10. Juni 2014.

Eine neue Netz-Metapher

Dabei ist zu bedenken, daß es mittlerweile mehrere Generationen von Internetnutzern gibt. Und jede Generation hat ihre Utopie des Netzes entwickelt. Die Utopie des „Cyberspace“ war eine liberale oder libertäre Variante, die von den Netizens der ersten Stunde vertreten wurde. Danach kamen drei Trends der Kommerzialisierung, nämlich (1) des Internetzugangs; (2) der Plattformen; (3) der Inhalte. Und jede nachfolgende Generation begann nicht bei null, sondern lernte „das Netz“, ihr Netz auf dem jeweiligen Niveau seiner Entwicklung kennen. Nach dem Cyberspace und dem (in zeitlicher Folge) Wikipedia-WordPress-Google-Facebook-Twitter-Internet der gemeinnützigen und der kommerziellen Big Brothers folgt jetzt das NSA-Internet der staatlichen Big Brothers. Der Leviathan tritt wieder auf. Und das wirkt zurück auf das Bild, das sich die Benutzer vom virtuellen Raum machen. Dabei gibt es nicht ein Bild des Netzes, sondern viele Bilder, die sich derzeit ändern. Die Vorstellungen davon, was man mit dem Internet machen könnte und auf welche Weise das ablaufen sollte, sind in Bewegung gekommen. Man denkt derzeit wohl vor allem darüber nach, was man nicht mit dem Internet machen sollte. Und man fragmentiert das Netz unter geographischen und juridischen Gesichtspunkten. Während die kommerziellen Player gleichzeitig eine Fragmentierung herbeizuführen suchen, die die technische Neutralität des Netzes beseitigen soll.

Vergiß es

Natürlich ist das erst der Anfang. Das Recht auf Vergessenwerden, das der Europäische Gerichtshof gerade gegenüber Google ausbuchstabiert hat, wird sich noch ausweiten. Erst trifft es den Nachweis einer Nachricht, die besser schon längst vergessen gewesen wäre, dann trifft es die Nachricht selbst und deren Ort. Die Digitalisierung der Archive verträgt sich nicht mit dem menschlichen Maß der Zeit. Die Daten sind unsterblich und halten uns an sich fest, stellen sich dem Weiterleben in den Weg. Und dem Versuch, das Ende der Privatheit als post privacy zu verklären, waren denn doch die meisten nicht gefolgt.

Vorausschauend handeln heißt, datensparsam handeln. Heißt nicht öffentlich handeln. Also ohne das Internet. Offline.

Etwas weniger radikal: Zumindest ohne soziale Netzwerke, ohne Blogs, ohne Wikis. Noch weniger radikal: Ohne eigene Beiträge in diesen. Ohne eigene Website. Ohne aktive Beteiligung an Mailinglisten und Webforen. Das alles sind Clouds, die in den allermeisten Fällen außerhalb des Geltungsbereichs des europäischen Rechts gehostet werden.

Es betrifft natürlich auch solche ansonsten unverdächtigen Plattformen wie Wikipedia, wo sie selbst speichern, wann ich als eingeloggter Benutzer welche Seiten, die auf meiner Beobachtungsliste stehen, zuletzt abgerufen habe. Der Protest dagegen bei der Einführung dieses Features verhallte vor zwei Jahren ungehört. Das sei ja so praktisch. Und überhaupt: Die blöden Europäer.

Vorausschauend handeln heißt, dem Profiling etwas entgegenzusetzen. Und tatsächlich mehren sich diese Stimmen in meinem Feedreader. Die nicht mehr besinnungslos drauflosposten wollen und die auch für ihre Clouddienste europäische Server auswählen oder wieder ganz auf lokale Lösungen setzen. So wird der Late Adopter, der sich diesem ganzen neumodischen Kram gegenüber von vornherein verschlossen zeigte, auf einmal wieder ganz vorne sein. Sonst warte man doch auch nicht auf irgendwelche Gerichte oder auf Ausschüsse, man entscheide selbst, daß es jetzt an der Zeit sei, vegetarisch oder vegan zu essen. Gemüse-Reis-Pfanne statt Steak-Haus. So fängt es hier jetzt auch an. Es gibt Alternativen.

Damit endet aber auch eine Vision: Das Netz als weltweiter virtueller Marktplatz, als virtuelle Abbildung einer globalen Zivilgesellschaft, in der eine grenzenlose Interaktion stattfinden kann, die es offline nicht geben würde oder die überhaupt eine andere, höhere Qualität haben würde als offline. Zum einen stimmte das nie, zu keinem Zeitpunkt übrigens, wie schon die amerikanischen Debatten (zu Pro-Life, Pornographie, Kreationismus…) zeigen, die uns in der englischen Wikipedia bis in die hintersten Winkel von Artikeln erwarten, wo man sie nie vermutet hätte. Mit dem Austausch ist es bis heute nicht weit her, und das wird sich auch nicht ändern, denn allein die Vielfalt der Sprachen sorgt schon dafür, daß es auf Dauer auch weiterhin Communities gibt, die sich hart voneinander abgrenzen (der ideologische Aspekt wird beim Sprachenlernen gemeinhin viel zu wenig beachtet). Zum anderen wird Online aber auch immer mehr als Gefahr empfunden. Wird kritisch überprüft, abgeklopft. Das bleibt letztlich inkonsequent, siehe oben.

Und doch: Ein einstmals weiter, sich weitender Raum – der „Cyberspace“, was ja auch nur so eine Frontier-Metapher der Netzkultur war – verengt sich wieder, wird dunkler und unattraktiv. Verschwindet. Man wendet sich davon ab und zieht sich daraus zurück. Man überläßt ihn zunehmend den Geschäftemachern und nutzt ihn vor allem abrufend, passiv. Was natürlich ein unauflösbarer Widerspruch ist: Alle sind ständig am Googlen, aber von mir selbst soll da möglichst wenig erscheinen – wie soll das gehen? Es ist eigentlich ganz einfach: Vergiß es.

Diaspora ade

Nachdem ich bereits im Jahr 2010 Facebook verlassen hatte und mich 2012 auch von Xing verabschiedete, war 2013 Twitter an der Reihe. Etwa in diesem Zeitraum muß ich wohl auch meinen Google+-Account geschlossen haben. Darüber hatte ich anscheinend schon gar nicht mehr geschrieben; jedenfalls finde ich dazu keinen Post mehr. Heute habe ich meinen letzten noch verbliebenen Social-Media-Account deaktiviert, den ich vorläufig noch testweise belassen hatte: Auch auf Diaspora bin ich nun nicht mehr zugange. Warum? Ich habe Diaspora ein gutes halbes Jahr lang nicht genutzt, und ich vermisse nichts. Warum erst jetzt? Aus Inkonsequenz. Aber das kann man ja ändern.

Damit geht gleichzeitig ein mehrere Jahre dauerndes Experiment mit den sozialen Netzwerken zuende. Es war eine interessante Zeit, ich habe den Übergang von einem freien Netz, wo wir uns vorwiegend im Usenet und in den Mailinglisten ausgetauscht hatten, hin zu einem jederzeit überwachten, zentralisierten und vollständig durchkommerzialisierten Netz miterlebt. Ich habe den Shift von der Kommunikation zwischen den Netizens in den digitalen Kanälen hin zu Datenkranken und Datenhändlern verfolgt. Das war eine wichtige Erfahrung, denn man muß die Unterschiede zu früher selbst erlebt haben, um ermessen zu können, welche Chancen dabei über die Jahre Schritt für Schritt verlorengegangen sind. Die Geschäftemacher haben den Cyberspace übernommen, und die breite Masse, die sich dort jetzt bewegt, meint, das wäre das Netz. Aber es ist nur die Erfahrung der Lemminge.

Geblieben sind ein paar Test-Accounts, die ich benötige, um mich über die Entwicklung auf den kommerziellen Plattformen zu Schulungszwecken auf dem laufenden zu halten, sowie mein Blog, und natürlich werde ich mir darüber Gedanken machen, ob es noch angezeigt ist, es bei einem hosted service zu belassen oder in Zukunft selbst zu betreiben. In der letzten Zeit neige ich eher zu letzterem, aber das eilt nicht.

Wichtig ist, auf den Wandel im Netz zu reagieren und beweglich zu bleiben. Jederzeit gehen zu können, wenn der Steuermann ruft – und tatsächlich zu gehen, wenn es soweit ist. Beim Anblick dieses digitalen Biedermeiers frierts mich vor Gemütlichkeit. Wie bin ich froh, daß ich weg bin!