Archiv der Kategorie: Buchmesse

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2015

Es kommt immer darauf an, wie es einem geht. Wer gesundheitlich nicht so ganz fit ist, wird die Frankfurter Messehallen anders wahrnehmen als zu Zeiten, zu denen es ihm besser ging. Und auch das Wetter spielt sicherlich eine Rolle. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß es jemals während der Buchmesse so schmuddelig kalt gewesen wäre wie diesmal, als wäre der Herbst schon zu Ende und der Winter begänne sehr bald.

Auf der Suche nach Veränderungen, nach Trends, also.

In der Halle 4.2 fängt man an, wie immer. Aber hier sieht man schon, daß diese Messe kleiner ist als die früheren. „Messe der kurzen Wege“, „alles nur fünf Minuten auseinander“ – was haben sie sich in der Marketing-Abteilung alles ausgedacht, nachzuhören unter anderem bei kulturkapital.org. Tatsächlich ist hier der Wandel in den Medien unmittelbar greifbar und anschaulich geworden. Aus den „Hotspot“-Landschaften vom letzten Jahr wurden kleine Inseln in einem eng bespielten Feld. Nur die ganz großen Player haben noch die ganz großen Stände. Und die der anderen Verlage, die überhaupt noch kommen, werden immer kleiner.

Auch in Halle 4.1, ein Stockwerk tiefer: So wenige Bücher sah man an den Ständen von Wagenbach oder von Christoph Links noch nie. Und bei Antje Kunstmann stehen die Bücher von Varoufakis eher hinten im Regal, nicht vorne auf dem Tisch am Gang – immerhin stehen sie hinten links.

Oder die Verlage erscheinen nur noch mit einem Gemeinschaftsstand, so etwa der Bundesanzeiger-Verlag und der Bund-Verlag von den Gewerkschaften, die sich ein Ständle mit einem dritten teilen, der mir leider entfallen ist. Bei meinem Eintreffen übrigens ganz ohne Personal. Auch keine Zeitschriften mehr zum Mitnehmen.

Überhaupt: Zeitschriften? Damit füllt C.H.Beck dieses Jahr nur noch die Lücken in den großen Regalen, wo gerade noch Platz ist. Die will mittlerweile gar keiner mehr haben. Und die juristischen Neuerscheinungen waren noch nie so langweilig wie diesmal. Das große Lehrbuch wurde 2015 endgültig zu Grabe getragen. Und das kleine Lehrbuch wird ihm vermutlich bald folgen.

Aber manche Totgesagte leben länger. Es tritt auf: Der Brockhaus. Nachdem er auf der Buchmesse 2013 eigentlich schon gar nicht mehr anwesend war, hat sich Bertelsmann nun ziemlich unbemerkt von der Enzyklopädie getrennt und sie an die Schwedische Nationalenzyklopädie verkauft. Deren Wikipedia-Artikel wartet derzeit noch auf eine fachkundige Aktualisierung, ebenso wie der Artikel über die Brockhaus-Enzyklopädie. Aber es ist geschehen. Der Vertrieb über Munzinger sei zum Jahresende gekündigt worden. Das bedeutet: Bibliotheken, die den Brockhaus über Munzinger im Angebot hatten, werden vor die Wahl gestellt, den Brockhaus zusätzlich zu Munzinger (und meist ja auch zur Onleihe) zu beschaffen – oder dieses Angebot wegfallen zu lassen. Die Benutzer müßten sich damit an eine weitere Oberfläche gewöhnen, und auch die Beratungsleistungen in den Bibliotheken werden etwas stärker beansprucht. Wenn, ja wenn der Brockhaus diesen Schritt neben Munzinger schafft – vielleicht verdrängt er aber auch das Munzinger-Archiv vielerorts, weil die Enzyklopädie wertvoller erscheint als die Biographie-Sammlung. Der Wettbewerb um die Bibliotheken wird also härter werden. Ab Januar 2016 strebe man den Vertrieb im B2B-Bereich an, Zielgruppe: Bibliotheken, Schulen, jedenfalls keine Privatkunden. Für diese gibt es weiterhin die Online-Ausgabe der letzten gedruckten Auflage, und diese bleibt wohl auch separat. Anders als bei der Britannica werde es auch keine frei verfügbaren Inhalte geben. Eine gedruckte Ausgabe sei nicht geplant, eine App werde folgen, die Website sei immerhin responsive. Zwei Handvoll feste Redakteure haben die Pflege des Bestands übernommen, ergänzt um einige freie Autoren für Fachthemen. Der Artikelbestand ist weiter gepflegt und auch weiter entwickelt worden. Ergänzungen um weitere Nachschlagewerke zur Kunst, ein eigenes Wörterbuch und die Harenberg Kulturführer sollen in dem Paket folgen. Und natürlich gibt es viel Multimedia – wovon Wikipedia nur träumen kann. Man darf aber gespannt sein, wie viele Bibliotheksnutzer ab Januar 2016 darauf noch werden zugreifen können – und wieviele von ihnen das möchten.

Der Bildungsbereich wird international gezeigt, die deutschen Schulbuchverlage findet man in der Halle 3.1. Aber im „Klassenzimmer der Zukunft“ kratzt Hewlett Packard an der Schale des Apfels aus Cupertino und stellt als Sponsor ein Tablet vor, das man auch mal aus zwei Meter Höhe hinfallen lassen kann, ohne daß es gleich in tausend Stücke geht. Es läuft wahlweise unter Windows oder Android und kommt mit einem „Classroom Manager“ daher, aber ohne Anwendungen und ohne Unterrichts-Content. Insoweit wohl eine offenere Lösung als das ansonsten gehypte iPad. Datenschutzbedenken beim Einsatz im Unterricht konnten leider nicht erörtert werden, vielleicht am Freitag mehr.

Der vierseitige englische Flyer „Classroom of the Future“ erzählt den Nachzüglern unter den Lehrern noch einmal die Geschichte vom Lehrer, der vom Wissenserklärer zum Moderator von Lernprozessen wurde. Immerhin ist da die Rede vom „Unterstützen der Schüler als kritische Konsumenten von Information“. Aber dazu braucht es Technik, und mit dieser Technik wird dann gefilmt oder sonst gebastelt. Die Lernziele bleiben unklar. Und dazu braucht es auch Vorwissen, und es bleibt offen, wer das in welcher Form vermittelt. Hauptsache, es macht Spaß?

Mit etwas Konzentration kann man tatsächlich in gut drei Stunden durch die Hallen 4.2 und 4.1 gehen, was früher nicht so ohne weiteres möglich gewesen wäre. Die Halle 8 wurde in die kleinen Hallen 6.1 und 6.2 gepackt; der Rest wurde in die übrigen Hallen eingestreut. Wenn man noch ein bißchen rückt, ginge noch mehr. Nüchtern betrachtet, ergeben sich ganz sicherlich noch weitere Einsparpotentiale.

Der Radiohörer und der Fernsehzuschauer bekommt davon freilich nichts mit. „Die Frankfurter Buchmesse“ wird dort weiterhin vornehmlich als großer Interview-Event mit Show-Charakter verkauft. Bei den einen sitzen sie auf roten, bei den anderen auf blauen Sofas, es gibt ganz viele Live-Schalten, nur arte ist diesmal nicht vor Ort, wie es scheint. Schade, die hatten immer so schöne schwarz-orangene Stoffbeutel. Sie werden spätestens 2017 wiederkommen, wenn Frankreich der „Ehrengast“ sein wird.

Als wäre der Herbst schon zu Ende und der Winter begänne sehr bald.

Siehe auch die umfangreichen Blogposts bei Café Digital und bei UmamiBücher, wie in jedem Jahr.

Update am 16. Oktober 2015: Börsenblatt zufolge behält Bertelsmann die Rechte an allen Inhalten und lizensiert diese nur an die Brockhaus NE GmbH zur weiteren Entwicklung und Verwertung. Die Brockhaus-Redaktion sei weiterhin „bei der Bertelsmann-Tochter Inmediaone in Gütersloh“ angesiedelt.

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E-Book und Book-Book

Der Markt für E-Books schwächelt mittlerweile. Nach dem Boom folgt derzeit die Wende vor dem Abschwung. Vor diesem Hintergrund berichtete das Börsenblatt (via Perlentaucher) über eine Diskussion zwischen Hype und Hoffnung. Der Markt sei, wie man hört, erfolgreich vor allem bei der sogenannten Genre-Literatur, also bei der Massenware (Krimis und dergleichen), sowie im Segment Wissenschaft. Und die Anbieter teilen sich wohl in zwei Lager: Die pragmatischen Verleger, die sich anpassen an das, was gut läuft, und die Visionäre, die sehen, daß das E-Book technisch auf der Stelle tritt und die nach einer neuen Form für die digitale Ware Buch suchen.

Schon lange wird über die längerfristige Entwicklung der E-Books nachgedacht, vor allem auch im Bildungssektor. Das E-Book werde sich vom analogen Buch emanzipieren, las man da schon vor zwei Jahren, es werde mittelfristig Videos und Audios enthalten und crossmediale Formen von Inhalten ermöglichen. Der einzige wirklich neue Schritt war dann zur Buchmesse 2014 die Öffnung von Sobooks, ein E-Book-Shop, der das Buch selbst in ein Webforum hineinpackte. Das war und ist tatsächlich der erste Versuch, ein Buch vom Web her neu zu denken. Aber will man das denn?

E-Books sind auch heute noch digitale Versionen in den Formaten PDF und EPUB, die aus der „Druckvorstufe“ abgeleitet werden. Der ganze Herstellungsprozeß ist also weiterhin auf Print ausgelegt, das PDF ist identisch mit der Druckvorlage, und EPUB wird nur hieraus umgesetzt. Und der Deutsche Bibliotheksverband weist (via Lesewolke und NRW-Blog) darauf hin, daß das E-Book durch die Weigerung vieler Verlage immer noch nicht gleichwertig zum gedruckten Buch in den Ausleihen angekommen sei. Das Dilemma um die Onleihe läßt grüßen.

Technische Weiterentwicklungen sind nicht absehbar. Was auch nicht weiter verwundert, denn Bücher werden geschrieben. Würden sie gefilmt, wären es Filme, würden sie als Audio produziert, wären es Hörspiele, Hörbücher oder Features. Würde man das alles miteinander kombinieren, wäre es – ja, was für ein Produkt wäre das dann? Immer noch ein Buch? Oder ein Kurs mit verschiedenen Elementen? Und welche Verwertungsgesellschaft wäre dann für so einen Hybriden zuständig, die VG Wort oder die GEMA oder die VG Bild-Kunst, jeweils ganz oder anteilig? Und kein Wort zum Umsatzsteuersatz, bitte!

Die early adopters sind mit Lesegeräten und Pads versorgt, der erste Durst ist gestillt, und die Verbraucher warten ab, was als nächstes kommt. Auch sie, pragmatisch. Gerade mal nachgeschaut: In meinen Regalen stehen – nach monatelangem Räumen – immer noch 756 Book-Books bereit. Und heute morgen habe ich wieder Bücher in der UB bestellt, sie sind schon „abholbereit“.

Zum Büchermachen in digitalen Zeiten siehe auch das Radiofeature von Joachim Büthe im Deutschlandfunk, 13. März 2015.

Nachdenken über die Frankfurter Buchmesse 2014

Der Blick in Halle 8.0 zeigt den Umbruch im Verlagswesen sehr deutlich. Läuft man durch die englischsprachige Halle, ist man in einer anderen Welt als auf der übrigen Frankfurter Buchmesse. Und doch hat das, was man hier sieht, mit dem Rest auf dieser Messe und mit der Welt da draußen etwas zu tun.

Alles wirkt hier noch etwas kahler, etwas nüchterner, kälter auch. Man kann auch sagen: Seelenlos. Die verlegerische Klassengesellschaft könnte nicht deutlicher sein. Konzerne wie Wiley oder Random House bauen ganze Stand-Landschaften auf, verwinkelt bisweilen. Vertragsverhandlungen finden an kleinen Bistro-Tischchen statt, auf denen betriebsam in Laptops getippt und auf Tablets gewischt wird. Während die kleineren Verlage – es sind immerhin ausländische Unternehmen, für die sich ein Stand in Frankfurt lohnt – ganz kleine Stände haben, in denen nur ein Tisch und zwei Stühle stehen. Vier Quadratmeter Frankfurt. Der Stand von Google glänzt ganz in weiß wie die Website. Er steht frei an einer Ecke. Eiskalt und verschlossen. Alles ist eingezäunt, es gibt eine Art Empfang, an dem eine junge Dame sitzt, die keinerlei Auskünfte gibt, sondern an E-Mail-Adressen verweist. Angemeldete Besucher werden an einem Tisch plaziert, bis der Kollege für sie Zeit hat. Google wirbt hier ausschließlich für Google Play, sonst für nichts. Auch Hachette ist sehr verschwiegen und mauert sich hinter hohen Stellwänden ein wie kein zweiter Aussteller. Es erinnert mich an ein Gespräch mit meiner einstigen Französischlehrerin, die uns von den französischen Privatwäldern erzählte, die man nicht betreten dürfe. Wir müssen leider draußen bleiben.

Und im übrigen hat die Fusionitis zugeschlagen. Pearson Education hatte 2009, bei meinem ersten Besuch auf der Messe, noch einen riesigen Stand, ist diesmal aber nur noch mit seiner Rechteabteilung anwesend, kleiner als Google. Wenn man durch die Halle läuft, hört man alle fünf Minuten ein ganz anderes Englisch, Nord- und Südstaatler, Briten, Iren, Australier und Neuseeländer. Einmal um die ganze Welt, bitte, und diese Welt spricht Englisch. Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Arabisch – erst in den kleinen Hallen 5 und 6 nebenan.

Die Halle 8.0 ist zwar etwas abseits gelegen, sie ist aber genaugenommen der Kern des Betriebs in der Medienwelt, die sich hier feiert. Was dort passiert ist, hat sich auch auf die ganze übrige Szene weltweit ausgewirkt, hat hierzulande etwa den Namen Bertelsmann zu einer bloßen Marke werden lassen, die sehr unter anderem in der Unternehmensgruppe Random House unterging. Folgerichtig sollen die Stände aus Halle 8 ab dem nächsten Jahr in die übrigen Hallen integriert werden, damit zusammen präsentiert werden kann, was zusammengehört. In der Wissenschaftshalle 4.2 geht es schon heute sehr international zu, man hört dort mehr Englisch als Deutsch. Man darf gespannt sein, wie das gehen soll. Sicherlich ist in Halle 5.0 noch etwas Platz vorhanden, aber der Raum ist letztlich begrenzt, so daß es wohl auf eine Verkleinerung der Messe hinauslaufen dürfte.

Der Hype des Self-Publishing, der dieses Jahr allenthalben, vor allem aber in der „Self-Publishing Area“ in der publikumsstarken Halle 3.1 gefeiert wurde, zeigt vor allem die Betriebsblindheit der Buchbranche, die den digitalen Wandel bis heute nicht begriffen hat. Während die Autoren längst schon nicht mehr bereit sind, als fünftes Rad am Wagen von Lektoraten und Programmabteilungen gegängelt und hingehalten zu werden und die Veröffentlichung ihrer Manuskripte mit Hilfe der großen Plattformen Amazon, Apple und Google in die eigene Hand nehmen, versuchen die Platzhirsche Books on demand und Epubli, den Geist zurück in die Flasche zu bekommen und bieten Discount-Angebote an, die man durchaus einmal mit spitzer Feder durchrechnen sollte, bevor man sich vertraglich bindet. Denn das heute so genannte „Self-Publishing“ praktiziere ich genaugenommen schon, seitdem ich online bin. Also seit fast zwanzig Jahren. Ich schreibe in verschiedenen Datennetzen und habe auf diese Weise mittlerweile mit Sicherheit sehr viel mehr Leser gehabt als irgendein Kleinautor bei einem Kleinverlag, der sich an das Format „Buch“ gebunden fühlt. Das Schreiben im Netz sorgt für die unmittelbare Verbindung von Autor und Leser, es erfolgt in einem situationsgebundenen Kontext, ohne Opportunitätskosten. Die sozialen Netzwerke dienen als schwarze Bretter, und die Blogs sorgen für eine ausführlichere und auch dauerhaft öffentliche Debatte. Verlage kommen hierbei schon längst gar nicht mehr vor. Insoweit erscheint das Gerede vom „Self-Publishing“ wie das Pfeifen im dunklen Keller angesichts des Umstands, daß die großen amerikanischen E-Book-Portale die Hand am Lichtschalter haben.

Indem also das eigentliche „Self-Publishing“ schon längst in den Blogs und in den sozialen Netzwerken abläuft und auch immer mehr zunimmt, laufen die Verlage und der Buchhandel, aber auch die Bibliotheken und die Feuilletons gefahr, ins publizistische Abseits zu geraten, weil auch sie traditionell am Tropf der Publikumsverlage hängen. Die ganze Content-Verwertungskette wird überflüssig, wenn Autoren und Leser direkt zueinanderfinden. Und Bibliothekskataloge werden irrelevant, wenn sie die Quellen, nach denen Leser suchen, nicht nachweisen.

Hinzu tritt der Trend weg von den großen wissenschaftlichen Verlagen, hin zum Blog. Beispiele hierfür sind etwa die mehrsprachige Plattform hypotheses.org oder die vielen juristischen Blogs, die in den letzten Jahren entstanden sind. Gerade hier sind mittlerweile ernsthafte und gehaltvolle Formate entwickelt worden, die übrigens die laufende Berichterstattung über juristische Themen in den großen Zeitungen überflüssig machen. Aber auch „das Medium Fachzeitschrift macht nur noch begrenzt Sinn“, sagte Frank Simon-Ritz vom Deutschen Bibliotheksverband unter anderem während der Diskussion zum Right to E-Read. Wie man hört, wollen die Leser die Aufsätze nur noch online abrufen, kaum einer mag noch die gedruckte Ausgabe bekommen, auch nicht als Dreingabe zu Online, nicht mal geschenkt ist das noch gefragt. Und der Verlag C. H. Beck stellt zwei Regalmeter seiner Ausstellungsfläche für Alpmann-Skripten und kleine bunte Büchlein mit „den besten Entspannungsübungen“ für Manager bereit. Die Reihe, die sich am besten verkauft habe, sei die neue für Studenten, der Band für 9,90 Euro. Erfahre ich vor einer Wand mit drei großen Bildschirmen, auf denen die hauseigene Datenbank vorgestellt wird.

Aber die Frage, was denn überhaupt ein „Buch“ sei, ist ja ohnehin problematisch geworden. Am letzten Fachbesuchertag der Messe wurde die neue Plattform sobooks.de vorgestellt. Das Unternehmen wird im Kern von den Beratern und Bloggern Sascha Lobo und Christoph Kappes betrieben. Sobooks ist als E-Book-Shop mit integrierten Community-Funktionen angelegt. Die Leser sollen aber nicht in separaten Webforen, sondern innerhalb der Buchtexte selbst über ein Buch diskutieren, das dementsprechend auch nur online im Browser bzw. später in einer App genutzt wird. EPUB-Download soll folgen, soweit die Verlage dem zustimmen; und wenn, dann ohne DRM. Später soll es auch möglich sein, Einschübe zu dem Buchtext einzufügen, um den Text fortzuschreiben.

Man erkennt die Elemente des Web 2.0: participation, collectivism, virtual communities, amateurism. Einfach nur lesen, war gestern. Der Prosument soll mitarbeiten, und der Autor ist, wie der Blogger, der unmittelbaren Kritik aus der Leserschaft ausgesetzt. Man könnte sagen, ein E-Book-Shop ist auf der intensiven Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal, das ihn von der großen Zahl der anderen E-Book-Shops unterscheide. Denn die Bücher, die sie verkaufen, sind ja überall gleich. Man könnte aber auch sagen: Postmoderne Konzepte zur Konstruktion und zur Dekonstruktion der Texte werden damit umgesetzt. Die Grenzen zwischen der unedited voice des Autors, der in seinem Text einen langen Monolog hält, und der Rezension werden nicht gewahrt, die Grenze zwischen Autor und Leser kommt ins Fließen. Diskussionstrolle werden moderiert.

Die FAZ, die ihre traditionelle Buchmessenzeitung dieses Jahr erstmals durch ein Blog ersetzt hat, will das „social reading“ in Sobooks in ihre Website integrieren. Dieses Zeitungs-Blog, in dem Andrea Diener heute über die Historisierung ihres eigenen Blogs in einem Promotionsprojekt geschrieben hat, und Sobooks sind sozusagen die eigentliche Summe des ganzen Betriebs auf der Buchmesse 2014, und sie gewähren ein Blitzlicht auf die Medienlandschaft zwischen Web, Verlagen und Zeitungen auf der Suche nach Autoren, Lesern und tragfähigen Geschäftsmodellen. Der Umbruch, der in den vergangenen Jahren lange diskutiert worden war, findet jetzt im kommerziellen Bereich tatsächlich statt. Das nächste neue Projekt wird der Beginn des mit Crowdfunding finanzierten Journalismus-Projekts Krautreporter sein, das noch für den laufenden Monat angekündigt ist. So wird der „Schluß ex nihilo“ zum eigentlichen Merkmal von alledem: Was wurde auf der Messe nicht gezeigt, wer war dort nicht präsent und daher umso mehr im Kommen? Etwas fehlt.

Jaron Lanier

Jaron Lanier rockt sehr. Von den Bildern zu schließen, die bisher von ihm in Zeitungen und auf Websites veröffentlicht wurden, hätte ich nicht gedacht, daß er so lebendig daherkommt. Völlig locker und behende, trotz der ungeheuren Leibesfülle, lief er heute mittag durch das Foyer der Halle 5.1 auf der Frankfurter Buchmesse, bevor er von dem konservativen Wolfgang Herles auf dem „Blauen Sofa“ interviewt wurde. Und die Sonne kam heraus und schien warm durch die Scheiben links vom Podium. Das ZDF produzierte die Sendung mit vier Kameras, zwei davon statisch an der Decke aufgehängt, eine total, eine auf das Tischchen gerichtet, auf dem das Buch abgestellt wird, um das es in dem Gespräch geht. Grelles, aber kaltes Licht aus den Scheinwerfern, trotz der Sonne.

Die etwas fahrige Unterhaltung ist übrigens in der Aufzeichnung sehr viel besser zu verstehen als vor Ort. Die Umgebung ist sehr laut, man muß sich stark konzentrieren, um dem Gespräch zu folgen. Die Hintergrundgeräusche werden bei der Aufnahme wohl ausgefiltert. Erst zum Ende hin wurde es leiser, als Lanier auf einem exotischen Musikinstrument blies, das er mitgebracht hatte. Das wiederum kam vor Ort sehr viel besser rüber. Er will auch bei der Verleihung des Friedenspreises darauf spielen.

Zu Wikipedia, die er in dem Gespräch kurz erwähnt, äußerte er sich übrigens im Mai 2006 auf edge.org kritisch: Digital Maoism: The Hazards of the New Online Collectivism.

Die Bibliothek und der Zufall

Kathrin Passig hat in der Zeit über ihre Schwierigkeiten mit Bibliotheken im allgemeinen und mit einem Bibliothekar im speziellen geschrieben, mit dem sie sich auf der letzten Buchmesse auf einem Podium unterhalten hatte, und mindestens zwei Blogger, die in meinem Feedreader auftauchen, haben darauf bereits reagiert. Da kann ich nicht abseits stehen und muß auch etwas schreiben. Nur zu einem Punkt von mehreren, zu denen etwas zu sagen wäre. Aus der Sicht des Benutzers diesmal.

Merkwürdig finde ich das Argument, im Internet sei es leichter, Zufallsfunde zu machen, als in Bibliotheken. Klaus Graf sieht es auch so, und das ist ja auch nicht weiter überaschend. Was mir beim Googlen so angeboten wird, ist immer mehr wie Kraut und Rüben sortiert, und da ich den Massengeschmack nicht teile, finde ich auf diesem Weg immer mehr Zufälliges – und gleichzeitig immer weniger wirklich Interessantes. Die Zufälligkeit der Suchmaschinen ist kein Vorteil, sondern es ist gerade das grundlegende Problem der Webrecherche. Nicht die Zahl der Treffer ist das Ärgerliche, sondern ihre Qualität.

Das mag mit Grafs „primärer Forschungsbibliothek … Google Book Search“ ein bißchen anders sein als mit den übrigen Suchfunktionen des Werbeportals Google – die Book Search ist meist brauchbar und das bei weitem interessanteste Angebot. Aber für die juristische Recherche komme ich um die beiden großen Datenbanken mittlerweile nicht mehr herum, und sei es nur aus Zeitgründen. Eine Juris- oder eine Beck-Online-Recherche ist so viel schneller und effizienter als der Einstieg über Kommentare und Lehrbücher, daß sich der Kauf von Fachliteratur mittlerweile erübrigt und man das Geld besser für die Fahrtkosten zur Bibliothek ausgibt.

Denn von zuhause kann man auf diese Informationen gar nicht zugreifen. Man kann nur die Katalogrecherche durchführen. Lesen muß man dann woanders. Der Online-Zugriff ist den Lehrenden an den Universitäten vorbehalten, die per VPN Zugriff auf das Campusnetz haben. Gleichzeitig wurde bei uns die allgemeine Lehrbuchsammlunng geschlossen, so daß man, wenn man nicht Student ist, die Bücher nur noch vor Ort benutzen kann. Und so führt die Neuordnung der wissenschaftlichen Bibliotheken in Frankfurt gemeinsam mit der Digitalisierung dazu, daß die Informationen, von denen Kathrin Passig als Netizen so schwärmt, gar nicht im Internet verfügbar sind. Da gibt es höchstens Metadaten. Die Digitalisierung der Information macht Bibliotheken nicht überflüssig, sie verknappt vielmehr das Informationsangebot, weil alles unter proprietärer Lizenz steht und hinter Paywalls oder in geschlossenen Netzwerken versteckt ist.

Deshalb gehe ich gar nicht in die Bibliothek, um dort Zufallsfunde zu machen, sondern um gezielt auf bestimmte Informationen zuzugreifen, die es anderweitig entweder gar nicht oder nur zu Mondpreisen gibt. Und dazu ist die Bibliothek tatsächlich unverzichtbar. Das ist die Praxis.

Was wir also eigentlich bräuchten, wären Nationallizenzen für Einzelnutzer für all diese wichtigen Wissensspeicher, allen voran für Juris, denn dieser Dienst ist ursprünglich aus Steuermitteln aufgebaut worden und wird heute teuer und unsozial vermarketet. Diese Praxis sorgt dafür, daß Fachinformationen sozial ungleich verteilt sind. Wer es sich leisten kann, etwa 1500 Euro im Jahr für einen privaten Datenbankzugang auszugeben, „weiß“ tatsächlich mehr und ist schneller informiert als derjenigen, der auf Bibliotheken angewiesen ist. Das ist also auch eine Frage der Ungleichheit des Zugangs zu Bildung. Und insoweit bin ich wiederum ganz bei Kathrin Passigs Kritik. Nur „Papiermuseen“ haben wir hier keine im Rhein-Main-Gebiet. Die Bestände werden gepflegt, die Auflagen sind aktuell, da ist nichts museal zu nennen. Wann war Passig eigentlich das letzte Mal in einem Lesesaal?

Büchermenschen

Was von der Buchmesse nachklingt, sind beispielsweise die Physiognomien der Büchermenschen. Die je eigenen Gestalten, denen man an den Ständen begegnet, die so gut zu den Häusern passen, deren Verlagskultur sie buchstäblich verkörpern. Die evangelischen Verlage beispielsweise. Kommen wie aus einer anderen Welt. Haben ganz anderes Personal als die Wörterbuchverlage. Linke Zeitungen (also wirklich linke). Die Kunstverlage: Ein wenig sonderbar. Juristische oder medizinische Verlage: Absatzorientiert. Die Stände der Anbieter von Bildungsmaterialien: Für Lehrer halt. Und Bibliothekare waren übrigens auch da. Als hätten sie je eigene Nischen sich geschaffen, in denen sie selbst sein können. Und nur sie.