Archiv der Kategorie: Psychoanalyse

Horst-Eberhard Richter ist gestorben

Vorgestern ist Horst-Eberhard Richter gestorben. Er wurde 88 Jahre alt. Ich verdanke ihm meinen Weg hin zur Psychoanalyse und zur Aufklärung, sowohl über mich selbst als auch über mitmenschliche, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Die Psychoanalyse war immer positivistisch und konsequent skeptisch orientiert, und gerade deshalb wandte ich mich durch die Beschäftigung mit ihr auch ein gutes Stück von der Naturwissenschaft ab und zu den Sozial- und Geisteswissenschaften hin. In dieser Zeit erweiterte sich mein Weltbild durch eine Änderung meines Denkens, weg vom Beschreiben hin zum Verstehen und Erklären.

Richter war Citoyen, er demonstrierte in den 1980er Jahren selbst gegen den Nato-Doppelbeschluß und engagierte sich auch darüber hinaus gegen die Atomrüstung. Ich las die meisten seiner Bücher, und einige davon habe ich bis heute behalten.

Bei der Auftaktveranstaltung zum Funkkolleg Psychologie des hr diskutierte er 2009 mit großem Interesse mit Hirnforschern und die Relevanz ihrer Ergebnisse für die Psychoanalyse – ein positives Beispiel für die Offenheit, die man sich bis ins höhere Alter erhalten kann – wenn man es will. Sie kommt nicht von selbst, sondern ist das Ergebnis von Arbeit an sich selbst und mit der Gesellschaft.

Richter hat durch sein politisches Engagement deutlich gemacht, daß Psychotherapie sich nicht auf den einzelnen beschränken darf, sie muß sich konsequent auch auf die Gesellschaft beziehen, und sie muß die gesellschaftlichen Zusammenhänge mit einbeziehen. Auch sein Tod ist ein Übergang, an dem das Jahr 2011 so reich ist.

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Das Leben ist ein Wartezimmer II

Nebenan schreibt Cem Basman über das Wiener Sigmund Freud Museum und das Wartezimmer des Vaters der Psychoanalyse: „Ein dunkler Raum mit Blick auf den engen Hinterhof. An den Wänden Stiche aus dem Alten Testament, seine Approbationsurkunde und einige Auszeichnungen als Arzt. Eine Vitrine mit seiner Antikensammlung aus kleinen Artefakten aus Altägypten. Eine etwas beklemmende Atmosphäre aus heutiger Sicht. Ich stehe auf und gehe ins Behandlungszimmer.“ Und er fragt sich: „Wer hier alles schon auf seine Erlösung gewartet haben muss. Getriebene. Gequälte Seelen. Studienobjekte.“ Es war damals nicht viel anders als heute, nur daß das alles erst begann. Aber die erste therapeutische Couch steht seit 1938 in London. Freud hatte sie auf der Flucht vor den Nazis mit ins britische Exil genommen. Sie wird von dort seitdem nicht mehr verliehen, auch nicht nach Wien. Ich sehe vor mir das berühmte Bild, das Freud zusammen mit seiner Tochter Anna zeigt, wie sie bei der Ankunft in Paris aus dem Eisenbahnwagen schauen (in der rororo-Monographie von Octave Mannoni auf Seite 155). Er zeigt seiner Tochter etwas, sie blicken gemeinsam nach rechts aus dem Bild. Zwei, die der Welt soviel gegeben haben, unterwegs. Man kann nur von einem Ort weggehen, wenn man weiß, wohin man will.

Alice Miller ist gestorben

Die Psychoanalytikerin Alice Miller, die Autorin des Buches „Das Drama des begabten Kindes“, ist bereits am 14. April 2010 gestorben, hat der Suhrkamp-Verlag heute mitgeteilt. Ihr wahrscheinlich bekanntestes Buch mit dem eingängigen Titel hatte mich auch vor ca. 15 Jahren sehr beeindruckt, obwohl ich den Zusammenhang von Narzißmus und Depression schon vorher aus dem Studium kannte. Einige Zeit zuvor hatte ich die Einführung in die Psychoanalyse in Frankfurt bei Frau Rohde-Dachser gehört, das alles war mir also schon ein Begriff. Miller hat diese Zusammenhänge aus ihrer therapeutischen Praxis heraus aber noch einmal ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Ich fand es sehr schade, daß sie danach eher ins psychoanalytische Außenseitertum abgedriftet ist.

Dilemma der tiefenpsychologischen Behandlung

Auf dem Zauberberg denke ich an eine Leseerfahrung während meines Studiums zurück: In seinem (nicht unumstrittenen) Buch „Tiefenschwindel“[1][2] wies Dieter E. Zimmer einst darauf hin, es sei kennzeichnend für die Psychoanalyse, daß die Behandlung immer weiter fortgesetzt werde, daß die Analysanden damit immer weiter machten – auch und gerade, wenn sie den Eindruck hätten, daß ihnen die tiefenpsychologische Behandlung nicht weiterhelfe oder wenn es Anzeichen dafür gebe, daß sie ihnen sogar schade. Gerade jetzt sei es wichtig, die Behandlung nicht abzubrechen, sondern fortzusetzen, um einen Fortschritt zu erzielen. Das war ihm bei der Lektüre der Literatur aufgefallen, die sich bis Mitte der 1980er Jahre aus der Sicht ehemaliger Patienten kritisch mit der Psychoanalyse auseinandersetzte. Dazu fällt mir derzeit vor allem Kants Sapere aude! ein: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Es ist paradox, aber nichts scheint den tiefenpsychologisch ausgerichteten Psychologen mehr zu irritieren als die Konfrontation mit dem „gesunden Menschenverstand“, ganz gleich auf welchem Gebiet und in welchem Zusammenhang. Gerade dann wird der Aufwand zur Begründung von Deutungen, aber auch der Widerstand gegenüber anderen Ansichten, auf den man stoßen wird, wenn man sie vorträgt, auffällig groß und immer größer. Und, um es mit einer tiefenpsychologischen Prämisse zu sagen: Das ist ganz bestimmt kein Zufall. Problematisch ist hier aus der Sicht des Patienten zweierlei: Zum einen die Abhängigkeit, in der er sich gegenüber dem Therapeuten befindet, weil sie eine notwendige Voraussetzung für die Behandlung selbst ist. Zum anderen das, was die wirtschaftswissenschaftliche Literatur einen principal-agent conflict nennt: Die Informationsverteilung zwischen Analysand und Analytiker ist ungleich. Der Analytiker hat im Zweifel die größere fachliche Qualifikation, darauf muß der Analysand vertrauen, wenn er ihn mit seiner eigenen Behandlung beauftragt. Und dieser Informationsvorschub des Behandlers steht meist einer konsequent aufgeklärten Haltung des Patienten entgegen. Eine aufgeklärte Auflösung dieses Dilemmas ist kaum möglich. Was bleibt, sind – hoffentlich – Zweifel. Man sollte ihnen nachgehen und sich an Kants Diktum erinnern – und es ernst nehmen.

Depression

Die Gesellschaft ist unfähig zum Umgang mit den Krankheiten, die sie selbst schafft, durch Leistungsdruck und Verachtung und eben auch durch die Psychiatrisierung von einzelnen, obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst auf die Couch gehören. Die Folge ist eine Boulevardisierung in der Auseinandersetzung mit dem Thema, das so ernst ist, daß man sich auf Seite eins darüber „betroffen“ zeigen muß, um genau dieses nicht zu fühlen: eigene Betroffenheit.

Diskussionsbeitrag, Freitag Community, 12. November 2009.