schneeschmelze | texte

wenn der weiße schnee, der alles bedeckt hat, schmilzt, erscheint die welt wieder, wie sie ist, nicht: wie sie war

Kategorie: Rundfunk

Deutsch­land­radio Nor­mal­ge­schäft

Diese Woche ist bekannt geworden, daß das Kultur- und das Jugendprogramm ab April 2017 neue Namen erhalten sollen: Deutschlandradio Kultur wird zu Deutschlandfunk Kultur und DRadio Wissen wird zu Deutschlandfunk Nova.

Der Namenswechsel kostet eine Million Euro. Wissen Sie, das alte Briefpapier wird aufgebraucht und die alten Visitenkarten werden aufgebraucht, die sowieso alle paar Monate erneuert werden müssen. Aber das ist dann Normalgeschäft. Beides sind zudem wohl ziemlich unschöne Namen. Hinzu kommt die offizielle Begründung: Der Deutschlandfunk sei bekannter als das Deutschlandradio, deshalb sei es besser, die anderen Programme umzubenennen, dann würden sie auch von mehr Hörern eingeschaltet. Das ist nicht nachvollziehbar, angesichts des dort gleichzeitig erwähnten Zuwachses bei Deutschlandradio Kultur.

Eine Verschiebung der Kultur vom DLF zum Kulturkanal hat der Intendant Willi Steul in dem heutigen Gespräch dementiert. Trotzdem erscheint der Weggang Denis Schecks zum SWR in einem neuen Licht. Es wird wohl doch noch Pläne zum Umbau bei der Kultur geben. Einer wie Scheck gibt so eine Stelle nicht ohne Not auf.

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Etwas fehlt

Es gibt einige Nachrichtenströme, die es auseinanderzuhalten gilt, und andere, die zusammenzuführen wären. Neues zu den GAFA – Google, Apple, Facebook, Amazon.

Apple Music: Ein Musikstreamingdienst, der auch moderierte Radioprogramme anbieten werde. Nicht frei zu empfangen, sondern gegen eine monatliche Gebühr von zehn Dollar. Das sind 120 Dollar pro Jahr. Der Mehrwert liegt nicht im Radio, sondern in dem Zugriff auf einen sehr großen Katalog der Musikindustrie, der für diese Pauschale wiedergegeben werden kann. Mit den eigenen Radiokanälen wird Apple erstmals zu einem Content-Anbieter, das ist neu.

Apple News und Facebook Instant Articles: Nachdem Google News als Makler zum Content den Weg bereitet hatte, machen sich diese beiden Konzerne nun an eine neue Form der Verwertung, die die exklusive Verbreitung der Inhalte einschließt. Man wird zum Verleger, zum Diensteanbieter. Die Zeitung bietet ihre Inhalte nicht mehr über ihre eigenen Kanäle an, die eigene Website, die eigene App, sondern wird abhängig von diesen Plattformen. Gleichzeitig spaltet sich das Internet in diesen kommerziellen Teil und den ganzen Rest. Die Paywall ist das Mittel hierzu, sie wird als Normalfall gedacht. Wer darauf zugreifen will, braucht den richtigen Zugang oder das richtige Abo. Mit den entsprechenden Folgen für die Demokratie durch die kaufkraft- und technisch bedingte Aufspaltung der politischen, künstlerischen Diskurse.

Die Plattform, auf der man arbeitet, spielt endgültig keine Rolle mehr. Wie schon bei iTunes, das es natürlich auch für Windows gab, wird heute mobil neben iOS auch Android bedient. Einer fehlt bei alledem aber völlig: Microsoft.

Welche Verbreitungswege für die elektronischen Medien genutzt werden, entscheiden nicht mehr Politiker, die beschließen, beispielsweise UKW einzustellen und auf DAB+/DVB-T2 umzustellen, sondern Konzerne in gottesdienstähnlichen, quasi-kultischen Inszenierungen, die weltweit live verfolgt und kommentiert werden. Die Priester tragen Jeans und Turnschuhe. Die „Benutzer“ folgen ihnen. Wer ihnen nicht „folgt“, ist schon älter, hat im Schnitt einen geringeren Bildungsgrad, ist deswegen aber nicht notwendigerweise blöder als die anderen.

Apple Pay: Der Zugriff aufs Bankkonto erfolgt bald ebenfalls durch das Handy. Und im Gegensatz zum elektronischen ÖPNV-Ticket, das es zwar gibt, das aber bis heute so gut wie keiner benutzt, gibt es dafür angeblich auch Interesse von Benutzern. Und: Aldi macht mit.

Kein Wort vom Datenschutz, von der umfassenden Überwachung, nirgends.

Zuerst in albatros | texte, 9. Juni 2015.

Jaron Lanier

Jaron Lanier rockt sehr. Von den Bildern zu schließen, die bisher von ihm in Zeitungen und auf Websites veröffentlicht wurden, hätte ich nicht gedacht, daß er so lebendig daherkommt. Völlig locker und behende, trotz der ungeheuren Leibesfülle, lief er heute mittag durch das Foyer der Halle 5.1 auf der Frankfurter Buchmesse, bevor er von dem konservativen Wolfgang Herles auf dem „Blauen Sofa“ interviewt wurde. Und die Sonne kam heraus und schien warm durch die Scheiben links vom Podium. Das ZDF produzierte die Sendung mit vier Kameras, zwei davon statisch an der Decke aufgehängt, eine total, eine auf das Tischchen gerichtet, auf dem das Buch abgestellt wird, um das es in dem Gespräch geht. Grelles, aber kaltes Licht aus den Scheinwerfern, trotz der Sonne.

Die etwas fahrige Unterhaltung ist übrigens in der Aufzeichnung sehr viel besser zu verstehen als vor Ort. Die Umgebung ist sehr laut, man muß sich stark konzentrieren, um dem Gespräch zu folgen. Die Hintergrundgeräusche werden bei der Aufnahme wohl ausgefiltert. Erst zum Ende hin wurde es leiser, als Lanier auf einem exotischen Musikinstrument blies, das er mitgebracht hatte. Das wiederum kam vor Ort sehr viel besser rüber. Er will auch bei der Verleihung des Friedenspreises darauf spielen.

Zu Wikipedia, die er in dem Gespräch kurz erwähnt, äußerte er sich übrigens im Mai 2006 auf edge.org kritisch: Digital Maoism: The Hazards of the New Online Collectivism.

Ein Spiel mit verteilten Rollen II

Im Deutschlandfunk ist mittlerweile die Rede vom „Anschluß der Krim an Rußland“. Angesichts der historischen Bedeutung des Begriffs „Anschluß“ ist das eine fatale und äußerst problematische Wortwahl, die in der schwer überschaubaren Entwicklung eine ideologische Schieflage zutage fördert, die der kritischen Überprüfung bedarf. Zu weiteren Auffälligkeiten in der Berichterstattung der bundesdeutschen Medien siehe Albrecht Müllers Anmerkungen in den NachDenkSeiten vom 15. März 2014.

Wikinews – Bürgerjournalismus im Wiki?

In der Diskussion um die Schließung von Wikinews auf Meta-Wiki hat sich gestern User:Tempodivalse zu Wort gemeldet, der den mittlerweile geschlossenen Wikinews-Fork OpenGlobe betrieben hatte. Tempodivalse hat eine hintergründige Analyse zum Bürgerjournalismus im Allgemeinen und zu den Bedingungen, unter denen Wikinews geschrieben wird, gegeben. Auszüge:

„The fundamental question is, to what extent is the journalism model realistically workable through the wiki medium. … Wikinews is the odd man out. Journalism demands a perpetual flow of content. With paid journalists, there is no difficulty in satisfying this demand because that is their job. But what happens when you replace paid workers with volunteers who write in their free time? The content flow becomes inconsistent since there is no schedule that must be adhered to. You can’t fire volunteers for not contributing enough.| Picture a bowl with many small holes. If you pour water into the bowl at a fast enough rate, water will accumulate despite the leakage. But the moment the water flow stops, the bowl empties. The water, in this analogy, is content and usefulness; the bowl is the wiki. Wikinews has to struggle against this sieve every day. As a result, it has no chance of slowly evolving into a large, broad project like the other wikis, whose bowls are watertight. Instead, it can only hope to break even in the short-term. … I do not believe Wikinews is a failure. But it’s not a success, either, and I believe it is inherently unable to succeed. … If you look at existing citjournalism websites (e.g. IndyMedia), you’ll notice that most, if not all, consist primarily of biased reports and/or tabloid-quality content. The contributors‘ main motivation is the ability to air their views in a prominent forum. Contrariwise, there is little to no incentive for people to write neutrally and professionally for free.“

Ein angestellter Redakteur würde sicherlich für einen kontinuierlichen Strom an Nachrichten sorgen, es wäre aber fraglich, ob die Communities das wollten, fügt er noch hinzu.

Wikinews funktioniert wie Wikipedia: Ehrenamtliche Autoren schreiben und redigieren in ihrer Freizeit Texte, in diesem Fall nicht, wie in Wikipedia, über enzyklopädische Themen, sondern über Nachrichten im weitesten Sinne. Dabei sind sie, wie in Wikipedia, dem Prinzip des neutralen Standpunkts verpflichtet, und sie müssen die Quellen angeben, auf die sie sich stützen. Die deutschsprachige Wikinews hat derzeit vier Autoren, die mehr 100 Bearbeitungen und 16, die mehr als fünf Bearbeitungen im Monat vornehmen. Sie veröffentlichen langfristig durchschnittlich zwei Artikel am Tag. Zum Vergleich: Die deutschsprachige Wikipedia hat etwa 1000 Autoren mit mehr als 100 und etwa 7000 Autoren mit mehr als fünf Bearbeitungen im Monat bei einem Output von gut 400 Artikeln pro Tag. Wikinews hat einen Alexa-Traffic-Rank von 34595, während Wikipedia weltweit auf Rang 6 liegt.

Die Frage, ob man Wikinews schließen sollte, ist nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Maßgeblich ist, ob die Wikinews-Community Reformen zugänglich wäre oder nicht. Die Gründe für die Probleme, an denen das Projekt leidet, sind vielfältig – um einige zu nennen: Alle kennen Wikipedia, kaum jemand kennt ihre Schwesterprojekte, von denen Wikinews eines ist. Fast alle verfügbaren Autoren wollen in Wikipedia Artikel über aktuelle Ereignisse schreiben, aber kaum jemand möchte das in Wikinews tun. Wikinews kann nicht wachsen wie Wikipedia, denn Nachrichten sind abgeschlossene Ereignisse, für jede muß ein eigener Artikel angelegt werden, während Wikipedia-Artikel weiter bearbeitet und ausgebaut werden können. Ältere Artikel aber werden kaum genutzt. So gerät die ehrenamtliche Arbeit, die in das Projekt einfließt, schnell aus dem Blick.

Nicht zuletzt ist Wikinews auch ein Opfer der Blogosphäre. Plattformen wie Wikinews, indymedia, Net News Global oder GlobalVoices sind Nischenkanäle, von denen sich aber nur Wikinews ausschließlich an den Nachrichten-Mainstream anhängt. Es gibt kaum eigene Berichte („originäre Berichterstattung“) von Wikireportern, fast alles wird den großen Nachrichtenwebsites entnommen und unter Angabe der Quellen nacherzählt.

Vor allem aber sind Nachrichten kein knappes Gut. Zeitungen verkaufen sich auch deshalb immer schlechter, weil sie kaum exklusive Inhalte bieten. Die Informationsflut ist auch ein Grund, warum es immer weniger Bürger einsehen, noch Rundfunkgebühren für Tagesschau und heute zu zahlen, wenn ihnen die manipulativen Ergüsse der Nachrichten- und PR-Agenturen mit ihren Kampagnen und ihren Agenden ansonsten kostenlos hinterhergeworfen werden. Die wirklich wichtigen und interessanten Nachrichten erreichen uns heute über soziale Netzwerke und Blogs am schnellsten und am zuverlässigsten. Inhaltliche Korrekturen von Meldungen werden durch die leichte Verfügbarkeit unterschiedlicher Stimmen bewirkt, die nebeneinander in meinem Feedreader auftauchen. Die Angabe der ursprünglichen Quelle für eine Meldung dient daher in den meisten Fällen lediglich zur Prüfung der Inhalte bei Bedarf, wenn es wirklich einmal darauf ankommt.

Wirklich knapp sind dagegen Analysen. Der Erfolg von Wikipedia im aktuellen Bereich geht auch darauf zurück, daß Leser Zusammenhänge erklärt bekommen möchten. Der Second screen boomt, man googelt neben den Nachrichtensendungen direkt nach ergänzenden Informationen, und die bietet ein Projekt wie Wikinews gerade nicht, das von vornherein über den Inhalt der Quellen, auf das sich die dortigen Artikel stützen, nach den selbst gegebenen Regeln nicht hinausgehen darf.

Außerdem liest man heute Autoren. Das Wikiprinzip sorgt aber für anonyme Texte, deren Urheber nur über die Versionsgeschichte abrufbar sind. Daß eine laufende Berichterstattung zu allen denkbaren Themen am Zufallsprinzip bei der Erstellung und an der geringen Mitarbeiterbasis scheitert, ist nur ein Aspekt, der einer Verbesserung bedürfte.

Der deutschsprachigen Wikinews fehlt es vor allem an einem guten redaktionellen Konzept, und den Artikeln fehlt es an Hintergrund, am Erklären von Zusammenhängen und an kritischen Standpunkten. Das wäre auch mit wenigen, aber guten Autoren zu leisten und böte „einen Mehrwert“ für die Leser. Eine Nachrichten-Website, die das heute angesichts der meinungsstarken Blogs nicht mehr aufbietet, hätte aber tatsächlich keine Daseinsberechtigung mehr.

Wikinews wurde 2005 gegründet, und der Bürgerjournalismus wird mittlerweile durch die Blogger, durch die Blogosphäre erledigt. Er braucht keine großen Portale mehr. Jeder kann innerhalb von Minuten ein eigenes Blog eröffnen und seine Meinung beitragen. Unter diesen Umständen muß sich auch ein großer Dampfer wie Wikimedia schon einiges einfallen lassen, um Autoren zur Mitarbeit auf einer kleinen Galeere wie Wikinews zu bewegen, die zudem im großen Ozean des Internets mangels Beachtung durch die Blog- und Nachrichtensuchmaschinen kaum sichtbar ist.

Diffuse Daten

Die Inbetriebnahme des Bundes-Open-Data-Portals GovData hat SWR2 wohl um Anlaß genommen, Markus Beckedahl, Christoph Kappes und Jeanette Hofmann im SWR2 Forum, moderiert von Gábor Paál, über Big Data diskutieren zu lassen. Big Data – Open Data. Das Thema ist derzeit vielfach im Gespräch und eignet sich sehr gut, um zu demonstrieren, wie aktuell mit Datenschutzthemen öffentlich operiert wird.

Es gelingt meist noch recht gut, zu beschreiben, was für „große Datenmengen“ gemeint sind und wie sie entstehen: Bewegungsdaten aus den Handys, „always on“, aus Kreditkarten- oder sonstigen Online-Einkäufen, aus Software, die das Training von Freizeitsportlern dokumentiert, aus sozialen Netzwerken, wo Vernetzungsmuster und Kommunikation ausgewertet werden, aus dem bloßen Surfen im Netz. Im weiteren Verlauf diskutierte man dann aber recht unbeweglich mit verteilten Rollen: Markus Beckedahl als Optimist, der sich vorstellt, man könne mit einem novellierten europäischen Datenschutzrecht einen neuen Standard für die ganze Welt formulieren und die amerikanischen Datenkraken Facebook und Google damit bändigen; kritisch mahnend Jeanette Hofmann, immer wieder Szenarien ausmalend, was alles passieren könnte, wenn … passiert; und Christoph Kappes als Liberaler, der die Entscheidungsfreiheit des Menschen gegenüber der Technik betont.

Mein Herz schlägt mit allen dreien. Mit Beckedahl, weil er eine positive Utopie formuliert und Spielräume für ganz konkrete politische Maßnahmen sieht. Mit Hofmann, weil mir die Kaffeemaschine, die twittert, und eine ganze Autobahn aus Autos, die über Internet miteinander verbunden selbsttätig fahren, unheimlich anmuten. Und mit Kappes, weil das Unheimliche aufgeklärt-nüchtern betrachtet sehr viel weniger konkret sich darstellt, als man zuerst denken mag.

Big Data ist, wie andere digitale Phänomene, die derzeit diskutiert werden, eben ein sehr diffuses Gebilde. Gestern waren es die Algorithmen, heute sind es die Daten, mit denen diese Algorithmen verarbeitet werden, die aufs Tapet kommen. Prognoseverfahren schlagen seit einigen Jahren Produkte oder – in Bibliotheken – Bücher vor, die andere vorher schon bestellt hatten, als sie sich für die gleichen Dinge interessierten wie wir. Aber über die Hintergründe und die Potentiale ist wenig Konkretes bekannt. Das alles ist erstaunlich schwer greifbar. Die großen Unternehmen, die die großen Daten sammeln, lassen sich nicht in die Karten schauen. Und auch über die Verquickung von privaten oder kommerziell gewonnenen Daten mit öffentlichen Daten ist wenig bekannt. Man malt es sich aus: So könnte es sein. Und verfällt in Kulturpessimismus. Und vergißt dabei die noch sehr viel pessimistischere Stimmung, die in den 1980er Jahren angesichts des Big Brother und der Volkszählung bestanden hatte. Weltuntergang durch Big Data? Get real.

Aber auf jeden Fall ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Kontrollverlusts des Menschen über seine Technik. Der ewige Zauberlehrling. An der Stelle habe ich zwei Aspekte vermißt. Zum einen wäre es ein konsequenter Schritt, bei riskanten Weiterentwicklungen eine Art Gefährdungshaftung für algorithmisch gesteuerte Systeme mit großen Daten vorzusehen, denn es ist bis auf weiteres, siehe oben, nicht bekannt, wie sie sich verhalten werden und welche Folgen sie zeitigen. Dieser Schritt entspräche im juristischen Bereich der Anpassung an die ebenfalls riskante Technik der mechanischen Maschinen, die man bekanntlich zugelassen hatte, weil man den gesellschaftlichen Nutzen höher bewertet hatte als den damit verbundenen Vorteil im Falle des Verzichts auf die neue Technik. Der Blutzoll der Mechanisierung und Automatisierung wurde durch ein Versicherungsmodell begleitet, das seitdem den Verlust von Leben und Gesundheit mit Geld kollektiv kompensiert. Wie gleicht man den Verlust an Privatsphäre und von Lebenschancen aus, denen andere Möglichkeiten gegenüberstehen, über deren Bewertung man bis auf weiteres ganz offenbar unterschiedlicher Meinung ist? Zum anderen wäre im Zuge der weiteren Entwicklung des Datenschutzrechts zu diskutieren, wie es mit dem alten Grundsatz der Datensparsamkeit steht in einer Welt von Big Data? Ist er obsolet geworden? Kann er überhaupt noch durchgesetzt werden? Sollte er aufgegeben werden, zumindest in Big-Data-Umgebungen und Datenasammel-Arrangements aus Nutzern, Unternehmen und Staat? Und schließlich: Gibt es an einer kritischen Steuerung, die sich Kappes und Beckedahl im einzelnen unterschiedlich vorstellen, überhaupt ein Interesse? Das einzige Interesse scheint zu sein, „daß Geld hereinkommt“, wie Brecht einmal sagte. Die Datenwolke tanzt ums goldene Kalb herum.

Und deshalb bin ich skeptisch, was die Entwicklungsmöglichkeiten angeht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß es politisch gelingen könnte, sich Big Data entgegenzustellen und einen sinnvollen Umgang mit den Risiken dieses technischen Phänomens herbeizuführen. Dazu bräuchte es nämlich eine Politik, die als System eigenständig funktioniert und arbeitet, was angesichts von Gesetzentwürfen, die immer öfter von Lobbyisten geschrieben werden, aber nicht mehr der Fall sein kann. Der Bock ist der Gärtner. Hier wäre anzusetzen, nicht bei den Daten, bitte.