Archiv der Kategorie: Philosophie

Aus der Werkstatt

Es ist ja viel die Rede von Jürgen Habermas derzeit, zum 90. Geburtstag kann man das auch schon mal machen. Viele haben über ihn geschrieben, die Deutsche Welle (sic!) hat mit seiner Lektorin Eva Gilmer gesprochen, und da gab es eine Stelle, an der man als Nerd denn doch aufhorcht, weil davon ja sonst gar nicht die Rede ist:

DW: In welchem Zustand kommen die Manuskripte bei Ihnen an und wie lange dauert es, bis Habermas eine Publikation wie „Auch eine Geschichte der Philosophie“ fertigstellt?

Gilmer: Auf den ersten Teil der Frage möchte ich am liebsten antworten: In Form von Word-Dateien, die via E-Mail übermittelt werden. Aber natürlich meinen Sie etwas anderes. …

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Gesinnungs- vs. Verantwortungsethik

Einer der interessanteren Züge in der Debatte ist der Hinweis auf den Konflikt Gesinnungs- vs. Verantwortungsethik. Man las das zuerst bei Rüdiger Safranski im November 2015, damals noch ziemlich fahrig und krude formuliert: Man sieht sich selbst als Rettungsanker aller Vertriebenen und Verlorenen, man praktiziert Gesinnungsethik statt Verantwortungsethik. Safranski dachte da wohl weniger ans Grundgesetz als an die Philosophie: Gesinnungsethisch ist der Satz von Merkel: Es gibt für die Aufnahme der Flüchtlinge keine Obergrenze, verantwortungsethisch wäre es, zu sagen: Es gibt für ein einzelnes Land wie Deutschland eine Obergrenze. Die deutsche Politik ist vorgeprescht.

Und heute etwas besser ausgearbeitet in einem Interview mit Korad Ott im Deutschlandfunk: Als im Sommer der Zustrom größer und immer größer wurde, habe ich mich von Menschen umgeben gesehen, die Gesinnungsethik vertreten haben. Nicht nur an meinem Lehrstuhl, auch in meiner Familie, auch in meiner Partei, auch in meiner Kirche. Ich habe mich dann motiviert oder vielleicht sogar genötigt gesehen zu sagen: So einfach ist das nicht. … Wir brauchen momentan sehr viel Urteilskraft, sehr viel Nüchternheit und sehr viel Vernunft. Merkel sei im Sommer 2015 gesinnungsethisch losgaloppiert. … Jetzt versucht sie Pläne zu schmieden für eine stärker verantwortungsethische Position. Eine fundamentale christliche Position grenze die säkularen Mitbürger aus. Ott setze als alter Habermas-Schüler immer auf den Diskurs.

Siehe da, fast dreißig Jahre nach meinem Abitur taucht die alte Debatte sehr aktuell wieder auf. Und das Konzept taugt dazu, sie theoretisch greifbar zu machen, denn natürlich ist der monatelange Diskurs in seinem Kern ein Ausgrenzungsdiskurs, gerade auch hinsichtlich der Diskutanten untereinander. Deshalb können nur Argumente allgemein tragfähig sein, die gerade dies vermeiden. – Otts Beitrag ist bei Reclam erschienen.

Immerzu tätig

Reservierter Fensterplatz im ICE. Vor zwei Jahren las ich um diese Jahreszeit die Minima Moralia, heute habe ich Montaignes Essais dabei. Der junge Ingenieur mit der hellbraunen Cordhose, der neben mir auf dem Platz am Gang sitzt, beantwortet eine E-Mail nach der anderen, pausenlos klappert die Tastatur des Laptops. Die ganze gemeinsame Fahrt lang, eineinhalb Stunden. Als ich aussteige, schreibt er immer noch weiter. – „Ich meine, wir sollen nur immerzu tätig sein; der Tod soll mich antreffen, wie ich meinen Kohl pflanze, unbesorgt um seinetwillen und erst recht um meinen unfertigen Garten.“ (Aus der Übersetzung von Hanno Helbling bei Diogenes, 1996).

Chomsky, Obama, Europa, USA II

Ein sehenswertes Gespräch in der 3sat Mediathek mit Noam Chomsky. Auszüge:

„Die Gesellschaft wandelt sich ständig, aber die Politik bleibt doch die gleiche. … Es gibt keinen Grund, einen wirklichen Wandel in der amerikanischen Politik zu erwarten. … Die USA haben [bei der Sterblichkeit von Müttern bei der Geburt] den Standard von Ländern der Dritten Welt. … Die Linguistik ist weniger wichtig … Es ist keine Kritik, es ist schon common sense. … Wenn [Medien] zu kritisch berichten, sind sie ganz schnell weg von der Bildfläche.“

Die Frankfurter Schule digital

„Das Archivzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg hat seine komplette Sammlung historischer Tondokumente der Frankfurter Schule digitalisiert“, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität Frankfurt. Digitalisiert worden seien „über 150 Tonbänder und Audiokassetten der Jahre von 1950 bis 1972 mit einer Gesamtspieldauer von über 6.700 Minuten“, und zwar um dem Materialzerfall zuvorzukommen: „Bei den vorhandenen Tonbändern begann sich bereits die Fixierung der Beschichtung abzulösen, so dass die Aufnahmen in den nächsten Jahren verloren und nicht wiederherstellbar gewesen wäre.“ Archivformat sind WAV-Dateien mit 96 kHz, 24 bit. Wer aber meint, hiermit sei ein neues Online-Archiv erschaffen worden, sieht sich leider getäuscht:

„Die digitalen Aufnahmen werden im Archivzentrum zusammen mit den dort verwahrten Dokumenten der Frankfurter Schule inventarisiert und stehen für die Benutzer an einem speziellen PC mit Kopfhörer als mp3-files bereit. Diese und zahlreiche weitere originale Dokumente des Archivzentrums können montags bis freitags jeweils von 9.30 bis 16.30 Uhr nach Voranmeldung und im Rahmen der Benutzungsordnung genutzt werden. “

Das hatten wir schon mal: Wenn Beamte Internet machen …

Über die professionelle Digitalisierung von Audioquellen beim Rundfunk hatte ich übrigens vor kurzem geschrieben.

Worum es eigentlich geht II

Bei der erneuten Lektüre der „Minima Moralia“[1] fällt mir immer mehr auf, wie sehr manche Stücke gegenwärtig sind in dem Sinne, daß man meinen könnte, sie beschrieben die Gegenwart. Natürlich ist das ein Trugschluß. Adornos Frühwerk hat einen sehr konkreten Hintergrund und eine sehr bestimmte Aussage, die sich auf seine Zeit und auf seine ganz persönliche Situation der Flucht vor den Nazis und der Emigration nach Amerika bezog. Woher kommt also das Eindruck, daß uns die „Minima Moralia“ heute etwas sagen? Freilich sind sie, wie jeder etwas bessere Text und jedes Kunstwerk, in gewissem Sinne „zeitlos“, allgemeingültig. Aber damit hat es nicht sein Bewenden. Man merkt an den Bildern, die Adorno zeichnet und die sich gerade an der bürgerlichen Gesellschaft reiben, was wir mittlerweile an gesellschaftlichem Fortschritt schon wieder verloren haben: Durch den Verlust an Rechtstaatlichkeit[2] und an sozialer Sicherung nämlich. Die sozialen Sicherungssysteme hatten die Unsicherheit, die der Moderne und der bürgerlichen Gesellschaft innewohnt, zu einem guten Teil verdeckt, indem sie sie kompensierten. Sie hatten die Menschen beruhigt und ihnen ein Dasein in Würde gegeben. Sie hatten die Gesellschaft egalisiert, weil sie diese Sicherheit jedem gaben; die Reichen bedurften ihrer nicht, sie konnten sich schon immer alles selber besorgen. Das Ergebnis war die sogenannte „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ in der Blütezeit der alten Bundesrepublik, sozusagen. Das alles ist den Bürgern nun in den letzen Jahren Schritt für Schritt – und übrigens ohne Not – wieder entzogen worden. Beschädigt und zunehmend unbehaust bleiben die Habenichtse zurück und frieren im kalten Wind der Globalisierung, die, da hatte Albrecht Müller in seiner publizistischen „Nachdenk“-Kampagne von Anfang an recht, fürwahr nichts Neues ist, sondern „ein alter Hut“, ein ganz alter, sogar. Sehr viel älter immerhin als die „Minima Moralia“. Eines haben die Sozialsysteme nämlich niemals bewirkt: Sie haben den uralten Gegensatz von Arbeit und Kapital nicht beseitigt, nicht aufgehoben. Denn sie waren ein Ausdruck des „sozialdemokratischen Jahrhunderts“, in dem gerade dieses nicht vorgesehen war. Die derzeitigen sozialen Verwerfungen im Überbau ebenso wie an der Basis sind auch eine Folge dieses sehr grundlegenden Fehlers der bundesdeutschen Politik.