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Eine Metapher für die verwundete Gesellschaft

Der Handwerker kniet auf dem Boden und schlägt mit dem Hammer auf eine lange Holzlatte ein, die vor ihm liegt. Kreissägen kreischen durch das Erdgeschoss, und es riecht nach Farbe.

Nach mehr als einem Jahr bin ich in eines der größeren Kaufhäuser gegangen. Letztes Jahr war Ausverkauf. Also wirklich Aus-ver-kauf. Sie haben auch heute keine zu früher vergleichbare Auswahl bei den Produkten. Alles ist geschrumpft, und es gibt viel Platz zwischen den Regalen und den Warentischen. Auch kaum Personal.

Ich suche nach der Kasse. Das Schild, das den Weg weist, zeigt ins Nichts. Die Kasse ist leider nicht besetzt. Sie können entweder nach unten gehen zu den Süßwaren oder ein Stockwerk höher, da hinten ist die Rolltreppe. Nein, die geht nicht, die ist außer Betrieb. Also nach unten. Eine lange Schlange. Es dauert ewig. Also doch nach oben. Umweg: Es gibt noch eine andere Rolltreppe. Eine kürzere Schlange. Möchten Sie eine Plastiktüte für zehn Cent? Nein, danke, ich habe einen Baumwollbeutel dabei. Die Plastiktüte war früher ein stolzer und moderner Werbeträger, heute ist sie ein teures Teil, das keiner mehr haben will. Nicht wirklich.

Zur Projektplanung setze ich seit vielen Jahren auf analoges Werkzeug: Einen schönen Taschenkalender und ein farblich dazu passendes Clairfontaine-Heft. Der Kalender ist bestellt. Das Heft gabs nicht kariert. Also linierte Kladden vom selben Hersteller. Hatte ich zum letzten Mal 2016. Als das alles begann. Und lange vor dem ganzen Rest. Also genaugenommen ein gutes Zeichen.

Auch die Bauarbeiten in den Geschäften könnte man positiv sehen, es wird investiert. Aber mit fremdem Geld, das man ohne weiteres verbrennen kann, ohne dass es weh täte, wenn es später abgeschrieben würde.

Auch auf der Straße: Bauarbeiten. Dauerregen auf die Baustelle.

Das Bild, das die Geschäfte und die große Einkaufsstraße bieten, wirkt wie eine Metapher für die verwundete Gesellschaft im ganzen. Sie lässt mich fassungslos zurück.

Der Wanderer LIX

Zum Beispiel weil es auch eine Zeit nach der Pandemie geben wird. Eine Zukunft, in der wir uns an diese Tage und Wochen erinnern werden.

Als es zum ersten Mal in den Supermärkten leere Regale gab.

Als die Buchläden und die Bibliotheken (und übrigens auch die Kirchen) geschlossen waren. Die Friseure auch. Wochenlang.

Als man nirgendwohin fahren wollte, musste, sollte.

Als alle daheim bleiben sollten.

Als in Grundrechte eingegriffen wurde wie niemals zuvor.

Damals war eine gute Zeit, um Pläne zu schmieden für die Zeit danach, sich auszudenken, was man alles machen würde, wenn es eines Tages vorbei wäre.

Sich auch ein Stück weit neu zu erfinden. Die Gesellschaft auch.

Unbestimmt zwar der genaue Zeitpunkt. Aber irgendwann würden sie die Läden und die Fabriken schon wieder öffnen lassen.

Denn es bestand ein Interesse daran, dass Geld hereinkam.

Es würde zu früh sein, aber es würde sein.

Und dann würde man sich erinnern an diese Zeit. Die dann schon ganz, ganz lange zurückgelegen haben wird.

Rückblicke II

wenn der weiße schnee
der alles bedeckt hat
schmilzt
erscheint die welt wieder
wie sie ist
nicht: wie sie war

Mit diesem Gedicht begann eine lange Geschichte. Vor dem Gedicht gab es viele Bedenken. Das Netz vergisst nichts. Sollte man sich auf das Bloggen einlassen? Ist die Fallhöhe im Vergleich zu den wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus den Jahren davor nicht doch zu hoch bzw. zu tief? Erste Schritte mit meinem Blog rund um den Textsatz mit LaTeX, das ich im Dezember 2008 begonnen hatte, waren vorausgegangen. Mein Blog in der Freitag Community gabs noch bis November 2009, und wenn ich diesen Text zum Abschied nicht anderweitig dokumentiert hätte, gäbe es ihn heute nicht mehr, denn mein dortiges Blog haben sie schlicht zugemacht bei einem von mehreren Renovierungen. Ich war schon viel unterwegs gewesen damals, im Usenet und in Mailinglisten. Dann kam DSL, und die Beschränkungen beim Surfen fielen weg. Aber erst mit der Veröffentlichung dieses Gedichts war ich richtig im Web angekommen.

Und ich war umgeben von anderen Bloggern, die ich zu einem großen Teil damals aus den anderen Text-Kanälen kannte, in denen ich vorher zugange war. Tine Nowak hat das gestern Abend bei Blogger/-innen im Gespräch in der VHS Frankfurt am Main gut zusammengefasst. Es war eine ziemlich bunte Szene damals, es waren viele Nerds und viel Academia vorhanden, heterogen und homogen zugleich tauschte man sich aus und lernte voneinander. Ich werde zum Beispiel nie die riesengroße E-Mail vergessen, die mir ein Softwareentwickler aus München eines Morgens schrieb, nachdem ich mich in einer Newsgroup wegen LaTeX erkundigt hatte. Er erklärte mir, wie man teXt, und ich installierte mir zum ersten mal MiKTeX, das damals auf einer CD-ROM war, die der c’t beilag. Der Austausch war selbstlos, wir bildeten eine Community, die sich gegenseitig kompetent machte. Alle wollten lernen. Und alle hatten irgendetwas gelernt. Und die Trolle waren wirklich originell. Hürbine von Pleuselspink, die unangefochtene Meisenkaiserin, rockte das Usenet. Und noch Mitte der 2000er-Jahre war Hans Bug, der in dadaistischer Tradition Wikipedia an der Nase herumführte, ein Beispiel für die Stimmung damals.

Aber das Netz organisiert sich ständig neu, die Benutzer wandern umher, sie treffen Entscheidungen, und sie orientieren sich immer wieder anders. Die virtuelle Vernetzung gründet in einer radikalen Bürgerlichkeit. Alles ist austauschbar. Nur das Funktionslose ist unersetzlich. Und du bist das Produkt, und du kannst nicht nicht konsumieren. Und Aufmerksamkeit wird erkauft. Aber heute ganz anders als damals. Und eine Gesellschaft, die so sehr in Bewegung gekommen ist, verliert auch allgemein die Neigung zu längerfristigen Bindungen. Das gilt auch für die Politik. Es ist kein Halten mehr, es gibt keinen Ruhepunkt. Aber auch: Es ist nichts mehr erzwingbar, es gibt tatsächlich einen extrem starken Bürger. Es gibt manches, das heute nicht mehr nachgefragt wird. Und das Ende der Vorhersehbarkeit. Das ist das große Bild.

Das kleinere Bild zeigt weitere Trends, die weggehen von den Kommentaren in den Blogs, die weg führen vom freien Web hin zu geschlossenen Hinterzimmern im digitalen Biedermeier. Nicht Social Media, sondern Dark Social. Verbindungen, die als unverzichtbar bezeichnet werden, die aber keiner sehen darf. Die also auch wegführen vom Blog als Stimme im Web und von der Blogosphäre als einem offenen Netzwerk. Eine Gesellschaft, die die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit immer weiter verhandelt, immer noch, aber nicht mehr wie früher. Post-Snowden.

Der Schnee kam ins Schmelzen damals, das war wirklich so. Es war Januar, es hatte geschneit, Tauwetter hatte eingesetzt, und ich dachte mir dieses Gedicht beim Spazierengehen im Wald aus, und meine größte Sorge war, dass ich es vielleicht nicht mehr zusammenbekäme, um es aufzuschreiben, wenn ich zuhause angekommen sein würde. Was dann aber doch ging.

Rückblickend bin ich zufrieden, dass ich mich auf das Abenteuer Bloggen eingelassen habe. Das war mir mal sehr, sehr wichtig gewesen. Und wichtig ist es auch immer noch, aber nicht mehr so wie zu Anfang. Ein Blog als ein Projekt zur Selbstvergewisserung ist ein sehr persönliches Wagnis, das muss man sich trauen, aber es hat gut funktioniert. Ich weiß, dass ein Blog für andere etwas ganz anderes sein kann. Bloß dass ich nicht verstehen werde, warum.

Die schneeschmelze beschreibt eine persönliche Grenzerfahrung. Etwas von dem Schnee von damals ist seitdem auch in mir geschmolzen. Und die Welt erscheint nun zwar nicht mehr, wie sie vorher war, bevor der Winter kam, aber auch noch nicht, wie sie tatsächlich ist. Aber man muss wohl daran glauben, dass es weiter geht. Manchmal gibt es solche langen Momente, die möchte ich nicht missen, sei es beim Schreiben in einem meiner Blogs oder beim Leerlesen meines Feedreaders. Es gibt noch so viel zu schreiben und zu lesen, und auch immer mehr wieder offline, ich mag Bücher. Und auch wenn ich mittlerweile noch mehr Kreatives gelernt habe als nur zu schreiben – auch kochen, auch zeichnen und malen –, ich merke, dass ich im Schreiben und im Lesen am lebendigsten bin von allem.

Die schneeschmelze ist heute zehn Jahre alt geworden. Es war schön, und es geht weiter.

Rückblicke

Heute ist es zehn Jahre her, dass der erste Blogpost bei TeX & Friends erschien. Damals gab es eine Inhaltsangabe der letzten Ausgabe der TeXnischen Komödie, aber auch schon ein Blick auf das TeX-affine Umfeld in Form von Erweiterungen, die es damals für OpenOffice.org gab. Übrig geblieben ist davon mittlerweile nur noch Writer2LaTeX, das es mittlerweile in Version 1.9.3 alpha gibt.

TeX & Friends war formal mein erstes Blog – wobei ich ja immer die Ansicht vertreten habe, dass das Blog nur eine Spielart des Schreibens in Datennetzen ist. Das Usenet und die Mailinglisten gingen ihm voraus, und wie bei jedem Medienwandel ersetzen neue Medien die alten nicht, sondern ergänzen sie. Die schneeschmelze folgte im Januar 2009, der albatros genau vier Jahre später, aber so richtig erst seit 2015.

Blogs sind Zeugnisse von Übergängen – gesellschaftliche ebenso wie persönliche. Man beginnt ein Blog, man führt es, es entwickelt sich, was die Frequenz und die Inhalte angeht, man schreibt mal mehr, mal weniger, vielleicht schreibt man eines Tages gar nichts mehr oder nimmt das Blog ganz vom Netz. Bekanntschaften entstehen, Blog-Nachbarschaften auch, und lösen sich wieder. Das Netz folgt den Regeln der bürgerlichen Gesellschaft, die „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen [hat], als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚baare Zahlung.‘“ Und das freie Netz, das es vor zehn Jahren durchaus noch gab, gibt es nicht mehr. Die Folge: Immer mehr ziehen sich in virtuelle Hinterzimmer zurück, in ein digitales Biedermeier von geschlossenen Gruppen, geschlossenen Mailinglisten, geschlossen halt. Immer mehr verschließen sich, der Diskurs im Netz, von dem ich einmal ein Teil war, löst sich auf und verschiebt sich in private E-Mail-Verteiler, wo man weiß, an wen man sich wendet. Die Sklavensprache nach außen, die vertraulichen Verteiler als engstes Band nach innen. Und der Ekel vor dem Netz, den Günter Hack im Dezember 2013 ausgemacht hatte, legt sich über all das und bedingt es.

Ich glaube, ich gehöre zu denen, die sich mittlerweile doch wenigstens ein bisschen ausgebloggt und auskommentiert haben. Man ist müde geworden, die 15 minutes of world-fame kennt man schon, und ich wundere mich über die Kolleginnen und Kollegen, denen ich schon so lange folge und die es immer noch schaffen, regelmäßig etwas zu veröffentlichen und immer so weiter zu machen wie früher, und wenn man ihre Blogs mitliest, meint man tatsächlich, es wäre alles noch wie damals, oder jedenfalls ganz ähnlich. Wie wenn da einer… Chapeau! Ich meine das sehr ernst, und etwas depressiv gestimmt, durchaus.

Simone Stratil hat ihr Blog Papiergeflüster im Oktober geschlossen. Ein Jahr, nachdem sie bereits an ihrer Rolle gezweifelt hatte. Zu dieser Buchmesse war es soweit. I bid you farewell.

Bei Robert Basics plötzlichem Tod Anfang November 2018 war dieser stille Punkt zu fühlen, als die Gemeinde, die man in dem Moment zu Recht auch so nennen sollte, Rückschau hielt auf den gemeinsamen Weg, die Richtung unbekannt, und, wenn man es genau nimmt, schon so viele sind zumindest aus dem Blickfeld verschwunden. Die Zeit ist lang geworden. Das „Berliner Buch“ Zero Comments von Geert Lovink datiert von 2008, es ist so alt wie TeX & Friends. Ich stieg also ein, als es schon zuende ging. Pardauz.

Zum Schluss noch ein paar TeX-Neuigkeiten: Die LaTeX News 29 beschreiben den Dezember-2018-Release von LaTeX2e. Und LyX 2.2.3 ist heute veröffentlicht worden.

Zeit für ein Update.