Archiv der Kategorie: Bericht

Konflikt zwischen Community und Betreiber-Stiftung in der englischsprachigen Wikipedia

Nachdem die Wikimedia Foundation am 10. Juni 2019 den Administrator Fram gesperrt und „gebannt“ hatte, ist es in der englischsprachigen Wikipedia unruhig geworden. Eine zweistellige Zahl von Administratoren, Oversights und Bürokraten haben im Protest ihre erweiterten Benutzerrechte zurückgegeben. Die wochenlangen Diskussionen, vorwiegend auf der Seite Community response to the Wikimedia Foundation’s ban of Fram, sind von den Portalen Buzzfeed und Slate aufgegriffen worden. Der Wikipedia Signpost brachte dazu vergangenes Wochenende mehrere Beiträge, davon ist einer, der die Abläufe dokumentiert hatte, schon wieder gelöscht worden.

Vergangene Nacht kam ein reitender Bote mit einem Statement des Boards der Wikimedia Foundation zu alledem, heute Morgen folgte eine weitere Stellungnahme der Geschäftsführerin Katherine Maher (jeweils Permalinks, die Seite wird weiter bearbeitet).

Bei dem Konflikt geht es wesentlich um den Grad der Autonomie, der den lokalen Communities im Rahmen ihrer Selbstverwaltung von dem Betreiber von Wikipedia belassen wird. Die Stiftung beansprucht das letzte Wort beim Umgang mit schweren Belästigungen von Benutzern untereinander, rudert in dem konkreten Fall aber nun teilweise zurück, indem jetzt doch das Schiedsgericht der englischen Wikipedia eingeschaltet werden soll. Das Verhältnis zwischen Community und Stiftung beim Umgang mit solchen Vorgängen bleibt aber vorerst im einzelnen unklar, es sind viele Nachfragen gestellt worden.

Die bisherige Kritik bezieht sich vor allem auf die Einmischung in Community-Angelegenheiten sowie auf das intransparente Verfahren ohne Anhörung des Betroffenen, das auch für Dritte nicht nachvollziehbar ist, weil dazu keine Einzelheiten veröffentlicht werden. Der Vorfall ist nicht abgeschlossen und wird die Aufmerksamkeit der Wikipedianer auf längere Zeit hinaus in Anspruch nehmen, insbesondere bei der bevorstehenden Wikimania, die vom 14. bis 18. August 2019 in Stockholm stattfinden wird.

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Bücher abschalten

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Schließung der Buch-Sektion im Microsoft App-Store. Die erworbenen E-Books werden Anfang Juli 2019 gelöscht. Auf den Lesegeräten der Benutzer werden sie nicht mehr angezeigt. Die Kunden erhalten ihr Geld zurück. Die Nutzung der Dateien war per Digital Rights Management an den Anbieter gebunden. Die Inhalte sind aber auch für das kollektive Gedächtnis verloren. Nur die Ausgaben, die als Netzpublikationen bei der Deutschen Nationalbibliothek abgeliefert worden waren, bleiben erhalten – für Benutzer der DNB als Archivdatei im Lesesaal. Wer in Büchern von Microsoft Notizen gemacht hatte, verliert auch diese übrigens auch und erhält dafür eine weitere Gutschrift von 25 US-Dollar.

Ein Blick zurück: Die Online-Ausgabe von Meyers Taschenlexikon und die Microsoft Encarta waren 2009 ebenfalls kurzfristig vom Netz genommen worden und sind seitdem verloren. Im selben Jahr kam es zu einem Vorfall, bei dem die Kindle-Ausgabe des Romans 1984 von George Orwell von Amazon ferngelöscht wurde, angeblich versehentlich.

Digitales Wissen ist vergänglich und bedeutet Kontrollverlust.

Wo itzund Städte stehn
wird eine Wisen seyn
Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden.

(via InetBib)

Literaturkritik in der Abseitsfalle

In ihrem Interview im Börsenblatt hatte Iris Radisch nicht viel zu sagen, als sie von Stefan Hauck auf die Buch-Blogger angesprochen wurde:

Man muss sie ernst nehmen, denn das alte Reich-Ranicki-Imperium der Literaturkritik, das gibt es nicht mehr.

Ende der Durchsage. Es folgt noch eine Beschreibung des Umfelds, in dem sie selbst arbeitet: Die Anzeigeneinnahmen gehen zurück. Die Literaturredakteure müssen selbst ran. Die Freiberufler werden prekär entlohnt:

Es gibt im Journalismus wenig Formate – außer großen Recherchen und Reportagen –, die so zeitaufwendig sind wie die Literaturkritik. Dennoch bekommt ein Kritiker für eine mittellange Kritik nur 350 bis 450 Euro. Daran arbeitet er aber inklusive der Lesezeit mindestens zwei Wochen.

Umgekehrt hat die Bedeutung der Literaturkritik für den Markt immer mehr nachgelassen. Man setzt sich immer weniger mit Themen, Texten und Sprache auseinander, und seit dem Tod von Marcel Reich-Ranicki ist man ziemlich in der Versenkung verschwunden und wird immer weniger wahrgenommen. Ich würde ergänzen: Die Verlage tun ein übriges dazu, indem sie ihre besten Texte hinter die Paywall stellen und für Mondpreise verkaufen wollen. Die Paywall ist die große Abseitsfalle des Internets. Okay, das kann schon mal passieren, aber irgendwann hätten sie es merken müssen in den Redaktionen, welche Mechanismen da am Werk sind.

Zum Beispiel die Buch-Blogger, die man „ernst nehmen muss“. Aber was sonst noch? Vielleicht müsste man sich auch einmal damit auseinandersetzen, warum sie präsent sind, im Gegensatz zu den Feuilletons? Weil sie online auffindbar sind, auch längerfristig, denn jedes Blog ist per se ein Archiv mit Permalinks, während die Verlagswebseiten in immer kürzeren Abständen neu aufgezogen werden, wobei die Weblinks, die auf eine Website gesetzt werden, kaputt gehen. Cool URIs don’t change, sagte einst der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee. Diesen Anspruch erfüllen bis heute nur die klassischen Formate des Web 2.0, nämlich Wikis und Blogs.

Wenn Iris Radisch die „die echten literarischen Debatten“ fordert, die es früher einmal gab, liest sich das tatsächlich wie ein romantischer Blick in eine Vergangenheit, die ein für alle Mal perdu ist. Und die Literaturkritik-Debatte im Perlentaucher war 2015.

Heute wird das Bild, das sich das lesende Publikum von Büchern macht, im wesentlichen von Intermediären wie den Suchmaschinen oder den Sozialen Netzwerken bestimmt, von dem, was man halt so findet. Die Feuilletons gibt es noch, aber sie haben genauso an Bedeutung eingebüßt wie alles übrige, was die Zeitungsverlage so hervorbringen. Wie bei jedem schweren Tanker gibt es auch hier einen langen Bremsweg.

„Tizian und die Renaissance in Venedig“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Tizian und die Renaissance in Venedig ist eine geballte Ladung Kunstgeschichte auf zwei Etagen. Die Ausstellung ist in Schwerpunkte gegliedert und erzählt die Neuansätze bei der Darstellung und der Funktion der Landschaft in der seinerzeitigen Malerei, der Darstellung von Frauen und Männern im Porträt sowie die Umsetzung antiker und biblischer Stoffe im Bild. Die Schau endet mit einem Überblick über die Rezeption der venetianischen Renaissance bis in die Gegenwart – darunter ein unerwartetes Wiedersehen mit zwei Bildern von Thomas Struth aus der Becher-Klasse (2017 an gleicher Stelle zu sehen), auf denen die museale Verarbeitung reflektiert wird. Bilder im Bild sind darauf zu sehen, darunter auch die Madonna mit dem Kaninchen aus dem Louvre, die im ersten Teil gezeigt wird.

Durchgehend sind Beispiele für bedeutsame Buchausgaben zu sehen, die die Bilder gut ergänzen. Die alten Bücher wirken besonders eindrucksvoll, weil sie die Typografie und die gestalterische und handwerkliche Kunst aus der Anfangszeit des Buchdrucks demonstrieren. Sehr schöne und hervorragend erhaltene Feder-, Kreide- und Pastellzeichnungen, teils weiß gehöht auf farbigem Papier, teils Studien, ergänzen die Gemälde, oft aus der grafischen Sammlung des Städel.

Es ist keine reine Tizian-Schau, sondern, wie der Titel sagt, ein Blick auf Tizian und Umfeld im Venedig um 1500, als die Malerei Farb- und Luftperspektive lernte, weiter Entferntes daher meist sehr blau, aber nicht mehr so flach wie noch kurze Zeit vorher bei den Italienern ausgeführt. Einen guten Eindruck von der Präsentation gibt dieses Werbefilmchen:

Der Weg durch das Haus zur Sonderausstellung führt übrigens durch eine weitgehend neu gehängte klassische Moderne, die ebenfalls sehenswert ist, weil sich dadurch neue Zusammenhänge erschließen und teils auch Werke aus dem Depot geholt wurden, die es absolut verdient haben. Außerdem ist Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht noch bis 17. März zu sehen. Selten war das Städel an einem Freitagnachmittag so gut besucht wie gestern.

Tizian und die Renaissance in Venedig. Städel Museum, Frankfurt am Main. Kurator: Bastian Eclerc (Sammlungsleiter italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, Städel Museum). Wissenschaftliche Beratung: Hans Aurenhammer (Goethe-Universität, Frankfurt am Main). Katalog und Begleitheft im Museum zu erwerben. Audioguide zur Miete. App für Android und iOS kostenlos. Digitorial. – Bis 26. Mai 2019.

„Moderne am Main 1919–1933“ im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

In der Ausstellung „Moderne am Main 1919–1933“, die vergangene Woche im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main zum Baushausjahr eröffnet worden ist, ist auch viel Neue Typografie und Vorarbeiten bzw. künstlerisches Umfeld zu sehen – wer also Gelegenheit hat, nach Frankfurt zu kommen, möge sich die Schau nicht entgehen lassen. Der kleinformatige, aber dicke Katalog ist auch schön gemacht und mit informativen Texten versehen. Leider muss man viel Wissen mitbringen, um die Zusammenhänge zwischen den Ausstellungsstücken und dem Hintergrund herzustellen, in der Ausstellung gibt es nur kurze Wandtexte, und der Katalog liegt leider auch nicht aus – ich habe das beim Gehen angeprangert, und das Museum verspricht Besserung. Wir haben etwas gewikipediat, um unsere Lücken zu füllen, und das ging gut.

Moderne am Main 1919–1933. Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main. Kuratiert von Grit Weber, Annika Sellmann, Klaus Klemp und Matthias Wagner K. Bis 14. April 2019. Katalog: 29 Euro.

Rückblicke II

wenn der weiße schnee
der alles bedeckt hat
schmilzt
erscheint die welt wieder
wie sie ist
nicht: wie sie war

Mit diesem Gedicht begann eine lange Geschichte. Vor dem Gedicht gab es viele Bedenken. Das Netz vergisst nichts. Sollte man sich auf das Bloggen einlassen? Ist die Fallhöhe im Vergleich zu den wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus den Jahren davor nicht doch zu hoch bzw. zu tief? Erste Schritte mit meinem Blog rund um den Textsatz mit LaTeX, das ich im Dezember 2008 begonnen hatte, waren vorausgegangen. Mein Blog in der Freitag Community gabs noch bis November 2009, und wenn ich diesen Text zum Abschied nicht anderweitig dokumentiert hätte, gäbe es ihn heute nicht mehr, denn mein dortiges Blog haben sie schlicht zugemacht bei einem von mehreren Renovierungen. Ich war schon viel unterwegs gewesen damals, im Usenet und in Mailinglisten. Dann kam DSL, und die Beschränkungen beim Surfen fielen weg. Aber erst mit der Veröffentlichung dieses Gedichts war ich richtig im Web angekommen.

Und ich war umgeben von anderen Bloggern, die ich zu einem großen Teil damals aus den anderen Text-Kanälen kannte, in denen ich vorher zugange war. Tine Nowak hat das gestern Abend bei Blogger/-innen im Gespräch in der VHS Frankfurt am Main gut zusammengefasst. Es war eine ziemlich bunte Szene damals, es waren viele Nerds und viel Academia vorhanden, heterogen und homogen zugleich tauschte man sich aus und lernte voneinander. Ich werde zum Beispiel nie die riesengroße E-Mail vergessen, die mir ein Softwareentwickler aus München eines Morgens schrieb, nachdem ich mich in einer Newsgroup wegen LaTeX erkundigt hatte. Er erklärte mir, wie man teXt, und ich installierte mir zum ersten mal MiKTeX, das damals auf einer CD-ROM war, die der c’t beilag. Der Austausch war selbstlos, wir bildeten eine Community, die sich gegenseitig kompetent machte. Alle wollten lernen. Und alle hatten irgendetwas gelernt. Und die Trolle waren wirklich originell. Hürbine von Pleuselspink, die unangefochtene Meisenkaiserin, rockte das Usenet. Und noch Mitte der 2000er-Jahre war Hans Bug, der in dadaistischer Tradition Wikipedia an der Nase herumführte, ein Beispiel für die Stimmung damals.

Aber das Netz organisiert sich ständig neu, die Benutzer wandern umher, sie treffen Entscheidungen, und sie orientieren sich immer wieder anders. Die virtuelle Vernetzung gründet in einer radikalen Bürgerlichkeit. Alles ist austauschbar. Nur das Funktionslose ist unersetzlich. Und du bist das Produkt, und du kannst nicht nicht konsumieren. Und Aufmerksamkeit wird erkauft. Aber heute ganz anders als damals. Und eine Gesellschaft, die so sehr in Bewegung gekommen ist, verliert auch allgemein die Neigung zu längerfristigen Bindungen. Das gilt auch für die Politik. Es ist kein Halten mehr, es gibt keinen Ruhepunkt. Aber auch: Es ist nichts mehr erzwingbar, es gibt tatsächlich einen extrem starken Bürger. Es gibt manches, das heute nicht mehr nachgefragt wird. Und das Ende der Vorhersehbarkeit. Das ist das große Bild.

Das kleinere Bild zeigt weitere Trends, die weggehen von den Kommentaren in den Blogs, die weg führen vom freien Web hin zu geschlossenen Hinterzimmern im digitalen Biedermeier. Nicht Social Media, sondern Dark Social. Verbindungen, die als unverzichtbar bezeichnet werden, die aber keiner sehen darf. Die also auch wegführen vom Blog als Stimme im Web und von der Blogosphäre als einem offenen Netzwerk. Eine Gesellschaft, die die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit immer weiter verhandelt, immer noch, aber nicht mehr wie früher. Post-Snowden.

Der Schnee kam ins Schmelzen damals, das war wirklich so. Es war Januar, es hatte geschneit, Tauwetter hatte eingesetzt, und ich dachte mir dieses Gedicht beim Spazierengehen im Wald aus, und meine größte Sorge war, dass ich es vielleicht nicht mehr zusammenbekäme, um es aufzuschreiben, wenn ich zuhause angekommen sein würde. Was dann aber doch ging.

Rückblickend bin ich zufrieden, dass ich mich auf das Abenteuer Bloggen eingelassen habe. Das war mir mal sehr, sehr wichtig gewesen. Und wichtig ist es auch immer noch, aber nicht mehr so wie zu Anfang. Ein Blog als ein Projekt zur Selbstvergewisserung ist ein sehr persönliches Wagnis, das muss man sich trauen, aber es hat gut funktioniert. Ich weiß, dass ein Blog für andere etwas ganz anderes sein kann. Bloß dass ich nicht verstehen werde, warum.

Die schneeschmelze beschreibt eine persönliche Grenzerfahrung. Etwas von dem Schnee von damals ist seitdem auch in mir geschmolzen. Und die Welt erscheint nun zwar nicht mehr, wie sie vorher war, bevor der Winter kam, aber auch noch nicht, wie sie tatsächlich ist. Aber man muss wohl daran glauben, dass es weiter geht. Manchmal gibt es solche langen Momente, die möchte ich nicht missen, sei es beim Schreiben in einem meiner Blogs oder beim Leerlesen meines Feedreaders. Es gibt noch so viel zu schreiben und zu lesen, und auch immer mehr wieder offline, ich mag Bücher. Und auch wenn ich mittlerweile noch mehr Kreatives gelernt habe als nur zu schreiben – auch kochen, auch zeichnen und malen –, ich merke, dass ich im Schreiben und im Lesen am lebendigsten bin von allem.

Die schneeschmelze ist heute zehn Jahre alt geworden. Es war schön, und es geht weiter.