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(K)ein Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2020 #fbm20

Meine Berichte über die Frankfurter Buchmesse reichen bis ins Jahr 2009 zurück, meine Besuche noch viel länger. Die Eindrücke, die ich dabei gesammelt hatte, waren für mein Verständnis des Medienwandels prägend. Es war stets eine riesige Inszenierung, in der die alte Medienwelt für eine Woche noch einmal reproduziert wurde, mit Hörfunk und Fernsehen, die Zeitungen waren auch alle da, und überhaupt: Bücher. Die Buchverlage. International. Gedruckt. Merkwürdig, als sie E-Book-Reader ausstellten. In einem Regal. Und mich dann fragten, ob mir das Layout auf dem Reader gefalle.

Aber es wurde dann auch deutlich: Von Jahr zu Jahr fiel es schwerer, das Produkt „Buchmesse“ noch einmal zu erzeugen, wie man es kannte. Die Hallen wurden immer leerer. Schließlich wurden ganze Hallen unter Vorwand aufgegeben. Wo früher der Platz knapp war, wurde zwischenzeitlich der Raum verschenkt, damit es nicht so auffiel, wie alles schrumpfte. Beispielhaft: Die auffällig kleinen Stände von Springer Nature oder DeGruyter im letzten Jahr. Der Messebetrieb verschwand mehr und mehr aus den Hallen, der Rechtehandel wuchs dagegen kräftig. Wer das nicht vor Ort beobachten konnte, sondern nur die Berichterstattung in den Massenmedien sah, merkte davon allerdings weniger. Die Inszenierung „Buchmesse“ wurde stabil gehalten. Es bestand ein Interesse daran, dass es so blieb.

Als es auf die diesjährige Ausgabe zulief, herrschte business as usual. Die Pressemappe kam herein. Der Ausblick auf die nächsten Gastländer. Whitepapers wurden verteilt. Und dann kam Corona. Und die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt. Und wir gingen alle ins Homeoffice. Auch der Internetauftritt des Börsenblatts wurde aus dem Homeoffice neu gelauncht. Angeblich deshalb fehlt die Suchfunktion dort bis heute. Und auch der RSS-Feed wurde nicht ordentlich eingebaut, so dass man ihn auch in der Adresszeile des Webbrowsers angeboten bekäme. Kein Kommentar zum Print-Stylesheet. Warum das aus dem Homeoffice nicht möglich sein sollte, entzieht sich derweil einer Begründung. Dann kam ein trotziges „Erst recht!“ aus Frankfurt. Bis man merkte, dass es gar nicht an den Organisatoren bei der Messe liegen würde, ob es eine Buchmesse geben würde. Wenn unter den bestehenden Umständen niemand mit vertretbarem Aufwand anreisen und arbeiten kann, stellen sich keine weiteren Fragen über eine Präsenzveranstaltung der bisherigen Größenordnung mehr. Also nur noch online. Von einer Insolvenz des ganzen Betriebs war bisher noch nicht die Rede, aber von einem „Millionenverlust“ sprach man. Vorsorglich.

Wie wackelig die Orga war, ahnt man anhand der Blogger Relations. In den neu gefassten Akkreditierungsrichtlinien hieß es im April noch:

NEU: Wir akzeptieren ab 2020 nur noch Blogger*innen mit mindestens 2500 Followern pro Kanal und lehnen Facebook-Seiten als alleinigen Nachweis ab.

Abgesehen davon, dass Blogger keine Follower zu haben pflegen, sondern Leser und Abrufe, merkte man viel zu spät, dass man in der PR der Buchmesse die Blogger gar nicht mehr über ihre Blogs, sondern nur noch über deren Ableger in den Sozialen Netzwerken wahrnahm. Und nun begann in letzter Minuten ein Umsteuern, denn, so Juergen Boos in der Online-Pressekonferenz, man brauche die Blogger doch. Also Kommando zurück:

NEU: Wir akzeptieren ab 2020 nur noch Blogger*innen mit mindestens 1000 Followern pro Kanal und lehnen Facebook-Seiten als alleinigen Nachweis ab. Diese Vorgabe gilt nicht für klassische Blogs (z.B. WordPress) sondern NUR für die Akkreditierung mit einem Social-Media-Account, z.B. mit Instagram, Twitter, YouTube oder TikTok.)

Nehmen wir einfach mal an, dass ein einfaches Bibliotheksblog ein „klassisches“ Blog in dem vorstehenden Sinne ist. Weder die schneeschmelze noch den albatros gibt es schließlich auf TikTok und Co. Aber wenn alles nur noch im Netz stattfindet, braucht sich auch niemand mehr zu akkreditieren. Der Zweck der Akkreditierung bestand schließlich darin, die Pressekarte zu erhalten, um Zutritt zur Messe an allen Tagen zu haben. Wahrscheinlich haben sich das noch mehr gedacht, denn in der abschließenden Pressemitteilung der Buchmesse werden zum ersten Mal keine Zahlen mehr über die akkreditierten Pressevertreter und Blogger genannt. Es gab keine.

War da überhaupt etwas? Die Fachbesucherveranstaltungen, waren zwar frei abrufbar, nach Anmeldung, sie liefen aber während der Arbeitszeit, die nicht so ohne weiteres für jeden freigegeben wurde. Der einzige für mich interessante Beitrag wäre ein Vortrag der Direktorin der finnischen Nationalbibliothek zu Open Science gewesen, gefolgt von einem Input von DeGruyter zum Verlagsgeschäft in den Geisteswissenschaften. Aber dafür die Arbeit unterbrechen? Ich ließ es gut sein.

Zumal die Buchblogger ebenfalls auf dem Rückzug sind. Zuletzt nachzulesen beim Buchrevier und bei den Lesestunden. Sie sind einfach müde geworden.

Und das „Bookfest digital“ erreichte mich vor allem auf YouTube. Aber da ging es auch wieder vollständig unter, soviel wird dort gestreamt seit März… man ist dessen doch mittlerweile überdrüssig.

Wir sehen vor uns die Buchbranche bei dem Versuch einer nachholenden Digitalisierung. Während der Buchhandel noch immer hauptsächlich vom stationären Geschäft lebt, schwärmen die Verlage und einige Journalisten immer noch vom alten Messegeschehen, wie es früher einmal war. Das wird es aber nie mehr geben. Dass das neue digitale Modell noch nicht funktioniert, kann über das Wegbrechen des alten nicht hinwegtäuschen.

Das Alte funktioniert nicht mehr, aber das Neue funktioniert noch nicht.

Das gilt übrigens auch für die Bibliotheken. Die Ausleihe der Frankfurter UB schließt noch immer montags bis freitags um 18 Uhr. Wohl dem, der früh genug Feierabend hat, um noch rechtzeitig den Weg dorthin zu finden.

Der Wanderer LIX

Zum Beispiel weil es auch eine Zeit nach der Pandemie geben wird. Eine Zukunft, in der wir uns an diese Tage und Wochen erinnern werden.

Als es zum ersten Mal in den Supermärkten leere Regale gab.

Als die Buchläden und die Bibliotheken (und übrigens auch die Kirchen) geschlossen waren. Die Friseure auch. Wochenlang.

Als man nirgendwohin fahren wollte, musste, sollte.

Als alle daheim bleiben sollten.

Als in Grundrechte eingegriffen wurde wie niemals zuvor.

Damals war eine gute Zeit, um Pläne zu schmieden für die Zeit danach, sich auszudenken, was man alles machen würde, wenn es eines Tages vorbei wäre.

Sich auch ein Stück weit neu zu erfinden. Die Gesellschaft auch.

Unbestimmt zwar der genaue Zeitpunkt. Aber irgendwann würden sie die Läden und die Fabriken schon wieder öffnen lassen.

Denn es bestand ein Interesse daran, dass Geld hereinkam.

Es würde zu früh sein, aber es würde sein.

Und dann würde man sich erinnern an diese Zeit. Die dann schon ganz, ganz lange zurückgelegen haben wird.

Der Wanderer LVII

Die leeren Regale in den Supermärkten zum Beispiel. Nudeln, Reis, Papiertaschentücher oder Klopapier. Das Vertrauen in den Einzelhandel ist innerhalb von wenigen Tagen geradezu verpufft. Vanishing in a puff of smoke. Man wird sich darauf einstellen müssen, dass die Läden schon längst nicht mehr das waren, wofür man sie hielt. Die Vorratshaltung im Haushalt, für die unsere kleinen Wohnungen doch gar nicht mehr ausgelegt sind, muss jetzt wieder einsetzen. Die sogenannten „Lieferketten“ – transnational angelegt, just in time bis in die letzte Kleinstadt – sind verletzlich, so sehr, dass sie auch mal völlig ausfallen können.

Die Globalisierung ist an ihre letzte Grenze gekommen. Nicht Attac oder die Börsensteuer, die am Anfang der Globalisierungskritik stand, haben das erreicht, sondern der Spießer, der angesichts eines aus China stammenden Virus‘ und der sich überschlagenden Nachrichten alle denkbaren Waren hortet. Nicht nur hierzulande, übrigens, auch in den USA gab es Hamsterkäufe. Und wenn es keine Tomaten mehr vom Mittelmeer gibt, wird gar nichts anderes übrig bleiben, als sie hierzulande anzubauen. Bin sehr gespannt auf das neue Sortiment.

Ich bin versorgt, mir fehlt nichts, aber ich habe Zweifel, ob das auf Dauer so bleiben wird, und beginne, mir zumindest kleine Vorräte anzulegen, obwohl mir das derzeit aus Gründen gar nicht in den Plan passt. Alles in Maßen, bitte. Es war das vorletzte Stück Seife im Regal, das ich in den Korb lege und zur Kasse mitnehme, wo wir in gebührendem Abstand Schlange stehen.

Dabei merke ich zum Beispiel auch, dass mein Augenmerk mal wieder viel zu sehr auf Bücher und Süßigkeiten gerichtet war. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, tonnenweise Nudeln zu horten oder gar Mehltüten. Das meiste, was die Leute derzeit kaufen, wird am Ende im Abfall landen, es wird verderben, weil es nicht rechtzeitig zu essen ist, und sie werden es nicht zum Beispiel bei den Tafeln abgeben, damit es noch rechtzeitig zu verzehren wäre. Überhaupt: Dort fehlt jetzt ganz viel, und zwar auch auf Dauer, denn dort wurden ja immer die Reste abgegeben, und bei leeren Regalen fehlen sie nun. Berichte über leergeräumte Regale in den Buchhandlungen, die derzeit geschlossen sind, vermisse ich. Immerhin, in den Stadtbüchereien soll es größere Ausleihen und Schlangen vor der Schließung gegeben haben.

Zum letzten Mal ein Buch ausleihen. Zum letzten Mal ein Buch kaufen. Nein. Nein.

Eine Gesellschaft, die den Tod und die Krankheit verdrängt, ist mit ihrer eigenen Zeitlichkeit konfrontiert, und hortet angesichts dessen – lauter Banalitäten.

Der Deutschlandfunk schafft kurzerhand sein Programmschema ab und sendet ein Corona-Notprogramm, vierundzwanzig Stunden lang. Gestrichen wird – die Sendung über Religion. Die Redaktion darf seitdem nur noch verstreute kurze Beiträge am Nachmittag bringen. Die Kirchen, die Synagogen und die Moscheen werden geschlossen. Und die kostenlosen Zeitungen, die bei uns verteilt werden, haben ihr Erscheinen eingestellt. Über Werbung finanziert, blieb ihnen nichts anderes übrig, denn wenn alle Läden geschlossen sind, braucht es auch keine Werbung mehr.

Bildbände über Frida Kahlo gingen derzeit gut, sagte die Buchhändlerin und nickte mit dem Kopf in Richtung auf das Regal, wo man diese Bücher fände, wenn man kaufen wollte, was voll im Trend liegt. Oder Bücher über Ernährung. Also wieder das falsche gewählt? Das ist zwei Wochen her.

Wenn sie mit Mehl statt mit Büchern handeln würde, könnte ihr Laden jetzt noch geöffnet bleiben, auch wenn ihre Regale vollkommen leer wären.

Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2019

Nachdem ich letztes Jahr nicht dabei war, diesmal also wieder einmal die Buchmesse. Was hat sich verändert im Vergleich zu früher, wo liegen die Trends?

Die Frankfurter Buchmesse schrumpft. Als ich zum ersten Mal dorthin kam (dazu hatte ich damals noch nicht gebloggt, meine Eindrücke gehen nur bis ins Jahr 2009 zurück), erstreckte sie sich fast über das ganze Messegelände. Die Halle 8, früher ganz in angelsächsischer Hand, war dann schon 2015 aufgegeben worden. Vergangenes Jahr zog das Blaue Sofa von dem Durchgang zwischen Halle 5 und 6 weg und belegt seitdem einen erheblichen Teil der Halle 3.1. Dort war früher der Deutschlandfunk in einer kleinen Insel beheimatet, heute ist es eine Bühne wie bei den großen Zeitungen geworden. Nächstes Jahr sollen dann die Sanierungsarbeiten an den Hallen 5 und 6 weitergehen, und dann reicht bei der geringen Nachfrage die ganz kleine Halle 1, die während meiner Zeit noch nie genutzt worden war, für die Auslagerung völlig aus. Wenn das so weitergeht, hat die ganze Buchmesse in wenigen Jahren bequem in einer Hutschachtel Platz.

Wie wirkt sich das aus? Wo weiland aus- und einladende regelrechte Stand-Landschaften platzgreifend zu sehen waren, traut man seinen Augen nicht. Springer Nature auf etwa einem Drittel der Fläche von früher, DeGruyter noch kleiner. Juris war gar nicht erst da. Google übrigens auch nicht (nach über zehn Jahren, erst für Google Books, dann für Google Play). Aber Scientology – die Geschäfte gehen offenbar gut. Die Bildungsverlage in Halle 4.2 waren nur noch ein Schatten dessen, was es da mal gab. Wikipedia kam dieses Jahr auch nicht mehr, jedenfalls nicht mit einem Stand, Wikipedianer waren natürlich vor Ort, wie man an den hochgeladenen Bildern auf Wikimedia Commons sehen kann. O’Reilly war durchaus da, man denkt an die Buchreihen, schön ausgestattet, aber nur das Online-Learning war gekommen, und nur O’Reilly U.K. „Thank you, I will hand on your card to a colleage.“ Zurück zu Springer Nature: „Reicht Ihnen die Fläche?“ – „Ja, doch.“ Nicht nur weniger Tische für Vertragspartner, auch weniger Standpersonal wird gebraucht. Und es wird auch weniger verschenkt. Keine Papiertüten mehr, sondern nur noch Stoffbeutel. Bleistifte, Kugelschreiber und Blöcke kriegt man am besten beim Rundfunk.

Überhaupt füllen Hörfunk- und Fernsehsender nicht nur frei gebliebene Flächen aus, wo früher Buchverlage ihre Ware feilboten. Sie sorgen auch dafür, dass die Daheimgebliebenen ein Bild von der Messe zu sehen und zu hören bekommen, das mit dem tatsächlichen Geschehen vor Ort nur noch wenig zu tun hat, denn man könnte meinen, es sei alles wie früher, immer noch der Büchermarkt im Deutschlandfunk live von der Frankfurter Buchmesse – ist es aber nicht. Die früher mittleren Stände sind heute kleine, manchmal ganz kleine. Und Langenscheidt und Pons gibts an einem halb gelben, halb grünen Stand zu sehen. Patchwork. Von zwei früher einmal konkurrierenden Verlagen sind nur noch zwei Marken geblieben, die beide Klett gehören und deren zukünftiges Profil ungewiss ist.

Interessant, dass der Internet-Radiosender detektor.fm sich zu seinem zehnjährigen Bestehen auf den eigenen Roll-ups als „Podcast-Radio“ bezeichnet. Vom Podcast wieder zurück zum Livestream? Antizyklisch denken, in Zeiten, in denen der Podcast boomt? Scheint so, verspricht aber auf Nachfrage auch bessere Auffindbarkeit der meist höherwertigen Beiträge im linearen Programm. Am besten laufe der Brand-Eins-Podcast mit einer gerade sechsstelligen Zahl an Abonnenten. Merke: Blogs und Podcasts sind Nische. Aber diese Nische ist so groß, dass mancher Kultursender versunsichert aufblicken dürfte.

Die Gastland-Halle von Norwegen war etwas merkwürdig. Weißer Plastikboden, als wäre es Schnee. Zu zwei Seiten, links und rechts vom Eingang her gesehen, durch riesige Spiegel scheinbar ins Unendliche erweitert, und zentral an der hinteren Wand eine etwas zu große Bühne, auf der Interviews geführt werden. Dazwischen immer wieder kleine Bücher-Inseln, als wären es Kostproben, aber die Stimmung ist viel zu unkonzentriert, als dass man diese Häppchen zu sich nehmen könnte. Man flottiert zwischen diesen Inseln und geht am Ende ungefähr so hinaus, wie man hereingekommen war. Immerhin: An der Theke mit Infomaterial gibt es einen kleinen, aber schön gestalteten Prospekt der norwegischen Nationalbibliothek.

Die Frankfurter Bloggerin und Journalistin Andrea Diener erzählte einmal in einem Podcast von einer Redaktionssitzung bei der FAZ, bei der Marcel Reich-Ranicki über die Buchmesse gesagt haben soll: „Das ist eine Verkaufsveranstaltung, damit habe ich nichts zu tun!“ Deshalb sei sie dann am Ende dorthin geschickt worden. Nachdem die Buchmesse-Zeitung eingestellt worden war, bloggte sie seit 2014 bei der FAZ über die Messe, aber das schenkt sich die Zeitung dieses Jahr zum ersten Mal. Das Buchmesse-Blog der FAZ gibt es nicht mehr. Vielleicht auch das ein Zeichen – für die Rolle von Blogs, die Rolle der kommerziellen Blogs der Zeitungsverlage oder für die Buchmesse? Diese alte Welt, die gerade vor unseren Augen untergeht?

Bücher abschalten

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Schließung der Buch-Sektion im Microsoft App-Store. Die erworbenen E-Books werden Anfang Juli 2019 gelöscht. Auf den Lesegeräten der Benutzer werden sie nicht mehr angezeigt. Die Kunden erhalten ihr Geld zurück. Die Nutzung der Dateien war per Digital Rights Management an den Anbieter gebunden. Die Inhalte sind aber auch für das kollektive Gedächtnis verloren. Nur die Ausgaben, die als Netzpublikationen bei der Deutschen Nationalbibliothek abgeliefert worden waren, bleiben erhalten – für Benutzer der DNB als Archivdatei im Lesesaal. Wer in Büchern von Microsoft Notizen gemacht hatte, verliert auch diese übrigens auch und erhält dafür eine weitere Gutschrift von 25 US-Dollar.

Ein Blick zurück: Die Online-Ausgabe von Meyers Taschenlexikon und die Microsoft Encarta waren 2009 ebenfalls kurzfristig vom Netz genommen worden und sind seitdem verloren. Im selben Jahr kam es zu einem Vorfall, bei dem die Kindle-Ausgabe des Romans 1984 von George Orwell von Amazon ferngelöscht wurde, angeblich versehentlich.

Digitales Wissen ist vergänglich und bedeutet Kontrollverlust.

Wo itzund Städte stehn
wird eine Wisen seyn
Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden.

(via InetBib)

Rückblicke II

wenn der weiße schnee
der alles bedeckt hat
schmilzt
erscheint die welt wieder
wie sie ist
nicht: wie sie war

Mit diesem Gedicht begann eine lange Geschichte. Vor dem Gedicht gab es viele Bedenken. Das Netz vergisst nichts. Sollte man sich auf das Bloggen einlassen? Ist die Fallhöhe im Vergleich zu den wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus den Jahren davor nicht doch zu hoch bzw. zu tief? Erste Schritte mit meinem Blog rund um den Textsatz mit LaTeX, das ich im Dezember 2008 begonnen hatte, waren vorausgegangen. Mein Blog in der Freitag Community gabs noch bis November 2009, und wenn ich diesen Text zum Abschied nicht anderweitig dokumentiert hätte, gäbe es ihn heute nicht mehr, denn mein dortiges Blog haben sie schlicht zugemacht bei einem von mehreren Renovierungen. Ich war schon viel unterwegs gewesen damals, im Usenet und in Mailinglisten. Dann kam DSL, und die Beschränkungen beim Surfen fielen weg. Aber erst mit der Veröffentlichung dieses Gedichts war ich richtig im Web angekommen.

Und ich war umgeben von anderen Bloggern, die ich zu einem großen Teil damals aus den anderen Text-Kanälen kannte, in denen ich vorher zugange war. Tine Nowak hat das gestern Abend bei Blogger/-innen im Gespräch in der VHS Frankfurt am Main gut zusammengefasst. Es war eine ziemlich bunte Szene damals, es waren viele Nerds und viel Academia vorhanden, heterogen und homogen zugleich tauschte man sich aus und lernte voneinander. Ich werde zum Beispiel nie die riesengroße E-Mail vergessen, die mir ein Softwareentwickler aus München eines Morgens schrieb, nachdem ich mich in einer Newsgroup wegen LaTeX erkundigt hatte. Er erklärte mir, wie man teXt, und ich installierte mir zum ersten mal MiKTeX, das damals auf einer CD-ROM war, die der c’t beilag. Der Austausch war selbstlos, wir bildeten eine Community, die sich gegenseitig kompetent machte. Alle wollten lernen. Und alle hatten irgendetwas gelernt. Und die Trolle waren wirklich originell. Hürbine von Pleuselspink, die unangefochtene Meisenkaiserin, rockte das Usenet. Und noch Mitte der 2000er-Jahre war Hans Bug, der in dadaistischer Tradition Wikipedia an der Nase herumführte, ein Beispiel für die Stimmung damals.

Aber das Netz organisiert sich ständig neu, die Benutzer wandern umher, sie treffen Entscheidungen, und sie orientieren sich immer wieder anders. Die virtuelle Vernetzung gründet in einer radikalen Bürgerlichkeit. Alles ist austauschbar. Nur das Funktionslose ist unersetzlich. Und du bist das Produkt, und du kannst nicht nicht konsumieren. Und Aufmerksamkeit wird erkauft. Aber heute ganz anders als damals. Und eine Gesellschaft, die so sehr in Bewegung gekommen ist, verliert auch allgemein die Neigung zu längerfristigen Bindungen. Das gilt auch für die Politik. Es ist kein Halten mehr, es gibt keinen Ruhepunkt. Aber auch: Es ist nichts mehr erzwingbar, es gibt tatsächlich einen extrem starken Bürger. Es gibt manches, das heute nicht mehr nachgefragt wird. Und das Ende der Vorhersehbarkeit. Das ist das große Bild.

Das kleinere Bild zeigt weitere Trends, die weggehen von den Kommentaren in den Blogs, die weg führen vom freien Web hin zu geschlossenen Hinterzimmern im digitalen Biedermeier. Nicht Social Media, sondern Dark Social. Verbindungen, die als unverzichtbar bezeichnet werden, die aber keiner sehen darf. Die also auch wegführen vom Blog als Stimme im Web und von der Blogosphäre als einem offenen Netzwerk. Eine Gesellschaft, die die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit immer weiter verhandelt, immer noch, aber nicht mehr wie früher. Post-Snowden.

Der Schnee kam ins Schmelzen damals, das war wirklich so. Es war Januar, es hatte geschneit, Tauwetter hatte eingesetzt, und ich dachte mir dieses Gedicht beim Spazierengehen im Wald aus, und meine größte Sorge war, dass ich es vielleicht nicht mehr zusammenbekäme, um es aufzuschreiben, wenn ich zuhause angekommen sein würde. Was dann aber doch ging.

Rückblickend bin ich zufrieden, dass ich mich auf das Abenteuer Bloggen eingelassen habe. Das war mir mal sehr, sehr wichtig gewesen. Und wichtig ist es auch immer noch, aber nicht mehr so wie zu Anfang. Ein Blog als ein Projekt zur Selbstvergewisserung ist ein sehr persönliches Wagnis, das muss man sich trauen, aber es hat gut funktioniert. Ich weiß, dass ein Blog für andere etwas ganz anderes sein kann. Bloß dass ich nicht verstehen werde, warum.

Die schneeschmelze beschreibt eine persönliche Grenzerfahrung. Etwas von dem Schnee von damals ist seitdem auch in mir geschmolzen. Und die Welt erscheint nun zwar nicht mehr, wie sie vorher war, bevor der Winter kam, aber auch noch nicht, wie sie tatsächlich ist. Aber man muss wohl daran glauben, dass es weiter geht. Manchmal gibt es solche langen Momente, die möchte ich nicht missen, sei es beim Schreiben in einem meiner Blogs oder beim Leerlesen meines Feedreaders. Es gibt noch so viel zu schreiben und zu lesen, und auch immer mehr wieder offline, ich mag Bücher. Und auch wenn ich mittlerweile noch mehr Kreatives gelernt habe als nur zu schreiben – auch kochen, auch zeichnen und malen –, ich merke, dass ich im Schreiben und im Lesen am lebendigsten bin von allem.

Die schneeschmelze ist heute zehn Jahre alt geworden. Es war schön, und es geht weiter.