Archiv der Kategorie: Natur

Der Wanderer LVI

Der leere, leere Bus zum Beispiel. Seit etwa einem Jahr haben wir in unserer Stadt ein wunderbar ausgebautes Netz mit Stadtbussen, die schnell und auf ungewohnten Wegen fahren und sich aus allen Himmelsrichtungen immer an bestimmten Stellen wieder treffen, damit man leicht umsteigen kann. Das funktionierte meistens wunderbar. Aber auf einmal will keiner mehr mit ihnen fahren. Sie sind leer.

Der öffentliche Nahverkehr boomte, bis vor ein paar Wochen. Auch der Autoverkehr hat stark nachgelassen. Parkplätze werden knapp. Die Autos stehen. Zuhause. Sie sind nicht einmal mehr für die Fahrt zur Arbeit nötig, denn die meisten hier „sind im Homeoffice“, wie es scheint. Oder freigestellt.

Das Ende der Verkehrsgesellschaft zeichnet sich ab.

Wie war das eigentlich früher, als wir noch einen Führerschein hatten. Demnächst müsste ich ihn tauschen lassen in ein neues Ausweisformat. Aber wofür? Ich fahre schon seit über zehn Jahren nicht mehr selbst, und um mich her tun es auch immer weniger. Seit dieser Zeit hat in jedem Jahrgang der Schulabgänger der Anteil derjenigen, die noch einen Führerschein haben, abgenommen.

Nicht nur das Ende der Individualmobilität zeichnet sich ab, das Ende der Mobilität überhaupt, wie man jetzt sieht. Es wird vieles klarer.

Wenn man die Berufsausübung und den Handel dermaßen einschränkt, wie es jetzt geschehen ist, wird es wahrscheinlich nicht nur Monate dauern, bis sich das wieder einspielt. Es wird in vielen Bereichen gar nicht mehr zum alten Stand zurückgehen. Etwas Neues beginnt. Erkenntnisse machen sich breit, lese ich nebenan. Die ganze Gesellschaft sortiert sich neu, denkt ihre Prozesse neu. Wie komme ich von A nach B, aber anders als bisher?

Nicht alle sind gestresst in diesen Tagen. Es ist ruhig und entspannt auf den Straßen. Der Frühling beginnt. Der Ginster blüht, auch die Kirschbäume. – Überhaupt: „Was weiß ich von Bäumen?“

Der Igel

Der Igel fiel mir auf, als ich die Straße entlang ging. Erst lief er unter das geparkte dunkle Auto, dann aber weiter, darunter hindurch und quer über den Fußweg, direkt auf das niedrige Tor zu. Als ich mich immer mehr näherte, nahm er kurz Maß und lief dann mit voller Geschwindigkeit zu dem Tor, machte sich so schlank es ging und schlüpfte unter dem Tor hindurch, von mir weg. Das dürfte ihm nicht leicht gefallen sein, er kam gerade noch so hindurch und brachte sich vor mir, dem gefährlichen Menschen, in Sicherheit in Richtung Rasen und dann hinüber zur Hecke, unter der er kurz darauf wieder verschwand.

Zuerst in: albatros|texte, 19. Juni 2014

Durch das Grau hindurch

„Der Morgen graut“: Dunkelmattes Grün. Bäume vor blauweißem Himmel, und die Vögel zwitschern genauso laut wie die A3. Kraftlose Farben – und ein Buch, fast ausgelesen am Ende der Nacht – als wolle die Natur die Sinne schonen mit der spärlichen Kraft. Oder als arbeite sich die Farbe erst noch durch das Grau hindurch oder hervor, immer mehr, immer heller, bis die Sonne zu sehen ist, die dann immer wärmer strahlt, bis das Grau fast ganz weg geht und die Farben die Welt zurück erobert haben. Und das Leben.

Zuerst in albatros|texte am 10. Juni 2014.

Das Spiel ist aus

Es ist kühl geworden, und der Herbst setzt gelbe, braune und rote Tupfen in die Bäume. Wenige Spinnennetze. Und überall liegen Eicheln umher. Ab und an ein Pilz im Gras, und das erste welke Laub ist zu Boden gefallen.

Der kleine Elfmeterschütze läuft an, schießt und trifft ins Tor. Er hebt die Arme in die Höhe, als hätte er die ganze Welt besiegt. Der unterlegene Tormann wirkt wütend. Er läuft aus dem Tor heraus und zieht sich die Handschuhe aus, er wirft sie weg. Die kleinen Fußballer wechseln die Rollen, jetzt steht der andere im Tor, der Trainer legt erneut den Ball zurecht. Anlauf, Kick und – Tor. Applaus. Dann räumen die Zuschauereltern alles zusammen, man geht.

Das Spiel ist aus. Nur wir bleiben auf der Bank sitzen und schauen ihnen nach. Wind kommt auf.

Zuerst ein: albatros | texte, 28. September 2013.

Abschied von den Eltern III

Und einmal sprachen wir sogar vom Aufhören. Daß es geendet hat, und wie, und für immer. Und wie es damals war. Und wie es soweit gekommen ist, daß es dann enden mußte und nicht mehr weitergehen konnte. Erfahrungen von Endlichkeit sind genaugenommen selten, denn wir werden in eine Welt hineingeboren, die, gemessen an der menschlichen Lebesspanne, die uns als Maßstab dient, immer schon da war und die uns auch überdauern wird. In der Natur gibt es kein wirkliches Aufhören, Enden – die Arten bleiben erhalten, das Individuum tritt dahinter zurück. Aber der Tod von Menschen ist die einzige Erfahrung, die wirklich einen Eindruck von Endlichkeit vermittelt. In manchen Fällen kommt ihnen der Tod von Wirbeltieren nahe, denn auch an Katzen oder Hunde kann man sich als Wesen erinnern: Wie sie waren, als sie lebten. Was sie mochten, wie sie sich verhielten. Und was wir an ihnen mochten – oder nicht. Die Erinnerung an Menschen ist ungleich differenzierter, und sie endet noch lange nicht mit ihrem Tod. Von nun an existiert zwar nur noch die Erinnerung. Neue und insbesondere: korrigierende Erfahrungen mit dem Betreffenden sind von nun an ausgeschlossen. Bilder frieren ein. Die lange Endlosschleife beginnt. Zeitraffer und Zeitlupe wechseln einander ab. Was aber bleibt ist, was die Beziehung mit dem Verstorbenen aus mir gemacht hatte. Und mit jedem Toten verschwindet eine ganze Welt, mit der er uns verbunden hatte. Auch sie wird in diesem Sinne historisch und damit schließlich auf eine neue Art zugänglich. Im Nachhinein sieht vieles anders aus, stellen sich Entscheidungen und Weichenstellungen als richtig oder als korrekturbedürftig heraus. Treten einzelne Bilder und Szenen hervor, andere dagegen zurück. Das Leben wird rückwärts verstanden, aber es muß vorwärts gelebt werden.