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wenn der weiße schnee, der alles bedeckt hat, schmilzt, erscheint die welt wieder, wie sie ist, nicht: wie sie war

Kategorie: Meinung

Wikipedia baut ab, oder: Was von „open“ übrig bleibt

Es ist schon eine Weile her, daß ich einen Blick auf die Entwicklung bei Wikipedia geworfen hatte.

Die Sommer-Statistik ist jetzt mit großer zeitlicher Verzögerung veröffentlicht worden. Die Tabelle zeigt: Es gab noch nie so wenig Autoren, seit ich 2005 bei dem Projekt begonnen hatte, siehe die Spalten „Wikipedians Edits >5“ bzw. „Edits >100“. Es sind jetzt nur noch 4600 mit mehr als fünf und 720 mit mehr als 100 Bearbeitungen pro Monat.

Zur Neuautorenwerbung hatte Wikimedia Deutschland im Sommer Banner geschaltet, ergänzt um entsprechende Anleitungen. Daraufhin gab es 159 Neuanmeldungen, von denen dann aber nur 32 editiert haben; davon hatten zwei mehr als zehn Bearbeitungen gemacht – das war das Ziel der Kampagne. Eine Herbstaktion wird folgen, natürlich auch ein entsprechender „Dankes-Banner“ ab Neujahr nach der alljährlichen Spendenkampagne.

Die Folge des Autoren-Exodus ist vor allem, daß die Inhalte schon seit mehreren Jahren und breit angelegt veralten. Sie werden nicht mehr aktualisiert, und auch eine inhaltliche und redaktionelle Weiterentwicklung bleibt aus, während sich das Web und auch die bibliothekarischen und archivalischen Online-Angebote immer weiter entwickeln und die Suchmaschinen zu Antwortmaschinen geworden sind. Und die wissenschaftlichen Bibliotheken bauen die Fachinformationsdienste auf, die sich nur noch an Wissenschaftler richten – die Folge: Wissen wird wieder exklusiver, es verschwindet hinter Paywalls und ist nur noch für Insider abrufbar, noch viel restriktiver als zu Print-Only-Zeiten; ich bekomme ohne Affiliation z.B. keinen Remote-Zugriff auf Datenbanken der FIDs direkt vom FID. Das ist ein völlig unzureichender Stand für eine Wissens- und Informationsgesellschaft – das Gegenteil müßte das Ziel sein: Wissen zu befreien und immer besser zugänglich zu machen. Der einzige Trend, der von allem, was einst als open angedacht war, übrig bleibt, wird nach alledem wohl Open Access sein, und wenn es so käme, wäre es ein großer Erfolg, ganz gleich in welcher Variante.

Es ist nicht möglich, einen toten Knoten im Netz wiederzubeleben, die Karawane ist weitergezogen. Man kann heute gerade noch mit Wikipedia arbeiten, aber ihre Nützlichkeit wird bald noch weiter abnehmen und schließlich wird der Korpus so wirken wie heute ein Brockhaus aus den 1970er Jahren anmutet: Das meiste ist nicht ganz falsch, aber eben angestaubt, und man muß sich die weitere Entwicklung der darauffolgenden Jahrzehnte hinzudenken und woanders recherchieren. Es gibt heute genügend andere Quellen, und das Bessere ist stets der Feind des Guten. Das galt auch schon beim Aufstieg von Wikipedia gegenüber den früheren Nachschlagewerken.

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Der Nullvektor

Wer nach etwa einem Vierteljahr vom Zauberberg zurückkehrt zu jenen unten im Tal, findet eine etwas andere Szene vor als diejenige, die er verlassen hatte. Der zeitweilige Rückzug nach innen als Reaktion auf eine Phase mit sehr viel Außen ist durchaus notwendig und nährend. Das Trommeln und das Zittern treffen auf tiefe Stille und immer noch lauten Nach-Hall, der langsam ausläuft und zum Ruhepunkt drängt, obwohl der nicht ganz ruhen soll.

Was fällt auf? Einige Notizen:

In eineinhalb Wochen ist Bundestagswahl, und die Gesellschaft ist immens politisch geworden. Aber das Politische hat für die meisten nichts mehr zu tun mit Parlamenten oder Politikern, sondern es beginnt bei einem selbst. Wer beispielsweise etwas für den Schutz von Tieren unternehmen möchte, würde nicht ernsthaft argumentieren, dazu eine bestimmte Partei zu wählen. Schon die Vorstellung, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Wahlakt und einem bestimmten, konkreten Erfolg in der Wirklichkeit, erscheint derzeit eher wie ein Wahn, zumindest sehr abwegig. Wer etwas für Tiere tun möchte, bestellt sich das vegetarische Essen, besser noch: vegan. Das Politische findet nicht mehr repräsentativ in weiter Ferne statt, sondern es passiert hier und jetzt, wo wir es machen – oder eben gar nicht.

Denn alles legt sich selbst lahm, das System blockiert sich selbst, weil die Player sich selbst ebenso wie gegenseitig behindern. Eine starke Hemmung lähmt den Diskurs in den Medien. Gründe dafür sind nicht erkennbar. So wird die Politik zu einem einzigen großen Nullvektor. Das ist der eigentliche Grund für die schwindende Legitimität der Demokratie: Ihre Un-wirk-lichkeit ist keine Frage von checks and balances mehr, es gibt eher zuviel davon, und Impulse für eine inhaltliche Entwicklung fehlen ganz oder kommen nicht in die Gänge. Ein Land, in dem die Beschaffung zweier Liegesessel für eine psychosomatische Klinik nur mit dem vereinten und kontinuierlichen Einsatz aller Beschäftigten über einen Zeitraum von fünf Jahren möglich ist, hat fertig, weiß offenbar schon lange nicht mehr, wozu es eigentlich da ist und wo es hin will und wozu das alles überhaupt. Verhinderung und Beharren sind wichtiger geworden als das Tun. Schlichte Verwaltung scheint das wichtigste geworden zu sein. Entwicklung ist nahezu ausgeschlossen, und Gelder, die bereits bewilligt sind, können nicht abgerufen werden, weil die Verwaltung nicht hinterher kommt.

So wird auch das Wählen selbst schon zu einer Art Bilanzselbstmord, zumindest eine Bankrotterklärung, denn keiner derjenigen, die sich dazu anbieten, wären noch in der Lage, über ihren eigenen Schatten zu springen – was doch das mindeste wäre, um wirklich voran zu kommen. Nur die kleinsten Parteien, ausgefiltert von Prozenthürden und Schikanen, sprechen noch über Veränderung in die Zukunft hinein, die großen wollen entweder zurück, um die Vergangenheit einfach weiter zu schreiben, oder sie kommen gar nicht erst vom Fleck. Der politische Diskurs ist zum Geschwätz von Marketing-Leuten verkommen, die sich Plakate ausdenken und Sprüche als ginge es um irgendwelche Wegwerfprodukte wie andere mehr. Politik als Konsum. Kauf statt Mitbestimmung. Und folglich die Konsumverweigerung als letzte mögliche Chance, so etwas wie Kontrolle zu erleben. Der Nichtwähler als der eigentliche Wähler, der, wie Bartleby, lieber nicht teilhat an einer Farce, bei der schon lange die Minderheit über die Mehrheit herrscht – obwohl das Gegenteil der Fall sein sollte. Dieser Widerspruch ist nicht heilbar.

Politik als Nullvektor, also. Das Nichtstun als das eigentliche Tun. Diese Bundestagswahl ist sozusagen das Tao der Politik geworden.

Oder ist es ganz anders? Antje Schrupp hatte schon im Januar von den BIG ULGLY FIVE geschrieben, und die Diskussion in ihrem Blog dauert weiter an. Auch für sie stellen sich die Dinge ganz ähnlich dar: Keine Partei kann sie wirklich überzeugen. Also: Wählen, um den Anteil der Rechtsextremisten am Ergebnis so gering wie möglich zu halten. Ein ehrenwertes Ziel, sicherlich, und so werde ich es am Ende auch halten, aber es ändert eben am ganzen nichts. Und das sollte man deshalb im Auge behalten.

Die Lage ist völlig verfahren. Was fehlt, sind Spielräume. Und über sie wäre in einem deliberativen Verfahren zu beraten. Das aber würde einen echten Diskurs voraussetzen, keine Schlacht der Waschpulververkäufer und keine Kandidaten, die nur deren Parolen auswendig lernen und live im Fernsehen aufsagen. Die Abwesenheit von Politik kann nur durch die Neuerfindung der Politik behoben werden. Wenn wir aber gegen den rechten Rand und die Feinde der Demokratie stimmen, statt für die Politik, schwächt das die Demokratie, wie es in Frankreich schon lange der Fall ist, wo ja auch ganz viele in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen nicht gegen den FN stimmen wollten, was nur möglich gewesen wäre, indem sie ihre Stimme einem Neoliberalen Macron gegeben hätten, der sich seine eigene Partei zudem gleich mitbrachte.

Politik muß ein Vektor sein, muß in Bewegung sein, muß auch Impulse aufnehmen und produktiv verarbeiten können, um die Gesellschaft voran bringen zu können. Muß selbst ein Teil der Gesellschaft sein. Darf nicht länger den Begriff der Reform diskreditieren als eine Richtung, die nur nach unten führt, zum Abbau von Strukturen und Leistungen, sondern zur Solidarität und zum Aufbau hin.

Politik muß ein Trotzdem sein, wie es zum Beispiel beim Bestellen eines vegetarischen Gerichts sich zeigt. Und kein Weiter so, sondern ein Weiter!

„Making Heimat – Germany, Arrival Country“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main

Über die Ausstellung Making Heimat, die derzeit im Deutschen Architekturmuseum gezeigt wird, ist schon viel geschrieben worden, und ich habe irgendwann einmal alles gelesen, was ich darüber finden konnte: Deutscher Pavillon bei der Architektur-Biennale 2016. Die Flüchtlingskrise 2015 und ihre Auswirkungen auf die Architetur und den Städtebau als Thema. Wenn man dann aber vor Ort ist, wirkt das alles doch ziemlich fern und man muß sich erst einmal durch die vielen, vielen Wandtexte hindurch lesen, lesen, lesen.

Die Website stellt die Ausstellung schon ganz gut vor: Im Erdgeschoß wird das Konzept der Arrival City von Doug Saunders erklärt, und im ersten Stock gibt es einen Überblick über die Gebäude und Wohnformen, die seit 2015 in Deutschland entstanden sind, um die Neuangekommenen unterzubringen: Teils sind es Provisorien, teils aber auch Gebäude, die noch länger stehenbleiben werden.

Saunders hat eine Handvoll Voraussetzungen formuliert, damit eine Integration vor Ort gelingen kann. Damit aus der Ankunft ein Nestbau werden kann: Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt. Die Arrival City ist bezahlbar. Die Arrival City ist gut erreichbar und bietet Arbeit. Die Arrival City ist informell. Die Arrival City ist selbst gebaut. Die Arrival City ist im Erdgeschoss. Die Arrival City ist ein Netzwerk von Einwanderern. Die Arrival City braucht die besten Schulen. – Das soll in Offenbach gelingen – meinen die Frankfurter aus dem Deutschen Architekturmuseum (DAM). Jedenfalls nicht an vielen Orten in Deutschland, denn es gibt offenbar nur wenige solcher Hotspots, wo ganz viele an- und zusammenkommen, um von dort aus dann weiter zu ziehen. Die hohe Fluktuation ist ein weiteres Merkmal der Arrival Cities. Man kommt nicht um zu bleiben, sondern um sich erst einmal ganz grundlegend zurechtzufinden.

Der Spiegel brachte vor drei Wochen eine Bestandsaufnahme zum Stand der Integrationsbemühungen. Wo liegen die Probleme derzeit?

  • Der Wohnungsmarkt ist durch die vielen Nachfrager nunmehr völlig überfordert – eine langfristige Folge des neoliberalen Rückzugs aus dem sozialen Wohnungsbau. Letzteres war absehbar, aber die Zuwanderung hat alles ins Groteske verschärft. Auf einem U- und S-Bahn-Plan in der Ausstellung sind Haltestellen mit den Mietpreisen für eine 70-qm-Wohnung beschriftet. Man sieht unmittelbar, wo die Arrival-Räume zu finden sind und wo auf keinen Fall. Nach Frankfurt zieht man erst, wenn man es sich leisten kann.

  • Der Deutschunterricht setzt voraus, daß man überhaupt einmal lesen und schreiben gelernt hatte. 70 Prozent der Afghanen, die zu uns gekommen sind, sind aber Analphabeten und müssen daher erst einmal alphabetisiert werden, bevor sie weiter beschult werden können. Wegen der schlechten Anerkennungsquote werden viele aber gar nicht oder erst sehr spät in Sprachkurse kommen.

  • Die Unternehmen wenden ihre exaltierten Vorstellungen über das Personal, das schon zum Ausschluß vieler Einheimischer geführt hatte, auch auf die Neuangekommenen an und stellen fest, dass natürlich auch sie ihren Maßstäben oft nicht genügen: Mehr als die Hälfte der Syrer über 18 Jahren haben keinen Schulabschluss. Aber auch Akademiker finden kaum etwas, weil die Ausschreibungen zu speziell formuliert sind. Der Spiegel verweist auf einen 35-Jährigen aus begüterten Verhältnissen, der trotz eines MBA, den er an der EBS in Oestrich-Winkel gemacht hat, überall abgelehnt werde. Früher war so ein Abschluß mal eine Freifahrkarte in die Wirtschaft, völlig unabhängig von der Herkunft. Das verweist auf Probleme am Arbeitsmarkt, die mit der Nationalität und den näheren Umständen der Flucht oder des Bildungswesens im Heimatland gar nichts zu tun haben.

  • Und die Schulen müssen ihre Vorbereitungsklassen mit pädagogischen Laien bestreiten, weil es schon lange viel zu wenige ausgebildete Lehrer gibt. Viele zugewanderte Kinder würden aber gar nicht unterrichtet, die meisten kämen erst nach langer Wartezeit in die Schule. Die Behörden stehen sich gegenseitig im Wege.

Davon erfährt man in der Ausstellung leider nichts. Dafür viele Details über die Containerbauwerke, vor allem die Kosten. Die Schau beschreibt, sie dokumentiert, was ist. Sie bleibt insoweit unkritisch. Dabei wären schon die vielen Holzbauten ein Anlaß zum näheren Hinschauen gewesen. Wir bauen gemeinhin in Stein, und auch der Container war – zumindest in unserer Stadt – bisher eher eine Unterkunft für Obdachlose, platziert am Stadtrand, in prekärer Lage, weit draußen, wo man sonst gar nicht hinkommt. Hier aber – und das ist das eigentlich Erstaunliche – mit einer Empathie und Wärme eingesetzt und gestaltet, von der man sich wirklich und dringend wünschen möchte, daß sie über den Tag hinaus bestehen bliebe, und bitte für alle. Dann wäre etwas erreicht.

Literatur: Saunders, Doug. 2016. Making Heimat: Germany, arrival country: La Biennale di Venezia, 15. Mostra Internazionale di Architettura, partecipazioni nazionali. Hg. von Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, und Anna Scheuermann. 1. Auflage. Ostfildern, Germany: Hatje Cantz. – Baus, Ursula, Wilfried Dechau, Oliver Elser, Stefan Haslinger, Karen Jung, Laura Kienbaum, Doris Kleilein und Gerhard Matzig. 2017. Making Heimat. Germany, arrival country: atlas of refugee housing. Hg. von Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, und Anna Scheuermann. Berlin: Hatje Cantz. – Saunders, Doug. 2011. Arrival city: über alle Grenzen hinweg ziehen Millionen Menschen vom Land in die Städte – von ihnen hängt unsere Zukunft ab. Übers. von Werner Roller. 1. Aufl. München: Blessing. – Saunders, Doug. 2013. Die neue Völkerwanderung – arrival city. Übers. von Werner Roller. 1. Aufl. München: Pantheon. – Djahangard, Susan, Katrin Elger, Christina Elmer, Miriam Olbrisch, Jonas Schaible, Mirjam Schlossarek und Nico Schmidt. 2017. Richtig ankommen. DER SPIEGEL, Nr. 19 (6. Mai): 34. (zugegriffen: 26. Mai 2017).

Making Heimat – Germany, Arrival Country. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main. Kuratoren: Peter Cachola Schmal, Anna Scheuermann, Oliver Elser. – Pressemitteilung. – Bis 10. September 2017.

OER, oder: Wenn man mitten im Wald ist

Die Bildungsbloggerin Lisa Rosa hat im Gespräch mit Tim Pritlove (via Felix Schaumburg) ein paar wahre Worte zu OER gesagt:

…Und natürlich muss auf der gesetzlichen Ebene eine ganze Menge geregelt werden wegen des Urheberrechts … Aber ich glaube, dass man das auch nicht überschätzen darf, weil … das Lernen im digitalen Zeitalter nichts mehr mit Lehrbuch zu tun hat. Viele Sachen … lernt man vernetzt. Die lernt man nicht, weil man ein Buch durcharbeitet … ein Lehrbuch diskutiert keine Probleme. Ein Lehrbuch macht lehrbuchartig oder in Lektionen aufbereitet sogenanntes Grundwissen. Diese freien educational resources, dieser Kampf dafür ist ja vor allen Dingen in den Ländern, wo die Lehrbücher sündhaft teuer verkauft werden, wie in den USA … es geht vor allen Dingen um den freien Zugang zu Wissen und zu Informationen und den habe ich in meinen Fächern immer gehabt … alles, was ich naturwissenschaftlich wissen will, finde ich im Netz. Alles … das Problem an diesen educational resources ist, dass sie didaktisch aufbereitete Materialien suchen und betreffen. Und ich bin kein Freund mehr von diesen didaktischen Aufbereitungen, die nicht von Lernenden selber gemacht wurden.

Damit berührt sie schon den Kern des Problems rund um OER. Es gibt kaum didaktisch aufbereitetes Material, das unter einer freien Lizenz veröffentlicht worden ist, auf Deutsch schon gar nicht. Wenige Leuchtturmprojekte sind entstanden (das ZUM-Wiki, das ab dem Sommer – vorläufig? – geschlossen und renoviert wird; SEGU Geschichte; rpi-virtuell und Serlo). Aber auf die hat eigentlich keiner hierzulande gewartet, denn das liberale deutsche Urheberrecht steht einer Verwendung proprietärer Materialien für Unterrichtszwecke nicht wirklich im Weg. Lehrbücher sind in ausreichender Zahl vorhanden. Und das Material, das an den Schulen und Hochschulen erstellt wird, ist aus urheberrechtlicher Sicht den Autoren zugewiesen, nicht den Einrichtungen, an denen sie es erarbeitet haben. Das ist ein weiterer wichtiger urheberrechtlicher Unterschied zur angelsächsischen Welt.

Das OER-Argument zu Kosten und Verfügbarkeit von didaktischen Materialien ist also auf den angelsächsischen Raum zugeschnitten. Und OER scheitern gerade, wo es keine ausreichenden digitalen Kanäle gibt, also ausgerechnet dort, wo das Material am dringendsten gebraucht würde, nämlich in den armen Ländern, wo das Internet kaum den Zugang zu Bildungsinhalten eröffnet, sondern wo es weiterhin teuer ist und wo Google und Facebook mit ihren Zero-Programmen bestimmen, was die Leute vor Ort auf ihren Handies für das Netz halten dürfen.

Und während sich eine mittlerweile schon deutlich in die Jahre gekommene Szene immer noch am Erstellen und Auffinden von OER abarbeitet, ist die Didaktik hierzulande schon ganz woanders:

…Das ist nach traditionellen Schulvorstellungen zugerichtetes Material, didaktisch zugerichtet. Das ist nicht, was meiner Vorstellung entspricht, wie das Lernen im 21. Jahrhundert aussieht. Aber vielleicht müssen wir diese Stufe haben, das weiß ich nicht. Das kann ich nicht beurteilen. Aber es ist nicht meine Vision von dem, wie es eigentlich geht und das hat mit meinem eigenen Unterricht auch nichts zu tun…

…Wenn wir ihnen die Sachen aus dem Netz rausschneiden und sagen, nimm das, das ist gut, alles andere lass weg, geh nicht selber ins Netz, ich gebe dir was du brauchst, das ist die Ressource, mit der du arbeitest, dann können sie es ja nicht lernen. Weil, dann bin ich als Autorität davor, der ihnen die Sachen schon vorsortiert hat. Was ich aber gemacht habe in meinen beiden großen Projekterprobungen mit einem Lehrer an der Stadtteilschule hier, ist, dass wir ein Weblog eingerichtet haben, jeweils. Einmal für das Thema Migration-Integration und beim zweiten Mal, Jahre später, für das Thema Postwachstum … Weblogs …, in denen unglaublich viel Material zu allen möglichen Fragen liegt. Und dann haben wir mit den Schülern projektartig die Fragen entwickelt. Das heißt wir haben sie begleitet dabei, wenn sie ihre Fragen entwickelt haben, nachdem wir einmal anfänglich einen Start gemacht haben, wo sie mit den Problemen konfrontiert wurden, und dann haben die Schüler in diesen Weblog … unglaublich viel Material gefunden … Was wir natürlich gemacht haben, ist, dass wir kein Blödsinnsmaterial da reingestellt haben. Das wäre ja echt absichtliche Irreführung, das gehört sich nicht. Sondern wir haben unterschiedlichste Materialien, auch von unterschiedlichstem Schwierigkeitsgrad und unterschiedlichen Fragestellungen, auch von unterschiedlichen Dokumentensorten, also auch Videos und Bilder und nicht nur Texte, da reingestellt, die sowieso frei im Netz waren.

Und dann wurde der kompetente Umgang mit diesem Material eingeübt und auf dieser Grundlage weiter gearbeitet.

Fazit: Der Zug fährt schon längst in eine andere Richtung. Freie Lizenzen und Wikis, die bisher in der OER-Szene zentral standen, interessieren nicht mehr. Diese Diskurse waren wahrscheinlich nur eine notwendige Passage. Kollaborativ wird in Netzwerken mit mobilen Clients gearbeitet. Und der Schwerpunkt liegt nicht auf der Plattform oder auf der Rechtsform, sondern auf dem Ergebnis. Der Weg dorthin führt über die didaktische Kompetenz des Lehrers und die Herstellung von flachen pädagogischen Netzwerken. Man bedient sich ad hoc aus dem Netz. Und das ist ein langer Weg, der noch lange nicht vorbei ist.

…Wir sind mittendrin. Ich weiß nicht, was für einen Revolutionsbegriff du hast, aber weißt du wie lange die industrielle Revolution gedauert hat? Oder die Zeit zwischen der Erfindung des Buchdrucks 1400-Schieß-mich-tot von Gutenberg über die Reformation, über die Akkumulation des Kapitals, über die industrielle Revolution bis zum ausgereiften Kapitalismus, mehrere hundert Jahre. Das ist die Revolution. Die Revolution ist nicht der Sturm aufs Winterpalais. Das gibt es auch als Revolutionsbegriff, natürlich, der in einer Stunde stattfindet. Wir sind mitten in dieser Transformation drin, nur sind wir halt mitten im Wald. Und weißt, wenn man mitten im Wald ist, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht…

„Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Was soll man sagen? Eine Ausstellung, zunächst einmal durch die über sie berichtenden Medien betrachtet. Zu Anfang: Das Übliche in den Massenmedien, von denen man schon längst keine Überraschung mehr erwartet. Tenor: Geht hin! Dann die Rezensionen in den Feuilletons, in denen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wohl unter den Bedingungen des Marktes immer schwerer geworden ist. Am ehesten bei Katharina Cichosch in der taz ahnt man, wie sehr es wohl durcheinandergeht im Geschlechterkampf nach der Lesart des Städels. Die Blogger hielten sich ziemlich zurück, erst nach und nach liefen ein paar distanzierte bis eher kritische Beiträge ein.

Die Ausstellung polarisiert doch ziemlich. Zustimmung hörte man seltener nach dem Besuch. Konzipiert wurde sie im Nachgang zu einer Schau zur Schwarzen Romantik, die im strengen Winter 2012/13 an gleicher Stelle gezeigt wurde, und so gibt es denn nicht das Wahre, Schöne, Gute zu sehen, sondern einen ziemlich holprigen Querschnitt durch die Kunstgeschichte, den die beiden Kuratoren zum Thema der Geschlechterbeziehungen ausgewählt haben, anknüpfend an den Gender-Diskurs der letzten Jahre, bis hin zum #aufschrei und dem Gauckschen Tugendfuror.

Etwa 150 Werke – darunter geht es in den großen Ausstellungshäusern mittlerweile anscheinend nicht mehr –, davon 30 aus der eigenen Sammlung, werden im Städel gezeigt, und zwar buchstäblich beginnend bei Adam und Eva, zwölf Räume füllend, beginnend beim Symbolismus in der Mitte des neunzehnten, bis hin zum Surrealismus zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Räume, die man durchschreitet, folgen meist beziehungslos aufeinander. Viele Darstellungen schwanken zwischen Mord und Totschlag; so viele abgeschlagene Köpfe hat man selbst vom IS in den letzten Jahren nicht gezeigt bekommen. Und in vielen Fällen – nicht ausschließlich – sind es Bilder, die von Männern gemalt wurden und die mehr oder weniger bekleidete Frauen zeigen – einen Umstand, den die feministische Autorin Antje Schrupp auf ihrer Facebook-Seite dahingehend zusammenfaßte, die Ausstellung könnte genausogut heißen: „Wie Männer sich einen Geschlechterkampf fantasiert haben“, unter besonderer Berücksichtigung nackter Busen. Man dokumentiere hier aber nur die Kunstgeschichte und stelle sie der aktuellen Debatte gegenüber, hieß es immer wieder seitens der Kuratoren.

Aber braucht es dazu wirklich eine solche Ausstellung? Ist es nicht schon lange bekannt, daß die Kunstgeschichte eben vor allem ein Abbild der Sammlungen ist, in denen sich der jeweilige Zeitgeist spiegelt, mal mehr und mal weniger chauvinistisch, mal mehr, mal weniger aufgeklärt, und daß das meiste, was Frauen geschaffen haben, außen vor blieb und mithin der Fundus, auf den heute zurückgegriffen werden kann, notwendig von Männern stammt, von Männern ausgewählt wurde und daher vorwiegend aus männlicher Perspektive auf das Thema zugreift? Ist das – unbeschadet der Wirkung einzelner Werke, die für sich stehen können – im ganzen gesehen nicht genaugenommen trivial?

Zumal der Titel „Geschlechterkampf“ eine ziemlich grobe Verengung des Themas der Geschlechter und der Geschlechtlichkeit darstellt, das am Ende so viele Facetten hat. Haben könnte. Nicht nur destruktive, problematische, kriminelle bis pathologische, sondern eben auch Nährendes, Reifendes und Heilendes.

Und wäre es nicht die Aufgabe gewesen, diesen verzerrten Blick durch eine ausgewogenere Auswahl der Werke zu korrigieren – gegebenenfalls auch durch eine Beschränkung der Werkanzahl – und dabei auch den Begriff der Kunstgeschichte kritisch zurechtzurücken, die beileibe kein neutrales Abbild der Wirklichkeit ist, mit dem sich alles begründen ließe, sondern letztlich nur eine Konstruktion? So, wie ja auch heute immer noch das meiste, was kreativ entsteht, aus dem Kunstbetrieb herausgehalten wird durch diverse Zensur- und Auswahlverfahren, von den Aufnahmeprüfungen an den Kunsthochschulen über die künstlerischen Produktionsbedingungen bis hin zur Vermarktung einschließlich des Ausstellungsbetriebs.

Das Narrativ, unter dem die Schau steht, funktioniert nicht.

Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo. Bis 19. März 2017 im Städel Museum, Frankfurt am Main. Kuratoren: Felix Krämer und Felicity Korn. – Katalog (Prestel, München, vor Ort: 39,90 Euro), Begleitheft (7,50 Euro), Digitorial.

Die Freitag Community revisited

Meine Erfahrungen als Autor der Freitag Community hatte ich seinerzeit auf der schneeschmelze verarbeitet. Der letzte Beitrag dort scheint von 2012 zu datieren. Verdammt lang her.

Wie sieht es dort heute aus? Die Community ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, der inhaltliche Niedergang des crowdgesourcten Contents hat sich nach meinem Dafürhalten fortgesetzt, und Jakob Augstein erklärt in einem Interview gleichwohl ziemlich frei:

Die große Mehrheit unseres Netz-Inhalts stammt inzwischen aus der Community.

Obwohl in der Community also sehr viel weniger los ist als zu meiner Zeit (sie endete im November 2009), braucht man nur zum Füllen der Website mittlerweile keine Journalisten mehr. Man läßt zu einem großen Teil Freizeitblogger unbezahlt für sich schreiben. Und wenn man sie bezahlte, weil ihr Text in die Printausgabe übernommen wurde, honorierte man das mit 25 Euro, pauschal. Gilt das auch heute noch? Augstein ist trotz dieser Produktionsbedingungen der Ansicht, er verlege eine linke Zeitung.

Die Freitag Community sieht er als eine Ansammlung von Autoren, denen es leichter falle, Meinungsbeiträge zu schreiben als sachorientierte Texte. Darauf führt er seine Enttäuschung darüber zurück, daß es keinen Lokaljournalismus in der Freitag Community gegeben habe, was eine große Hoffnung bei deren Gründung gewesen sei.

Abgesehen davon, daß ich mich daran gar nicht erinnern kann, hatte ich als einer der wenigen, die damals über lokale Ereignisse geschrieben hatten, nicht den Eindruck, daß das auf Interesse stieß, weder bei der Community noch bei den Lesern noch bei der Zeitung. Meine Beiträge über kulturelle Veranstaltungen in Frankfurt wurden kaum gelesen, und die Redaktion flog sowieso die ganze Zeit in ihrem Raumschiff Berlin isoliert durch den weiten eher östlich orientierten Raum.

Auf die vielen ehemaligen Nutzer angesprochen, die die Freitag Community aufweist und deren Beiträge mittlerweile nicht mehr entfernt werden, auch wenn sie ihren Account dort schließen, raunt Augstein: Das ist ja ein atmender Organismus, ein normaler Prozess.

Man könnte auch sagen: Es ist ein langsames und stetes Ausbluten, ein Exodus der schreibenden Netizens, die immer weniger werden – nicht nur beim Freitag, sondern auch darüber hinaus im ganzen Web 2.0. Der Rückgang der Wikipedia-Autoren ist bekannt. Und für die Facebook-Nutzer ist das gerade wieder bestätigt worden: 30 Prozent weniger eigene Inhalte 2016 im Vergleich zum Vorjahr; merklich zurückgegangen sind aber auch die Likes pro Post, die Kommentare und das Sharing fremder Beiträge.

Der Erhalt von Texten ehemaliger Nutzer will diese übergreifenden Trends im Netz kaschieren. Beim Relaunch der Website des Freitags im Jahr 2012 löschte man noch die inaktiv gewordenen Blogs, so auch meines. Wenn man das heute machen wollte – was bliebe dann noch übrig? Dann doch lieber ein publizistisches Potemkinsches Dorf.