Archiv der Kategorie: Buchmesse

Isländische Literatur in der deutschsprachigen Wikipedia

Der Wikipedia-Artikel zur isländischen Literatur, dessen Neubearbeitung ich am 1. Oktober 2011 aufgrund einer Löschdiskussion begonnen hatte, wurde im Umfeld der Frankfurter Buchmesse in der Spitze 300 mal an einem Tag abgerufen, im übrigen etwa 150 mal täglich. Seitdem läßt das Interesse wieder deutlich nach (Statistik nach: http://stats.grok.se).

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Zugriffe auf den Wikipedia-Artikel „Isländische Literatur“ rund um die Frankfurter Buchmesse

Es fehlen übrigens noch eingehendere Ausführungen zur isländischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hilfe hierzu wäre willkommen. Der Artikel befindet sich weiterhin in der Qualitätssicherung.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2011

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Erinnerung an die Frankfurter Buchmesse 2011

Immer wieder im Oktober, diesmal als Fachbesucher, und diesmal noch mehr als früher ein Buchmessenbesuch im Zeichen von Wikipedia. Die Frankfurter Buchmesse macht Spaß, und ich habe sie vorgezogen, obwohl sie dieses Jahr in Konkurrenz zu Occupy Frankfurt stattfand. Man muß sich entscheiden.

Der Rundgang durch die bibliophilen Hallen begann diesmal erst am Nachmittag, weil ich bis dahin den Stand des Wikipedia-Schulprojekts im Rahmen der Bildungsmesse mitbetreut hatte. Ein weiterer Schwerpunkt war das Zusammentreffen mit anderen Wikipedianern bei der Präsentation des Wikipedia-Buchs am Stand von Hoffmann und Campe.

Es zahlte sich aus, daß ich mich schon auskannte, es war eine enorme Erleichterung zu wissen, wohin zu gehen sich lohnen würde, denn in den Hallen drei und vier hat sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert, zumindest was die Plazierung der Messestände angeht.

Immerhin: Der Suhrkamp-Stand war neu. Und er war scheußlich. Alles ist so hell und breit hier geworden und so metallen. So ausladend, der Leser wird auf Distanz zum Buch gehalten. Als wollte man die breiten Berliner Straßen nachahmen im Gegensatz zu den Frankfurter Gäßchen. Aalglatt. Nichts läßt mich hier verweilen oder näher hinsehen. Etwas merkwürdig, daß Dirk Knipphals das in der taz teilweise anders gesehen hatte.

Keine roten 3sat-Tüten heute, dafür schöne hellgrüne DRadio-Wissen-Kugelschreiber. Und der BuchMarkt verteilt dieses Jahr wieder ein Dummies-Heftchen: Nach dem Urheberrecht ist nun das E-Book dran.

Viele nützliche Fachzeitschriften und fast alle gängigen Literaturbeilagen stellten sich ein, genügend Lesestoff für die nächste Zeit.

Und natürlich auch dieses Jahr ein Abstecher zu Brockhaus. Bertelsmann hat sich den Namen und den Content vor ein paar Jahren gekauft und hat nun sein gesamtes Lexikongeschäft hierauf aufgebaut. Große Dinge ständen bevor, hört man auf Nachfrage, aber erst im kommenden Herbst, zur nächsten Buchmesse. Die Neuauflage der großen Enzyklopädie lasse noch auf sich warten, abgespeckte Versionen (A–Z mit Themenbänden) würden vorher veröffentlicht, aktualisiertes Brockhaus-Material. Ob es das auch online geben werde, müsse derzeit offenbleiben. Mein Einwand, es würde mich sehr wundern, wenn es anders wäre, nach all den Erfahrungen, die ich in den letzten Monaten in den Schulen gemacht habe. Wie man sich gegen den Erfolg von Wikipedia behaupten wolle, angesichts einer Benutzerbasis von gut 95 % bei den 14 bis 19jährigen (ARD-ZDF-Onlinestudie 2010)? Dazu könne man mir nichts sagen. Wahrscheinlich ist das vollkommen richtig. Dagegen dürfte es tatsächlich kein praktikables Konzept geben, das Aussicht auf Erfolg hat. Die Zukunft der Brockhaus-Enzyklopädie in Munzinger-Online? Sei ebenfalls offen. Vager geht es nicht mehr.

Zum Abschluß diesmal die religiös-esoterischen Stände in Halle 3.1. Aha.

Was bleibt, sind einige neue Kontakte. Und die Aussicht aufs nächste Jahr, wenn Neuseeland Gastland sein wird.

Und wo war eigentlich die isländische Literatur, über die man derzeit so viel liest?

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2010

Sie fand doch statt, die Buchmesse. Es war kein bloßes Gerücht. Aber nach den Vorarbeiten von Alf Haubitz war ich doch gespannt, was mich diesmal erwarten würde, als ich mich auf den Weg nach Frankfurt machte.

Es war schon mal voller, meine ich, aber vielleicht gewöhne ich mich auch nur an die Menschenmenge, die sich durch die Hallen schiebt. Deutlichere Polizeipräsenz als früher, aber weniger als im vergangenen Jahr.

Jeder Besuch auf der Messe ist anders als die vorhergehenden, weil ich die Hallen in einer anderen Reihenfolge besuche. Dabei bemerke ich, daß es mir durch die Jahre immer besser gelingt, das Medium „Buchmesse“ meinen Interessen gemäß zu nutzen.

Diesmal begann ich in der angelsächsischen Halle 8, weil ich dort den Stand von Google besuchen wollte, um gleich zu Beginn die rhetorische Frage loszuwerden: „What is a search engine company like Google doing on a book fair?“ Die Antwort des dunkel beanzugten Mitarbeiters, der mich mit einem beherzten amerikanischen „Hi!“ begrüßte, war, Google sei gekommen, um Verträge zu schließen mit Verlagen, die ihre Bücher für Google Books freigeben möchten. Das darauffolgende etwa eine Dreiviertelstunde dauernde Gespräch gehörte dann tatsächlich zu den Höhepunkten meiner bisherigen Messebesuche, denn die rhetorischen Figuren, mit denen nun versucht wurde, mich davon zu überzeugen, daß man mit Google Books kein Geld verdienen könne, erinnerten eher an ein Scientology-Teach-In als an eine vernünftige Unterhaltung. Microsoft habe ein ähnliches Projekt seinerzeit abgebrochen, weil es ihnen zu teuer geworden sei und weil die Aussicht auf Einnahmen daraus eher zweifelhaft war, Google aber tue das alles als Dienst für die Allgemeinheit, weil nur so die ungeheuren Textmengen der gedruckt vorliegenden Literatur durchsuchbar gemacht werden könnten. Man wolle nicht nur das Internet in seine Suchmaschine einstellen, sondern auch den ganzen gedruckten Bestand an Büchern und Zeitschriften. Wir Europäer, und vor allem wir Deutschen, sähen das alles überhaupt viel zu eng und geradezu falsch. Google baue hier mit seiner Sammlung an Scans kein Monopol auf. Mein Hinweis auf die bevorstehende Deutsche Digitale Bibliothek und darauf, daß die europäischen Staaten hier mit dem Einsatz von vielen Millionen Euro eine öffentliche Konkurrenz schüfen, gehe fehl. Der Monopolist erklärte geradeheraus, er verstehe überhaupt nicht, warum die Europäer immer überall eine Konkurrenz haben wollten, die Bücher seien doch gemeinfrei (wir verwendeten beide den deutschen Begriff). Und mit meinem Hinweis, man hantiere hier mit sehr wertvollen Kulturgütern, konnte er erwartungsgemäß gar nichts anfangen. Das seien keine gems, keine ökonomischen Güter, sondern schlicht Texte, die man durchsuchen könne, wie andere Texte auch. Google wolle den Autoren dabei behilflich sein, von den Lesern gefunden zu werden, man sei eine Art Makler für Informationen (agent). Und bei den Suchergebnissen orientiere man sich an den Bedürfnissen der Benutzer. Wenn Google Cookies einsetze, so interessiere man sich nicht für mich persönlich, sondern ausschließlich für mein Verhalten als Konsument, um die Suchergebnisse, die man mir ausgebe, immer noch weiter an meinen Bedürfnissen ausrichten zu können und noch weiter zu optimieren. Sehr schön war dann die praktische Vorführung mit den typischen Google SERPs (den Begriff kannte er nicht): Bei jeder Eingabe des Begriffs „hamburg germany“ auf dem Client des Mitarbeiters kam ein im einzelnen völlig anderes Ranking der Suchergebnisse zustande, mit folgenden Ausnahmen: An erster Stelle wurden Nachrichten über „hamburg germany“ angeboten, an zweiter Stelle stand der Artikel zu Hamburg in Wikipedia, dann folgte ein Hinweis auf Bilder von und zum Suchbegriff, und dann kamen ausschließlich Treffer zur Tourismuswerbung. Außerdem noch einmal eine Handvoll Werbeanzeigen in der Spalte rechts neben der Suchtrefferliste (wird bei mir wegen dem Einsatz von Adblock schon lange nicht angezeigt). In dem Umstand, daß die Suche jedesmal ein anderes Ergebnis liefere, nur das Schema der Treffer bleibt grundsätzlich das gleiche, könne er kein Problem erkennen, denn wir lebten nun einmal in einer dynamischen Welt. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Am Stand von Springer stellte ich dann Fragen zur Datenbank SpringerLink. Man steige immer mehr von gedruckten auf Online-Quellen um. Die USA seien insoweit Vorreiter, die Europäer sträubten sich aber noch mehrheitlich dagegen, Online und Print als gleichwertig anzusehen. Und vor allem die wirtschaftswissenschaftlichen Autoren weigerten sich in vielen Fällen noch, das Recht zur Online-Verwertung ihrer Bücher zu erteilen. Interessant fand ich auch die Reaktion auf meine ausdrücklichen Fragen zur Verwendung von URLs auf SpringerLink in Wikipedia. Das diesbezügliche Engagement der Mitarbeiterin zeigt sehr deutlich, daß man Wikipedia als Multiplikator für wissenschaftliche Literatur bei den Verlagen ernst nimmt; man möchte zitiert werden. Im Gegenzug wünschte ich mir natürlich möglichst viele Open-Access-Angebote, weil nur dann ein Zitat auch abseits von einem Bibliothekszugang sinnvoll ist. Übrigens blieben die URLs zu einer Quelle in SpringerLink sehr wahrscheinlich langfristig stabil. Das gelte aber nicht für neue Lehrbücher, die nur teilweise frei lesbar sind. Solche „Appetithappen“ könnten jederzeit wieder zurückgezogen werden — obwohl sie beispielsweise auch im SWB-Katalog als Onlinequellen nachgewiesen werden, so war ich darauf aufmerksam geworden. Gleiches gelte für die Bücher, die zur Werbung bei Google Books eingestellt worden sind. In diesem Fall liege Google der Volltext vor, aus dem ein Auszug von 20 Seiten suchbegriffsabhängig frei angezeigt werde. Dabei handele es sich um Leseproben zu Werbezwecken, die jederzeit wieder aus dem Netz verschwinden könnten.

Auch bei C.H.Beck wurde ich sehr bald auf das Angebot „beck online“ hingewiesen. Dort gebe es mittlerweile auch Online-Kommentare, die vierteljährlich aktualisiert würden. Von zwei strafrechtlichen Titeln hätten sie nun auch gedruckte Ausgaben herausgebracht, die sich gut verkauften (zum Preis von immerhin gut 150 Euro). Ich finde weiterhin, gerade nach meinem Juris-Test, daß Online völlig überteuert angeboten wird. Dabei ist bezeichnend, daß die Datenbankanbieter von ihren Kosten her argumentieren — ich aber auch. Die Datenbanklösung soll aus meiner Sicht nicht billiger sein, um attraktiv zu sein, sie soll aber auch nicht teurer werden als die Print-Lösung. Der Preisverfall ist allen Beteuerungen der Anbieter zum Trotz jedoch absehbar; der Erich Schmidt Verlag hat die Preise für den Online-Verkauf von Aufsätzen aus seinen Zeitschriften seit dem letzten Jahr schon halbiert, ohne dadurch notleidend zu werden. Was das wissenschaftliche Lehrbuchprogramm von Beck angeht, so siecht es weiterhin vor sich hin. Lorenz hat die Kurz-Lehrbücher von Medicus übernommen, beim Schwab/Prütting wurde der Schwab nun endlich auch weggelassen, und mit der Übernahme des Lehrbuchsortiments von Wolters-Kluwer erscheinen nun auch diese Bücher (auch unter altem Reihennamen „Academia iuris“) bei Beck. Die verkaufen sich wohl gut? Zumindest der Medicus? — „Sie kennen die Zahlen?“ Die Studenten läsen fast nur noch Skripten. Lehrbücher würden kaum noch verkauft, am besten liefen die „Grundrisse des Rechts“. Schlechte Zeiten für große Lehrbücher. Von einer neuen Auflage des Larenz-BT zum neuen Schuldrecht (die Reform war 2002) sprach dieses Jahr keiner mehr. In der Tabelle auf dem Rechner des Beck-Mitarbeiters sah ich nichts davon. Und auch das Staatshaftungsrecht von Ossenbühl gibs weiterhin nur in der fünften Auflage, mit der ich 1998 noch studiert hatte.

Der weitere Rundgang führte mich dann abschließend in die belebteren Hallen 4.1 und 3. So wenig Neues gabs bei Suhrkamp sehr selten. Der Umzug von Frankfurt nach Berlin scheint auf Kosten der Produktivität gegangen zu sein. Einzig die epochale und wunderbar gesetzte Neuerscheinung von Zettel’s Traum ragte hervor, auf einem Lesepult dargeboten, beinahe zelebriert, ein typographisches Meisterwerk, keine Zweifel, aber leider weit jenseits des üblichen Haushaltsbudgets.

Brockhaus heißt zwar weiterhin Brockhaus, gehört nun aber zu Bertelsmann, und was ich dort erfuhr, machte mich einigermaßen sprachlos: Man weiß offenbar auch nach einem Jahr noch nicht so recht, was man mit dem neuen Namen anfangen soll. Die Brockhausredaktion wurde nach der Unternehmensübernahme entlassen, die ehemaligen Mitarbeiter suchen seitdem als Überqualifizierte eine neue Aufgabe. Meyers Großes Taschenlexikon gibt es dem Namen nach nicht mehr; der 24-Bänder wird unter der Marke „Brockhaus“ weitergeführt. Die 21. Auflage der Enzyklopädie wird weiterhin verkauft. Sie stand wie Blei im Regal, niemand wollte darin heute blättern. Die nächste Auflage soll nun von der Bertelsmann-Redaktion erstellt werden, was ja eher ein schlechter Witz ist, wenn man sich noch an die miserable inhaltliche Qualität erinnert, die den Lexika von Bertelsmann seit jeher eigen ist. Es kam aber noch besser: Es gibt nämlich auch überhaupt keine Online-Strategie des Verlags. Während der Online-Zugriff schon längst der Hauptvertriebsweg für den Konkurrenten Britannica ist und die Wikipedia — je nach Sprachversion — schon lange unter den meistbesuchten Websites überhaupt liegt, wird der Brockhaus weiterhin in Halbleder mit Goldschnitt für 2800 Euro angeboten. Der Verlagsprospekt trägt sehr zurecht die Aufschrift: „Wissen ist wertvoll.“ Im Innern heißt es: „Wahres Wissen spricht Bände.“ So wortreich und blumig kann man eine Entwicklung auch verschlafen. Ein Online-Zugriff für Multimedia-Inhalte (also für kleine Filmchen, zusätzliche Bilder usw.) ist im Preis der Enzyklopädie enthalten, er ist aber nicht separat zu bekommen, wer Online will, muß erst einmal Print kaufen, und abseits des Brockhaus-Stands erfuhr ich dann in einem weiteren sehr kompetenten und idealistischen Gespräch, daß dieser Online-Zugang auch nur für zwei Jahre vertraglich garantiert sei, was Bertelsmann geflissentlich verschweigt. Multimedia gibts bei Bertelsmann ansonsten nur auf DVD oder zum Installieren auf dem Smartphone, aber eben nicht online und ohne Halbledereinband.

Was bleibt, ist das nachdrückliche Bild der Dreiklassengesellschaft in der Verlagslandschaft. Die meisten sitzen in der Holzklasse, während andere immer noch soviel Kraft haben, daß sie kaum noch laufen können, und mir scheint, die Unterschiede werden deutlicher. Aber vielleicht kommt mir auch das nur so vor, je länger ich das alles beobachte.

Ach ja, und die Lesegeräte für E-Books sind besser geworden als vergangenes Jahr. Aber das nur sehr nebenbei.

Sehr schön fand ich übrigens, daß es am Rande der Messe zu einem spontanen Treffen mit drei weiteren Frankfurter Wikipedianern kam, wir hatten eine lebendige Insider-Diskussion über Gott und die Welt auf dem sehr warm von der Sonne beschienenen Platz in der Mitte des Messegeländes. Wiederholung im nächsten Jahr nicht ausgeschlossen. Wenn nichts dazwischenkommt.

Die Buchmesse fällt dieses Jahr aus

Hr2-Redakteur Alf Haubitz erlaubt sich seit gestern einen Spaß und twittert über seine Beobachtungen auf der Frankfurter Buchmesse. Es sind Reportagen, die man anderswo umsonst suchen wird, denn – aufgepaßt – die Messe fällt aus:

„Treffe Honnefelder in der leeren Halle 3.1: ‚Hier war immer am meisten los.‘ Auch er ist froh, dass er Ruhe hat: ‚Kluge Entscheidung!‘ #fbm10“

Dagegen fällt die diesjährige Buchmesse, wie es scheint, für einen letztjährigen Teilnehmer tatsächlich aus: Den Berliner Freitag sucht man vergebens im Ausstellerkatalog. Am Erfolg kann es nicht gelegen haben, denn wenn es darum geht, die wirklich wichtigen Termine wahrzunehmen, sind die notwendigen Mittel natürlich vorhanden. Habe einen Verdacht: Jakob Augstein hatte Angst, dem einen oder dem anderen ehemaligen Freitag-Blogger oder -Leser auf der Messe zu begegnen. So wird es gewesen sein. Sage ich mal in einer grandiosen Stimmung. Und wenn man sieht, daß die Messe sowieso ausgefallen ist, war es doch auch von Anfang an eine kluge und weitsichtige Entscheidung, von vornherein in der großen Stadt Berlin zu bleiben, am Hegelplatz. Im Reich der Freiheit. Den Begriff habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern der wird in einem Werbeflyer, der diesen Monat den „Blättern“ beiliegt, dem Leiter der Kulturredaktion Michael Angele in den Mund gelegt:

„Die Kulturredaktion ist ein Reich der Freiheit. Wir dienen keiner Sache. Nur uns selbst. Wir lassen uns nicht instrumentalisieren. Sie wollen einen Werbetext lesen? Dass ich nicht lache!“

Heißt es. In diesem Werbetext. Ojemine, lachen, wie und über was denn? Vielleicht hierüber:

„Der Alltag ist nie alltäglich.“

Oder so.

Stimmt es denn, daß Roger Willemsen nun auch twittert?

Wie froh bin ich, daß ich weg bin!

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2009

Soviel Polizei war noch nicht hier, seit ich die Frankfurter Buchmesse regelmäßig besuche. Jeder, der heute morgen eine Tasche mitbrachte, wurden vor dem Eingang der Messe von einem Polizisten in kugelsicherer Weste durchsucht. Eine Broschüre weist darauf hin, es würden auch auf dem weiteren Messegelände Personenkontrollen durchgeführt. Polizeistreifen sind ostentativ unterwegs. Erst am späten Nachmittag läßt die uniformierte Präsenz dann auffällig nach. Ich muß unwillkürlich an den Hinweis einer Justizangestellten während meines Referendariats zurückdenken: Wenn sie einen Anschlag an einem Gericht verüben wollte, würde sie dies in der Zeit zwischen dem Dienstende des Pförtners und dem Gebäudeschluß machen – dazwischen lagen gute 45 Minuten, während derer der Eingang des Gebäudes gänzlich unbewacht war.

Mir scheint, es waren heute weniger Besucher unterwegs als in den Vorjahren am Buchmessensamstag. Ich schließe dies daraus, daß man trotz gleichgebliebenem Abstand zwischen den Messeständen sich heute nicht so bedrängt fühlte. Es war mehr Platz vorhanden, um sich zu bewegen, und man kam sehr leicht an die Bücher heran, auch bei viel besuchten Ständen. Erst gegen Mittag wurde es dann etwas voller. Aber auch auf dem Rückweg war es bei weitem nicht so eng auf dem Bahnsteig der S-Bahn.

Wie in jedem Jahr, betrat ich auch diesmal die Messe an einer anderen Stelle und bahnte mir den Weg durch die Hallen in einer neuen Reihenfolge. Ich begann in Halle 4, aber nicht von der Suhrkamp-Seite her, sondern von der Gegenseite, am anderen Eingang, direkt von der S-Bahn kommend. Herrlich war hier gleich zu Anfang der Stand von Zweitausendeins, an dem nicht nur sehr schöne Neuausgaben von Klassikern aus dem „Haffmans-Verlag bei Zweitausendeins“ zu sehen waren, sondern auch eine Hommage an das Billy-Regal, das in diesem Jahr bekanntlich 30 Jahr‘ alt wurde: Alle Bücher wurden in Billy-Regalen ausgestellt, teils mit Glastüren versehen und allesamt meisterlich aufgebaut. Dessen ansichtig, waren wir uns einig: Man fühlte sich hier gleich ganz wie zu Hause.

Am Suhrkamp-Stand wurde ich ziemlich professionell photographiert, als ich mit Rucksack dasitzend in dem neuen Buch von Zygmunt Bauman „Gemeinschaften“ las. Das Bild konnte ich aber heute abend (noch?) nicht online finden.

Der riesige Hörbuchbereich schien mir übertrieben, zieht aber viele andere Besucher an.

Bei den wissenschaftlichen Verlagen führte ich ein sehr interessantes Gespräch am Stand des Springer Verlags. Der zweite Band zu der neuen LaTeX-Trilogie von Braune, Lammarsch und Lammarsch soll leider erst im nächsten Jahr erscheinen. Wir sprachen aber auch über die Entwicklung von Print- und Online-Veröffentlichungen auf dem wissenschaftlichen Buchmarkt allgemein. Als ich auf die Diskussion um Hybrid-Veröffentlichungen und die These hinwies, Online-Veröffentlichungen seien verkaufsfördernd, was vor allem in der Inetbib-Mailingliste immer wieder vertreten wird, führte die Springer-Mitarbeiterin aus, dies gelte nicht allgemein für die Bücher ihres Verlags. Die Verkäufe von Print seien in Nordamerika sehr stark zurückgegangen. In Europa sei der Rückgang ebenfalls merklich, wenn auch etwas geringer. Nur im Nahen Osten und in Asien würden gedruckte Bücher nach wie vor in größerem Umfang angeschafft. Dies habe vor allem zwei Gründe: Einerseits seien Bücher, und vor allem ausländische Fachbücher, dort weiterhin ein Statussymbol. Andererseits sei die Internet-Anbindung in vielen Ländern sehr schlecht, so daß der Download großer Dateien sehr lang dauere. Im Springer-Büro in Neu-Delhi falle jeden Tag für gut drei Stunden der Strom aus. Unter solchen Umständen ist die Arbeit mit Online-Quellen natürlich sehr viel weniger interessant als wir es uns mit unserer westlichen Infrastruktur vorstellen können. Springer biete seine Bücher zunehmend auch als E-Book im Dateiformat PDF an, verkaufe sie aber direkt nur als collection an Bibliotheken. Spezielle Formate für E-Book-Reader ständen derzeit nicht zur Verfügung.

Überhaupt: Die E-Book-Reader von Sony und von das jetBook von Ectago, die letztes Jahr nur angekündigt worden waren, wurden diesmal in Halle 3 dem breiteren Publikum gezeigt. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin beim juristischen Sortiment von Wolters Kluwer, die zufällig ebenfalls vorbeikam, befragte ich die Angestellten wegen der Funktionen. Kurz gesagt, fanden wir beide Geräte von Sony ebenso wie das jetBook unbefriedigend. Die viel gepriesene Darstellungsqualität der Geräte war durchweg ganz unspektakulär. Es handelte sich um kleine entspiegelte TFT-Bildschirme mit monochromer Schwarz-weiß-Darstellung und etwas größerem Blickwinkel, etwas kleiner als bei einem Netbook. Bei den Sonys fiel auf, daß sich das Bild nur sehr langsam aufbaute. Außerdem wurde es zuerst weiß auf schwarz gezeigt und schaltete erst dann um auf eine Darstellung schwarz auf weiß. Bei Sony kann man mit einem mitgelieferten Stift handschriftliche Notizen an bestimmten Textstellen anbringen, die auch auf dem Bildschirm angezeigt, gespeichert und wieder abgerufen werden können. Die Darstellung erfolgt grundsätzlich ähnlich wie in einem Webbrowser. Es gibt also keinen Seitenumbruch, sondern nur Fließtext, der gezoomt und gescrollt werden kann. Die Seitenzählung ist deshalb abhängig vom jeweiligen Schriftgrad. Der Darstellungsqualität ist genauso schlecht wie man es von einem Webbrowser kennt, das heißt die Darstellung bleibt weit hinter der typographischen Qualität zurück, die man aus gedruckten Büchern kennt: Kein ordentliches Kerning, und auch keine Abbildungen. Mathematischer und chemischer Formelsatz sei nicht möglich. Hierfür müsse man auf PDF-Dateien zurückgreifen, die auf dem kleinen Bildschirm dann aber mit Scrollbalken dargestellt werden, was bedeutet, daß man dann ständig horizontal und vertikal scrollend lesen muß. Dies alles kostet derzeit etwa 200 Euro, und der Buchmarkt ist erst im Aufbau. Es gilt die Buchpreisbindung, das heißt die E-Bücher sind genauso teuer wie die gedruckten Werke. Ich habe den Eindruck, daß man diese Geräte noch nicht kaufen sollte und besser auf die nächste oder sogar auf die übernächste Version wartet.

Mehrmals Promi-Alarm: Gesine Schwan talkte beim „Vorwärts“, und Reinhold Messner erzählte bei der „Frankfurter Rundschau“ von seinen schönsten Gipfeln – da ging ich lieber weiter. Bei 3sat huschte einer der Moderatoren der „Kulturzeit“ vorbei. Dort gab es schöne rote Stofftragetaschen, die mir heute gute Dienste leisteten.

Zeitungen wurden verteilt, Literaturbeilagen, stapelweise, tonnenweise.

Und Brockhaus fand sich heute zum ersten Mal bei Bertelsmann. Merkwürdig.

Viele weitere Bücher betrachtete ich, las ich an, auch solche, die ich jetzt nicht mehr benennen könnte.

Und zwischen alledem fand wiederum, wie in einer Zwischenwelt, zwischendrin an den kleinen Ständen auch die Buchmesse der kleinen, unbekannteren Verlage und Autoren statt, die es auch noch gibt.

Acht Stunden reichen aus, um die zwei meistbesuchten Hallen zu besuchen.

Die chinesische Märchenstunde überließ ich anderen.

Auf jeder Buchmesse findet man aber auch wirklich Anstößiges. Vor zwei Jahren war es der Verlag von Scientology, der mir insoweit negativ auffiel, im hinteren Winkel der anglo-amerikanischen Halle 8. Im vergangenen Jahr war es Google, eine Firma, die bekanntlich so viele Bücher einscannt, nicht, damit sie von Menschen gelesen werden, sondern damit sie „in Zukunft von einer künstlichen Intelligenz gelesen werden“, wie ein Mitarbeiter einmal in etwas absurder Manier erklärte. Und in diesem Jahr war es der Stand der extrem rechts ausgerichteten Wochenzeitung „Junge Freiheit“, der ganz hinten im letzten Winkel der belebtesten Halle plaziert worden war. Am Stand des „Freitag“ linker Hand vorbei, die „Zeit“ rechts liegen lassend, nach links abbiegend, blickte man direkt darauf. Geschätzt zwei- bis dreimal so groß wie der kleine, angemessene Stand des „Freitag“, durchaus als Blickfang in der Ecke aufgemacht, jedoch im Abseits liegend. Als ich mich bei der „Jungen Welt“ nach deren Beobachtungen erkundigte, erklärte man mir, dieser Verlag tauche schon seit längerem immer wieder auf Buchmessen auf, auch in Leipzig. Viele verwechselten die „Junge Welt“ mit der „Jungen Freiheit“, gerade auch Anhänger der Piratenpartei, hieß es. Die NPD lasse dort drucken. Niemals würde ich mir von diesem Verlag ein Probeexemplar schenken lassen. Der Schoß ist fruchtbar noch. Bei der Rückfahrt sah ich auf dem Bahnsteig eine Frau, die nicht so wählerisch wie ich gewesen war und das Blatt ungeniert hochhielt.

Gleichzeitig veröffentlicht am 18. Oktober 2009 in der Freitag Community.