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„#aufschrei. Zur aktuellen Sexismus-Debatte“. Diskussion der Heinrich-Böll-Stiftung im Frankfurter „Haus am Dom“

Die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen hatte am 1. März 2013 ins Haus am Dom zur Diskussion über den #aufschrei geladen. Bereits im Januar 2013 hatte die Journalistin Laura Himmelreich im Stern einen Artikel über den FDP-Politiker Brüderle geschrieben, von dem sie ein Jahr vorher sexuell belästigt worden war. Der Artikel war als Kampagne gegen die FDP angelegt, löste aber gleichwohl von feministischer Seite einen bis heute andauernden Shitstorm auf Twitter aus, indem Frauen unter dem Hashtag #aufschrei über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt im Alltag berichten und diskutieren. Was als plattes Wahlkampfstück begonnen hatte, endete als eine Diskussion über alltäglichen Sexismus und Gewalt zwischen den Geschlechtern.

Zu Beginn der Diskussion stellte die Moderatorin Mechthild Veil die Frage, was bei alledem verlorengegangen sei, was angesichts einer deutlich fünfstelligen Zahl von Tweets aus dem Blick geraten sei. Julia Voss von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vertrat daraufhin die Ansicht, Himmelreich habe sich in einer Machtposition gegenüber Brüderle befunden, sie sei kein Opfer, was atypisch sei für Frauen in einer vergleichbaren Lage. Nadine Lantzsch vom Blog Mädchenmannschaft wies darauf hin, daß die Möglichkeit, an einer solchen Debatte auf sozialen Netzwerken teilzunehmen, von vornherein ungleich verteilt ist. Wer keinen Zugriff auf das Internet oder überhaupt auf einen Computer hat, habe hier keine Stimme. Ludwig Greven von der Zeit erkannte einen „Mittelschichtdiskurs im Internet“ und beschrieb die Debatte insgesamt nicht nur als ein Problem der Etikette, sondern auch als „eine Machtfrage“.

Etwas grundsätzlicher beschrieb im folgenden Angela Dorn (Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen) die Mechanismen alltäglicher Diskriminierung und Grenzüberschreitungen, denen auch sie zu oft mit Humor begegne. Das sei kontraproduktiv. Frau müsse sich ernster nehmen. Eine klare Ansage gegen solche Übergriffe sei angesagt, dazu sollten Frauen ggf. auch in speziellen Kursen angeleitet werden, um zu lernen, wie man sich besser wehren könne. Dem stellte Ludwig Greven die Verunsicherung vieler Männer aus seiner und aus älteren Generationen gegenüber, die sich mittlerweile fragten, was sie noch tun dürften? Es gebe tatsächlich eine große Unsicherheit beim Flirten. Demgegenüber sah Nadine Lantzsch, aus der Tradition der Genderstudien sprechend, die eigentliche Ursache für Geschlechterkonflikte in der Beschreibung bzw. der Einteilung der Gesellschaft nach Kategorien des Geschlechts. Lantzsch kritisierte, daß durch die Diskussion um die Probleme mancher Männer, eigene Grenzüberschreitungen zu erkennen, im Verlauf der Debatte der Fokus von den Frauen wieder auf die Männer verschoben worden ist.

Geteilter Ansicht war das Podium bei der Frage, warum es gerade jetzt zu dem #aufschrei gekommen ist. Während Julia Voss in einer Geschlechterquote – auf Nachfragen: auch in den Betrieben – einen wichtigen Beitrag sah, um Diskriminierung zu begegnen, berichtete Angela Dorn von ihren Erfahrungen als Landtagsabgeordnete, wo sie mehrheitlich mit älteren männlichen Kollegen zusammensitze, die sie als jüngere Politikerin oft herablassend behandelten als wollten sie sagen: „Was will denn das Mädchen hier eigentlich?“ Und: Auch wenn es bei den Grünen von Anfang an eine Quote gegeben habe, müsse man sich immer wieder fragen, was „echte Frauenförderung“ letztlich sei? Ludwig Greven war sich unschlüssig, warum gerade dieser Artikel über Brüderle so viel ins Rollen gebracht hatte. Die Anzüglichkeiten Brüderles seien weithin schon vorher bekannt gewesen. Er sah in alledem am ehesten noch eine „Symboldiskussion“, in der es um weit verbreitete Strukturen und um Entwürdigung von Frauen ging, in deren Verlauf sich aber niemand ernsthaft auf Brüderles Seite geschlagen habe. Greven erinnerte auch an Waltraud Schoppe, die noch 1983 in einer Rede im Bundestag eine offen verachtende Reaktion der patricharchalisch geprägten Regierungspolitiker geerntet hatte. Damals wurde öffentlich im Parlament gefeixt, als feministische Positionen zur Sprache kamen. Die taz beschrieb damals einen „johlenden, grölenden Männermob“. Diese Zeiten sind vorbei. Etwas deplaziert erschien nichtsdestotrotz der Ansatz Julia Voss‘, die Quote im Vorstand des Verlags Gruner + Jahr habe sich auch in dieser Affäre ausgewirkt und die ursprüngliche Veröffentlichung im Stern begünstigt. Es war schlicht ein Aufmacher im Bundestagswahlkampf. Zudem ging es dem Stern zu keinem Zeitpunkt um Frauenrechte. Er wird nicht zögern, bei passender Gelegenheit wieder ein nacktes Model auf den Titel zu heben, zum Amüsement der Herrenwitzler.

Das Publikum war bei aller Sympathie für den Ansatz doch überwiegend skeptisch hinsichtlich des Nutzens der Geschlechterquote. Sie reiche im Ergebnis alleine nicht aus. Vor allem gegenseitiger Respekt sei vonnöten. „Wir leben nicht in einer achtungsvollen Gesellschaft“, sagte eine Diskutantin. Zum Geschlechterverhältnis wurde aber auch die Diskussion um Jungen als „Bildungsverlierer“ aufgegriffen. Die These werde ideologisch verwendet, für diesen „Backlash“ in der Debatte gebe es keinen empirischen Beleg, hieß es in der Diskussion entgegen Teilen des Podiums.

Zusammenfassend ist Angela Dorn insoweit zuzustimmen, daß es letztlich trotz der großen Zahl an Tweets zum #aufschrei nur relativ wenige Stimmen waren, die sich in die Diskussion eingebracht haben. Die feministische Szene diskutiert weiterhin vorwiegend selbstreferentiell. Sie ist sich ihrer geringen Größe kaum bewußt – obwohl gerade diese Außenseiterposition eines ihrer wichtigsten Themen ist. Das war vor allem an den Beiträgen von Nadine Lantzsch zu sehen, die sich als langjährige Aktivistin abgeklärt und vielleicht auch etwas gelangweilt zu der Aussage durchstieg, es habe sich bei dem #aufschrei um keine neue und selbständige soziale Bewegung gehandelt, eine solche gebe es vielmehr seit hundert Jahren. Man ist sich nicht bewußt, daß es sich bei der feministischen Szene um eine Subkultur handelt, die in diesem Fall einen Impuls aus dem Mainstream aufgegriffen und zum Anlaß für eine eigene Aktion genommen hatte, die spontan auf ein latentes Bedürfnis reagiert hatte und sich über einen sehr langen Zeitraum erhalten ließ. Genausowenig wie man den #aufschrei hätte triggern können, wird man ihn wahrscheinlich am Laufen halten können. Auch wenn Massenmedien über ihn berichtet haben, bleibt er letztlich in der Szene und auf Twitter beschränkt. Er ist nicht mehrheitsfähig, weder was das Thema angeht noch hinsichtlich des Minderheitenmediums Twitter. Trotzdem ist mit dem Protestpotential, das er zutage gebracht hat, auch weiterhin zu rechnen. Offen bleibt allerdings, inwieweit?

Trotz der differenzierten Diskussion, hatte das Podium Anregungen aus dem Publikum leider nur unzureichend aufgegriffen. Zudem hat der überwiegende Teil des Panels den Nutzen der Geschlechterquote ganz sicherlich überbewertet. Eine Änderung und buntere Zusammensetzung von Gremien ändert das Gremium und seine Rolle selbst noch nicht und erst recht nicht die Spielregeln des Systems im ganzen. Letztlich geht es nicht um eine Geschlechter-, sondern um eine Machtfrage. Die Ausübung von Macht durch die einen Menschen über die anderen. Endlich eine Demokratisierung der Gesellschaft dürfte angezeigt sein und eine gemeinsame Selbstverwaltung, in der die Geschlechter gleichberechtigt zum Zuge kommen.

Nach meiner Erfahrung fehlt es zudem gerade bei den jüngeren Frauen am Bewußtsein um ihre Rechte. Als ich in meinen juristischen Tutorien für BWL-Studenten die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts zur Zölibatsklausel für Lufthansa-Stewardessen diskutierte, war in zwei Semestern nicht eine einzige Studentin der Meinung, eine solche 50er-Jahre-Klausel verstoße gegen die guten Sitten. Alle gingen davon aus, daß es selbstverständlich auch heute noch zulässig wäre, dem Arbeitgeber ein außerordentliches Kündigungsrecht im Fall der Eheschließung der Arbeitnehmerin zuzugestehen, daß so etwas frei arbeitsvertraglich vereinbart werden könne. Es ist noch viel Aufklärung zu leisten. Wir waren schon mal sehr viel weiter.

Texte sind Dokumente

Es gibt sie noch: Die Diskussionen um rassistische und sexistische Sprache. Nachdem ich einst im Schuljahr 1986/1987 einen feministischen Deutschkurs gewählt hatte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber solche Diskurse finden tatsächlich auch 25 Jahre danach weiterhin statt. So streiten zwei unentwegte Feministinnen und ein Soziologe in der deutschsprachigen Wikipedia für die Einführung des Binnen-I, das sich bekanntlich über die taz hinaus bis heute kaum im Mainstream durchgesetzt hat, und hätten gerne auch, daß die Studentenbewegung (nicht nur die von 1968 ff., sondern alle Studentenbewegungen) in dem Nachschlagewerk in eine Studierendenbewegung umbenannt werde, ungeachtet der Tatsache, daß es sich dabei um den allgemeinen Sprachgebrauch und um einen feststehenden historischen Begriff handelt. Außerdem werden derzeit zunehmend Kinderbücher „bereinigt“, berichtet beispielsweise die besagte taz am 12. Januar 2013: Seit 2009 wurde in „Pipi in Taka-Tuka-Land“ aus dem Wort „Negerkönig“ ein „Südseekönig“, im „Tom Sawyer“ wurde der „Nigger“ stillschweigend durch den „Sklaven“ ersetzt, der Kinderkanal KiKa zeigt den „Jim Knopf“ aus der „Augsburger Puppenkiste“ nicht mehr, und zuletzt hat der Thienemann Verlag die Wörter „wichsen“ und „Negerlein“ aus der „Kleinen Hexe“ im Namen der Political Correctness gestrichen.

Über die Empörung im konservativen Feuilleton wurde schon kritisch geschrieben. Aber auch ich halte solche Aktionen für falsch, denn bei den Büchern handelt es sich um Dokumente, die als solches unbedingt erhaltenswert sind. Es sind Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur, und sie sind, wie alle Werke, Kinder ihrer Zeit. Das impliziert, daß sie in einer bestimmten Sprache verfaßt wurden, die in den jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen ist, aus dem sie hervorgegangen sind. Historische Texte sollten kommentiert werden. Wenn ihre Sprache nicht mehr allgemein verstanden wird, muß sie erläutert werden, dann braucht es Fußnoten und Anhänge, wie es bei Klassikerausgaben üblich geworden ist. Vielleicht tritt dieser Fall heute auch schneller ein, als zu früheren Zeiten. Das ändert aber am ganzen nichts. Schiller in neuer deutscher Rechtschreibung zu setzen, ist ein ebensolcher Unfug wie die „Bereinigung“ alter Texte zur Beruhigung der elterlichen Sorge angesichts der Frage, ob man seinem Kinde einen Text denn überhaupt noch zukommen lassen sollte. Wer meint, Pipi Langstrumpf sei rassistisch, der möge sich nach einem anderen Werk umschauen. Wenn das tatsächlich so sein sollte, wäre es um das Buch nicht schade, der Verzeicht auf Astrid Lindgren wäre kein Verlust. Schließlich würde ich einem Kind auch nicht den wirklich brutalen „Struwwelpeter“ an die Hand geben, in dem den Kindern Daumen abgeschnitten werden und in dem sie an Drachen unwiederbringlich davonfliegen. Es gibt Texte, über die die Zeit hinweggegangen ist. Wenn sie für uns so unerträglich geworden sind, daß wir sie heute für rassistisch oder für sexistisch halten müssen, sollten wir sie gar nicht mehr verwenden, dann brauchen wir neue Bücher. Bei Übersetzungen wäre freilich zu entscheiden, ob die alten Übertragungen heute anders ausfallen müßten; das kann der Fall sein, sollte aber auch nicht mit Blick auf politische oder ideologische Opportunität entschieden werden. Auch Ansätze zu einer differenzierenden Lösung gehen wohl fehl, denn, um das Beispiel der rassistischen Sprache von Harriet Beecher-Stowe aufzugreifen, ein rassistischer Text ist ein rassistischer Text, egal in welchem Zusammenhang er entstanden war. Auch wenn ich beispielsweise der Anthroposophie zugeneigt bin, muß ich anerkennen, daß Rudolf Steiner nicht nur zu einem großen Teil unsinnige, sondern auch rassistische Texte verfaßt hatte. Wer das entschuldigen möchte, mag sich etwas anderes zurechtlegen, an den Tatsachen ändert es aber nichts.

Denn eines ist klar: Wenn ein Kinderbuchverlag dies macht, und das Ergebnis einer solchen sprachlichen Zensuraktion weiterhin als das Original ausgibt und nicht als eine „sprachlich bereinigte Ausgabe nach Motiven von…“, dann geht es ihm nicht in erster Linie darum, gegen rassistischen oder gegen sexistischen Sprachgebrauch vorzugehen, sondern es geht ihm ganz schlicht ums Geld. Man fürchtet um die Einnahmen und um das Image, wenn sogar die – sehr konservative – Bundesfamilienministerin in der Vorweihnachts-„Zeit“ über ihre Leseerfahrungen berichtet und ein Raunen durch den gedruckten Blätterwald geht. Man möchte weiterhin mit den alten, bekannten Cashcows im Geschäft bleiben. Man möchte nichts Neues an deren Stelle treten lassen, also muß sich das Alte ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Und davon wäre zu reden, wenn man sich dem Thema einmal von links nähern wollte.

MedienMittwoch in Frankfurt: „Zukunftsfähige Arbeitswelten – Diskutiert unter den Bedingungen von Globalisierung, Finanzkrise und Klimawandel“

Er habe gemeinsam mit zwei ehemaligen Kommilitonen eine Firma gegründet, erzählte mir etwas aufdringlich der junge Mann, der gerade den freien Platz neben meinem erobert hatte. Auf Nachfrage: Davor habe er die Deutsche Bank in Marketing-Fragen „beraten“, jetzt verkauften sie Ausschreibungen für Online-Stellenportale an Arbeitgeber. Wie er denn auf die Veranstaltung aufmerksam geworden sei? Er sei „neu in der Stadt“, und „richtige Frankfurter“ hätten ihm geraten, sich hier schnell „zu vernetzen“, deshalb sei er heute abend gekommen. Ob er die Ausstellung schon besucht habe, in deren Begleitprogramm die Veranstaltung stattfinde? – Welche Ausstellung? Nein, er komme heute zum ersten Mal zum MedienMittwoch. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem „Sinn menschlicher Arbeit“, und das war ja genau das, wovon er gerade erzählt hatte. Was ich denn so mache? Ich erzähle ihm von mehr idealistischen Aufgaben, die einen großen Stellenwert für mich haben. Mein Sitznachbar verstummt und rückt bald einen Platz weiter nach links. Das Publikum hat sich brav Namensschildchen geholt, was mir ganz entgangen war. Ich werde meinem Schildchen nicht hinterherrennen – es ist auch entbehrlich gewesen.

Eine etwas fremd anmutende Szene um mich her. Überwiegend Betriebswirte, wie mir scheint, und sie stellen sich auch in der Diskussion ganz stolz genau so vor. Sie möchten etwas „als Betriebswirte“ erfragen oder sie bitten als solche das Panel um Auskunft. Da vorne sitzen auf bequemen Sesseln – man beginnt mit akademischem Viertel – ein „Coach“ („Hast Du Probleme, geh zum Coach!“), ein „Zukunftsforscher“ aus dem Zukunftsinstitut von Matthias Horx, dessen Name mir gerade entfallen ist, ein Wirtschaftsprüfer, der sich auch für die bessere Architektur interessiert, und ein Banker, den man vielleicht besser einen Bankier nennen sollte. Dunkle Anzüge, die Krawatten sind zuhause geblieben, wirkt irgendwie grün, und dann doch wieder nicht. Drei von vieren stellen sich dann ebenfalls als Betriebswirte vor und erklären, ihre Ausbildung präge ihre Sicht der Dinge. Ich schaue zum ersten Mal auf meine Uhr an diesem Abend.

Dann gibt jeder der vier Herren einen Impuls. Wenn man diese kleinen Powerpoint-Shows sieht, bemerkt man, warum Lawrence Lessigs Vorträge so kunstvoll sind. Der Zukunftsforscher bot den bei weitem beschränktesten Ausblick auf die Arbeitswelt, den man sich überhaupt vorstellen könnte. Alles Angenehme und Menschliche hat bei ihm nur den einen Zweck, die Arbeitsproduktivität noch weiter zu erhöhen. Kaffeetrinken nennt er „Socialising“. Und damit ist sein Beitrag an diesem Abend auch schon vollständig beschrieben. Der Wirtschaftsprüfer Peter Wesner beschrieb den weitesten Horizont, indem er als einziger auch die gesellschaftlichen Aspekte von Arbeitslosigkeit und die sozialpolitische Reformdiskussion von Anfang an mit einbezieht, dabei gleichzeitig aber sich dagegen verwahrt, als allzu links abgestempelt zu werden. Wer das täte, täte ihm wahrscheinlich tatsächlich Unrecht, er ist einfach ein aufgeklärter und kluger Kopf. Und der Bankier in der Runde, Norbert Schenzle, hatte gerade eine Genossenschaftsbank gegründet, in der er „konservative Werte modern leben“ möchte. Bei seinem schwäbischen Akzent glaubt man ihm das auch. Er möchte eine solide Bank für den Mittelstand bieten als eine Alternative zu den Casino-Banken, die die Finanzkrise herbeigeführt hatten, „auch wenn manche von Ihnen darüber lächeln mögen“.

Der Abend lebte ganz von den Beiträgen Peter Wesners, der anmerkte, daß eine Gesellschaft die Dauerangst der Arbeitslosigkeit sehr wahrscheinlich nicht aushalten könne und daß es ein großer Fehler sei, Arbeitslose als solche abzustempeln und in die politisch gewollte Armutsfalle namens Hartz IV zu verbannen. Sehr bald fiel denn auch der Begriff des bedingungslosen Grundeinkommens, der sowohl von den anderen Diskutanten als auch vom Publikum erstaunlich offen aufgenommen wurde, niemand wehrte sich merklich dagegen. Wahrscheinlich hat man sich damit abgefunden, daß die Underperformer, „die wir nicht mehr lebenslang einstellen können“, sowieso mit durchzuschleifen sind. Es gebe eine Diskrepanz zwischen der Erkenntnis von Problemen und der Umsetzung von Lösungen. Niemand traue sich hierzulande, kleine Schritte anzugehen, solange nicht abzusehen sei, daß sie sicher zu einem bestimmten Erfolg führen könnten. Am Ende eine Prophezeihung: Nach der Bundestagswahl 2013 werde es krachen. Auf Nachfrage einer Teilnehmerin im Publikum: Es werde sehr wahrscheinlich wieder eine Währungsreform geben mit einer sehr schlimmen Inflation, denn die Schuldtitel und die Geldmenge, die derzeit im Umlauf seien, machten etwa das Dreißigfache von dem aus, was an Werten in der Realwirtschaft vorhanden ist. Deshalb sei diese Folge unausweichlich. Applaus.

Die Wirtschaftsjournalistin, mit der ich mich beim Hinausgehen unterhalte, ist enttäuscht vom Verlauf des Abends und vom Geschwätz der Nieten in Nadelstreifen auf dem Podium. Ich hatte nichts anderes erwartet. Wesner war gut, wir sind uns einig, aber auch für ihn war die Frauenförderung kein Zweck an sich, sondern nur ein Ausdruck von betriebs- und volkswirtschaftlicher Effizienz: Wenn man Frauen nicht einstelle, würde ja etwa die Hälfte dessen, was volkswirtschaftlich für die Schul- und Universitätsbildung ausgegeben werde, verschwendet, das sollte man sich doch noch einmal überlegen.

Applaus.

Die Teilnehmerin, die sich zum Klimawandel äußern sollte, war kurzfristig erkrankt und mußte absagen, deshalb konnte zu diesem Punkt keiner etwas beitragen.

Man lächelt.

Die Aufzeichnungen der Diskussionen des MedienMittochs werden in der eigenen Mediathek gesammelt.

Alice Esther Glen

Weder der Brockhaus noch der Kindler noch die Britannica – und der Munzinger schon gar nicht – erzählen uns etwas über Alice Esther Glen. Aber die deutsche Wikipedia, seit heute abend wesentlich ausführlicher.

Esther Glen (1881–1940) war die erste bedeutsame neuseeländische Kinderbuchautorin. Ihr zu Ehren vergibt die Neuseeländische Bibliotheksvereinigung seit 1945 den Esther Glen Award für Kinder- und Jugendliteratur, es ist der älteste heute noch vergebene Literaturpreis Neuseelands. Esther Glen arbeitete nicht nur als Autorin und Journalistin, sondern sie hatte auch ein soziales Anliegen und setzte sich dafür ein, dass alleinstehende arbeitslose Frauen eine angemessene Unterkunft erhielten. Sie unterstützte die Gründung von Frauenhäusern und Kinderheimen.

Wikipedia hat zwei Probleme

Der Löschantrag und die darauffolgende Diskussion zu dem Artikel Feministische Kriminologie wirft leider ein trauriges Licht auf die Qualitätssicherung in der deutschsprachigen Wikipedia. Es dauerte zwei Tage, bis zur ersten wohlwollenden Stimme, und auch danach waren die frauenfeindlichen Voten latent weiter vorhanden. Das Fach gebe es gar nicht („Theoriefindung“). Der Artikel könne bei „Feministische Fußpflege“ eingearbeitet werden. Und ja, die ursprüngliche Fassung habe Binnen-Is enthalten.

Die Wikipedia hat ganz offensichtlich ein Männerproblem, das kaum lösbar sein dürfte. Sie hat aber auch ein fachliches Problem. Solange sich fachfremde Wikipedianer den sachkundigen Autoren besserwisserisch in den Weg stellen und sich auch in Löschdiskussionen jeder ohne Rücksicht auf seine Sachkunde beteiligen darf und auch die Frage, welcher Admin (ein fachfremder oder ein sachkundiger) eine Löschdiskussion entscheiden darf, nicht zugunsten der Sachkunde entschieden ist – solange gibt es ein wirklich großes Problem in der Qualitätssicherung, das einer nachhaltigen Steigerung der Qualität ebenso entgegensteht wie der Gewinnung kompetenter Autoren.