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This ain’t Hollywood

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Frankfurter Buchmesse in zehn Jahren sein wird.

Zunächst glaube ich, daß es sie in zehn Jahren auch noch geben wird. Es ist eher eine Frage der Größe.

E-Books laufen schlecht, und ich glaube nicht, daß sich bis dahin daran etwas ändern wird. Wenn es also in zehn Jahren noch eine Buchmesse geben sollte, wird es dort auch noch gedruckte Bücher geben.

Im Mittelpunkt steht die Veränderung der Öffentlichkeit durch die Digitalisierung. Die Öffentlichkeit fragmentiert sich immer mehr. Die Digitalisierung hat die Gatekeeper beseitigt: Jeder, der etwas publizieren möchte, kann das sofort tun, ohne daß er jemanden davon überzeugen müßte, daß der Content verkäuflich wäre, und ohne dafür prohibitiv hohe Kosten tragen zu müssen. Insoweit treten Buch, Wiki, Blog und soziales Netzwerk nebeneinander. Sie verdrängen einander nicht, haben auch nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun. Sie ergänzen sich, sind aber auch nicht gegeneinander austauschbar. Was heißt das?

Man kann den allgemeinen Trend im Zeitablauf als eine immer weiter zunehmende Kommerzialisierung des freien Netzes lesen. Es gibt aber auch eine entgegengesetzte Sichtweise, nämlich die Entkommerzialisierung des verlegerischen und korporativen Medienbetriebs.

Der Trend geht ziemlich klar in Richtung Entkommerzialisierung des Publizierens: Man findet einfach keinen Verlag mehr für sein Buch und muß es daher selbst erstellen, wenn man etwas veröffentlichen will. Die Verwertungskette Verlag – Buchhandel – Bibliothek – Antiquariat funktioniert immer weniger. Die Erträge lassen nach. Deshalb wird in den Verlagen immer mehr gängige Massenware produziert, alles, was als eine Nische erscheint, was sich „zu speziell“ ausnimmt und daher zu wenig einzuspielen verspricht, geht unter und muß hinter der Content-Mauer erst einmal gefunden werden. Es ist eine Art Hollywoodisierung des Buchgeschäfts.

Umgekehrt läuft der Vertrieb aus der Sicht des Autors rein online: Er inszeniert sich selbst als Experte und geht in Online-Communities, um seine Sachkunde zur Schau zu stellen. Wen das überzeugt, der wird seine Bücher kaufen. Das wird die primäre wirtschaftliche Funktion von sozialen Netzwerken und Blogs aus der Sicht des Publizisten sein.

Die Buchmesse wird daher in Zukunft vor allem noch sehr viel kleiner sein, denn die Selfpublisher brauchen sie nicht, bei ihnen läuft der gesamte Vertrieb online und in und aus virtuellen Netzwerken heraus. Ihr Publikum ist nicht mehr dort, sondern sitzt, wie es früher im Fernsehen hieß, „draußen an den Empfängern“, also an ihren Clients.

Die Verlage, die so eine Messe brauchen, und die Medien, die sich an sie dran hängen, werden sich also auf immer weniger substantielle Inhalte ausrichten. Dadurch wird die Messe einen immer kleineren Teil des Marktes abbilden. Alle Nischen fallen weg.

Am Ende wird sie kein gesellschaftliches Ereignis mehr sein, sondern nur noch eine Show von Massenmedien für Massenmedien, die von denen wahrgenommen wird, die überhaupt noch Massenmedien konsumieren – und das sind ja auch immer weniger.

Wie sich das anfühlt, kann man bei einem Nischenmarkt wie dem für Lehrbücher zu dem Textsatzsystem LaTeX heute schon sehen. Hier habe ich mal alle Lehrbücher und sonstigen Lehrtexte zusammengetragen, die seit 2005 erschienen sind. Jeweils nur die letzte Auflage, also das, was heute noch von Interesse ist auf dem jeweils letzten Stand. Wenn man die Jahrgänge durchgeht, sieht man, daß der Markt 2012 gekippt ist: Seitdem gibt es fast nur noch Bücher im Selbstverlag. Im darauffolgenden Jahr stellte Pearson die Produktion von IT-Büchern ein. Das alles findet auf einer Buchmesse also schon lange gar nicht mehr statt.

Eine untere Grenze für die Größe bzw. die Kleinheit der Messe ist nicht vorstellbar. Am Ende ist womöglich ein einziges Zimmer ausreichend. Oder das Blaue Sofa.

E-Book und Book-Book II

Sozusagen im Vorprogramm der Leipziger Buchmesse hat sich Birgit Zimmermann für die Nachrichtenagentur DPA mit dem Abklingen des E-Book-Hypes beschäftigt (via VÖBBLOG).

Zur Erinnerung: Der Hype-Zyklus nach Gartner beschreibt den Verlauf der öffentlichen Aufmerksamkeit für ein neues, innovatives Produkt: Die Kurve beginnt bei den early adopters, steigt dann steil an, bis sie den Gipfel der überzogenen Erwartungen erreicht hat, fällt bis auf ein absolutes Minimum und steigt dann, wenn die late adopters, also der Massenmarkt, endlich aufspringen, auf ein realistisches Niveau, auf dem sich die Nutzung des Guts stabilisiert. Entweder ist es bis dahin akzeptiert worden, oder es verschwindet wieder vom Markt, weil bis dahin allgemein bekannt geworden ist, daß es keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber den ursprünglich geweckten Erwartungen bietet.

So ist es auch mit den E-Books gekommen. Der Börsenverein beziffert die Umsätze mit den Buch-Substituten im Zeitraum 2010 bis heute zwischen 0,5 und 4,5 Prozent vom Gesamtmarkt, nimmt davon aber Fach- und Schulbücher sowie Selfpublisher und Abo-Modelle aus. Wenn man diese einbezieht, gelangen die Verlage auf „niedrig zweistellige“ Umsatzanteile – im Vergleich zu einem Viertel in den USA. Als Hauptgrund für diesen Unterschied wird vor allem die Buchpreisbindung genannt, die auch weiterhin für ein dichtes Netz an Buchhandlungen in Deutschland sorge. Außerdem die schöne Ausstattung der Bücher hierzulande.

Das ist eine interessante Wasserstandsmeldung, denn sie deckt sich nicht mit meinem Eindruck als S-Bahn-Fahrer, wo in den letzten Jahren die E-Book-Reader und die Tablets, auf denen unterwegs sehr oft E-Books gelesen werden, zugenommen haben. Die gebrauchten Tablets, übrigens, denn wer möchte schon ein Gerät, das so teuer wie ein billiger Laptop ist, im öffentlichen Nahverkehr, abends gar, offen in der Hand halten, wenn er unterwegs ist. Und der billige Reader taugt nicht lang, wie man hört. Das E-Book – das wäre ein weiteres Monitum an dem Bericht – ist nicht nur zur Urlaubszeit in der Breite angekommen, sondern ganz offensichtlich ganzjährig. Nutzung und Absatz sind eben zwei Paar Schuhe.

Ein „intensiver Strom literarisch interessanter neuer Inhalte“ also

So, das haben wir nun davon. Der Perlentaucher hat die große Debatte über das Schwinden der Literaturkritik, die er vor einem Jahr losgetreten und dann über Sommer strategisch weiter am Köcheln gehalten hatte (man weiß gar nicht mehr, worauf man da noch verlinken sollte), nun also zum Anlaß genommen, ein neues Blog aus der Taufe zu heben.

Was war da alles zu lesen und zu hören: Ein neues Literaturmagazin stehe bevor (Gerd Brendel himself aka Cindy aus dem Küchenradio berichtete damals). Und jetzt ist der Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet: Ein „literarisches Metablog“ ist dabei herausgekommen, liest man heute im Redaktionsblog Im Ententeich. Es heißt lit21.de.

Also, erstmal, liebe Perlentaucher: Sowas nennt man Blogplanet. Und das ist ein Fachbegriff aus der Netzkultur und aus der IT, der auch dem durchschnittlich 60-jährigen Perlentaucher-Leser durchaus zu vermitteln sein dürfte, wenn er es denn schon zu den Blogs und sowas wie dem Perlentaucher hin geschafft hat. Aber solche verquasten und gewundenen Umschreibungen wie „bündelt den Feed von literarisch relevanten Blogs, Zeitungsadressen und anderen Quellen deutscher Sprache“, „ist also eine Art öffentlicher RSS-Reader, ein Feed-Aggregator“, „den man etwa in Feedly und anderen Readern abonnieren kann“ – das liest sich wie Web 2.0 für digitale Analphabeten. Wer nicht weiß, was ein Blogplanet ist, der kann auch mit „Feeds“ nichts anfangen, „RSS-Feeds“ gar.

Und der „konzentrierte Neuigkeitentenstrom“, der sich aus dem Planeten ins Web zurück ergießt, „in … netzfeindliche Kultursphären, in denen sich Literaturblogger und Online-Journalisten hierzulande noch bewegen“ – man denke: „auf die Idee haben uns die Autorenblogs einiger Verlage – etwa Hundertvierzehn.de – aber auch Literaturblogs von Autoren und Kritikern und Websites von Radiosendern gebracht“ – ist nun also eine Mischung aus Kommerz und Kommerz geworden. Wenn ich es richtig sehe, finanzieren sich doch alle Quellen, die bei lit21.de einfließen, aus irgendeinem Werbe-Tracking-wasweißich-Dienst.

Was mich zu dem traurigen Zustand führt, in dem sich die literarische Blogosphäre insgesamt befindet. Die idealistischen Kulturblogger, die schon ganz lange dabei sind, werden auch hier bei lit21 natürlich nicht transportiert, sondern nur wer „Reichweite“ hat, und „Reichweite“ und Blog, es tut mir leid, sind ein Widerspruch in sich. Wer Massenmedium spielen möchte, möge das tun – mit den bekannten Begleiterscheinungen dann eben. Es muß ein medialies Umfeld bereitet werden, das der Werbekunde goutiert. Und dann sind wir sofort bei dem süßen Feuilleton-Brei, der sich aus solchen Outlets gemeinhin verströmt, von dem allerdings auch der Perlentaucher schon ne ganze Weile lang immer gut gelebt hat. Wie die Verlage diese „Blogger“ hofieren, haben wir ja gerade erst mal wieder gesehen. Auf weiterhin gute Zusammenarbeit. Was gibt es in solchen Quellen, bitte schön, an „literarisch interessanten neuen Inhalten“ zu entdecken? Weshalb, bitte, wird den Werbe-Abteilungen der großen Verlage hier eine weitere Plattform geboten? Und was haben die Zeitungen in so einem Projekt verloren? Für die gibt es doch schon den Perlentaucher selbst.

Und warum rante ich das eigentlich hier und nicht dort? Ganz einfach: Weil der Perlentaucher in seinem Hausblog noch nicht einmal die Kommentare mehr selbst verwaltet, sondern an Disqus outgesourct hat. So bitte nicht, die brauchen mich nicht online zu tracken, ich weiß schon selbst, wo ich bin und wofür ich stehe, und ich sehe in diesem Blogplaneten eher eine große Enttäuschung für die literarisch engagierte Netzgemeinde.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2015

Es kommt immer darauf an, wie es einem geht. Wer gesundheitlich nicht so ganz fit ist, wird die Frankfurter Messehallen anders wahrnehmen als zu Zeiten, zu denen es ihm besser ging. Und auch das Wetter spielt sicherlich eine Rolle. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß es jemals während der Buchmesse so schmuddelig kalt gewesen wäre wie diesmal, als wäre der Herbst schon zu Ende und der Winter begänne sehr bald.

Auf der Suche nach Veränderungen, nach Trends, also.

In der Halle 4.2 fängt man an, wie immer. Aber hier sieht man schon, daß diese Messe kleiner ist als die früheren. „Messe der kurzen Wege“, „alles nur fünf Minuten auseinander“ – was haben sie sich in der Marketing-Abteilung alles ausgedacht, nachzuhören unter anderem bei kulturkapital.org. Tatsächlich ist hier der Wandel in den Medien unmittelbar greifbar und anschaulich geworden. Aus den „Hotspot“-Landschaften vom letzten Jahr wurden kleine Inseln in einem eng bespielten Feld. Nur die ganz großen Player haben noch die ganz großen Stände. Und die der anderen Verlage, die überhaupt noch kommen, werden immer kleiner.

Auch in Halle 4.1, ein Stockwerk tiefer: So wenige Bücher sah man an den Ständen von Wagenbach oder von Christoph Links noch nie. Und bei Antje Kunstmann stehen die Bücher von Varoufakis eher hinten im Regal, nicht vorne auf dem Tisch am Gang – immerhin stehen sie hinten links.

Oder die Verlage erscheinen nur noch mit einem Gemeinschaftsstand, so etwa der Bundesanzeiger-Verlag und der Bund-Verlag von den Gewerkschaften, die sich ein Ständle mit einem dritten teilen, der mir leider entfallen ist. Bei meinem Eintreffen übrigens ganz ohne Personal. Auch keine Zeitschriften mehr zum Mitnehmen.

Überhaupt: Zeitschriften? Damit füllt C.H.Beck dieses Jahr nur noch die Lücken in den großen Regalen, wo gerade noch Platz ist. Die will mittlerweile gar keiner mehr haben. Und die juristischen Neuerscheinungen waren noch nie so langweilig wie diesmal. Das große Lehrbuch wurde 2015 endgültig zu Grabe getragen. Und das kleine Lehrbuch wird ihm vermutlich bald folgen.

Aber manche Totgesagte leben länger. Es tritt auf: Der Brockhaus. Nachdem er auf der Buchmesse 2013 eigentlich schon gar nicht mehr anwesend war, hat sich Bertelsmann nun ziemlich unbemerkt von der Enzyklopädie getrennt und sie an die Schwedische Nationalenzyklopädie verkauft. Deren Wikipedia-Artikel wartet derzeit noch auf eine fachkundige Aktualisierung, ebenso wie der Artikel über die Brockhaus-Enzyklopädie. Aber es ist geschehen. Der Vertrieb über Munzinger sei zum Jahresende gekündigt worden. Das bedeutet: Bibliotheken, die den Brockhaus über Munzinger im Angebot hatten, werden vor die Wahl gestellt, den Brockhaus zusätzlich zu Munzinger (und meist ja auch zur Onleihe) zu beschaffen – oder dieses Angebot wegfallen zu lassen. Die Benutzer müßten sich damit an eine weitere Oberfläche gewöhnen, und auch die Beratungsleistungen in den Bibliotheken werden etwas stärker beansprucht. Wenn, ja wenn der Brockhaus diesen Schritt neben Munzinger schafft – vielleicht verdrängt er aber auch das Munzinger-Archiv vielerorts, weil die Enzyklopädie wertvoller erscheint als die Biographie-Sammlung. Der Wettbewerb um die Bibliotheken wird also härter werden. Ab Januar 2016 strebe man den Vertrieb im B2B-Bereich an, Zielgruppe: Bibliotheken, Schulen, jedenfalls keine Privatkunden. Für diese gibt es weiterhin die Online-Ausgabe der letzten gedruckten Auflage, und diese bleibt wohl auch separat. Anders als bei der Britannica werde es auch keine frei verfügbaren Inhalte geben. Eine gedruckte Ausgabe sei nicht geplant, eine App werde folgen, die Website sei immerhin responsive. Zwei Handvoll feste Redakteure haben die Pflege des Bestands übernommen, ergänzt um einige freie Autoren für Fachthemen. Der Artikelbestand ist weiter gepflegt und auch weiter entwickelt worden. Ergänzungen um weitere Nachschlagewerke zur Kunst, ein eigenes Wörterbuch und die Harenberg Kulturführer sollen in dem Paket folgen. Und natürlich gibt es viel Multimedia – wovon Wikipedia nur träumen kann. Man darf aber gespannt sein, wie viele Bibliotheksnutzer ab Januar 2016 darauf noch werden zugreifen können – und wieviele von ihnen das möchten.

Der Bildungsbereich wird international gezeigt, die deutschen Schulbuchverlage findet man in der Halle 3.1. Aber im „Klassenzimmer der Zukunft“ kratzt Hewlett Packard an der Schale des Apfels aus Cupertino und stellt als Sponsor ein Tablet vor, das man auch mal aus zwei Meter Höhe hinfallen lassen kann, ohne daß es gleich in tausend Stücke geht. Es läuft wahlweise unter Windows oder Android und kommt mit einem „Classroom Manager“ daher, aber ohne Anwendungen und ohne Unterrichts-Content. Insoweit wohl eine offenere Lösung als das ansonsten gehypte iPad. Datenschutzbedenken beim Einsatz im Unterricht konnten leider nicht erörtert werden, vielleicht am Freitag mehr.

Der vierseitige englische Flyer „Classroom of the Future“ erzählt den Nachzüglern unter den Lehrern noch einmal die Geschichte vom Lehrer, der vom Wissenserklärer zum Moderator von Lernprozessen wurde. Immerhin ist da die Rede vom „Unterstützen der Schüler als kritische Konsumenten von Information“. Aber dazu braucht es Technik, und mit dieser Technik wird dann gefilmt oder sonst gebastelt. Die Lernziele bleiben unklar. Und dazu braucht es auch Vorwissen, und es bleibt offen, wer das in welcher Form vermittelt. Hauptsache, es macht Spaß?

Mit etwas Konzentration kann man tatsächlich in gut drei Stunden durch die Hallen 4.2 und 4.1 gehen, was früher nicht so ohne weiteres möglich gewesen wäre. Die Halle 8 wurde in die kleinen Hallen 6.1 und 6.2 gepackt; der Rest wurde in die übrigen Hallen eingestreut. Wenn man noch ein bißchen rückt, ginge noch mehr. Nüchtern betrachtet, ergeben sich ganz sicherlich noch weitere Einsparpotentiale.

Der Radiohörer und der Fernsehzuschauer bekommt davon freilich nichts mit. „Die Frankfurter Buchmesse“ wird dort weiterhin vornehmlich als großer Interview-Event mit Show-Charakter verkauft. Bei den einen sitzen sie auf roten, bei den anderen auf blauen Sofas, es gibt ganz viele Live-Schalten, nur arte ist diesmal nicht vor Ort, wie es scheint. Schade, die hatten immer so schöne schwarz-orangene Stoffbeutel. Sie werden spätestens 2017 wiederkommen, wenn Frankreich der „Ehrengast“ sein wird.

Als wäre der Herbst schon zu Ende und der Winter begänne sehr bald.

Siehe auch die umfangreichen Blogposts bei Café Digital und bei UmamiBücher, wie in jedem Jahr.

Update am 16. Oktober 2015: Börsenblatt zufolge behält Bertelsmann die Rechte an allen Inhalten und lizensiert diese nur an die Brockhaus NE GmbH zur weiteren Entwicklung und Verwertung. Die Brockhaus-Redaktion sei weiterhin „bei der Bertelsmann-Tochter Inmediaone in Gütersloh“ angesiedelt.

E-Book und Book-Book

Der Markt für E-Books schwächelt mittlerweile. Nach dem Boom folgt derzeit die Wende vor dem Abschwung. Vor diesem Hintergrund berichtete das Börsenblatt (via Perlentaucher) über eine Diskussion zwischen Hype und Hoffnung. Der Markt sei, wie man hört, erfolgreich vor allem bei der sogenannten Genre-Literatur, also bei der Massenware (Krimis und dergleichen), sowie im Segment Wissenschaft. Und die Anbieter teilen sich wohl in zwei Lager: Die pragmatischen Verleger, die sich anpassen an das, was gut läuft, und die Visionäre, die sehen, daß das E-Book technisch auf der Stelle tritt und die nach einer neuen Form für die digitale Ware Buch suchen.

Schon lange wird über die längerfristige Entwicklung der E-Books nachgedacht, vor allem auch im Bildungssektor. Das E-Book werde sich vom analogen Buch emanzipieren, las man da schon vor zwei Jahren, es werde mittelfristig Videos und Audios enthalten und crossmediale Formen von Inhalten ermöglichen. Der einzige wirklich neue Schritt war dann zur Buchmesse 2014 die Öffnung von Sobooks, ein E-Book-Shop, der das Buch selbst in ein Webforum hineinpackte. Das war und ist tatsächlich der erste Versuch, ein Buch vom Web her neu zu denken. Aber will man das denn?

E-Books sind auch heute noch digitale Versionen in den Formaten PDF und EPUB, die aus der „Druckvorstufe“ abgeleitet werden. Der ganze Herstellungsprozeß ist also weiterhin auf Print ausgelegt, das PDF ist identisch mit der Druckvorlage, und EPUB wird nur hieraus umgesetzt. Und der Deutsche Bibliotheksverband weist (via Lesewolke und NRW-Blog) darauf hin, daß das E-Book durch die Weigerung vieler Verlage immer noch nicht gleichwertig zum gedruckten Buch in den Ausleihen angekommen sei. Das Dilemma um die Onleihe läßt grüßen.

Technische Weiterentwicklungen sind nicht absehbar. Was auch nicht weiter verwundert, denn Bücher werden geschrieben. Würden sie gefilmt, wären es Filme, würden sie als Audio produziert, wären es Hörspiele, Hörbücher oder Features. Würde man das alles miteinander kombinieren, wäre es – ja, was für ein Produkt wäre das dann? Immer noch ein Buch? Oder ein Kurs mit verschiedenen Elementen? Und welche Verwertungsgesellschaft wäre dann für so einen Hybriden zuständig, die VG Wort oder die GEMA oder die VG Bild-Kunst, jeweils ganz oder anteilig? Und kein Wort zum Umsatzsteuersatz, bitte!

Die early adopters sind mit Lesegeräten und Pads versorgt, der erste Durst ist gestillt, und die Verbraucher warten ab, was als nächstes kommt. Auch sie, pragmatisch. Gerade mal nachgeschaut: In meinen Regalen stehen – nach monatelangem Räumen – immer noch 756 Book-Books bereit. Und heute morgen habe ich wieder Bücher in der UB bestellt, sie sind schon „abholbereit“.

Zum Büchermachen in digitalen Zeiten siehe auch das Radiofeature von Joachim Büthe im Deutschlandfunk, 13. März 2015.

Nachdenken über die Frankfurter Buchmesse 2014

Der Blick in Halle 8.0 zeigt den Umbruch im Verlagswesen sehr deutlich. Läuft man durch die englischsprachige Halle, ist man in einer anderen Welt als auf der übrigen Frankfurter Buchmesse. Und doch hat das, was man hier sieht, mit dem Rest auf dieser Messe und mit der Welt da draußen etwas zu tun.

Alles wirkt hier noch etwas kahler, etwas nüchterner, kälter auch. Man kann auch sagen: Seelenlos. Die verlegerische Klassengesellschaft könnte nicht deutlicher sein. Konzerne wie Wiley oder Random House bauen ganze Stand-Landschaften auf, verwinkelt bisweilen. Vertragsverhandlungen finden an kleinen Bistro-Tischchen statt, auf denen betriebsam in Laptops getippt und auf Tablets gewischt wird. Während die kleineren Verlage – es sind immerhin ausländische Unternehmen, für die sich ein Stand in Frankfurt lohnt – ganz kleine Stände haben, in denen nur ein Tisch und zwei Stühle stehen. Vier Quadratmeter Frankfurt. Der Stand von Google glänzt ganz in weiß wie die Website. Er steht frei an einer Ecke. Eiskalt und verschlossen. Alles ist eingezäunt, es gibt eine Art Empfang, an dem eine junge Dame sitzt, die keinerlei Auskünfte gibt, sondern an E-Mail-Adressen verweist. Angemeldete Besucher werden an einem Tisch plaziert, bis der Kollege für sie Zeit hat. Google wirbt hier ausschließlich für Google Play, sonst für nichts. Auch Hachette ist sehr verschwiegen und mauert sich hinter hohen Stellwänden ein wie kein zweiter Aussteller. Es erinnert mich an ein Gespräch mit meiner einstigen Französischlehrerin, die uns von den französischen Privatwäldern erzählte, die man nicht betreten dürfe. Wir müssen leider draußen bleiben.

Und im übrigen hat die Fusionitis zugeschlagen. Pearson Education hatte 2009, bei meinem ersten Besuch auf der Messe, noch einen riesigen Stand, ist diesmal aber nur noch mit seiner Rechteabteilung anwesend, kleiner als Google. Wenn man durch die Halle läuft, hört man alle fünf Minuten ein ganz anderes Englisch, Nord- und Südstaatler, Briten, Iren, Australier und Neuseeländer. Einmal um die ganze Welt, bitte, und diese Welt spricht Englisch. Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Arabisch – erst in den kleinen Hallen 5 und 6 nebenan.

Die Halle 8.0 ist zwar etwas abseits gelegen, sie ist aber genaugenommen der Kern des Betriebs in der Medienwelt, die sich hier feiert. Was dort passiert ist, hat sich auch auf die ganze übrige Szene weltweit ausgewirkt, hat hierzulande etwa den Namen Bertelsmann zu einer bloßen Marke werden lassen, die sehr unter anderem in der Unternehmensgruppe Random House unterging. Folgerichtig sollen die Stände aus Halle 8 ab dem nächsten Jahr in die übrigen Hallen integriert werden, damit zusammen präsentiert werden kann, was zusammengehört. In der Wissenschaftshalle 4.2 geht es schon heute sehr international zu, man hört dort mehr Englisch als Deutsch. Man darf gespannt sein, wie das gehen soll. Sicherlich ist in Halle 5.0 noch etwas Platz vorhanden, aber der Raum ist letztlich begrenzt, so daß es wohl auf eine Verkleinerung der Messe hinauslaufen dürfte.

Der Hype des Self-Publishing, der dieses Jahr allenthalben, vor allem aber in der „Self-Publishing Area“ in der publikumsstarken Halle 3.1 gefeiert wurde, zeigt vor allem die Betriebsblindheit der Buchbranche, die den digitalen Wandel bis heute nicht begriffen hat. Während die Autoren längst schon nicht mehr bereit sind, als fünftes Rad am Wagen von Lektoraten und Programmabteilungen gegängelt und hingehalten zu werden und die Veröffentlichung ihrer Manuskripte mit Hilfe der großen Plattformen Amazon, Apple und Google in die eigene Hand nehmen, versuchen die Platzhirsche Books on demand und Epubli, den Geist zurück in die Flasche zu bekommen und bieten Discount-Angebote an, die man durchaus einmal mit spitzer Feder durchrechnen sollte, bevor man sich vertraglich bindet. Denn das heute so genannte „Self-Publishing“ praktiziere ich genaugenommen schon, seitdem ich online bin. Also seit fast zwanzig Jahren. Ich schreibe in verschiedenen Datennetzen und habe auf diese Weise mittlerweile mit Sicherheit sehr viel mehr Leser gehabt als irgendein Kleinautor bei einem Kleinverlag, der sich an das Format „Buch“ gebunden fühlt. Das Schreiben im Netz sorgt für die unmittelbare Verbindung von Autor und Leser, es erfolgt in einem situationsgebundenen Kontext, ohne Opportunitätskosten. Die sozialen Netzwerke dienen als schwarze Bretter, und die Blogs sorgen für eine ausführlichere und auch dauerhaft öffentliche Debatte. Verlage kommen hierbei schon längst gar nicht mehr vor. Insoweit erscheint das Gerede vom „Self-Publishing“ wie das Pfeifen im dunklen Keller angesichts des Umstands, daß die großen amerikanischen E-Book-Portale die Hand am Lichtschalter haben.

Indem also das eigentliche „Self-Publishing“ schon längst in den Blogs und in den sozialen Netzwerken abläuft und auch immer mehr zunimmt, laufen die Verlage und der Buchhandel, aber auch die Bibliotheken und die Feuilletons gefahr, ins publizistische Abseits zu geraten, weil auch sie traditionell am Tropf der Publikumsverlage hängen. Die ganze Content-Verwertungskette wird überflüssig, wenn Autoren und Leser direkt zueinanderfinden. Und Bibliothekskataloge werden irrelevant, wenn sie die Quellen, nach denen Leser suchen, nicht nachweisen.

Hinzu tritt der Trend weg von den großen wissenschaftlichen Verlagen, hin zum Blog. Beispiele hierfür sind etwa die mehrsprachige Plattform hypotheses.org oder die vielen juristischen Blogs, die in den letzten Jahren entstanden sind. Gerade hier sind mittlerweile ernsthafte und gehaltvolle Formate entwickelt worden, die übrigens die laufende Berichterstattung über juristische Themen in den großen Zeitungen überflüssig machen. Aber auch „das Medium Fachzeitschrift macht nur noch begrenzt Sinn“, sagte Frank Simon-Ritz vom Deutschen Bibliotheksverband unter anderem während der Diskussion zum Right to E-Read. Wie man hört, wollen die Leser die Aufsätze nur noch online abrufen, kaum einer mag noch die gedruckte Ausgabe bekommen, auch nicht als Dreingabe zu Online, nicht mal geschenkt ist das noch gefragt. Und der Verlag C. H. Beck stellt zwei Regalmeter seiner Ausstellungsfläche für Alpmann-Skripten und kleine bunte Büchlein mit „den besten Entspannungsübungen“ für Manager bereit. Die Reihe, die sich am besten verkauft habe, sei die neue für Studenten, der Band für 9,90 Euro. Erfahre ich vor einer Wand mit drei großen Bildschirmen, auf denen die hauseigene Datenbank vorgestellt wird.

Aber die Frage, was denn überhaupt ein „Buch“ sei, ist ja ohnehin problematisch geworden. Am letzten Fachbesuchertag der Messe wurde die neue Plattform sobooks.de vorgestellt. Das Unternehmen wird im Kern von den Beratern und Bloggern Sascha Lobo und Christoph Kappes betrieben. Sobooks ist als E-Book-Shop mit integrierten Community-Funktionen angelegt. Die Leser sollen aber nicht in separaten Webforen, sondern innerhalb der Buchtexte selbst über ein Buch diskutieren, das dementsprechend auch nur online im Browser bzw. später in einer App genutzt wird. EPUB-Download soll folgen, soweit die Verlage dem zustimmen; und wenn, dann ohne DRM. Später soll es auch möglich sein, Einschübe zu dem Buchtext einzufügen, um den Text fortzuschreiben.

Man erkennt die Elemente des Web 2.0: participation, collectivism, virtual communities, amateurism. Einfach nur lesen, war gestern. Der Prosument soll mitarbeiten, und der Autor ist, wie der Blogger, der unmittelbaren Kritik aus der Leserschaft ausgesetzt. Man könnte sagen, ein E-Book-Shop ist auf der intensiven Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal, das ihn von der großen Zahl der anderen E-Book-Shops unterscheide. Denn die Bücher, die sie verkaufen, sind ja überall gleich. Man könnte aber auch sagen: Postmoderne Konzepte zur Konstruktion und zur Dekonstruktion der Texte werden damit umgesetzt. Die Grenzen zwischen der unedited voice des Autors, der in seinem Text einen langen Monolog hält, und der Rezension werden nicht gewahrt, die Grenze zwischen Autor und Leser kommt ins Fließen. Diskussionstrolle werden moderiert.

Die FAZ, die ihre traditionelle Buchmessenzeitung dieses Jahr erstmals durch ein Blog ersetzt hat, will das „social reading“ in Sobooks in ihre Website integrieren. Dieses Zeitungs-Blog, in dem Andrea Diener heute über die Historisierung ihres eigenen Blogs in einem Promotionsprojekt geschrieben hat, und Sobooks sind sozusagen die eigentliche Summe des ganzen Betriebs auf der Buchmesse 2014, und sie gewähren ein Blitzlicht auf die Medienlandschaft zwischen Web, Verlagen und Zeitungen auf der Suche nach Autoren, Lesern und tragfähigen Geschäftsmodellen. Der Umbruch, der in den vergangenen Jahren lange diskutiert worden war, findet jetzt im kommerziellen Bereich tatsächlich statt. Das nächste neue Projekt wird der Beginn des mit Crowdfunding finanzierten Journalismus-Projekts Krautreporter sein, das noch für den laufenden Monat angekündigt ist. So wird der „Schluß ex nihilo“ zum eigentlichen Merkmal von alledem: Was wurde auf der Messe nicht gezeigt, wer war dort nicht präsent und daher umso mehr im Kommen? Etwas fehlt.