Archiv der Kategorie: Rundfunk

Weichgespültes Kulturradio

Gerhart Baum hatte sich 2006 in einem Interview im „Tagesspiegel“ zur Musik im RBB Kulturradio und in anderen Kulturwellen der ARD geäußert. Ein Zufallsfund bei einer Internet-Recherche am späten Samstagabend, den ich notieren und weitergeben möchte:

„Zu der Musik, die dort im so genannten Tagesbegleitprogramm gespielt wird, kann man höchstens seine Geschirrspülmaschine ausräumen. Sie beansprucht den Hörer nicht: nicht seine Neugier, nicht seine Kreativität. Selbst anspruchsvolle Musik wird geschreddert, zerhackt: Eine Sonate von Schumann wird entstellt, indem man nur einen einzelnen Satz spielt. Es gibt keinen Respekt vor Künstler und Kunstwerk. Unterschiedlich Programmteile werden willkürlich aneinander gefügt. […] Geweckt werden möchte ich bei einem Kulturradio nicht durch seichte Gute-Laune-Moderationen. Ich bevorzuge WDR3, wo ich frühmorgens anspruchsvolle Interviews über Kulturereignisse höre. Auch das Programm von Deutschlandradio Kultur ist viel substanzieller als das vom RBB. […] NDR Kultur ist nicht viel besser. Ich sehe da eine Tendenz. SWR 2 und WDR 3 geben keinen Anlass für eine solche Kritik. Es geht auch anders. […] Ich will meine Lebenserfahrung und Erfahrung als Politiker dafür nutzen, Kulturschaffenden zu helfen, die heute einen schweren Stand haben. Die Leistungseliten drängen in diesem Land die kontemplativen Eliten immer weiter zurück. Das will ich nicht einfach so hinnehmen.“

Man kann auch hr2 immer noch in eine Reihe mit SWR2 und WDR3 stellen.

Vgl. zum ganzen auch die Homepage der Initiative „Das GANZE Werk“, die Baum mitgegründet hatte und die es nach so langer Zeit immer noch gibt – anscheinend geben muß.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 19. September 2009.

Alles eine Frage der Einstellung

[…] Vergangenen Sonntag hatte Klaus Bednarz in der Sendung „Zwischentöne“ im Deutschlandfunk erzählt, wie er seinerzeit beim WDR eingestellt wurde. Werner Höfer habe ihn unter anderem nach journalistischen Erfahrungen gefragt: „Keine.“ Er wurde sofort genommen. Jede Wette, heute wäre Bednarz, der über Tschechow promovierte und der eigentlich zum Theater wollte, hoffnungslos „überqualifiziert“, und zwar sowohl für den politischen Journalismus als auch als „Verräumkraft“ im Supermarkt. […] Es gibt einfach zuviele Bewerber und zuwenige Stellen.

Zuerst veröffentlicht als Kommentar in der Freitag Community am 17. September 2009.

Der Deutschlandfunk macht Wahlkampf

In den Deutschlandfunk-Nachrichten heute um 12 Uhr hieß es:

Viele Arbeitnehmer in Deutschland können sich über einen realen Anstieg ihrer Löhne und Gehälter freuen. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, haben die Beschäftigten dank der vereinbarten Tariferhöhungen zwei bis drei Prozent mehr Geld in der Tasche. Das Plus lag im ersten Halbjahr deutlich über dem durchschnittlichen Anstieg der Verbraucherpreise. Die Teuerungsrate betrug zwischen null und einem Prozent. Mit 3,3 Prozent stiegen die Löhne in der Chemie-Industrie besonders stark.

Der DLF müßte eigentlich wissen, daß man seiner „Zielgruppe“ nichts vormachen kann: Ganz langfristig sinkende Lohnquote… über Jahre hinweg blieben Lohnzuwächse hinter der Inflationsrate zurück… mittlerweile gut 20–25 Prozent zu gering entlohnte „Mini-Jobber“ und „Aufstocker“ (früher sprach man von „ergänzender Sozialhilfe“) … vor zwei, drei Tagen hatten sie gemeldet, die Verbraucher kämen mit dem Konsumieren kaum noch nach… das ist doch grotesk… wo leben die Nachrichtenredakteure des Deutschlandfunks eigentlich? Im Wirtschaftswunderland der großen Koalition aus SPD/CDU/CSU/FDP/Grüne?

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 28. August 2009.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk baut ab – am Beispiel des hr

Der Hessische Rundfunk baut ab. Kein Wort vom Fernsehen, dort auch. Ich meine aber vor allem den Hörfunk.

Solange ich mich erinnern kann – meine Erinnerung setzt Mitte der 1980er Jahre ein –, sind beständig Sendungen abgeschafft und Programmstrukturen verflacht worden. Noch bis Anfang der 1990er Jahre zeichnete sich das abendliche Hörfunkprogramm des hr jede Woche unter anderem durch folgende Angebote im ersten und zweiten Programm aus:

  • drei Radiofeatures (zweimal eine Stunde lang, eines auf hr1, eines auf hr2, und ein halbstündiges Feature wurde am Donnerstagabend auf hr1 gesendet und am Sonntagmorgen auf hr2 wiederholt)
  • zwei Hörspieltermine, je eine Stunde auf hr1 und hr2
  • dazwischen mehrere Kurzhörspiele auf allen Wellen
  • im Wechsel eine Sendung „Das internationale Liederbuch“ und „Lieben Sie Chanson?“ mit anspruchsvollen Liedern auf hr1
  • das Abendstudio: eine Stunde Essay und Diskussion auf hr2
  • am Samstagmorgen gab es eine Anrufsendung zu aktuellen Themen auf hr1
  • täglich ausführliche Nachrichtensendungen und Korrespondentenberichte, die auch einen gewissen Tiefgang aufwiesen.

Davon sind geblieben:

  • ein einstündiges Radiofeature auf hr2 am Sonntagnachmittag
  • drei Hörspieltermine auf hr2

Das Abendstudio, begründet von Alfred Andersch, wurde 2003 gestrichen und durch die Interview-Sendung „Doppel-Kopf“ ersetzt. Nachdem die Hörer jahrelang nur noch bei Gewinnspielchen in der Weichspülwelle hr3 anrufen durften, wurde vor zwei Jahren wieder eine Diskussionssendung auf hr2 eingeführt: „hr2 kontrovers“ am späten Samstagnachmittag. Die Verleihung des Georg-Büchner-Preises einschließlich der Rede des Preisträgers, die traditionell an einem Samstag zu dieser Zeit einmal jährlich stattfindet, wurde früher live im Radio übertragen, aber das ist lange her. Die Rede muß man seitdem in den Feuilletons nachlesen. Ausschnitte wurden zuletzt am Sonntagmorgen auf hr2 gesendet, auch der DLF brachte nicht mehr.

Die Nachrichten wurden in einem eigenen Kanal hr-info zusammengefaßt, wo nun rund um die Uhr, also mit so viel Zeit wie nie zuvor, gleichzeitig aber so knapp wie noch nie über die Zeitläufte berichtet wird. Ständig faßt sich hier jemand „ganz kurz“, denn alles ist in einem starren Takt gefangen, der pedantisch einzuhalten ist. Die Uhr läuft. Da ist es schon eine Meldung wert, wenn der Nachrichtentakt von 15 auf 20 Minuten verlängert wird. Immerhin wird ja „unabhängig, fair und unvoreingenommen“ berichtet.

Die bessere Musik hat es immer schwerer. Schon vor mehreren Jahren wurde die musikjournalistische Schiene „Schwarzweiß – Musik in Farbe“ bei hr1 ersatzlos gestrichen. Ende letzten Jahres fielen die Sendungen von Volker Rebell und von Klaus Walter auf hr3, die am Sonntagabend abseits des Mainstreams angelegt waren, fort. Beide senden jetzt – ohne Vergütung, wie es heißt, also eher hobbymäßig – beim diesjährigen Träger des Grimme Online Award ByteFM weiter. Anstelle dieser Programme gibt es nun Dudelfunk, ein wahrer Geräuschbrei, durchhörbar für den, der es sich anhören mag, ohne Ecken und Kanten, wie ihn die kommerziellen Programme seit eh und je verbreitet haben.

Die Einsparpotentiale sind aber lägst noch nicht erschöpft. So, wie unsere Politiker und die Referenten in den Ministerien laufend damit beschäftigt sind, Ideen zur Aushöhlung unserer Grundrechte sich auszudenken und dementsprechende Entwürfe in ihren Schubladen auf Vorrat sammeln, um sie bei passender Gelegenheit zur Hand zu haben, denken die Radiomacher in den öffentlich-rechtlichen „Anstalten“ immer wieder darüber nach, welche „Inhalte“ man noch streichen könnte. Beim hr wird unter anderem das schöne und interessant produzierte Kinderprogramm dichtgemacht und ab Anfang nächsten Jahres durch die Übernahmen von DeutschlandRadio Kultur ersetzt. Außerdem fallen die noch verbliebenen Ausländerprogramme ersatzlos weg. Die Mittelwelle, über die sie abends gesendet wurden, wird dann nämlich abgeschaltet, und die Mitarbeiter werden anderen Redaktionen zuarbeiten.

Proteste gegen Streichungen? Hat es gegeben. Immer wieder, und zwar durchaus massiv. Gegen die Abschaffung von Klaus Walters „Der Ball ist rund“ gab es eine privat organisierte Petiton. Und als das Informationsprogramm hr1 zu einer schnöden Dudelstation umgestaltet wurde, formierte sich Rette Dein Radio. Der Erfolg beschränkte sich darauf, die Sendung „Der Tag“, ein bundesweit einmaliges Beispiel für reflektierenden, feuilletonistischen und klugen politischen Journalismus, auf die Kulturwelle hr2 umzuziehen. Das ist nicht wenig. So hält sich der Widerspruch gegen die eingangs erwähnten neuen Sparpläne diesmal in Grenzen.

Der langfristige Trend hält an: Die anspruchsvolleren Inhalte werden mehr und mehr in die Nischenprogramme abgeschoben. Wer noch ausführliche und erklärende Nachrichten sucht, wird im hr schon lange nicht mehr fündig und muß auf den Deutschlandfunk ausweichen. Und der Knopf zum Umschalten auf die Kulturwelle hr2 ist zwar an jedem Radio vorhanden, die Zugangsschwelle dazu liegt aber zugegebenermaßen doch ziemlich hoch für die meisten Menschen.

Wer heute noch gehaltvolles Radio hören möchte, wird um die Nutzung von Podcasts nicht umhinkommen. Die Verpodcastung des Rundfunks schreitet voran. Beispiele für hörenswerte Podcasts sind hr2 – Der Tag, Essay und Diskurs sowie der Büchermarkt vom Deutschlandfunk, SR2 – Fragen an den Autor, der Zündfunk Generator oder das Büchermagazin Diwan von Bayern2, das SWR2 Forum oder Das philosophische Radio von WDR5. Aber die Radiokultur leidet unter dieser Entwicklung. Das Programmangebot wird langfristig immer ärmer, bei den norddeutschen ARD-Sendern ist der Kahlschlag zudem noch schlimmer als im Süden gewesen. Wer es nicht glaubt, der vergleiche nur einmal die Programmschemata von hr2 oder SWR2 mit demjenigen von Nordwestradio.

Wenn man sich also sowieso – dem Internet sei Dank – seine „Inhalte“ aus dem Fundus der ganzen ARD zusammensuchen muß, ist zu fragen, ob es nicht doch einmal an der Zeit wäre, die Programme zusammenzulegen, um das Angebot insgesamt gehaltvoller zu machen. Man vergleiche nur einmal die Kulturwellen der ARD mit den französischen Programmen France Culture und France Musique: Anspruchsvolle Musik und kultureller Diskurs rund um die Uhr. Das geht auch in Australien bei der öffentlich-rechtlichen ABC auf Radio National und Classic FM.

Vielleicht ist das „ARD Radiofestival“ vom 12. Juli bis zum 12. September diesen Jahres ein erster ernsthafter Schritt in diese Richtung. Die ARD-Kulturwellen schließen sich von 20 bis 24 Uhr zusammen und präsentieren Übertragungen von den sommerlichen Musikfestspielen sowie eine Lesung aus dem Archiv gemeinsam. Zeitgeschichtliche Beiträge und eine regelmäßige Jazz-Sendung runden das Angebot ab. Und genaugenommen reicht der Zusammenschluß sogar bis in die frühen Morgenstunden, denn daran schließt sich ja das ARD Nachtkonzert als Nachtprogramm unmittelbar an.

Vielleicht erleben wir hier den Anfang vom Ende der „Kulturhoheit der Länder“ über ihre diversen Sender in dem Sinne, daß jedes, und auch noch das kleinste Bundesland, sein eigenes Vollangebot für seine Landeskinder produziert. Ich weiß nicht, ob es langfristig besser ist als die derzeitige Lösung. Aber ein gehaltvoller Kanal ist mir allemal lieber als zehnmal heiße Luft parallel im Äther.

Übrigens wäre das auch eine sicherlich seinerzeit von Rot-Grün-Schwarz-Gelb nicht bedachte Spätfolge der sinkenden Gebühreneinnahmen infolge von Hartz IV und der damit einhergehenden und ganz breit angelegten allgemeinen Absenkung der Einkommen bei den privaten Haushalten. Nichts hat die Einnahmen bei den Rundfunkgebühren so nachhaltig gesenkt. Man kann sich nicht vorstellen, daß dieser Gesichtspunkt damals eine Rolle gespielt haben sollte? Ein Schuft, wer Böses dabei denkt!

Wieder veröffentlicht am 13. Juli 2009 in der Freitag Community.

Update 28. Juli 2009: Vgl. zum Thema auch den Blog-Beitrag bei Medienjunkie „Der hr spart mal wieder Qualität ein“ vom 17. Juli 2009.

Funkkolleg Psychologie

Heute nachmittag habe ich an der zweiten Klausur zum „Funkkolleg Psychologie“ teilgenommen, das der Hessische Rundfunk während des vergangenen Jahres 2008/2009 veranstaltet hat. Der Untertitel der Veranstaltung lautete: „Wer wir sind – und wie wir sein könnten“.

Es war für mich eine Auffrischung der Kenntnisse, die ich einst während meines Studiums nebenbei erworben hatte – wobei man sagen muß, daß zu jener Zeit – auch und gerade in der Frankfurter Psychoanalyse – Martin Dornes‚ „kompetenter Säugling“ boomte, während dieses Funkkolleg auch genauso gut den Titel „Hirnforschung“ hätte tragen können. Das ist schon eine erhebliche Verschiebung des Schwerpunkts.

Die Sendungen sind ja leider viel zu kurz geraten. Ein ganzes Fach, wie beispielsweise die Motivationspsychologie, die für sich genommen schon ganze Bibliotheken füllt, in 25 Minuten abzuhandeln, erscheint doch ziemlich – gewagt. Früher war das Funkkolleg ein vollständiges Fernstudium im Medienverbund mit umfangreichen Studienbegleitbriefen und jeweils einstündigen Sendungen. Die Leitung lag beim Deutschen Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen, das es anscheinend mittlerweile nicht mehr gibt, jedenfalls sind online nur noch Spuren des Instituts in diversen Archiven aufzufinden. Perdu.

Auch das Begleitmaterial ist weniger attraktiv geworden: Neben einem Reader mit grundlegenden Texten gibt es die Sendemanuskripte in Buchform. Früher erhielt man pro Sendung einen Studienbrief mit einem Umfang von etwa 30 Seiten, in dem die wissenschaftliche Literatur zum Thema auf dem neuesten Stand nachgewiesen wurde. Die Veranstaltung wurde zudem von Professoren konzipiert. Heute zeichnet die Schulfunkredaktion des hr für die Inhalte.

Nach meinem Dafürhalten sollten die Sendungen des Funkkollegs nicht nur als Podcast, sondern auch in Textform im Netz frei verfügbar gemacht werden, denn die Arbeit der Autoren ist ja bereits mit den Rundfunkgebühren bezahlt worden. Hier wäre ein Feld für Open Access gewesen, das der Hessische Rundfunk leider nicht genutzt hat.

Wer weiß, wie lange es das Funkkolleg überhaupt noch geben wird, angesichts der Spar-Ideologie, die dort gegen den Willen der Mitarbeiter gerade im kulturellen Bereich verkündet worden ist. Man hat noch nicht gehört, daß die samstägliche Stadl-Musi oder eine Sportübertragung aus finanziellen Gründen entfallen müsse. Erstklassige Bildungsangebote wie das alte Funkkolleg hat man aber kaputtgespart und bis an die Grenze der Unkenntlichkeit geschrumpft. Dabei ist der hr die einzige ARD-Anstalt, die überhaupt noch dieses Angebot bis heute fortgeführt hat.

Das „neue Funkkolleg“ immerhin wird mindestens noch ein Jahr weitergehen. Ab Oktober 2009 wird es eine neue Veranstaltung geben, diesmal zum Thema „Religion und Gesellschaft: Wozu Gott? – Religion zwischen Fundamentalismus und Fortschritt“.

Tiananmen Square

„Die furchtbare Nachricht lief über den Ticker,| wurde zur Kenntnis genommen und archiviert“, schrieb Enzensberger neun Jahre vorher schon über die „Furie des Verschwindens“.

Jetzt, um diese Uhrzeit vor zwanzig Jahren, hörte ich die Newshour im BBC World Service auf Kurzwelle. Der Empfang war hervorragend.

Später sah ich die Bilder des Tank Man – dem Mann, der sich allein und aufrecht vor die Kolonne der voranrollenden Panzer stellte.

Laut Wikipedia meldete das chinesische Rote Kreuz damals „den Tod von 2.600 Zivilisten“.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 5. Juni 2009.