Archiv der Kategorie: Bildung

Zwanzig Jahre Wikipedia: Dokumentarfilm auf Arte

Das transnationale Medium Arte beschreibt in einem Dokumentarfilm, der am 5. Januar 2021 im linearen Programm läuft lief, das transnationale Projekt Wikipedia und nimmt dabei eine Position ein, die derjenigen der Wikimedia Foundation beim Blick auf ihre Operationen nicht unähnlich sein dürfte.

Aus den Interviews wurde nicht deutlich, welche der Wikipedianer, die dort gezeigt wurden, denn nun eigentlich je miteinander auf Wikipedia zu tun bekommen hätten. Immerhin zwei aus der deutschsprachigen Wikipedia waren darunter, aber die anderen sprachen jeweils nur über ihre eigene Sprachversion, und diese finden nicht zueinander.

Auf dieser globusdrehenden Metaebene verschwindet auch die Unzufriedenheit der Community an den Verhältnissen vollständig.

Was bleibt, ist ein Dilemma: Wikipedia als mächtiger information hub und zugleich als verletzlicher Gigant in einer Umwelt von Fake News. Viel genutzt, aber bis heute nicht alternativlos.

Die Rolle der Bibliotheken und vor allem der Verlage im Markt der Informationen fehlte ganz. Die Ökonomie der Inhalte, aus denen die Wikipedianer schöpfen, wenn sie sich bei ihrer Arbeit auf Literatur stützen.

Es ist kein kritischer Film.

Lorenza Castella, Jascha Hannover: Das Wikipedia Versprechen. 20 Jahre Wissen für alle? WDR. Deutschland. 2020. Verfügbar in der Arte-Mediathek bis 4. April 2021.

6. Januar 2020: Das Video des Films habe ich nachträglich in den vorstehenden Beitrag eingebettet, nachdem es auf YouTube eingestellt worden war.

Der Wanderer LVIII

Zum Beispiel die Verschiebung von Wahlen und – je nach Bundesland – die Verschiebung der Abiturprüfungen – oder jedenfalls die Diskussion darüber. Institutionen in Politik und Bildung können nicht mehr einfach so weiterarbeiten. Die demokratische Legitimation von Politik und Recht ist nicht mehr lückenlos herstellbar. Schulen und Hochschulen können ihre gesellschaftliche Funktion als Zertifizierungsstellen für Zeugnisse und weitere Abschlüsse nicht mehr erbringen, auf denen wiederum andere gesellschaftliche Systeme (der weitere Bildungssektor, die öffentliche Verwaltung und die Wirtschaft) zurückgreifen. Die Gerichte versuchen noch, die Öffentlichkeit in den mündlichen Verhandlungen aufrechtzuerhalten. Ob das aber tatsächlich gelingt, muss man im Einzelfall sehen.

Es entsteht ein disruptiver Moment. Entscheidend ist, wie lange er andauert und wie darauf reagiert wird. Systemtheoretisch kann man sagen, strukturelle Kopplungen zerbrechen, das Zusammenspiel gesellschaftlicher Subsysteme funktioniert nicht mehr, ihre Programmierung im einzelnen und insgesamt läuft ins Leere oder stört sich sogar gegenseitig. Ihr Verhältnis zueinander muss neu ausgehandelt und festgelegt werden: Familie vs. Wirtschaft während des für die meisten ganz neuen „Homeoffice“. Hauswirtschaft vs. lokaler Handel vs. Welthandel bei Unterbrechungen der Lieferketten infolge von Grenz- und Geschäftsschließungen.

Un long moment ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes, er kann – als ein Raum der Stille und der Neuorientierung – auch zum Nachdenken und zum Neu-Ansetzen genutzt werden. Das ist aber kein Selbstläufer. Für Neu-Orientierung muss man sorgen, sie entsteht nicht von selbst durch jede beliebige Unterbrechung des bisherigen Betriebs.

Neu bei alledem ist der Anlass. Die Natur tritt hervor und stellt sich in den Weg, entzieht uns den Boden, auf den wir angewiesen sind für alles Weitere. Das Anthropozän ist noch nicht zuende, wie manche meinen, aber es ist brüchig geworden und wankt. – „Was weiß ich von Bäumen?“

Und das gerade angesichts der völlig beiseite gewischten Klimadebatte. Kein Wort mehr über Fridays for future. Wie kurzlebig waren die Kampagne, die Bilder und die Narrative, die die Medien davon übertrugen. Die streikenden Schüler vs. die Durchführung von Abiturprüfungen angesichts des grassierenden Infekts. Es ist nicht gerade die Pest, aber es sind natürlich keine regulären Bedingungen, wenn eine staatliche Prüfung in einer größeren Gruppe abgenommen wird, während ansonsten ein flächendeckendes Kontaktverbot gilt. Die Begründung des hessischen Kultusministers dazu war in einem Interview sinngemäß: Nun haben wir damit angefangen, nun machen wir es auch zuende. Auf dass der Jahrgang sein Abitur bekomme. Als wäre das Abi 2020 eine Art Notabitur wie in Kriegszeiten. Sonderopfer werden gefordert, und sie werden offenbar auch erbracht: Es hätten sich zu wenige um ein Jahr zurückstellen lassen, deshalb hätten sie mit den Prüfungen weitergemacht, hieß es. Keine Spur von Rebellion mehr. Sie gefährden ihre Gesundheit, statt ihre Abiturprüfung – unter diesen Umständen – um gerade mal ein Jahr zu verschieben.

E-Book schlägt Book-Book

Im Börsenblatt lesen wir, „das gedruckte Buch [habe] seine führende Rolle bei der Wissensvermittlung verloren“. Das meinen zumindest die Betreiber der Buchhandlung Unibuch Lüneburg, die bis Ende 2019 auf dem Gelände der dortigen Leuphana Universität auf einer Fläche von etwa 100 Quadratmeter betrieben wurde. Der bisherige Mit-Inhaber Dietrich zu Klampen führt das Scheitern des Geschäfts auf die Bolognareform (sic) und auf das Angebot an E-Books der Universitätsbibliothek zurück. Die Studenten zögen das E-Book dem gedruckten Buch vor. Das deckt sich nicht so ganz mit meinen Beobachtungen in den Lesesälen, denn da wird immer noch fleißig Papier geblättert, vielerorts gibts auch eine Semesterausleihe parallel zu Digital, aber das mag vom Fach und vom Standort abhängig sein, und es sagt ja auch nichts über das Kaufverhalten der Benutzer aus.

Bald sechs Millionen Artikel in der englischen Wikipedia

Der Wikipedia Signpost weist darauf hin, dass die englische Wikipedia bald sechs Millionen Artikel umfassen werde. Derzeit sind es 5.975.874 Seiten im Artikelnamensraum. Die nächste Millionenschwelle soll um den 1. Januar 2020 herum erreicht sein. Wegen dem Autorenschwund bestehen zunehmend Bedenken hinsichtlich der Aktualität der Inhalte bei Wikipedia. In deutscher Sprache gibt es 2.370.146 Artikel.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2019

Nachdem ich letztes Jahr nicht dabei war, diesmal also wieder einmal die Buchmesse. Was hat sich verändert im Vergleich zu früher, wo liegen die Trends?

Die Frankfurter Buchmesse schrumpft. Als ich zum ersten Mal dorthin kam (dazu hatte ich damals noch nicht gebloggt, meine Eindrücke gehen nur bis ins Jahr 2009 zurück), erstreckte sie sich fast über das ganze Messegelände. Die Halle 8, früher ganz in angelsächsischer Hand, war dann schon 2015 aufgegeben worden. Vergangenes Jahr zog das Blaue Sofa von dem Durchgang zwischen Halle 5 und 6 weg und belegt seitdem einen erheblichen Teil der Halle 3.1. Dort war früher der Deutschlandfunk in einer kleinen Insel beheimatet, heute ist es eine Bühne wie bei den großen Zeitungen geworden. Nächstes Jahr sollen dann die Sanierungsarbeiten an den Hallen 5 und 6 weitergehen, und dann reicht bei der geringen Nachfrage die ganz kleine Halle 1, die während meiner Zeit noch nie genutzt worden war, für die Auslagerung völlig aus. Wenn das so weitergeht, hat die ganze Buchmesse in wenigen Jahren bequem in einer Hutschachtel Platz.

Wie wirkt sich das aus? Wo weiland aus- und einladende regelrechte Stand-Landschaften platzgreifend zu sehen waren, traut man seinen Augen nicht. Springer Nature auf etwa einem Drittel der Fläche von früher, DeGruyter noch kleiner. Juris war gar nicht erst da. Google übrigens auch nicht (nach über zehn Jahren, erst für Google Books, dann für Google Play). Aber Scientology – die Geschäfte gehen offenbar gut. Die Bildungsverlage in Halle 4.2 waren nur noch ein Schatten dessen, was es da mal gab. Wikipedia kam dieses Jahr auch nicht mehr, jedenfalls nicht mit einem Stand, Wikipedianer waren natürlich vor Ort, wie man an den hochgeladenen Bildern auf Wikimedia Commons sehen kann. O’Reilly war durchaus da, man denkt an die Buchreihen, schön ausgestattet, aber nur das Online-Learning war gekommen, und nur O’Reilly U.K. „Thank you, I will hand on your card to a colleage.“ Zurück zu Springer Nature: „Reicht Ihnen die Fläche?“ – „Ja, doch.“ Nicht nur weniger Tische für Vertragspartner, auch weniger Standpersonal wird gebraucht. Und es wird auch weniger verschenkt. Keine Papiertüten mehr, sondern nur noch Stoffbeutel. Bleistifte, Kugelschreiber und Blöcke kriegt man am besten beim Rundfunk.

Überhaupt füllen Hörfunk- und Fernsehsender nicht nur frei gebliebene Flächen aus, wo früher Buchverlage ihre Ware feilboten. Sie sorgen auch dafür, dass die Daheimgebliebenen ein Bild von der Messe zu sehen und zu hören bekommen, das mit dem tatsächlichen Geschehen vor Ort nur noch wenig zu tun hat, denn man könnte meinen, es sei alles wie früher, immer noch der Büchermarkt im Deutschlandfunk live von der Frankfurter Buchmesse – ist es aber nicht. Die früher mittleren Stände sind heute kleine, manchmal ganz kleine. Und Langenscheidt und Pons gibts an einem halb gelben, halb grünen Stand zu sehen. Patchwork. Von zwei früher einmal konkurrierenden Verlagen sind nur noch zwei Marken geblieben, die beide Klett gehören und deren zukünftiges Profil ungewiss ist.

Interessant, dass der Internet-Radiosender detektor.fm sich zu seinem zehnjährigen Bestehen auf den eigenen Roll-ups als „Podcast-Radio“ bezeichnet. Vom Podcast wieder zurück zum Livestream? Antizyklisch denken, in Zeiten, in denen der Podcast boomt? Scheint so, verspricht aber auf Nachfrage auch bessere Auffindbarkeit der meist höherwertigen Beiträge im linearen Programm. Am besten laufe der Brand-Eins-Podcast mit einer gerade sechsstelligen Zahl an Abonnenten. Merke: Blogs und Podcasts sind Nische. Aber diese Nische ist so groß, dass mancher Kultursender versunsichert aufblicken dürfte.

Die Gastland-Halle von Norwegen war etwas merkwürdig. Weißer Plastikboden, als wäre es Schnee. Zu zwei Seiten, links und rechts vom Eingang her gesehen, durch riesige Spiegel scheinbar ins Unendliche erweitert, und zentral an der hinteren Wand eine etwas zu große Bühne, auf der Interviews geführt werden. Dazwischen immer wieder kleine Bücher-Inseln, als wären es Kostproben, aber die Stimmung ist viel zu unkonzentriert, als dass man diese Häppchen zu sich nehmen könnte. Man flottiert zwischen diesen Inseln und geht am Ende ungefähr so hinaus, wie man hereingekommen war. Immerhin: An der Theke mit Infomaterial gibt es einen kleinen, aber schön gestalteten Prospekt der norwegischen Nationalbibliothek.

Die Frankfurter Bloggerin und Journalistin Andrea Diener erzählte einmal in einem Podcast von einer Redaktionssitzung bei der FAZ, bei der Marcel Reich-Ranicki über die Buchmesse gesagt haben soll: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung, damit habe ich nichts zu tun!“ Deshalb sei sie dann am Ende dorthin geschickt worden. Nachdem die Buchmesse-Zeitung eingestellt worden war, bloggte sie seit 2014 bei der FAZ über die Messe, aber das schenkt sich die Zeitung dieses Jahr zum ersten Mal. Das Buchmesse-Blog der FAZ gibt es nicht mehr. Vielleicht auch das ein Zeichen – für die Rolle von Blogs, die Rolle der kommerziellen Blogs der Zeitungsverlage oder für die Buchmesse? Diese alte Welt, die gerade vor unseren Augen untergeht?

Bücher abschalten

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Schließung der Buch-Sektion im Microsoft App-Store. Die erworbenen E-Books werden Anfang Juli 2019 gelöscht. Auf den Lesegeräten der Benutzer werden sie nicht mehr angezeigt. Die Kunden erhalten ihr Geld zurück. Die Nutzung der Dateien war per Digital Rights Management an den Anbieter gebunden. Die Inhalte sind aber auch für das kollektive Gedächtnis verloren. Nur die Ausgaben, die als Netzpublikationen bei der Deutschen Nationalbibliothek abgeliefert worden waren, bleiben erhalten – für Benutzer der DNB als Archivdatei im Lesesaal. Wer in Büchern von Microsoft Notizen gemacht hatte, verliert auch diese übrigens auch und erhält dafür eine weitere Gutschrift von 25 US-Dollar.

Ein Blick zurück: Die Online-Ausgabe von Meyers Taschenlexikon und die Microsoft Encarta waren 2009 ebenfalls kurzfristig vom Netz genommen worden und sind seitdem verloren. Im selben Jahr kam es zu einem Vorfall, bei dem die Kindle-Ausgabe des Romans 1984 von George Orwell von Amazon ferngelöscht wurde, angeblich versehentlich.

Digitales Wissen ist vergänglich und bedeutet Kontrollverlust.

Wo itzund Städte stehn
wird eine Wisen seyn
Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden.

(via InetBib)