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Abschied von den Eltern III

Und einmal sprachen wir sogar vom Aufhören. Daß es geendet hat, und wie, und für immer. Und wie es damals war. Und wie es soweit gekommen ist, daß es dann enden mußte und nicht mehr weitergehen konnte. Erfahrungen von Endlichkeit sind genaugenommen selten, denn wir werden in eine Welt hineingeboren, die, gemessen an der menschlichen Lebesspanne, die uns als Maßstab dient, immer schon da war und die uns auch überdauern wird. In der Natur gibt es kein wirkliches Aufhören, Enden – die Arten bleiben erhalten, das Individuum tritt dahinter zurück. Aber der Tod von Menschen ist die einzige Erfahrung, die wirklich einen Eindruck von Endlichkeit vermittelt. In manchen Fällen kommt ihnen der Tod von Wirbeltieren nahe, denn auch an Katzen oder Hunde kann man sich als Wesen erinnern: Wie sie waren, als sie lebten. Was sie mochten, wie sie sich verhielten. Und was wir an ihnen mochten – oder nicht. Die Erinnerung an Menschen ist ungleich differenzierter, und sie endet noch lange nicht mit ihrem Tod. Von nun an existiert zwar nur noch die Erinnerung. Neue und insbesondere: korrigierende Erfahrungen mit dem Betreffenden sind von nun an ausgeschlossen. Bilder frieren ein. Die lange Endlosschleife beginnt. Zeitraffer und Zeitlupe wechseln einander ab. Was aber bleibt ist, was die Beziehung mit dem Verstorbenen aus mir gemacht hatte. Und mit jedem Toten verschwindet eine ganze Welt, mit der er uns verbunden hatte. Auch sie wird in diesem Sinne historisch und damit schließlich auf eine neue Art zugänglich. Im Nachhinein sieht vieles anders aus, stellen sich Entscheidungen und Weichenstellungen als richtig oder als korrekturbedürftig heraus. Treten einzelne Bilder und Szenen hervor, andere dagegen zurück. Das Leben wird rückwärts verstanden, aber es muß vorwärts gelebt werden.

Abschied von den Eltern II

Gibt es einen „richtigen“ Umgang mit Trauer? Die Frage erinnert an den Versuch über das „‚richtige‘ Leben im Falschen“. Man kann es nur falsch machen. Wenn die Vernunft versagt, weil die Depression stärker ist als gewöhnlich. Das Hörspiel „Der Tod meines Vaters“ von Hans Noever (1971) fällt mir wieder ein: Das ständige Wieder-Erzählen und Wieder-Erinnern, wie es war, als es passiert ist. Wie es anders hätte sein können. Wie es hätte sein sollen. Warum es gut war, wie es gekommen ist. Und was daran nicht richtig ist. Wahrscheinlich war es ganz anders, nämlich so. Diese ständige Wiederholung ist der Versuch einer Selbsttröstung und gleichzeitig eine Erforschung verschiedener Perspektiven auf dasselbe unerhörte Ereignis. Also endet die Woche ganz anders als erwartet. Wirklich?