Archiv der Kategorie: Geschichte

Seite 12 unten rechts

Es gibt Meldungen, bei denen man merkt, daß man alt wird. Nicht „älter“, sondern alt. Jonathan Schell ist gestorben. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich in den 1980er Jahren sein Buch „Das Schicksal der Erde“ gelesen habe. Es stand noch lange in meinem Regal; bis zu meiner großen Zeitenwende Ende der 1990er Jahre, als es nicht mitging auf die große Reise. Bertelsmann-Ausgabe. Ein himmelblauer Umschlag mit einem großen schwarzen Punkt darauf, schräg nach oben gezogen der Titel. In dem Buch ging es um Atomrüstung und Atomkrieg. Und die Friedensbewegung gab es damals auch. Große Demonstrationen, also wirklich große. Nicht nur virtuell im Internet, sondern richtig, auf der Bonner Hofgartenwiese war die größte. Und wir waren sehr politisch, natürlich wählte ich grün, was sonst? Die Welt war geteilt in links und rechts, in Ost und West, oben und unten, arm und reich. Ost und West war eine Weile lang nicht mehr im Angebot, ist jetzt aber wieder aktuell geworden. Arm und Reich gibts immer noch; dafür haben sie gesorgt, nicht nur die Rechten. Die FAZ erinnert in ihrer Mittwochausgabe daran, daß Kurt Biedenkopf damals den Klappentext zu dem Buch von Schell schrieb. Piper-Verlag. Von Biedenkopf hat man ja – sehr zu Recht – auch schon lange nichts mehr gehört. Namen, mit denen damals die Zeitungen gefüllt wurden, die immer wieder in den Nachrichten genannt wurden, so daß sie nachklingen, jahrzehntelang. Waren die wichtig? Und heute: Eine Randnotiz im Feuilleton auf Seite 12 unten rechts.

„NOK. Ein Ursprung afrikanischer Skupltur“ im Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

Nok sculpture Louvre 70-1998-11-1 Man schaut sich ja eher Neueres an, wenn man ins Museum geht. So alte Sachen, also so ganz alte Sachen – älter als die „Alten Meister“ – sehr viel älter, Eisenzeit in Westafrika, in Nigeria, um genau zu sein – sieht man selten. Dabei steht mindestens eine Nok-Skulptur sogar im Pariser Louvre (siehe die nebenstehende Abbildung). Und jetzt also eine Ausstellung rund um die Nok-Kultur im Frankfurter Liebieghaus, verlängert bis in den März 2014, danach gehen die Stücke zurück nach Nigeria.

Nok-Skulpturen sind begehrt, es gibt einen (schwarzen) Markt für sie, und sie werden nachgemacht – was man den Duplikaten aber deutlich anmerkt. Mit Ausnahme dreier solcher Fakes sind es allesamt echte Stücke in der Ausstellung des Liebieghauses, die der Frankfurter Archäologe Peter Breunig und sein Team bei Ausgrabungen in Nigeria in einem beneidenswert langfristig angelegten DFG-Projekt gefunden und wiederhergestellt hat: Rekonstruiert wurden die Terrakotten aus vielen, teilweise weit verstreut aufgefundenen Tonscherben.

Man geht davon aus, daß die Skulpturen weggeworfen und absichtlich zerstört wurden, vielleicht weil man sich vorstellte, daß ein Fluch auf ihnen laste, so daß man sie loswerden und sicher zerstören wollte. Jedenfalls sind sie die einzigen Zeugnisse, die von dieser alten Kultur überliefert sind: Keine Schrift, keine weiteren Werkzeuge, nur die Terrakotten sind übrig geblieben. Aus ihnen wird versucht, Rückschlüsse auf die Lebensweise der Menschen damals zu ziehen – was naturgemäß mehr oder weniger überzeugend gelingt.

Die Werke berühren durch ihre Menschlichkeit. Bedenkt man die handwerklichen Beschränkungen, so sind sie ausgesprochen kunstvoll ausgeführt. Einige der Skulpturen sind wirklich wunderschön und können auch neben der alten ägyptischen und griechischen Kunst mit zumeist vergleichbarem Alter aus der Sammlung des Liebieghauses, der sie gegenübergestellt werden, mühelos bestehen. Gleichzeitig werden die Nok-Skulpturen aber nicht von der Sammlung vereinnahmt. Breitformatige Fotos von der Landschaft, in der sie gefunden wurden, lassen den Blick über weitgezogene Berge und Täler gleiten und zeigen ein fremdes und einladendes Land. Diese Eindrücke werden vertieft durch Filme, die eine Fahrt vom Geländewagen aus aufgenommen durch diese weite Gegend zeigen. Im Untergeschoß kann man dazu auch Tonaufnahmen von den Ausgrabungen hören. In dem Dokumentarfilm erkennt man Skulpturen wieder, die man zuvor in der Ausstellung gesehen hatte.

Es ist eine eindrückliche Schau, fernab des etablierten Ausstellungsbetriebs, deren Besuch unbedingt zu empfehlen ist. Schade nur, daß das Liebieghaus die Führung durch die Ausstellung mittwochs um 17 Uhr angesetzt hat – nur eine Stunde vor der Schließung. Andere Besucher, die an der Führung teilgenommen hatten, mußten direkt aus ihr heraus das Haus verlassen. Merkwürdig. Genauso hatten wir uns das schon vorgestellt, deshalb führten wir uns selbst, gecoacht durch die Projekt-Website, Britannica, Wikipedia und mithilfe von Filmen auf YouTube – was ohne weiteres möglich ist. Auch die Wandtexte sind umfangreich und gehaltvoll gestaltet.

NOK. Ein Ursprung afrikanischer Skulptur. Liebieghaus Skulpturensammlung. Frankfurt am Main. Kurator: Vinzenz Brinkmann. Architektur: Karsten Weber. Bis 23. März 2014. – Die abgebildete Skulptur wurde im Louvre photographiert, sie ist in der Ausstellung nicht zu sehen. Das Bild von Benutzer:Jastrow wurde ausgewählt, weil es auf Wikimedia Commons frei zur Verfügung steht. Es soll einen generellen Eindruck von der Kunst der Nok vermitteln.

„Dürer. Deutscher Meister“ im Städel Museum Frankfurt am Main

Kunstausstellungen sind ein lukratives Geschäft geworden, schrieb Mercedes Bunz im vergangenen Sommer in ihrem Blog. Nur die Kinos seien profitabler. In Deutschland gingen derzeit mehr Menschen in Ausstellungen als ins Theater und auf den Fußballplatz. Und die meisten wollen die Werke der klassischen Moderne sehen, weshalb die Alten Meister vielfach in der Versenkung verschwänden, so etwa in Berlin. Ganz anders in Frankfurt, wo das Städel seine Alten Meister gerade zur Neueröffnung neu gehängt und dabei sogar erweitert hat. Darunter auch wichtige Werke von Albrecht Dürer, die teilweise nun auch in der großen Überblicksausstellung Dürer. Deutscher Meister gezeigt werden.

Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert muß in der Kunst ein einziger großer Aufbruch gewesen sein. Es war die Zeit der großen Entdeckungsreisen. Man könnte sagen, die Globalisierung wurde damals erfunden, alles andere, was später kam, hat das nur noch fortgesetzt und weitergetrieben. Der Vertrag von Tordesillas datiert von 1494. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern revolutionierte den Satz, das Druckwesen und die Wissenschaft. Und die Mathematik wurde für die Kunst fruchtbar gemacht, indem die Proportionen des menschlichen Körpers erstmals grundlegend beschrieben wurden. Modern ist daher, wer liest oder mit dem Zirkel die Welt vermißt. Ein Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch des porträtierten Gelehrten. Gleichzeitig sind biblische Motive weiterhin vorherrschend. Glänzende kirchliche Prachtentfaltung an ca. 100 Sonn- und Feiertagen in Prozessionen, Oster- und Totentanzspielen, klärt mich der dtv-Atlas zur Weltgeschichte über diese Zeit auf. Und die Reformation stand kurz bevor. Wissenschaftlicher Fortschritt und religiöse Reaktion.

Auch Dürer ging auf weite Reisen und ließ in dieser Zeit die Werkstatt von seiner Frau und den drei Hänsen, Hans Baldung Grien, Hans Schäufelin und Hans Süß von Kulmbach, weiterführen, um anderenorts Kontakte zu knüpfen und Geschäfte zu machen. Man stellt Dürer hier als Geschäftsmann hin, das ist das durchgängige Narrativ der Ausstellung. Ein durchaus selbstbewußter Geschäftsmann, übrigens, der sein bekanntes und noch heute modern wirkendes AD-Logo, eine Art früher Corporate Identity, im Frankfurter Heller-Altar nicht irgendwo versteckt am Rand als Signatur anbringt, wie sonst üblich, sondern der doch ganz offenbar sich selbst genau in die Mitte der inneren mittleren Tafel plaziert hat. Da steht er selbst und zeigt auf einen Text, in dem es heißt, er, Dürer, habe dies erschaffen, im Jahr 1509 vollendet. Mit anderen Worten: Entsprechende Bestellungen erbeten an das Haus Dürer in Nürnberg. Dies alles in frischen, kräftigen Farben und mit großer Kunst gemalt (übrigens wunderbar restauriert). So aufwendig hergestellt aber, daß er es nie wieder tun würde, wie er den Auftraggeber brieflich wissen ließ. Dürer verlangte sogar einen Aufpreis, wollte sich mit dem vereinbarten Festpreis nicht zufrieden geben, weil die Ausführung sehr viel mehr Arbeit gemacht habe, als vorherzusehen, und war mit dem Begehren auch erfolgreich. Am Ende des Streits mit Heller erhielt er nach Schlichtung 200 statt der ursprünglich vereinbarten 130 Gulden (Sander/Schulz, Katalog, S. 219, 222).

Licht und Schatten, Räumlichkeit, Proportionen, Landschaften. Man war viel am Experimentieren damals, und manches paßte noch nicht so recht. Aber die Ausführung ist bei allen Tafeln, die gezeigt werden, wirklich hervorragend, und die alten Bücher, die Dürer mit Holzschnitten illustrierte, sind ebenso sehenswert. So kunstvoll ausgeführt, daß man auf die vorher übliche Kolorierung verzichtete. Und man tauschte sich aus oder plagiierte sich auch gegenseitig.

Prägend war aber das Streben nach idealen Formen und Körpern, sowohl bei der Darstellung von Menschen als auch bei Landschaften. Was man hier sieht, ist kein naturalistisches Abbild, sondern nur ein Nachvollzug, geglättet, idealisiert, obgleich mit realen Vorbildern. Im Buchdruck dominiert der Goldene Schnitt den Satzspiegel, die Stege wirken auf uns heute viel zu breit und etwas merkwürdig. Auf sie wurde aber größter Wert gelegt, was man daraus erkennen kann, daß diese Einzelheiten auch auf den Bildern dargestellt werden. Und die Kunst war ein Handwerk, das man bestellte in der jeweils präferierten Werkstatt. Es war mehr Handwerk als Genie, es hatte sehr viel mehr mit Können zu tun, als man sich heute vorstellen würde.

Dürer. Deutscher Meister. Ausstellung im Städel Museum, Frankfurt am Main. Kurator: Jochen Sander. Bis 2. Februar 2014.

Nicht nur zehn Prozent

Das Bild, das im Forum der Frankfurter Buchmesse vom diesjährigen Gastland Brasilien gezeichnet wird, ist in mehrfacher Hinsicht einseitig und lückenhaft. Zugestehen muß man, daß es darum geht, dem Besucher der Ausstellung einen allerersten Eindruck von dem fernen Land zu vermitteln, dessen Bild in den westlichen Massenmedien vor allem mit Rio, dem Strand und dem dazugehörigen Girl von Ipanema, dem Karneval, dem Fußball und dem Amazonas geprägt ist.

Ein kurzer Film bietet eine elementare Einführung in Land und Leute und stellt die Grundlagen von Wirtschaft und Kultur vor allem anhand der Statistik und einer Collage vor. Man startet ihn, indem man sich auf eines der Fahrräder setzt, die vor den sternförmig angeordneten Bildschirmen aufgestellt wurden, und in die Pedale tritt. Der Ton kommt über einen Kopfhörer, es gibt nur eine englische Version. So fährt man sozusagen nach Brasilien – und bleibt doch ganz hier, denn das Fahrrad bewegt sich dabei ja nicht von der Stelle.

Was in diesem Szenario fehlt, sind die für uns unvorstellbare Armut und die sozialen Gegensätze, die wir uns in Europa nicht vorstellen können. An die man nur am Rande erinnert wird, wenn vor Lampedusa wieder ein Schiff mit Flüchtlingen kentert. Die soziale Frage kommt nur in einem Punkt sehr kurz zur Sprache, wenn es mit Blick auf die Literaturszene heißt, der Anteil der Analphabeten bewege sich in Brasilien bei zehn Prozent. Von den sozialen Protesten, die dort seit Juni stattfinden, erfährt der Besucher nichts. Sie wurden ausgelöst, als die Bustarife um 20 Centavos erhöht werden sollten, und sie sind gegen die ungeheuren Summen gerichtet, die in den Aufbau der Infrastruktur für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 fließen statt in soziale Zwecke. Daran dürften deutlich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung beteiligt gewesen sein.

Auch die Kolonialgeschichte und die Umstände der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens bleiben weitgehend unerwähnt. Als Portugal 1807 von napoleonischen Truppen besetzt wurde, übersiedelte der gesamte Hofstaat mit mehreren tausend Personen von Lissabon ins südamerikanische Exil und ließ sich in Rio de Janeiro nieder. Nach der Niederlage Napoleons kehrten nicht alle wieder zurück. Der Sohn des portugiesischen Königs Pedro I. setzte sich 1822 an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung, sagte sich los von seinem europäischen Mutterland und machte Brasilien zur konstitutionellen Monarchie – es ist die erste einer langen Reihe von brasilianischen Verfassungen, und es gibt bis heute kein Lehrbuch in deutscher Sprache zur allgemeinen Einführung ins brasilianische Recht. Die aktuellsten verfügbaren Einführungen in das geltende Recht in seiner ganzen Breite sind die Mitteilungen der Deutsch-Brasilianischen Juristenvereinigung.

Gelungen erscheint dagegen der Säulenwald aus nochgetürmten gummierten Blocks, von denen man sich Blätter abreißen kann, auf denen Texte von brasilianischen Schriftstellern auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch in ganz kurzen Auszügen abgedruckt sind. Der Aufbau der Säulen erinnert etwas an die Pinguine von Stephan Balkenhol aus der Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Man geht hindurch, wandert von einer Säule zur nächsten und nimmt sich ein bißchen Brasilien mit nachhause.

Einen guten bildlichen Eindruck von der Halle und von den weiteren Stücken, die dort zu sehen und zu beliegen sind (als ich ankam, waren leider alle Hängematten belegt), vermittelt Cafe Digital.

DDR-Zeitungen und alte Bundestagsdrucksachen online

Wikipedianer sind Informations-Junkies und reichen sich gegenseitig Informationen weiter. Falls noch nicht bekannt: Online verfügbar sind seit kurzem als Digitalisate:

Merke: „Die Bibliothek“ findet immer mehr in meinem Computer statt.

Abschied von den Eltern III

Und einmal sprachen wir sogar vom Aufhören. Daß es geendet hat, und wie, und für immer. Und wie es damals war. Und wie es soweit gekommen ist, daß es dann enden mußte und nicht mehr weitergehen konnte. Erfahrungen von Endlichkeit sind genaugenommen selten, denn wir werden in eine Welt hineingeboren, die, gemessen an der menschlichen Lebesspanne, die uns als Maßstab dient, immer schon da war und die uns auch überdauern wird. In der Natur gibt es kein wirkliches Aufhören, Enden – die Arten bleiben erhalten, das Individuum tritt dahinter zurück. Aber der Tod von Menschen ist die einzige Erfahrung, die wirklich einen Eindruck von Endlichkeit vermittelt. In manchen Fällen kommt ihnen der Tod von Wirbeltieren nahe, denn auch an Katzen oder Hunde kann man sich als Wesen erinnern: Wie sie waren, als sie lebten. Was sie mochten, wie sie sich verhielten. Und was wir an ihnen mochten – oder nicht. Die Erinnerung an Menschen ist ungleich differenzierter, und sie endet noch lange nicht mit ihrem Tod. Von nun an existiert zwar nur noch die Erinnerung. Neue und insbesondere: korrigierende Erfahrungen mit dem Betreffenden sind von nun an ausgeschlossen. Bilder frieren ein. Die lange Endlosschleife beginnt. Zeitraffer und Zeitlupe wechseln einander ab. Was aber bleibt ist, was die Beziehung mit dem Verstorbenen aus mir gemacht hatte. Und mit jedem Toten verschwindet eine ganze Welt, mit der er uns verbunden hatte. Auch sie wird in diesem Sinne historisch und damit schließlich auf eine neue Art zugänglich. Im Nachhinein sieht vieles anders aus, stellen sich Entscheidungen und Weichenstellungen als richtig oder als korrekturbedürftig heraus. Treten einzelne Bilder und Szenen hervor, andere dagegen zurück. Das Leben wird rückwärts verstanden, aber es muß vorwärts gelebt werden.