Archiv der Kategorie: Bourgeoisie

Soziale Frage und Atomkraft

Man denkt zurück an den Beststeller Ganz unten von Günter Wallraff, in dem er 1985 unter anderem auch über die Beschäftigung „ganz unten“ in einem Atomkraftwerk geschrieben hatte. Auch in Japan ist es heute noch üblich, Arbeitslose und Obdachlose anzuwerben, um sie als Leiharbeiter in AKWs arbeiten zu lassen, berichtet der ARD-Korrespondent Robert Hetkämper in einem Interview bei tagesschau.de:

„Wir haben ehemalige Kernkraftwerksmitarbeiter gefunden, die darüber geklagt haben, dass sie mehr oder weniger in früheren Jahren verheizt worden sind und ihnen nie gesagt wurde, wie hoch die Strahlung tatsächlich ist. Sie wurden über die wirklichen Gefahren nicht aufgeklärt. Wenn sie erkrankten, zahlte ihnen niemand Kompensation.

Dann haben wir einen Arzt in Osaka gefunden. Er sagte, es sei Usus, in der Kernkraftwerksbranche Obdachlose oder Arbeitslose, Gastarbeiter oder sogar Minderjährige anzuheuern. Wir selber als ARD-Studio Tokio hatten vor vielen Jahren schon mal über Obdachlose in den Straßen von Tokio berichtet. Die hatten uns erzählt, dass sie in Kernkraftwerken eingesetzt wurden. Die Leute sind zu ihnen in den Park gekommen, wo sie lagerten, und haben sie dann für gutes Geld angeheuert, Kernkraftwerke zu reinigen. Da sind offenbar auch viele erkrankt. Das wussten wir.

Wofür wir am Ende keine Bestätigung bekommen haben, ist, dass bei Tepco in diesem Kernkraftwerk in Fukushima tatsächlich Arbeitslose oder Obdachlose beschäftigt waren zu dem Zeitpunkt.“

Auch das ist ein empörendes Dokument der Verachtung, und man fragt sich, warum darüber mehr als 20 Jahre hinweg nicht mehr geschrieben worden ist.

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Old politics?

Robin Meyer-Lucht zitiert heute einen Beitrag von Michael Seemann zur Guttenberg-Copy-Paste-Affäre. Seemann spitzt zu: „Das, was wir derzeit zu sehen bekommen, ist das letzte Aufbäumen einer Art Klasse, deren Macht sich auf BILD, BAMS und Glotze stützte, wie es Gerhard Schröder mal so schön formulierte. Aber das stimmt natürlich nicht. Die Macht stützt sich auf so viel mehr: institutionelle Bildung, Wertekanon, Aufstiegsversprechen, Autofetisch, Bausparvertrag, Eigenheim, Urlaubsbedürfnisse, Lohnarbeit, Leistungsgedanke, Ehegattensplitting, Kunst-Museen, Theater und auch Doktortitel – und natürlich Habitus.“

Ja. Aber doch: „Stützte“? Die Ansicht, die bürgerliche Gesellschaft sei Vergangenheit und „Bild, BAMS und Glotze“ folge etwas anderes nach, ist in der Netzgemeinde ganz sicherlich weit verbreitet. Dem liegt aber einerseits eine gehörige Selbstüberschätzung zugrunde, denn worauf sonst sollte sich politische Macht in einer Massendemokratie stützen, wenn nicht auf Massenmedien? Ganz bestimmt nicht auf zehn tapfere Blogger, die ihre jeweiligen Minderheiten bedienen. Andererseits liegt dem ein Denken zugrunde, das trennt zwischen der „alten Welt“ aus politischen Parteien, Massenmedien und Bürgertum und einer neuen Welt, die individualisiert, modern und vor allem online daherkommt.

Alles verkehrt. Alles ist beim alten. Es gab zuletzt im Sommer 2010 den Versuch, einen diesbezüglichen Mythos zu begründen, „das Netz“ habe den Bundespräsidenten Köhler zum Rücktritt veranlasst, und es wäre heute genauso falsch zu glauben, die Internetgemeinde könne zu Guttenberg zu Fall bringen. Der fiel über seine eigenen Füße, scheibchenweise kommt immer mehr heraus von der Fassade, die beim modernen Politiker den „Habitus“ ersetzt. Demontage des Politischen, aber was fehlt, wäre eine Rekonstruktion. Immerhin, den Rest, insoweit ist Seemann zuzustimmen, wird dann die bürgerliche Gesellschaft erledigen. Auch das jedoch nicht durch das Netz, sondern mit den ihr eigenen Instanzen. Das Netz wäre hierzu als individualisiertes und individualisierendes Minderheitenmedium gar nicht geeignet. Der virtuelle Raum ist zwar politisch nicht mehr ganz bedeutungslos, er ist aber auch nicht spielentscheidend.

Das Soziale und die Empörung

„Man wagt uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld dafür fehlen, da doch der Wohlstand soviel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag? Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes – die so sehr von der Résistance bekämpft wurde – niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates. … Noch nie war der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten so groß. Noch nie war der Tanz um das goldene Kalb – Geld, Konkurrenz – so entfesselt.“

Das schreibt ein 93jähriger Franzose, Stéphane Hessel, in seinem Essay Empört Euch! (S. 9), gleichsam als Vermächtnis an die jüngeren Generationen. Ein erfrischend wütendes Büchlein hat er da auf den Markt gebracht, das sich in Frankreich schon zum Bestseller entwickelt hatte, als diesseits vom Rhein noch völkisch schimmerndes Gedankengut in leuchtend rotem Schutzumschlag auf den Büchertischen zu Weihnachten lag.

Hessel fordert dazu auf, nicht gleichgültig durch die Welt zu gehen, sondern ein engagiertes Leben zu führen nach der Devise: „Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen“ (S. 21). Er ruft es hinaus in eine Gesellschaft, die doch in vielerlei Hinsicht gleichgültig geworden ist, menschlich ebenso wie politisch. Natürlich wird das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen, demnächst, hoffentlich bald.

Die Zeit des Neoliberalismus und die Probleme, die der Liberalismus überhaupt mit sich bringt, müssen bekämpft und müssen entkräftet werden. Aber das wird nicht von selbst geschehen, dazu braucht es die Empörung, insoweit hat Hessel vollkommen recht, anderenfalls könnte nichts Neues entstehen, denn auch in der Liberalismus-Kritik kann es kein Zurück geben, nach den erschütternden Erfahrungen der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre, die unsere sozialen Sicherungssysteme in eine Verfassung versetzt haben, die man sich vorher niemals hätte vorstellen können. Es ist vieles wieder aufzubauen. Das Buch von Hessel könnte den Anfang hierzu markieren.

Es wäre zudem ein europäischer Neuanfang, aus der gemeinsamen Geschichte heraus motiviert, auch wenn Hessel sich natürlich sehr auf die französische Erfahrung stützt. Eine Kraft, die sich der liberalen Verwüstung entgegensetzt, die man heute vorfindet, muß sich fragen, was die eigentlichen Ideale und die Ziele einer Gesellschaft sind, und sie muß den Mut haben, sie einzufordern und durchzusetzen. Die Widerstände dagegen dürfen keinesfalls unterschätzt werden, aber einen Fortschritt, der den Namen verdient, wird es nur geben, wenn man diesen Weg einschlägt.

Die parteipolitische Show um die Hartz-IV-Reform, die vor kurzem ablief, war allerdings kein Beitrag zu alledem.

Ein Leben im Konjunktiv

Der Lebenslauf einer Bewerbung verhält sich zum wirklichen Leben ungefähr so wie eine Badewanne zum Amazonas. Das Mantra der „Personaler“, ein Lebenslauf solle vor allem „lückenlos“ und „vollständig“ sein, ist schon deswegen abwegig, weil auch ein vollständiger beruflicher Lebenslauf, wie man ihn bisweilen bei Xing-Profilen bewundern kann, mehr Fragen offenläßt als beantwortet. Letztlich ist es nämlich völlig belanglos, welchen Tätigkeiten jemand in welcher Reihenfolge angeblich nachgegangen sei. Sehr viel interessanter ist es, welche Aufgaben jemand gerne ausgeübt hätte, zu denen es aber nicht gekommen ist, weil seine Bewerbung darum erfolglos geblieben ist.

Auch bei den erfolgreichsten Bewerbern scheitern die allermeisten Versuche. Das ist unvermeidbar, denn der „Ausgleich am Arbeitsmarkt“, wie man so etwas im Arbeitsförderungsrecht zu nennen pflegt, funktioniert schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Wer das einmal selbst erlebt hat, kann sich über die Meinungsmache, die in den Massenmedien wegen eines angeblichen „Fachkräftemangels“ alle paar Monate gemacht wird, nur wundern.

So entsteht nach und nach bei allen eine Erwerbsbiographie, die genaugenommen alle Elemente des Blochschen Hoffens enthält: Man hat sie noch nicht, sie wird erst noch. Sachdienliche Hinweise werden stets gern entgegengenommen. Es ist ein Lebenslauf im Konjunktiv: Wie die Perlen an einer Kette, reihen sich im Laufe der Jahre die vielen Möglichkeiten aneinander, was man alles hätte werden können, worum man sich nicht alles beworben hatte, wenn, ja, wenn es denn geklappt hätte oder nicht etwas ganz anderes dazwischengekommen wäre. Der Zufall markiert hier etwas ganz anderes als zu früheren Zeiten. Der Zufall ist kein Verhinderer, sondern eher ein Ermöglicher von Beschäftigung. Er markiert die Ausnahme von der Erfolglosigkeit, die die Regel ist.

Und in den schönsten Momenten denkt der Bewerber an Camus‘ Sisyphos, der unermüdlich am Scheitern arbeitet. Oder an Samuel Becketts Diktum: „Fail again. Fail better.“ Oder an den Kranich, auf dem der Unsterbliche dem Tao zufolge gen Himmel reitet. Und er denkt an Lao-tse: „Könnten wir weisen den Weg,| es wäre kein ewiger Weg.“

FAZ-Leser schreiben zurück

Zur Qualität der Recherche bei der Online-Ausgabe der FAZ hatte ich schon mal etwas geschrieben. Und auch zu dem gestrigen Artikel zur Entwicklung bei Wikipedia gab es heute zwei Richtigstellungen[1][2], denen an sich nichts hinzuzufügen wäre. Wenn da nicht die Leser-Kommentare zu dem Beitrag bei FAZ.NET wären.

Es ist nicht vermessen zu sagen: FAZ-Leser schreiben zurück. Und was schreiben sie denn? Wenn man die dortigen Anmerkungen querliest, sieht man: Die FAZ-Leser halten die Wikipedia für ein Projekt, das „inakzeptabel“ organisiert sei; mit schwer durchschaubaren Regeln; bei dem beleglose „Verbesserungen“ gelöscht werden, die ein Benutzer in den Artikel hier mal eben flott hineingeschrieben hatte; das alles links unterwandert (früher hätte man wahrscheinlich gesagt: „von Moskau gesteuert“), und deshalb, natürlich, für Schüler nicht geeignet. Es ist da wohl doch zu mancher narzißtischen Kränkung gekommen, die das Verhältnis der Bourgeoisie zur Wikipedia mittlerweile sehr nachhaltig beeinträchtigt. Drei Kostproben:

Zum Beispiel warnt „Jörg de Joop (Staffelberg)“ vor der Verwendung von Wikipedia an der Schule:

„Viele historische, politische und philosophische Beiträge sind poltisch korrekt im Sinne der zur Zeit herrschen Uni- Ideologie – meist ist die Philosophie dann platonisch gefärbt. Das wechselt dann mit sehr engagierten und guten Beiträgen ab. Unerträglich ist oft die Beschreibung der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Da solte man sich dann lieber woanders umschauen. Gerade hier werden dann aber Schüler fündig- und diese werden zielgerichtet manipuliert. Als Lehrer würde ich vor wikipedia warnen. Wikipedia kann keine Quelle für Schüler und Erstsemester sein. Haben sich eigentlich die Kultusministerien zu wikipedia geäußert? Oder schlafen die nur mal wieder? Diese müssten den Lehrern und schülern Kriteriender Nutzung von Quellen vorgeben.“

Und Werner Franke sagt uns sehr deutlich, wofür er die Wikipedianer hält. Er kennt seine Pappenheimer sehr genau:

„Wenn etwa ein Autor, der über anderthalb Jahre mit konstanter Regelmäßigkeit qualitativ hochwertige Artikel über China, deutsche Literatur, die Politiken der EU und zahlreiche andere Themen beisteuert, einmal auf eine dreiste Provokation eines flüchtigen Gelegenheitsnutzers in gleicher Weise mit einer flapsigen Bemerkung antwortet, wird er gesperrt, belehrt und gemaßregelt wie ein Schulkind, das sich dem überlegenen erzieherischen Diktat sogenannter ‚Administratoren‘ (häufig zwanzigjährige Oberschüler, Bummelstudenten oder Langzeitarbeitslose, die einfach gut vernetzt sind) demütig zu beugen hat. Und jedes Mal wenn er dagegen aufbegehrt, gibt es ‚Nachschlag‘, damit er auch ja sieht, wer das Sagen hat. Warum in aller Welt sollte der Betreffende weiter seine Freizeit in das Projekt investieren?“

Dieser Kommentar hat dort besonders viel Zustimmung erhalten, wie man an der Bewertung sieht.

Und Ulrich Leininger reichts offenbar auch endgültig:

„Seit in der Wikipedia Artikel erst geprüft werden, bevor sie dem allgemeinen Publikum präsentiert werden, schreibe ich nichts mehr. Warum sollte ich es mir bei unentgeltlicher Arbeit bieten lassen, dass jemand ohne Qualifikation, ein beliebiger Wikipedia-Vereinsmeier, darüber entscheidet, ob mein Beitrag gut genug war?“

So überzeugt wie der Herr Leininger wäre ich von der Qualität meiner Beiträge auch gerne einmal. (Alle Tippfehler im Original.)

PS: Die Diskussion zu den oben verlinkten Änderungen im „Malina“-Artikel läuft noch.