Archiv der Kategorie: Medien

Ein Lexikon wurde „abgeschaltet“

Ehrlich gesagt, ich hatte schon darauf gewartet: Meyers Lexikon online war also tatsächlich eine Eintagsfliege.

Welches „Produkt“ wird denn als nächstes von heute auf morgen einfach mal „abgeschaltet“? Das Online-Wörterbuch von PONS? Oder die heillos verflashte Britannica?

Die Wikipedia – aber auch andere große freie Projekte wie z. B. Debian – kann kein Konzern einfach „abschalten“. Deren (Quell-)Textkorpus existiert unabhängig von den Besitzverhältnissen weiter, und er kann von jedem nach Maßgabe der Lizenz frei genutzt werden.

Fazit: Ein Signal für freies Wissen, für freie Projekte (über die Freie Software hinaus) und eine Absage an kommerzielle Organisationsformen bei großen kulturellen Netz-Projekten. Was die Medienkonzerne nicht mehr zuverlässig erschaffen und anbieten können, müssen die Bürger eben selbst in die Hand nehmen.

Zuerst veröffentlicht in der Diskussion zu der Meldung „Meyers Lexikon online abgeschaltet“ bei börsenblatt.net am 23. März 2009. Wieder abgedruckt im börsenblatt 13/2009, S. 14. – Der Wortlaut der Verlagsankündigung wurde nachträglich geändert. Dort heißt es jetzt nicht mehr, Meyers Lexikon online sei „abgeschaltet“ worden, sondern: „Meyers Lexikon online wird zum 23.03.2009 eingestellt.“ Im Verlagsblog findet sich aber noch das damalige Posting. – Nur wenige Tage später, am 31. März 2009, kündigte Microsoft an, sein Online-Lexikon Encarta ebenfalls vom Netz nehmen zu wollen.

Suchmaschinen, Wikipedia und Desinformation

[…] Google ist erstens ein Quasi-Monopol, weil die meisten Internet-Nutzer schon gar nicht mehr auf die Idee kommen, nach einer Alternative zu Google zu suchen (es gibt immer noch sehr viele). Zweitens ist Google […] alles andere als „neutral“, sondern es ist eine kommerzielle Suchmaschine, die nicht informieren will, sondern die bestimmte Informationen anbietet, weil sie damit Gewinn erzielen kann, und andere notwendigerweise wegläßt, weil das damit nicht oder jedenfalls nicht so gut ginge. Das nenne ich Desinformation.

Wikipedia ist ein Projekt, in dem vor allem ein harter Kern aus ein paar hundert Usern an einem Textkorpus editiert, der mittlerweile erstaunlich gehaltvoll geworden ist. […] Meine Erfahrung ist, daß meistens Fachfremde über ihre Hobbythemen schreiben, und das ist ganz sicherlich problematisch, und das sollte auch bekannter gemacht werden. […]

Die Web-2.0-Projekte sind entstanden, weil es eine große Unzufriedenheit mit den bisherigen (Offline-)Angeboten gab. Der Brockhaus oder die Britannica sind ja nicht deshalb so wenig erfolgreich gegenüber der Wikipedia, weil die Wikipedia so gut wäre, sondern vielmehr weil die herkömmlichen Lexika so schlecht sind. Das sind Dinos, die kaum noch einer haben will, und sie kommen der schnellen Entwicklung heutzutage auch nicht mehr schnell genug hinterher. Ich meine deshalb nicht, daß der Brockhaus ein Konkurrent der Wikipedia ist. […] Die Wikipedia hat also sicherlich kein Monopol auf „Wissen“, aber sie wird oft, gerade von Suchmaschinen, viel zu hoch bewertet. Oft wird der Wikipedia-Artikel höher gerankt als die Website einer Person oder eine Projekt-Homepage im Software-Bereich, unabhängig von der Qualität der Wikipedia-Seite.

Zuerst veröffentlicht in der Diskussion zu: Andreas Kemper, „Wikipedia als Microsofts Bing an sich“, in der Freitag Community am 5. Juni 2009. Grundlage waren die 22 Thesen des Suma-eV, Für demokratischen Wissenszugang im Internet vom 3. Juni 2009.

Die juristische Literatur befindet sich im Umbruch

— Die Zeiten, in denen juristische Information in edlem Leder gebunden wurde, gehen zu Ende. Es lebe die PDF-Datei. […]

— Eine bescheidene Frage: Wer soll denn die PDF-Datei schreiben? Ich glaube kaum, dass Juristen mit wissenschaftlicher Einstellung sich zu Schreibsklaven von Instant-Kommentaren machen lassen. Gute Rechtsliteratur braucht Zeit. Zeit zum Nachdenken, zum Schreiben, zum Lesen. […]

Die Halbwertszeit einer Meinung im Mietrecht kann sehr kurz sein. Erst kam die Mietrechtsreform, dann kam die Zuständigkeit des BGH bis hin zum Rollator im Treppenhaus. Die jährlichen Übersichtsaufsätze von Lützenkirchen in der WuM und die Übersichtstabellen der Redaktion über die einschlägigen BGH-Entscheidungen geben ein beredtes Beispiel von der Dynamik und dem Umfang, den diese Veränderungen mittlerweile angenommen haben. Ich kann mich an seitenlange Kommentierungen im Staudinger erinnern, die durch ein Urteil des BGH Makulatur geworden waren, ein Jahr nach Erscheinen.

Die juristische Literatur befindet sich im Umbruch. Die bisherigen Professoren-Richter-Referenten-Kommentare, die alle paar Jahre mal die wesentlichen Grundzüge der Rechtsentwicklung nachgezeichnet und gründlich reflektiert haben, sind schon längst Dinosaurier geworden. Solche Werke kann man nur gedruckt vertreiben, was aber für die Benutzer sehr teuer ist. Als Online-Produkte sind sie nicht aktuell genug. Eine Redaktion einzusetzen, die „den Staudinger“ oder „den MüKo“ ständig tagesaktuell pflegt und zumindest auf neueste Entscheidungen verweist, damit einem bei der täglichen Arbeit nichts Wichtiges entgeht, ist schlicht zu teuer. Die Fachinformation läuft deshalb über Pressemitteilungen, Zeitschriften und (teils Online-)Fachdienste. Grundlegendes wird über „Anwalts-Handbücher“ und die praktische Ausbildung vermittelt.

Auch der Palandt verkauft sich immer schlechter. Es gibt schon länger Kollegen, stellten wir vor ein paar Monaten auf einer Mailingliste fest, die ausschließlich mit Online-Quellen arbeiten (Gesetze, Gesetzgebungsverfahren, Entscheidungen, sozialgerichtsbarkeit.de Beck-Online, Juris, leider auch Lexis-Nexis etc.), evtl. noch ein, zwei günstigere Zeitschriften im Abo, aber die arbeiten sogar ohne Schönfelder & Co. Zur Reflexion ist im Alltag sowieso keine Zeit, das kann ein Praktiker meist gar nicht lesen. Und der Staudinger steht auch in den mittleren und größeren Kanzleien mehr oder weniger fürs Publikum im Regal.

Die Grenze zwischen Wissenschaft und Praxis wird immer deutlicher. Schon zu meiner Studienzeit arbeiteten viele ausschließlich mit Skripten und fragten nebenraus, was ich denn da für große Bücher mit mir herumtrüge.

Der Staudinger versucht, auf diesen Trend der ständigen Beschleunigung mit immer kürzeren Spannen zwischen den „Bearbeitungen“ zu reagieren. Man hat nach der 13. aufgehört, die Bände mit Auflagen zu bezeichnen. Aber vergleichen Sie bitte mal vom Preis, vom Umfang und, wie gesagt, von der Halbwertszeit her, die drei Bände zum Mietrecht plus EGBGB mit dem brandneuen Sternel, Mietrecht aktuell, 1800 Seiten, 99 Euro. Bei der Qualität ist das ein fairer Preis. Kostet soviel wie ein Jahr WuM. Bei dieser Verlagspolitik von deGruyter-Sellier ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Staudinger denselben Weg geht, den der Brockhaus schon eingeschlagen hat … also: nicht online und nicht offline, sondern eher ins Off. Was ich auch äußerst traurig finde.

Zuerst veröffentlicht in der Mailingliste InetBib am 23. April 2009, als Antwort auf Eric Steinhauers Beitrag.

Kann man Suchmaschinen verbessern?

Ich meine […], daß das „Suchen“ eine (Kultur-)Technik ist, die dem derzeitigen Web adäquat ist. Suchmaschinen bieten uns das Web auf diese Weise dar, und wir nehmen es auf diesem Weg wahr. Das ist nicht zu „verbessern“, es kann nur durch ein qualitativ anderes Angebot ersetzt werden. Dessen Erscheinen auf der Bühne kann man aber nicht erzwingen, es kommt, wenn die Zeit dafür reif ist, und zwar unabhängig vom Ressourceneinsatz und vom Know-How eines Projekts.

Zuerst veröffentlicht in der Mailingliste InetBib am 17. Juli 2007.

The point about Google

Well, the point about Google is not only about monopoly, but also about web culture in the broadest meaning of the term.

The way we use Google today, Google determines the way we perceive the web. Googling has already become a synonym for using or for surfing the web. And that’s the point because there’s something going wrong here.

The solution, however, to my mind is not „improving“ search engine technology, but rather developing something completely different. We have had the web catalogue such as Yahoo or DMOZ and the search engine so far. What could replace these tools that have clearly proved insufficient?

What we need is a new paradigm providing orientation for web users. I don’t know either what this could be, but it is clearly not a different or another search engine, so what we need is not an alternative to Google.

Google itself already is obsolete. Otherwise, we would not think about alternatives, would we?

Zuerst veröffentlicht in der Mailingliste nettime-l am 23. September 2007, geringfügig neu gefaßt am 17. Mai 2009.

Blitzlicht auf das Henkerlächeln: Römerberggespräche über das „Theater der Politik“

Die Römerberggespräche sind eine feste Institution im politischen und geistigen Leben der Bundesrepublik. Selbst ein Kind der Bonner Republik, haben sie sich aufgemacht, die Berliner Republik kritisch zu erkunden. Die jährlich durchgeführten Veranstaltungen, ursprünglich im Plenarsaal des Frankfurter Rathauses „Römer“ am „Römerberg“ angesiedelt, sozusagen der „guten Stube“ der Stadt, bezogen in der jüngeren Zeit vielerorts Domizil, man wählte den Veranstaltungsort aber immer sehr sorgfältig aus.

Es war naheliegend, das Thema „Theater der Politik – Die inszenierte Demokratie und ihre Rituale“ im Frankfurter Schauspiel zu diskutieren. „Ahl Männer“ sind es bekanntlich immer noch mehrheitlich, die die Macht innehaben, in Wirtschaft und Politik, und sie legen sich Insignien, Symbole zu, um sich als Mächtige darzustellen und als solche (an)erkannt zu werden. Die Macht wird inszeniert, sie wird in Szene gesetzt.

Weniger von der Sprache der Macht, die doch ein notwendiger Bestandteil der Show ist, die uns jeden Tag über die Massenmedien geboten wird und kaum von den politischen Inhalten war daher die Rede, sondern von der staatstragenden Geste. Von der Anmaßung, mit der Ex-Bundeskanzler Schröder sich in der letzten Neujahrsansprache seiner Amtszeit filmen ließ, vor dem Berliner Reichstag im Hintergrund, so plaziert, daß die neu daraufgesetzte gläserne Kuppel wie eine Art Heiligenschein über ihm erschien. Man könnte es auch für eine Krone halten. Machtbewußt in die Kamera blickend. Oder Schröder, der Kunst- und Künstlerfreund, auch so eine Inszenierung, vor dem abstrakten stürzenden „Adler“ von Baselitz an seinem Schreibtisch sitzend, vieldeutiges Symbol für seinen Umgang mit dem problematischen deutschen Wappentier. Seine Nachfolgerin hat an derselben Stelle ein Porträt Konrad Adenauers hängen lassen, das Kokoschka gemalt hatte. Wie langweilig.

Wolfgang Ullrich führte seinem Publikum mit analytischem Scharfsinn ein Bestiarium der öffentlich praktizierten Heuchelei in sechs Bildern vor, Aufnahmen aus den letzten Jahren, an die man sich mehr oder weniger deutlich erinnert, die aber die Bedeutung des richtigen Blickwinkels und der richtigen Pose im richtigen Augenblick deutlich machen, wenn nämlich das Objektiv des Kameramanns darauf gerichtet ist. Der sonst von sozialer Eiseskälte geleitete Guido Westerwelle kauert da in seiner Berliner Wohnung auf kaltem Fliesenboden verletzlich und demütig wie ein Bettler unter einem Gemälde Norbert Biskys, eine Aufnahme, auf deren Veröffentlichung durch die Berliner Zeitung er – machtbewußt – bestand, sonst hätte er das Interview, das man mit ihm geführt hatte, nicht freigegeben, erzählte Ullrich.

Blitzlicht auf die leere Pose.

„Blitzlicht auf das Henkerlächeln,“ schrieb Enzensberger einst, medienkritisch, aber das ist 50 Jahre her.

Blitzlicht auch auf die martialisch drinblickenden Sicherheitsbeamten des Bundespräsidenten, hinter denen er im dunklen Anzug ganz entspannt lachend sich zeigen kann. Während der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer bei seinem letzten Wahlkampfauftritt in Frankfurt mit einer sehr zurückhaltend inszenierten Security auftrat, wie sich ein Diskutant aus dem Publikum erinnerte.

Braucht eine Demokratie politische Rituale? Braucht der aufgeklärte Mensch diese Show, fragte ein anderer Teilnehmer aus dem Publikum.

Politische Rituale dienten einst dazu, den ständischen Staat, der auf feudalen persönlichen Treueverhältnissen beruhte, zu gründen. Sie fanden an einem bestimmten Ort zwischen und in Anwesenheit von bestimmten Teilnehmern statt. Im politischen Raum. So wurde Macht nicht nur inszeniert, sondern überhaupt erst begründet. Rituale gehörten so schon zur vormodernen Welt, zum „Alten Reich“, das in Deutschland bekanntlich bis ins 19. Jahrhundert hineinreichte. Aber sie waren eben keine bloße Vorführung für die Kamera, um die nächsten Wahlergebnisse hoffentlich zu begünstigen. Barbara Stollberg-Rilinger erinnerte in einem kenntnisreichen Vortrag zum Abschluß der Veranstaltung daran, daß die Französische Revolution das Ritual des Alten Regimes nicht beseitigte, sondern dessen Elemente neu arrangierte. Die Karten wurden neu gemischt, aber die Elemente, aus denen diese Mischung bestand, waren dieselben, auch wenn noch so viele Aristokraten an der Laterne geendet haben mochten, es waren „des Kaisers alte Kleider“, die man auftrug.

Es war eine tiefgründige Auseinandersetung mit dem tagtäglichen Spektakel, das wir frei Haus empfangen können, das bis ins letzte Krankenzimmer live und in Farbe geliefert wird, weltweit. Und auf das die wenigsten verzichten möchten.

Nachdenklich stimmt, was Büchnerpreisträger Martin Mosebach anzumerken hatte. Der Konservative im Kreise der alten 68er, die sich mehrfach an ihren Nachfolgern rieben, wies, geschliffen formulierend, auf den Zusammenhang von Form und Inhalt hin, veranschaulicht an einem greifbaren Beispiel: Geldscheine habe man uns da in die Hand gegeben, auf denen Bauwerke zu sehen sind, die es nirgendwo gibt, weil man kein europäisches Land bei der Gestaltung der Euro-Banknoten bevorzugen oder benachteiligen habe wollen. So sinnentleert wie der Euro, eine bloße Zahl-Einheit, ist auch die Form, in der er daherkommt. Und Mosebach geht, schließlich, davon aus, daß die Verteidigung der Freiheit am Hindukusch durch die Bundeswehr, bei der laufend Menschen sterben, darunter auch deutsche Soldaten, ohne die Schaffung neuer Rituale auf Dauer nicht zu bewältigen, nicht möglich sein wird. Die Demokratie wird allerdings, hier irrt Mosebach, weniger mit der Schaffung neuer Kriegsrituale sich befassen müssen. Sie wird vielmehr darüber zu diskutieren und zu entscheiden haben, ob solche Kriegszüge überhaupt wünschenswert sind.

Die Römerberggespräche sind, wie bereits eingangs erwähnt, schon etwas in die Jahre gekommen, und mit ihnen ist auch ihr Publikum gealtert. Auch wenn das Podium jünger besetzt war, die meisten Besucher der Veranstaltung waren dem Rentneralter nahe oder hatten es bereits überschritten. Die Jüngeren hätten bei dem Thema vielleicht eher an den bis zur Unerträglichkeit staatstragenden Podcast der Bundeskanzlerin gedacht sowie an die sterilen Seiten bei You Tube, mit denen man hierorts meint, Wählerstimmen gewinnen zu können. Kein Wort über angeblich von eigener Hand twitternde Parteivorsitzende und Generalsekretäre, von Sascha Lobo und Co. im Wahlkampf 2.0 beraten, Barack Obamas eingedenk. Der Hoffnungsträger, der gerade entschieden hat, daß die folternden CIA-Agenten nicht bestraft werden sollen. Die Spindoktoren sind am Werk. Ihnen muß man im „Superwahljahr“ auf die Finger schauen.

Zuerst veröffentlicht in der Freitag Community am 26. April 2009 unter dem Titel: „Blitzlicht auf das Henkerlächeln: Römerberggespräche“.